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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Hatice Sultan war eine osmanische Prinzessin an der Schwelle
vom 18. zum 19. Jh. n.Chr. Sie ist heute vor allem bekannt
wegen ihrer engen Beziehung zu Sultan Selim III., ihrer
außergewöhnlichen Bautätigkeit, ihres Interesses an
europäischen Kunst- und Wohnformen und ihrer Zusammenarbeit
mit dem Architekten und Zeichner
Antoine-Ignace Melling.
Ihre Biografie ist nicht in allen Einzelheiten eindeutig
rekonstruierbar. Selbst bei Geburtsjahr, Nachkommenschaft und
einzelnen Bauaufträgen widersprechen sich ältere Chroniken.
Nach der heute am häufigsten genannten Datierung wurde
Hatice Sultan am 14. Juni 1768 im
Topkapi Palast geboren. Ihr Vater war Sultan
Mustafa III., der von 1757 bis 1774 n.Chr. regierte. Ihre
Mutter war Adilschah Kadın, eine der Gemahlinnen des Sultans.
Ihre etwa zwei Jahre ältere Vollschwester war Beyhan
Sultan.
Selim
III., geboren 1761, war ihr Halbbruder; seine Mutter war
Mihrischah Sultan. Zwischen Hatice und
Selim
entwickelte sich offenbar eine besonders enge familiäre
Bindung, die auch nach Selims Thronbesteigung bestehen blieb.
Als
Mustafa III. 1774 n.Chr. starb, war Hatice noch ein Kind.
Sie verließ mit ihrer Mutter und ihrer Schwester den engeren
Hof des regierenden Sultans und wurde in den Eski Saray, den
„Alten Palast“, überführt. Dort lebten gewöhnlich weibliche
Angehörige früherer Herrscherhaushalte, die nicht mehr zum
unmittelbaren Haushalt des amtierenden Sultans gehörten. Für
eine junge Prinzessin bedeutete dies ein materiell
privilegiertes, aber stark reglementiertes und räumlich
abgeschlossenes Leben.
Sultan
Abdülhamid I., der Onkel Hatices und Nachfolger Mustafas
III., arrangierte 1786 ihre Heirat mit Seyyid Ahmed Pascha,
einem älteren osmanischen Würdenträger, der unter anderem als
Festungskommandant von Hotin bezeichnet wird.
Die Verlobung wird gewöhnlich auf den 3. November 1786, die
Hochzeit auf den 9. November 1786 datiert. Hatice war ungefähr
18 Jahre alt; ihr Ehemann war wesentlich älter und hatte
bereits eine politische und administrative Karriere hinter
sich. Nach der Hochzeit bezog sie einen eigenen Haushalt,
wahrscheinlich zunächst in oder bei Arnavutköy am
Bosporus.
Ahmed Pascha geriet zeitweise in Ungnade und wurde nach
Izmit versetzt oder verbannt. Hatice soll ihn dorthin
begleitet haben. Als er später zum Gouverneur von
Ägypten ernannt wurde, kehrte sie nach
Istanbul zurück. 1798 starb Ahmed Pascha; Hatice heiratete
danach nicht erneut. Einige genealogische Quellen nennen einen
Sohn namens Sultanzade Alaeddin Pascha, geboren um 1788 oder
1789 und gestorben 1812. Andere Darstellungen bezeichnen die
Ehe als kinderlos.
Als
Selim
III. 1789 den Thron bestieg, gewann Hatices Stellung
erheblich an Bedeutung. Sie besaß zwar kein Staatsamt, gehörte
aber zu seinem engsten familiären Umfeld.
Selim
besuchte sie häufig in ihren Palästen am
Bosporus, nahm dort Mahlzeiten ein und soll besonders
während des
Monats Ramadan zu Iftar-Essen bei ihr gewesen sein. In
einem ihrer Paläste waren offenbar sogar Räume für längere
Aufenthalte des Sultans reserviert.
Diese Nähe ist wichtig, weil
Selim
III. ein ambitioniertes Reformprogramm verfolgte. Er
versuchte, das Militär, die Verwaltung, die Diplomatie und
Teile der höfischen Kultur des
Osmanischen Reichs neu zu ordnen. Seine Reformpolitik,
bekannt als Nizâm-ı Cedîd, orientierte sich teilweise an
europäischen Organisationsformen, ohne das Reich einfach „verwestlichen“
zu wollen.
