Hatice Sultan
Hatice Sultan

Aussprache: chadiydscha sultaan
arabisch:
خديجة سلطان
persisch:
خدیجه سلطان
englisch: Hatice sultan

14.6.1768 - 17.7.1822 n.Chr.

Bild: Angeblich von Antoine-Ignace Melling gezeichnet

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Hatice Sultan war eine osmanische Prinzessin an der Schwelle vom 18. zum 19. Jh. n.Chr. Sie ist heute vor allem bekannt wegen ihrer engen Beziehung zu Sultan Selim III., ihrer außergewöhnlichen Bautätigkeit, ihres Interesses an europäischen Kunst- und Wohnformen und ihrer Zusammenarbeit mit dem Architekten und Zeichner Antoine-Ignace Melling.

Ihre Biografie ist nicht in allen Einzelheiten eindeutig rekonstruierbar. Selbst bei Geburtsjahr, Nachkommenschaft und einzelnen Bauaufträgen widersprechen sich ältere Chroniken.

Nach der heute am häufigsten genannten Datierung wurde Hatice Sultan am 14. Juni 1768 im Topkapi Palast geboren. Ihr Vater war Sultan Mustafa III., der von 1757 bis 1774 n.Chr. regierte. Ihre Mutter war Adilschah Kadın, eine der Gemahlinnen des Sultans.

Ihre etwa zwei Jahre ältere Vollschwester war Beyhan Sultan. Selim III., geboren 1761, war ihr Halbbruder; seine Mutter war Mihrischah Sultan. Zwischen Hatice und Selim entwickelte sich offenbar eine besonders enge familiäre Bindung, die auch nach Selims Thronbesteigung bestehen blieb.

Als Mustafa III. 1774 n.Chr. starb, war Hatice noch ein Kind. Sie verließ mit ihrer Mutter und ihrer Schwester den engeren Hof des regierenden Sultans und wurde in den Eski Saray, den „Alten Palast“, überführt. Dort lebten gewöhnlich weibliche Angehörige früherer Herrscherhaushalte, die nicht mehr zum unmittelbaren Haushalt des amtierenden Sultans gehörten. Für eine junge Prinzessin bedeutete dies ein materiell privilegiertes, aber stark reglementiertes und räumlich abgeschlossenes Leben.

Sultan Abdülhamid I., der Onkel Hatices und Nachfolger Mustafas III., arrangierte 1786 ihre Heirat mit Seyyid Ahmed Pascha, einem älteren osmanischen Würdenträger, der unter anderem als Festungskommandant von Hotin bezeichnet wird.

Die Verlobung wird gewöhnlich auf den 3. November 1786, die Hochzeit auf den 9. November 1786 datiert. Hatice war ungefähr 18 Jahre alt; ihr Ehemann war wesentlich älter und hatte bereits eine politische und administrative Karriere hinter sich. Nach der Hochzeit bezog sie einen eigenen Haushalt, wahrscheinlich zunächst in oder bei Arnavutköy am Bosporus.

Ahmed Pascha geriet zeitweise in Ungnade und wurde nach Izmit versetzt oder verbannt. Hatice soll ihn dorthin begleitet haben. Als er später zum Gouverneur von Ägypten ernannt wurde, kehrte sie nach Istanbul zurück. 1798 starb Ahmed Pascha; Hatice heiratete danach nicht erneut. Einige genealogische Quellen nennen einen Sohn namens Sultanzade Alaeddin Pascha, geboren um 1788 oder 1789 und gestorben 1812. Andere Darstellungen bezeichnen die Ehe als kinderlos.

Als Selim III. 1789 den Thron bestieg, gewann Hatices Stellung erheblich an Bedeutung. Sie besaß zwar kein Staatsamt, gehörte aber zu seinem engsten familiären Umfeld. Selim besuchte sie häufig in ihren Palästen am Bosporus, nahm dort Mahlzeiten ein und soll besonders während des Monats Ramadan zu Iftar-Essen bei ihr gewesen sein. In einem ihrer Paläste waren offenbar sogar Räume für längere Aufenthalte des Sultans reserviert.

