I. Eberhardt
Isabelle Eberhardt

Aussprache: iyzaabiyl iybarhaart
arabisch: إيزابيل إيبرهارت
persisch: ایزبل ابرهارت
englisch:
Isabelle Eberhardt

17.2.1877 - 21.10.1904 n.Chr.

Foto: 1900 n.Chr.

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Isabelle Eberhardt war eine schweizerisch geborene Schriftstellerin, Journalistin und Reisende russischer Herkunft, die fast ihr gesamtes kurzes Erwachsenenleben in Nordafrika verbrachte.

Sie nahm den Islam an, lebte zeitweise unter dem Namen „Si Mahmoud Saadi“ in Männerkleidung, bewegte sich ungewöhnlich frei in arabisch-muslimischen Milieus des kolonialen Algeriens und hinterließ Tagebücher, Reportagen, Erzählungen und Reiseprosa. Vieles an ihrem Leben ist gut dokumentiert. Zugleich wurde sie schon früh zur Legendenfigur, weshalb Themen wie ihre Abstammung, ihre politischen Rolle oder angebliche Spionagetätigkeit umstritten sind.

Isabelle Wilhelmine Marie Eberhardt wurde am 17. Februar 1877 in Genf geboren und wuchs in Meyrin bei Genf auf. Ihre Mutter, Nathalie Eberhardt de Moerder, entstammte einem russisch-aristokratischen Umfeld und war mit dem russischen General Pavel de Moerder verheiratet gewesen. In der Schweiz lebte sie mit Alexander Trophimowsky, dem früheren Hauslehrer ihrer Kinder. Trophimowsky war ein gebildeter, politisch unkonventioneller Russe mit anarchistischen Neigungen. Er übernahm faktisch die Vaterrolle für Isabelle. Seine biologische Vaterschaft gilt als wahrscheinlich bzw. wird von vielen Biografen angenommen, wurde jedoch zu ihren Lebzeiten nicht offiziell anerkannt.

Die Familie lebte relativ abgeschottet in der Villa Neuve bei Meyrin. Isabelle erhielt keine konventionelle Schulbildung, sondern wurde zu Hause unterrichtet. Das Milieu war kosmopolitisch und antikonventionell. Sie lernte mehrere Sprachen: Die französischen Archives nationales d’outre-mer nennen Russisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Arabisch und Türkisch. Schon als Jugendliche beschäftigte sie sich intensiv mit Arabisch und Nordafrika.

Auch ihre spätere Vorliebe für Männerkleidung begann nicht erst in Algerien. Bereits in ihrer Jugend trug sie männlich konnotierte Kleidung und ließ sich beispielsweise in Matrosenuniform fotografieren. Ihr späteres Auftreten als arabischer Mann war daher nicht ausschließlich eine praktische „Verkleidung“, sondern knüpfte an Verhaltensweisen an, die schon in ihrem Genfer Leben vorhanden waren.

Mit etwa 18 Jahren begann sie zu publizieren. Eine frühe Erzählung, „Vision du Moghreb“, erschien unter dem männlichen Pseudonym „Nicolas Podolinsky“. Gleichzeitig korrespondierte sie mit Personen, die ihr den arabischen und nordafrikanischen Raum näherbrachten, darunter der ägyptische Publizist Yaqub Sanuʿ, besser bekannt als Abou Naddara.

Im Jahr 1897 n.Chr. reiste die zwanzigjährige Eberhardt zusammen mit ihrer Mutter nach Bône, dem heutigen Annaba im Osten Algeriens. Algerien war damals französische Kolonie; die gesellschaftliche Trennung zwischen europäischen Siedlern und der muslimischen Bevölkerung war ausgeprägt. Eberhardt und ihre Mutter zogen aus dem europäischen Viertel in ein überwiegend muslimisches Umfeld.

In dieser Zeit vollzog sich Eberhardts Hinwendung zum Islam. Quellen unterscheiden sich in Einzelheiten darüber, wann genau eine formelle Annahme des Islam stattfand. Dass sie sich jedoch spätestens in dieser Lebensphase ausdrücklich als Muslima verstand und später als solche lebte, ist gut belegt.

Sie nahm den Namen „Mahmoud Saadi“, häufig „Si Mahmoud Saadi“ oder in unterschiedlicher Transkription „Essadi“ geschrieben, an. In nordafrikanischer Männerkleidung konnte sie sich in Milieus bewegen, zu denen einer europäischen Frau um 1900 der Zugang erheblich erschwert gewesen wäre: Kaffeehäuser, Männergesellschaften, religiöse Gemeinschaften, Karawanen und lange Reisen durch ländliche und Wüstenregionen.