Hatice Sultan scheint viele kulturelle Interessen ihres
Bruders geteilt zu haben. Ihre Paläste, Gärten, Möbel,
Dekorationen und Sammlungen zeigen eine bewusste Aufnahme
europäischer Formen neben osmanischen Traditionen. Damit wurde
ihr Haushalt zu einem der Orte, an denen sich die neue
höfische Kultur der
Selim
III.-Zeit besonders deutlich manifestierte.
Hatice Sultan verfügte über mehrere Residenzen und
Gebäudekomplexe, die in den Quellen unterschiedlich benannt
und lokalisiert werden. Besonders mit ihr verbunden ist der
Neşetâbâd- oder Defterdarburnu-Palast am europäischen
Bosporusufer zwischen Ortaköy und Kuruçeşme.
Der Palast war ein ausgedehnter osmanischer Sahilsaray, ein
hölzerner Uferpalast. Er bestand aus Wohntrakten,
Empfangsräumen, Galerien, Pavillons, Gärten, Mauern und
unmittelbar am Wasser gelegenen Anlegestellen. Die genaue
Baugeschichte ist kompliziert: Teile bestanden offenbar
bereits, andere wurden umgebaut, neu dekoriert oder ergänzt.
Hatice beteiligte sich offenbar intensiv an der Gestaltung.
Sie entschied über Einrichtungsgegenstände, Farben, Stoffe,
Möbel, Gartenanlagen und Dekorationen. Darin unterschied sie
sich nicht grundsätzlich von anderen hochrangigen osmanischen
Frauen, die ihre Haushalte aktiv verwalteten. Außergewöhnlich
ist jedoch, wie umfangreich ihre Korrespondenz mit einem
europäischen Künstler erhalten blieb.
Der deutschstämmige
Antoine-Ignace Melling kam in den 1780er Jahren nach
Istanbul. Er war als Zeichner, Architekt, Dekorateur und
Gartenplaner tätig und bewegte sich zunächst im Umfeld
europäischer Diplomaten. Über den dänischen Geschäftsträger
Friedrich Hübsch kam er mit Hatice Sultan in Kontakt.
Um 1795 soll Hatice ihn zunächst mit der Anlage eines
Gartens oder Labyrinths beauftragt haben, das sich an
europäischen Vorbildern orientierte. Danach übertrug sie ihm
Arbeiten an der Innenausstattung und Architektur ihrer
Residenzen.
Melling entwarf oder koordinierte unter anderem:
Gartenanlagen und Pavillons, Innenräume und Wanddekorationen,
Möbel und dekorative Objekte, Fassaden- und
Erweiterungsarbeiten, die Beschaffung europäischer Waren.
Auf Empfehlung oder durch Vermittlung Hatices wurde
Melling auch für
Selim
III. tätig. Als besonders bemerkenswert gelten die
erhaltenen Briefe zwischen Hatice Sultan und
Melling. Ein Teil wurde in osmanischem Türkisch, aber mit
lateinischen Buchstaben geschrieben. Diese Texte entstanden
mehr als ein Jahrhundert vor der türkischen Schriftreform von
1928 und sind deshalb sprach- und kulturgeschichtlich
außergewöhnlich.
Die lateinische Schreibweise war nicht standardisiert.
Hatice beziehungsweise ihre Schreiber versuchten, türkische
Laute mit französischen oder italienischen Buchstabenwerten
wiederzugeben. Die Briefe behandeln vielfach sehr konkrete
Angelegenheiten: Bestellungen, Stoffe, Möbel, Farben,
Handwerker, Kosten, Lieferungen und Baufortschritte. Sie
zeigen Hatice als genaue, anspruchsvolle und teilweise
ungeduldige Hausherrin. Die Korrespondenz dokumentiert
zugleich, wie persönliche Beziehungen, Geschenke und
materieller Austausch in den höfischen Haushalten
Istanbuls funktionierten.