Diese Nähe ist wichtig, weil Selim III. ein ambitioniertes Reformprogramm verfolgte. Er versuchte, das Militär, die Verwaltung, die Diplomatie und Teile der höfischen Kultur des Osmanischen Reichs neu zu ordnen. Seine Reformpolitik, bekannt als Nizâm-ı Cedîd, orientierte sich teilweise an europäischen Organisationsformen, ohne das Reich einfach „verwestlichen“ zu wollen.

Hatice Sultan scheint viele kulturelle Interessen ihres Bruders geteilt zu haben. Ihre Paläste, Gärten, Möbel, Dekorationen und Sammlungen zeigen eine bewusste Aufnahme europäischer Formen neben osmanischen Traditionen. Damit wurde ihr Haushalt zu einem der Orte, an denen sich die neue höfische Kultur der Selim III.-Zeit besonders deutlich manifestierte.

Hatice Sultan verfügte über mehrere Residenzen und Gebäudekomplexe, die in den Quellen unterschiedlich benannt und lokalisiert werden. Besonders mit ihr verbunden ist der Neşetâbâd- oder Defterdarburnu-Palast am europäischen Bosporusufer zwischen Ortaköy und Kuruçeşme.

Der Palast war ein ausgedehnter osmanischer Sahilsaray, ein hölzerner Uferpalast. Er bestand aus Wohntrakten, Empfangsräumen, Galerien, Pavillons, Gärten, Mauern und unmittelbar am Wasser gelegenen Anlegestellen. Die genaue Baugeschichte ist kompliziert: Teile bestanden offenbar bereits, andere wurden umgebaut, neu dekoriert oder ergänzt. Hatice beteiligte sich offenbar intensiv an der Gestaltung. Sie entschied über Einrichtungsgegenstände, Farben, Stoffe, Möbel, Gartenanlagen und Dekorationen. Darin unterschied sie sich nicht grundsätzlich von anderen hochrangigen osmanischen Frauen, die ihre Haushalte aktiv verwalteten. Außergewöhnlich ist jedoch, wie umfangreich ihre Korrespondenz mit einem europäischen Künstler erhalten blieb.

Der deutschstämmige Antoine-Ignace Melling kam in den 1780er Jahren nach Istanbul. Er war als Zeichner, Architekt, Dekorateur und Gartenplaner tätig und bewegte sich zunächst im Umfeld europäischer Diplomaten. Über den dänischen Geschäftsträger Friedrich Hübsch kam er mit Hatice Sultan in Kontakt.

Um 1795 soll Hatice ihn zunächst mit der Anlage eines Gartens oder Labyrinths beauftragt haben, das sich an europäischen Vorbildern orientierte. Danach übertrug sie ihm Arbeiten an der Innenausstattung und Architektur ihrer Residenzen. Melling entwarf oder koordinierte unter anderem: Gartenanlagen und Pavillons, Innenräume und Wanddekorationen, Möbel und dekorative Objekte, Fassaden- und Erweiterungsarbeiten, die Beschaffung europäischer Waren.

Auf Empfehlung oder durch Vermittlung Hatices wurde Melling auch für Selim III. tätig. Als besonders bemerkenswert gelten die erhaltenen Briefe zwischen Hatice Sultan und Melling. Ein Teil wurde in osmanischem Türkisch, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Diese Texte entstanden mehr als ein Jahrhundert vor der türkischen Schriftreform von 1928 und sind deshalb sprach- und kulturgeschichtlich außergewöhnlich.

Die lateinische Schreibweise war nicht standardisiert. Hatice beziehungsweise ihre Schreiber versuchten, türkische Laute mit französischen oder italienischen Buchstabenwerten wiederzugeben. Die Briefe behandeln vielfach sehr konkrete Angelegenheiten: Bestellungen, Stoffe, Möbel, Farben, Handwerker, Kosten, Lieferungen und Baufortschritte. Sie zeigen Hatice als genaue, anspruchsvolle und teilweise ungeduldige Hausherrin. Die Korrespondenz dokumentiert zugleich, wie persönliche Beziehungen, Geschenke und materieller Austausch in den höfischen Haushalten Istanbuls funktionierten.