Es wäre allerdings vereinfachend, zu sagen, sie habe ihre Umgebung dauerhaft über ihr Geschlecht getäuscht. Zeitgenössische Berichte deuten darauf hin, dass viele ihrer algerischen Bekannten durchaus wussten, dass „Mahmoud“ eine Frau war, dies aber nicht zum Thema machten. Die Männerkleidung eröffnete ihr vielmehr eine gesellschaftliche Rolle, in der sie erheblich freier agieren konnte.

Im November 1897 starb ihre Mutter in Bône. Für Eberhardt war das ein schwerer Einschnitt. Ihre Tagebücher zeigen, wie lange sie den Verlust verarbeitete. 1898 kehrte sie schließlich nach Genf zurück. In den folgenden Jahren zerfiel Eberhardts bisherige familiäre Welt nahezu vollständig. Ihr Bruder Wladimir starb durch Suizid; Alexander Trophimowsky starb 1899 nach schwerer Krankheit. Nach dessen Tod fehlte Eberhardt ein dauerhafter familiärer und finanzieller Halt. Erbschaftsfragen waren kompliziert, und Geldnot sollte sie fortan begleiten.

1899 brach sie erneut nach Nordafrika auf, zunächst nach Tunesien und anschließend in den Sahara-Raum. Von nun an wurde das Nomadisieren zu ihrem eigentlichen Lebensmodus. Sie lebte zeitweise äußerst prekär, ritt lange Strecken, übernachtete bei Beduinen oder unter freiem Himmel und wechselte zwischen Städten, Oasen, religiösen Zentren und Militärposten.

Ihre Tagebücher vermitteln dabei keineswegs das Bild einer asketischen Heiligen. Angeblich rauchte sie Tabak und Kif, trank angeblich Alkohol und schrieb in ihren Tagebüchern für die damalige europäische Gesellschaft sehr freizügig über Sexualität. Beeinflusst vom Islam betrachtete sie Sexualität weder als etwas grundsätzlich Schmutziges noch als bloße Fortpflanzungsfunktion. Für sie konnte körperliche Lust positiv, intensiv und sogar mit seelischer Nähe verbunden sein. Zugleich misstraute sie bloßer sexueller Gier, Dominanz und einem Leben, das nur von Sinnlichkeit beherrscht wird. Besonders deutlich ist eine Stelle aus ihren intimen Schriften, auf die eine neuere literaturwissenschaftliche Untersuchung verweist. Dort verachtet Eberhardt Menschen, die die „volupté de l’amour“ (die sinnliche Lust der Liebe) verachten, und vergleicht sie polemisch mit Eunuchen und Pharisäern. Das spricht klar gegen eine grundsätzlich sexualfeindliche oder asketische Haltung.

Trotz all der Gerüchte über sie behauptete sie ihre Religiosität ernst zu nehmen. Diese Kombination hat spätere Biografen häufig irritiert, gilt aber gerade ein Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit: Eberhardt passte weder in die Kategorie einer europäischen Orientalistin noch in die einer orthodox lebenden muslimischen Konvertitin.

Um 1900 kam Eberhardt im algerischen Süden intensiv mit dem Sufismus in Kontakt und wurde in die Qadiriyya aufgenommen, einen der ältesten und weit verbreiteten Sufi-Orden. Dies war für sie mehr als eine exotische Episode. Sufi-Spiritualität, Heiligengräber und die Vorstellung von innerer Loslösung und Wanderschaft wurden zentrale Bestandteile ihres Lebens und Schreibens.

Ihre Nähe zu muslimischen religiösen Netzwerken machte sie allerdings zugleich für die französischen Kolonialbehörden verdächtig. Die Verwaltung beobachtete religiöse Bruderschaften mit Misstrauen, weil sie potenziell politische Mobilisierung gegen die Kolonialmacht ermöglichen konnten. Eberhardts ungewöhnliche Bewegungsfreiheit, ihre Kontakte zu muslimischen Würdenträgern und ihre schwer einzuordnende Identität nährten Gerüchte, sie könne politische Agitatorin oder Spionin sein. Gegen sie wurde tatsächlich ermittelt.

Im Süden Algeriens lernte Eberhardt den algerischen Spahi-Unteroffizier Slimane Ehnni kennen. Die beiden wurden ein Paar. Ihre Beziehung war durch militärische Versetzungen und Eberhardts unsicheren Aufenthaltsstatus belastet.