Melling scheint ihr außerdem Elemente des lateinischen
Alphabets beziehungsweise europäischer Sprachen vermittelt zu
haben, während er selbst Türkisch lernte. Ob Hatice fließend
Französisch sprach, ist nicht sicher; die Korrespondenz belegt
vor allem praktische Verständigung über mehrere sprachliche
und schriftliche Systeme hinweg.
In populären Darstellungen wird gelegentlich behauptet,
Hatice Sultan und
Melling hätten eine Liebesbeziehung gehabt. Das ist
allerdings durch nichts zu belegen. Um 1800 endete
Mellings Tätigkeit für Hatice; 1802 verließ er
Istanbul.
Hatices Nachlass zeigt, dass sie eine bedeutende Sammlerin
luxuriöser Gebrauchs- und Kunstgegenstände war. Besonders
auffällig ist ihr Besitz an europäischem Porzellan. In ihrem
Nachlassinventar wurden mehr als 500 Stücke aus verschiedenen
europäischen Produktionszentren erfasst, darunter Waren aus
Sachsen, Wien und Frankreich.
Porzellan war im 18. Jh. n.Chr. ein Statussymbol, ein
diplomatisches Geschenk und ein sichtbares Zeichen weltweiter
Handelsverbindungen. Hatice sammelte daneben vermutlich auch
chinesisches Porzellan, Textilien, Spiegel, Uhren, Möbel und
andere Luxuswaren.
Wie viele osmanische Prinzessinnen trat Hatice Sultan auch
als Stifterin auf. Um 1805 n.Chr. finanzierte Hatice eine
Moschee zum Andenken an ihre Mutter Adilschah Kadın. Die
genaue Baugeschichte und spätere Gestalt sind nicht in allen
Darstellungen einheitlich, doch die Stiftung zeigt Hatices
Bindung an ihre Mutter und die typische Verbindung von
Familiengedächtnis und religiöser Wohltätigkeit.
1806/07 n.Chr. ließ sie den
Hatice Sultan Brunnen beim Ägyptenbasar errichten. Seine
reich dekorierte, spätbarocke Marmorfassade verbindet die
traditionelle Funktion eines öffentlichen Wasserbrunnens mit
der repräsentativen Kunst der
Selim
III.-Zeit.
1807 wurde
Selim
III. durch einen Aufstand gegen seine Reformpolitik
entthront. Ein Jahr später, 1808, wurde er im
Topkapi Palast ermordet, als Anhänger des Reformers
Alemdar Mustafa Pascha versuchten, ihn wieder auf den Thron zu
bringen.
Für Hatice muss dies einen tiefen persönlichen und
politischen Einschnitt bedeutet haben. Sie verlor nicht nur
ihren engsten Halbbruder, sondern auch den Herrscher, unter
dessen Schutz sich ihr kultureller Haushalt entfaltet hatte.
Über ihre konkrete Rolle während der Krise von 1807/08 ist
jedoch wenig Sicheres bekannt.
Unter
Mahmut II., einem Cousin Hatices und langfristigen Erben
eines Teils von Selims Reformpolitik, behielt sie offenbar
ihren Rang und ihre Residenz. Die spektakulärste Phase ihrer
Bautätigkeit und kulturellen Patronage war zu diesem Zeitpunkt
jedoch weitgehend vorbei.
Hatice Sultan starb am 17. Juli 1822 in
Istanbul, wahrscheinlich in einer ihrer
Bosporusresidenzen. Sie war nach der gewöhnlichen Datierung 54
Jahre alt. Beigesetzt wurde sie im
Mihrischah Mausoleum in der Nähe der
Eyüp-Sultan-Moschee. Mihrischah war die Mutter Selims III.
und damit Hatices Stiefmutter beziehungsweise die andere
hochrangige Frau im Haushalt ihres Vaters.
Nach Hatices Tod wurde ihr umfangreicher Besitz
inventarisiert. Teile gingen an ihre Schwester Beyhan Sultan;
andere Gegenstände wurden eingezogen oder versteigert. Die
Nachlassunterlagen verzeichnen zugleich Schulden, die nach
einigen Darstellungen von Sultan
Mahmut II. beglichen wurden.