Irma Gohl

Irma Safiyah Gohl

Aussprache: iyrmaa ßafiyya ghuul
arabisch:
إيرما صفية غول
persisch:
ایرما صفیه گول
englisch:
Irma Safiyah Gohl

21.2.1906 - 16.7.1963 n.Chr.

Bild privat, Sammlung Przybilski, ca.1930 n.Chr., mit freundlicher Genehmigung

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Irma Safiyah Gohl, später Safiya Heuser, war eine deutsche Schriftstellerin, Studentin der Astronomie und Orientalistik, frühe Raumfahrt-Enthusiastin, die den Islam annahm.

Ihr Lebensweg verbindet auf ungewöhnliche Weise die deutsche Jugend- und Religionssuche der Zwischenkriegszeit, die frühe Raketenbegeisterung, die Wilmersdorfer Moschee in Berlin, Emigration und ein schwieriges Exilleben in Australien.

Über sie ist vergleichsweise wenig publiziert worden. Die ausführlichste neuere Rekonstruktion stammt von der Religionshistorikerin Gerdien Jonker, die Gohls eigene Texte, Unterlagen der Wilmersdorfer Moschee, Akten des Auswärtigen Amts, das Deutsche Exilarchiv und die National Archives of Australia zusammengeführt hat. Jonker weist ausdrücklich darauf hin, dass Gohls Leben zuvor kaum erforscht worden war: „Roaming Between East and West: In Search of Religious Ecstasy in the Interwar Period“ („Zwischen Ost und West unterwegs: Auf der Suche nach religiöser Ekstase in der Zwischenkriegszeit“). Das Kapitel trägt bibliografisch das Jahr 2023, wurde bei Springer online aber am 9. Januar 2024 veröffentlicht..

Irma Gohl wurde am 21. Februar 1906 in Stuttgart  geboren. Sie war das einzige Kind von Eltern, die dem christlich-sozialen Milieu angehörten, und wuchs im Umfeld der württembergischen evangelischen Landeskirche auf. Ihre Eltern waren religiös, gewährten ihr aber nach Gohls späterer Darstellung beträchtliche Freiheit bei ihrer geistigen Entwicklung.

Schon mit etwa 14 Jahren geriet sie nach eigener Erinnerung in eine ausgeprägte religiöse Suchphase. In ihrem späteren autobiographischen Bericht „Wie ich Muslim wurde“ beschrieb sie diese Zeit mit Begriffen wie Zweifel, Unbehagen, Enttäuschung und Sehnsucht. Sie suchte nach einer „Wahrheit“, die sie metaphorisch als Licht verstand.

Dabei probierte sie nacheinander oder teilweise parallel sehr unterschiedliche religiöse und esoterische Systeme aus. Zunächst beschäftigte sie sich mit Theosophie bzw. Anthroposophie und las unter anderem Helena Blavatsky und Jiddu Krishnamurti. Danach wandte sie sich asiatischen Religionen und Philosophien zu – darunter Buddhismus, Manichäismus, Konfuzianismus, Daoismus und Shintō. Zeitweise kam sie dabei sogar zu dem Schluss, Religion könne lediglich ein Irrtum oder eine Form der Autosuggestion sein. Diese Phase gilt als wichtig, weil ihre spätere Hinwendung zum Islam nicht als unmittelbarer Wechsel vom Protestantismus zum Islam verstanden werden sollte. Sie war vielmehr das Ergebnis einer jahrelangen vergleichenden Religionssuche.

Im Jahr 1925 n.Chr. begann Gohl ein Universitätsstudium. Sie studierte vor allem an der Universität München und beschäftigte sich mit Astronomie, daneben mit Orientalistik, Ägyptologie und arabischer Literatur. Als bemerkenswert gilt ihre eigene Erklärung für die Wahl der Astronomie: Sie habe nicht primär einen Beruf als Naturwissenschaftlerin angestrebt, sondern in den Sternen die „Gesetze Gottes“ erkennen wollen. Wissenschaft und Religion waren für sie keine Gegensätze.

Später, bei ihrer Ankunft in Australien, bezeichnete sie sich gegenüber einer Zeitung als Studentin der „astronomy and astrology“ und zugleich als Schriftstellerin. Das verweist auf eine für ihre Zeit nicht ungewöhnliche, bei ihr aber besonders ausgeprägte Vermischung von moderner Naturwissenschaft, religiöser Spekulation und Esoterik. Als ein faszinierender, heute fast vergessener Teil ihres Lebens gilt ihre Verbindung zur frühen deutschen Raumfahrtbewegung.

1927 veröffentlichte Gohl in der Zeitschrift „Die Rakete“, dem Organ des Vereins für Raumschiffahrt, das Gedicht „Weltraumschiff“. Der Verein gehörte zu den wichtigsten Zentren der frühen deutschen Raketenbegeisterung. In seinem Umfeld bewegten sich später bekannte Raketeningenieure. Ihr Gedicht lautet:

„Weltraumschiff

Auf der Rakete Feuerschwingen
Trägst du der Menschheit Sehnsuchtstraum,
Denn du wirst stolz und kühn bezwingen
Den unbekannten Weltenraum.

