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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Irma Safiyah Gohl, später Safiya Heuser, war eine deutsche
Schriftstellerin, Studentin der Astronomie und Orientalistik,
frühe Raumfahrt-Enthusiastin, die den
Islam
annahm.
Ihr Lebensweg verbindet auf ungewöhnliche Weise die
deutsche Jugend- und Religionssuche der Zwischenkriegszeit,
die frühe Raketenbegeisterung, die
Wilmersdorfer Moschee in Berlin, Emigration und ein
schwieriges Exilleben in Australien.
Über sie ist vergleichsweise wenig publiziert worden. Die
ausführlichste neuere Rekonstruktion stammt von der
Religionshistorikerin Gerdien Jonker, die Gohls eigene Texte,
Unterlagen der
Wilmersdorfer Moschee, Akten des Auswärtigen Amts, das
Deutsche Exilarchiv und die National Archives of Australia
zusammengeführt hat. Jonker weist ausdrücklich darauf hin,
dass Gohls Leben zuvor kaum erforscht worden war: „Roaming
Between East and West: In Search of Religious Ecstasy in the
Interwar Period“ („Zwischen Ost und West unterwegs: Auf der
Suche nach religiöser Ekstase in der Zwischenkriegszeit“).
Das Kapitel trägt bibliografisch das Jahr 2023, wurde bei
Springer online aber am 9. Januar 2024 veröffentlicht..
Irma Gohl wurde am 21. Februar 1906 in Stuttgart geboren. Sie war das einzige Kind von
Eltern, die dem christlich-sozialen Milieu angehörten, und
wuchs im Umfeld der württembergischen evangelischen
Landeskirche auf. Ihre Eltern waren religiös, gewährten ihr
aber nach Gohls späterer Darstellung beträchtliche Freiheit
bei ihrer geistigen Entwicklung.
Schon mit etwa 14 Jahren geriet sie nach eigener Erinnerung
in eine ausgeprägte religiöse Suchphase. In ihrem späteren
autobiographischen Bericht „Wie ich Muslim wurde“ beschrieb
sie diese Zeit mit Begriffen wie Zweifel, Unbehagen,
Enttäuschung und Sehnsucht. Sie suchte nach einer „Wahrheit“,
die sie metaphorisch als Licht verstand.
Dabei probierte sie nacheinander oder teilweise parallel
sehr unterschiedliche religiöse und esoterische Systeme aus.
Zunächst beschäftigte sie sich mit Theosophie bzw.
Anthroposophie und las unter anderem Helena Blavatsky und
Jiddu Krishnamurti. Danach wandte sie sich asiatischen
Religionen und Philosophien zu – darunter Buddhismus,
Manichäismus, Konfuzianismus, Daoismus und Shintō. Zeitweise
kam sie dabei sogar zu dem Schluss, Religion könne lediglich
ein Irrtum oder eine Form der Autosuggestion sein. Diese Phase
gilt als wichtig, weil ihre spätere Hinwendung zum Islam nicht
als unmittelbarer Wechsel vom Protestantismus zum
Islam
verstanden werden sollte. Sie war vielmehr das Ergebnis einer
jahrelangen vergleichenden Religionssuche.
Im Jahr 1925 n.Chr. begann Gohl ein Universitätsstudium.
Sie studierte vor allem an der Universität München und
beschäftigte sich mit Astronomie, daneben mit
Orientalistik, Ägyptologie und arabischer Literatur. Als
bemerkenswert gilt ihre eigene Erklärung für die Wahl der
Astronomie: Sie habe nicht primär einen Beruf als
Naturwissenschaftlerin angestrebt, sondern in den Sternen die
„Gesetze Gottes“ erkennen wollen. Wissenschaft und Religion
waren für sie keine Gegensätze.
Später, bei ihrer Ankunft in Australien, bezeichnete sie
sich gegenüber einer Zeitung als Studentin der „astronomy and
astrology“ und zugleich als Schriftstellerin. Das verweist auf
eine für ihre Zeit nicht ungewöhnliche, bei ihr aber besonders
ausgeprägte Vermischung von moderner Naturwissenschaft,
religiöser Spekulation und Esoterik. Als ein faszinierender,
heute fast vergessener Teil ihres Lebens gilt ihre Verbindung
zur frühen deutschen Raumfahrtbewegung.
1927 veröffentlichte Gohl in der Zeitschrift „Die Rakete“,
dem Organ des Vereins für Raumschiffahrt, das Gedicht
„Weltraumschiff“. Der Verein gehörte zu den wichtigsten
Zentren der frühen deutschen Raketenbegeisterung. In seinem
Umfeld bewegten sich später bekannte Raketeningenieure. Ihr
Gedicht lautet:
„Weltraumschiff
Auf der
Rakete Feuerschwingen
Trägst du der Menschheit Sehnsuchtstraum,
Denn du wirst stolz und kühn bezwingen
Den unbekannten Weltenraum.
Wirst über
Kosmosmächte siegen,
Du, herrlich Werk von Menschengeist,
Zu unerforschten Sternen fliehen,
Wohin dein Siegeszug dich weist.