Im Januar 1901 wurde Eberhardt bei einem Angriff mit einem Säbel schwer verletzt. Häufig wird der Täter als religiöser Fanatiker aus einem rivalisierenden Umfeld beschrieben. Die genauen Motive sind jedoch nicht eindeutig geklärt. Archivmaterial lässt mehrere mögliche Hintergründe zu. Als bemerkenswert gilt, dass Eberhardt ihrem Angreifer später offenbar nicht mit der erwartbaren Vergeltungshaltung begegnete. Nach dem Prozess gegen den Täter wurde sie aus Algerien ausgewiesen. Sie ging nach Marseille. Dort heiratete sie Slimane Ehnni im Oktober 1901 standesamtlich. Durch die Ehe erhielt sie die französische Staatsangehörigkeit und konnte daraufhin wieder legal nach Algerien zurückkehren.

Ab 1902 lebten Eberhardt und Ehnni wieder in Algerien, zunächst unter anderem in Algier und Ténès. Eberhardt arbeitete nun zunehmend professionell als Journalistin. Besonders wichtig war ihre Verbindung zu Victor Barrucand, Schriftsteller und Herausgeber der französisch-arabischen Zeitung L’Akhbar. Für dieses Blatt schrieb sie Reportagen und Reiseberichte. Barrucand wurde später auch zu einem der wichtigsten Herausgeber ihres Nachlasses.

Ihre Texte unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von viel europäischer Reiseliteratur des 19. Jh.n.Chr. Zwar ist auch Eberhardts Sprache gelegentlich von der zeitgenössischen Faszination für den „Orient“ geprägt, doch sie schrieb nicht hauptsächlich aus der Perspektive einer europäischen Besucherin, die eine exotische Welt besichtigt. Sie wohnte unter Algeriern, sprach Arabisch, war Muslima und beschrieb häufig arme, marginalisierte oder nomadische Menschen aus unmittelbarer Nähe. Die französischen Kolonialarchive charakterisieren ihre Haltung ausdrücklich als Abwendung von der üblichen kolonialen Perspektive. Ihr Verhältnis zur französischen Kolonialmacht war widersprüchlich: Sie kritisierte Repression und sympathisierte stark mit der muslimischen Bevölkerung, arbeitete aber zugleich für französische Zeitungen und entwickelte später eine enge Beziehung zum französischen Offizier Hubert Lyautey.

1903 wurde Eberhardt als Reporterin in den südoranischen Grenzraum geschickt, wo Frankreich seinen Einfluss in Richtung Marokko ausweitete. Dort lernte sie den später berühmten General Hubert Lyautey kennen. Lyautey schätzte ihre Arabischkenntnisse und ihr Verständnis lokaler Gesellschaften. Hier beginnt einer der umstrittensten Teile ihrer Biografie. Einige Darstellungen bezeichnen sie ausdrücklich als Spionin oder Informantin für die französischen Streitkräfte und behaupten, Lyautey habe ihre Kontakte genutzt, um Informationen über religiöse und politische Akteure zu erhalten. Andere Biografien behandeln dies vorsichtiger. Dass sie für Lyautey Kontakte herstellte und als Vermittlerin fungierte, ist plausibel und teilweise belegt; wie weit daraus tatsächliche geheimdienstliche Tätigkeit wurde, ist weniger eindeutig.

Im Jahr 1904 war Eberhardts Gesundheit angegriffen. Nach einer weiteren Reise im südwestlichen Algerien erkrankte sie und wurde zeitweise im Militärhospital von Aïn Séfra behandelt. Dort traf sie im Oktober 1904 wieder mit ihrem Mann Slimane zusammen.

Am 21. Oktober 1904 ereignete sich eine katastrophale Sturzflut. Regenfälle in den Bergen ließen plötzlich Wassermassen durch Aïn Séfra schießen. Das einfache Lehmhaus, in dem Eberhardt sich aufhielt, stürzte ein. Slimane überlebte; Isabelle wurde unter den Trümmern und den Flutmassen begraben und starb mit nur 27 Jahren.

Hubert Lyautey ließ anschließend nach ihren Papieren suchen. Ein Teil ihrer Manuskripte und Aufzeichnungen konnte aus den Trümmern geborgen werden. Sie wurde auf dem muslimischen Friedhof von Sidi Boudjemâa bei Aïn Séfra beigesetzt.

Ein erheblicher Teil dessen, was heute unter Eberhardts Namen gelesen wird, erschien erst nach ihrem Tod. Dazu gehören unter anderem „Dans l’ombre chaude de l’Islam“, „Notes de route, „Pages d’Islam“, „Trimardeur“, „Mes Journaliers“, „Contes et Paysages“ und später zusammengestellte Texte wie „Au pays des sables“. Victor Barrucand spielte bei der postumen Herausgabe eine zentrale Rolle.

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