Wirst über Kosmosmächte siegen,
Du, herrlich Werk von Menschengeist,
Zu unerforschten Sternen fliehen,
Wohin dein Siegeszug dich weist.

Was keinem konnt bisher gelingen,
Weil keiner Raum und Zeit begriff:
Du wirst der Erde Bann durchdringen,
Dein ist die Zukunft, Weltraumschiff.

15. IX. 1927
Irma Gohl“

Irma Gohls*s Gedicht wurde am 23.03.2012 mit einem Raumschiff zur ISS geschickt worden. Initiator und Verwirklicher war Olaf Przybilski.

Als bemerkenswert gilt ihre Verbindung zu Wernher von Braun. Nach der von Jonker zitierten Forschung soll der damals fünfzehnjährige von Braun durch Gohls Gedicht auf den Verein für Raumschiffahrt aufmerksam geworden bzw. dadurch zusätzlich zur Beschäftigung mit Raketentechnik angeregt worden sein. Jahrzehnte später wurde das Gedicht erneut aufgegriffen und anlässlich von von Brauns hundertstem Geburtstag sogar im Zusammenhang mit einem Weltraumflug gewürdigt.

Damit gehört Irma Gohl kurioserweise sowohl zur frühen Geschichte deutschsprachiger Science-Fiction- und Raumfahrtkultur als auch zur Geschichte des Islam in Deutschland.

Während ihres Studiums belegte Gohl auch Veranstaltungen mit orientalistischem Schwerpunkt. In diesem Kontext las sie den Heiligen Quran. Ihre eigene Schilderung dieser Begegnung ist ausgesprochen emotional. Sie schrieb später, bei der Lektüre habe gleichsam ein Licht in ihrer Seele aufgeleuchtet. Für sie war dies offenbar jene religiöse Erfahrung, nach der sie seit ihrer Jugend gesucht hatte.

Eine entscheidende Rolle spielte ein ägyptischer Student an der Universität München namens Muhamad Sayed Abd-Elaal. Er erklärte ihr nach ihrer Darstellung den „wahren Geist des Islam“, vor allem als Verbindung von Ethik und praktischer Lebensführung. Abd-Elaal empfahl ihr außerdem, Kontakt zum Leiter der Wilmersdorfer Moschee aufzunehmen. Gohl wandte sich daraufhin an Sheikh M. Abdullah, einen der Imame der Wilmersdorfer Moschee in Berlin.

1931 reiste Gohl nach Berlin und nahm öffentlich den Islam ab. Sie sprach das islamische Glaubensbekenntnis und erhielt den muslimischen Namen Safiyah. Von der Zeremonie existiert ein historisches Foto, auf der sie gemeinsam mit Sheikh Abdullah sowie diplomatischen Gästen vor der Moschee zu sehen ist. Ihre eigene Beschreibung der Konversion ist außergewöhnlich motional. Sie verglich das Erlebnis mit einem „Meer der Ekstase“ und einem neuen Morgen. Aus ihrem neuen Namen Safiyah entwickelte sie eine Lichtmetaphorik und rief in geradezu missionarischem Ton die „Völker der Erde“ dazu auf, sich unter dem Zeichen des Halbmonds zu sammeln. Für Gohl stellte die Annahme des Islam den Höhepunkt einer langjährigen religiösen Suche dar.

Gohl selbst beschrieb den Islam als die „positivste aller Religionen“. Für sie waren offenbar besonders drei Aspekte attraktiv: seine von ihr wahrgenommene Rationalität, seine praktische Ethik und die Möglichkeit, religiöse Erfahrung mit moderner Wissenschaft zu verbinden.

Ihre Religiosität blieb zugleich stark individualistisch. Astronomie, Astrologie, frühere Beschäftigungen mit asiatischen Religionen und ihre Vorstellung von kosmischem „Licht“ verschwanden nach der Konversion nicht einfach. Jonker charakterisiert ihre Spiritualität deshalb als eine Art persönliche Synthese: Islam bildete schließlich deren Zentrum, aber ältere Elemente ihres Suchens blieben erkennbar.

Gohl verstand sich selbst ausdrücklich als Dichterin und Schriftstellerin. Wie umfangreich ihr Werk tatsächlich war, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Neben Weltraumschiff ist vor allem ihr autobiographischer Text „Wie ich Muslim wurde“ von 1932 erhalten bzw. bibliographisch nachweisbar. Er erschien in der Moslemischen Revue, dem Publikationsorgan der Wilmersdorfer Moschee. Später arbeitete sie an sehr viel größeren literarischen Projekten. Ein wichtiges Manuskript trug den Titel: „Mira, Kind des Uranus“. Es scheint teilweise autobiographisch gewesen zu sein; „Mira“ fungierte nach Jonkers Rekonstruktion vermutlich als Alter Ego der Autorin. Im australischen Exil verwendete Gohl außerdem das Schriftstellerpseudonym „Kassandra“.