Melling scheint ihr außerdem Elemente des lateinischen Alphabets beziehungsweise europäischer Sprachen vermittelt zu haben, während er selbst Türkisch lernte. Ob Hatice fließend Französisch sprach, ist nicht sicher; die Korrespondenz belegt vor allem praktische Verständigung über mehrere sprachliche und schriftliche Systeme hinweg.

In populären Darstellungen wird gelegentlich behauptet, Hatice Sultan und Melling hätten eine Liebesbeziehung gehabt. Das ist allerdings durch nichts zu belegen. Um 1800 endete Mellings Tätigkeit für Hatice; 1802 verließ er Istanbul.

Hatices Nachlass zeigt, dass sie eine bedeutende Sammlerin luxuriöser Gebrauchs- und Kunstgegenstände war. Besonders auffällig ist ihr Besitz an europäischem Porzellan. In ihrem Nachlassinventar wurden mehr als 500 Stücke aus verschiedenen europäischen Produktionszentren erfasst, darunter Waren aus Sachsen, Wien und Frankreich.

Porzellan war im 18. Jh. n.Chr. ein Statussymbol, ein diplomatisches Geschenk und ein sichtbares Zeichen weltweiter Handelsverbindungen. Hatice sammelte daneben vermutlich auch chinesisches Porzellan, Textilien, Spiegel, Uhren, Möbel und andere Luxuswaren.

Wie viele osmanische Prinzessinnen trat Hatice Sultan auch als Stifterin auf. Um 1805 n.Chr. finanzierte Hatice eine Moschee zum Andenken an ihre Mutter Adilschah Kadın. Die genaue Baugeschichte und spätere Gestalt sind nicht in allen Darstellungen einheitlich, doch die Stiftung zeigt Hatices Bindung an ihre Mutter und die typische Verbindung von Familiengedächtnis und religiöser Wohltätigkeit.

1806/07 n.Chr. ließ sie den Hatice Sultan Brunnen beim Ägyptenbasar errichten. Seine reich dekorierte, spätbarocke Marmorfassade verbindet die traditionelle Funktion eines öffentlichen Wasserbrunnens mit der repräsentativen Kunst der Selim III.-Zeit.

1807 wurde Selim III. durch einen Aufstand gegen seine Reformpolitik entthront. Ein Jahr später, 1808, wurde er im Topkapi Palast ermordet, als Anhänger des Reformers Alemdar Mustafa Pascha versuchten, ihn wieder auf den Thron zu bringen.

Für Hatice muss dies einen tiefen persönlichen und politischen Einschnitt bedeutet haben. Sie verlor nicht nur ihren engsten Halbbruder, sondern auch den Herrscher, unter dessen Schutz sich ihr kultureller Haushalt entfaltet hatte. Über ihre konkrete Rolle während der Krise von 1807/08 ist jedoch wenig Sicheres bekannt.

Unter Mahmut II., einem Cousin Hatices und langfristigen Erben eines Teils von Selims Reformpolitik, behielt sie offenbar ihren Rang und ihre Residenz. Die spektakulärste Phase ihrer Bautätigkeit und kulturellen Patronage war zu diesem Zeitpunkt jedoch weitgehend vorbei.

Hatice Sultan starb am 17. Juli 1822 in Istanbul, wahrscheinlich in einer ihrer Bosporusresidenzen. Sie war nach der gewöhnlichen Datierung 54 Jahre alt. Beigesetzt wurde sie im Mihrischah Mausoleum in der Nähe der Eyüp-Sultan-Moschee. Mihrischah war die Mutter Selims III. und damit Hatices Stiefmutter beziehungsweise die andere hochrangige Frau im Haushalt ihres Vaters.

Nach Hatices Tod wurde ihr umfangreicher Besitz inventarisiert. Teile gingen an ihre Schwester Beyhan Sultan; andere Gegenstände wurden eingezogen oder versteigert. Die Nachlassunterlagen verzeichnen zugleich Schulden, die nach einigen Darstellungen von Sultan Mahmut II. beglichen wurden.

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