Was keinem
konnt bisher gelingen,
Weil keiner Raum und Zeit begriff:
Du wirst der Erde Bann durchdringen,
Dein ist die Zukunft, Weltraumschiff.
15. IX. 1927
Irma Gohl“
Irma Gohls*s Gedicht wurde am 23.03.2012 mit einem
Raumschiff zur ISS geschickt worden. Initiator und
Verwirklicher war Olaf Przybilski.
Als bemerkenswert gilt ihre Verbindung zu Wernher von
Braun. Nach der von Jonker zitierten Forschung soll der damals
fünfzehnjährige von Braun durch Gohls Gedicht auf den Verein
für Raumschiffahrt aufmerksam geworden bzw. dadurch zusätzlich
zur Beschäftigung mit Raketentechnik angeregt worden sein.
Jahrzehnte später wurde das Gedicht erneut aufgegriffen und
anlässlich von von Brauns hundertstem Geburtstag sogar im
Zusammenhang mit einem Weltraumflug gewürdigt.
Damit gehört Irma Gohl kurioserweise sowohl zur frühen
Geschichte deutschsprachiger Science-Fiction- und
Raumfahrtkultur als auch zur Geschichte des
Islam
in Deutschland.
Während ihres Studiums belegte Gohl auch Veranstaltungen
mit orientalistischem Schwerpunkt. In diesem Kontext las sie
den
Heiligen Quran. Ihre eigene Schilderung dieser Begegnung
ist ausgesprochen emotional. Sie schrieb später, bei der
Lektüre habe gleichsam ein Licht in ihrer Seele aufgeleuchtet.
Für sie war dies offenbar jene religiöse Erfahrung, nach der
sie seit ihrer Jugend gesucht hatte.
Eine entscheidende Rolle spielte ein ägyptischer Student an
der Universität München namens Muhamad Sayed Abd-Elaal. Er
erklärte ihr nach ihrer Darstellung den „wahren Geist des
Islam“, vor allem als Verbindung von Ethik und praktischer
Lebensführung. Abd-Elaal empfahl ihr außerdem, Kontakt zum
Leiter der
Wilmersdorfer Moschee aufzunehmen. Gohl wandte sich
daraufhin an Sheikh M. Abdullah, einen der
Imame
der
Wilmersdorfer Moschee in Berlin.
1931 reiste Gohl nach Berlin und nahm öffentlich den
Islam
ab. Sie sprach das islamische Glaubensbekenntnis und erhielt
den muslimischen Namen Safiyah. Von der Zeremonie existiert
ein historisches Foto, auf der sie gemeinsam mit Sheikh
Abdullah sowie diplomatischen Gästen vor der Moschee zu sehen
ist. Ihre eigene Beschreibung der Konversion ist
außergewöhnlich motional. Sie verglich das Erlebnis mit einem
„Meer der Ekstase“ und einem neuen Morgen. Aus ihrem neuen
Namen Safiyah entwickelte sie eine Lichtmetaphorik und rief in
geradezu missionarischem Ton die „Völker der Erde“ dazu auf,
sich unter dem Zeichen des Halbmonds zu sammeln. Für Gohl
stellte die Annahme des
Islam
den Höhepunkt einer langjährigen religiösen Suche dar.
Gohl selbst beschrieb den Islam als die „positivste aller
Religionen“. Für sie waren offenbar besonders drei Aspekte
attraktiv: seine von ihr wahrgenommene Rationalität, seine
praktische Ethik und die Möglichkeit, religiöse Erfahrung mit
moderner Wissenschaft zu verbinden.
Ihre Religiosität blieb zugleich stark individualistisch.
Astronomie, Astrologie, frühere Beschäftigungen mit
asiatischen Religionen und ihre Vorstellung von kosmischem
„Licht“ verschwanden nach der Konversion nicht einfach. Jonker
charakterisiert ihre Spiritualität deshalb als eine Art
persönliche Synthese:
Islam
bildete schließlich deren Zentrum, aber ältere Elemente ihres
Suchens blieben erkennbar.
Gohl verstand sich selbst ausdrücklich als Dichterin und
Schriftstellerin. Wie umfangreich ihr Werk tatsächlich war,
lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Neben Weltraumschiff ist vor allem ihr autobiographischer
Text „Wie ich Muslim wurde“ von 1932 erhalten bzw.
bibliographisch nachweisbar. Er erschien in der Moslemischen
Revue, dem Publikationsorgan der
Wilmersdorfer Moschee. Später arbeitete sie an sehr viel
größeren literarischen Projekten. Ein wichtiges Manuskript
trug den Titel: „Mira, Kind des Uranus“. Es scheint teilweise
autobiographisch gewesen zu sein; „Mira“ fungierte nach
Jonkers Rekonstruktion vermutlich als Alter Ego der Autorin.
Im australischen Exil verwendete Gohl außerdem das
Schriftstellerpseudonym „Kassandra“.