1938 schickte sie das Manuskript an die American Guild for German Cultural Freedom, eine Exilorganisation, die deutschsprachigen Schriftstellern und Intellektuellen helfen sollte. Die Guild leitete es an Thomas Mann weiter. Mann lehnte das Manuskript ab. Innerhalb der Organisation wurde es ziemlich abschätzig beurteilt; eine interne Notiz charakterisierte es als autobiographisch und die Gedichte als dilettantisch. Das Manuskript selbst scheint später verloren gegangen zu sein.

Spätestens während der folgenden Jahre erscheint sie unter dem Namen Safiya Heuser. Eine Archivspur der Deutschen Digitalen Bibliothek nennt eine „Irma Safija … geb. Gohl (Australien)“, wobei die Schreibweise des Familiennamens in den archivischen Metadaten teilweise als „Häuser“ erscheint. Die neuere Forschung verwendet Heuser.

Ihr Ehemann war Georg Heuser. Zu den genauen Umständen und zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung ist die derzeit zugängliche Forschung deutlich weniger detailliert als zu ihrer Konversion. Das Ehepaar hatte schließlich vier Kinder.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verschlechterten sich die Lebensbedingungen für zahlreiche Menschen aus Gohls intellektuellem und religiösem Umfeld. Die Wilmersdorfer Moschee geriet zunehmend unter staatliche Beobachtung, und das NS-Regime interessierte sich auch für Konversions- und Heiratsregister, weil diese für seine rassistischen Abstammungsprüfungen relevant sein konnten. 1936 erreichte sie Australien an Bord der Ormonde. Eine Ausgabe des Courier-Mail vom 12. Mai 1936 berichtete über neu angekommene Frauen mit ungewöhnlichen Interessen; Gohl stellte sich dabei als Studentin der Astronomie und Astrologie sowie als Schriftstellerin vor. Die zugehörigen Unterlagen befinden sich heute in den National Archives of Australia. Australien bedeutete allerdings keineswegs wirtschaftliche Sicherheit. Ende der 1930er Jahre lebte Safiya Heuser mit ihrer Familie unter äußerst schwierigen Verhältnissen im australischen Hinterland.

Ihre Briefe von 1938 und 1939 an die American Guild for German Cultural Freedom schildern, dass sie in einer sehr einfachen Unterkunft lebte, sich um vier kleine Kinder und einen kranken Ehemann kümmerte und gleichzeitig nachts schrieb, um irgendwie zum Lebensunterhalt beitragen zu können. Sie empfand ihre Lage als Armut, Isolation und gesellschaftlichen Ausschluss. Trotzdem schrieb sie weiter. In einem Brief vom 4. Mai 1939 erklärte sie, sie arbeite gleichzeitig an mehreren Projekten: einem Gedichtband, Kurzgeschichten, einem Drehbuch und einem Roman über „Menschenrechte“. Sie bat die Guild, ihr wenigstens den Kontakt zu einem deutschen Verlag zu ermöglichen. Die Organisation half ihr offenbar nicht entscheidend weiter.

Auch während des Zweiten Weltkrieges gab Gohl ihre literarischen Ambitionen nicht auf. 1943 schrieb sie an einen örtlichen Magistrat. Ihre Situation war zu diesem Zeitpunkt äußerst belastend: Ihre Schreibmaschine war kaputt, sie arbeitete während der Woche im Rahmen der australischen Kriegswirtschaft in Brisbane und schrieb am Wochenende von Hand weiter. Sie bat um Erlaubnis, nach Brisbane ziehen zu dürfen, weil sie dort ein Manuskript fertigstellen wollte, das nach ihrer Darstellung von einem Verlag in Sydney praktisch schon akzeptiert worden war. Was aus diesem Manuskript wurde, ist unbekannt.

Aus der Studentin, die den Islam als ekstatische Offenbarung erlebt hatte, war eine Mutter und berufstätige Emigrantin geworden, die unter schwierigen Bedingungen hartnäckig versuchte, als Schriftstellerin wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Gohl beziehungsweise Safiya Heuser unterzeichnete gemeinsam mit Muhamad Sayed Abd-Elaal, demselben ägyptischen Studenten, der sie Jahre zuvor in München mit dem Islam vertraut gemacht hatte, ein Schreiben an den Völkerbund. Das Dokument behandelte italienische Gewaltverbrechen in Tripolitanien (Libyen). Es führte Opferzahlen und Gräueltaten auf und verwies auf muslimische Würdenträger und Diplomaten als Gewährsleute. Jonker interpretiert dies als Beleg dafür, dass Gohl auch aus Australien weiterhin in muslimischen internationalen Netzwerken aktiv war und sich gegen koloniale beziehungsweise kriegsbedingte Gewalt engagierte.

Über ihre letzten Lebensjahre und die näheren Umstände ihres Todes ist wesentlich weniger bekannt als über die Jahre 1925–1944. Sie starb am Sterbedatum: 16. Juli 1963 im Ipswich General Hospital in Queensland (Australien).

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