1938 schickte sie das Manuskript an die American Guild for
German Cultural Freedom, eine Exilorganisation, die
deutschsprachigen Schriftstellern und Intellektuellen helfen
sollte. Die Guild leitete es an Thomas Mann weiter. Mann
lehnte das Manuskript ab. Innerhalb der Organisation wurde es
ziemlich abschätzig beurteilt; eine interne Notiz
charakterisierte es als autobiographisch und die Gedichte als
dilettantisch. Das Manuskript selbst scheint später verloren
gegangen zu sein.
Spätestens während der folgenden Jahre erscheint sie unter
dem Namen Safiya Heuser. Eine Archivspur der Deutschen
Digitalen Bibliothek nennt eine „Irma Safija … geb. Gohl
(Australien)“, wobei die Schreibweise des Familiennamens in
den archivischen Metadaten teilweise als „Häuser“ erscheint.
Die neuere Forschung verwendet Heuser.
Ihr Ehemann war Georg Heuser. Zu den genauen Umständen und
zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung ist die derzeit zugängliche
Forschung deutlich weniger detailliert als zu ihrer
Konversion. Das Ehepaar hatte schließlich vier Kinder.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme
verschlechterten sich die Lebensbedingungen für zahlreiche
Menschen aus Gohls intellektuellem und religiösem Umfeld. Die
Wilmersdorfer Moschee geriet zunehmend unter staatliche
Beobachtung, und das NS-Regime interessierte sich auch für
Konversions- und Heiratsregister, weil diese für seine
rassistischen Abstammungsprüfungen relevant sein konnten. 1936
erreichte sie Australien an Bord der Ormonde. Eine Ausgabe des
Courier-Mail vom 12. Mai 1936 berichtete über neu angekommene
Frauen mit ungewöhnlichen Interessen; Gohl stellte sich dabei
als Studentin der Astronomie und Astrologie sowie als
Schriftstellerin vor. Die zugehörigen Unterlagen befinden sich
heute in den National Archives of Australia. Australien
bedeutete allerdings keineswegs wirtschaftliche Sicherheit.
Ende der 1930er Jahre lebte Safiya Heuser mit ihrer Familie
unter äußerst schwierigen Verhältnissen im australischen
Hinterland.
Ihre Briefe von 1938 und 1939 an die American Guild for
German Cultural Freedom schildern, dass sie in einer sehr
einfachen Unterkunft lebte, sich um vier kleine Kinder und
einen kranken Ehemann kümmerte und gleichzeitig nachts
schrieb, um irgendwie zum Lebensunterhalt beitragen zu können.
Sie empfand ihre Lage als Armut, Isolation und
gesellschaftlichen Ausschluss. Trotzdem schrieb sie weiter. In
einem Brief vom 4. Mai 1939 erklärte sie, sie arbeite
gleichzeitig an mehreren Projekten: einem Gedichtband,
Kurzgeschichten, einem Drehbuch und einem Roman über
„Menschenrechte“. Sie bat die Guild, ihr wenigstens den
Kontakt zu einem deutschen Verlag zu ermöglichen. Die
Organisation half ihr offenbar nicht entscheidend weiter.
Auch während des Zweiten Weltkrieges gab Gohl ihre
literarischen Ambitionen nicht auf. 1943 schrieb sie an einen
örtlichen Magistrat. Ihre Situation war zu diesem Zeitpunkt
äußerst belastend: Ihre Schreibmaschine war kaputt, sie
arbeitete während der Woche im Rahmen der australischen
Kriegswirtschaft in Brisbane und schrieb am Wochenende von
Hand weiter. Sie bat um Erlaubnis, nach Brisbane ziehen zu
dürfen, weil sie dort ein Manuskript fertigstellen wollte, das
nach ihrer Darstellung von einem Verlag in Sydney praktisch
schon akzeptiert worden war. Was aus diesem Manuskript wurde,
ist unbekannt.
Aus der Studentin, die den
Islam
als ekstatische Offenbarung erlebt hatte, war eine Mutter und
berufstätige Emigrantin geworden, die unter schwierigen
Bedingungen hartnäckig versuchte, als Schriftstellerin
wirtschaftlich unabhängig zu werden.
Gohl beziehungsweise Safiya Heuser unterzeichnete gemeinsam
mit Muhamad Sayed Abd-Elaal, demselben ägyptischen Studenten,
der sie Jahre zuvor in München mit dem
Islam
vertraut gemacht hatte, ein Schreiben an den Völkerbund. Das
Dokument behandelte italienische Gewaltverbrechen in
Tripolitanien (Libyen).
Es führte Opferzahlen und Gräueltaten auf und verwies auf
muslimische Würdenträger und Diplomaten als Gewährsleute.
Jonker interpretiert dies als Beleg dafür, dass Gohl auch aus
Australien weiterhin in muslimischen internationalen
Netzwerken aktiv war und sich gegen koloniale beziehungsweise
kriegsbedingte Gewalt engagierte.
Über ihre letzten Lebensjahre und die näheren Umstände
ihres Todes ist wesentlich weniger bekannt als über die Jahre
1925–1944. Sie starb am Sterbedatum: 16. Juli 1963 im Ipswich
General Hospital in Queensland (Australien).