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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Wilhelm Harun-el-Raschid-Hintersatz (geboren als Wilhelm
Hintersatz) war als Sohn eines evangelischen Oberpfarrers,
preußischer Berufsoffizier, Militärflieger, osmanischer
Offizier, später
Muslim,
Unternehmer und Schriftsteller, und im Zweiten Weltkrieg
schließlich SS-Standartenführer und Kommandeur eines
muslimisch geprägten Waffen-SS-Verbandes eine ungewöhnliche
und umstrittene Person des 20. Jh. n.Chr.
Johannes Robert Wilhelm Hintersatz wurde am 26. Mai 1886 in
Senftenberg geboren und starb am 29. März 1963 in Lübeck. Er
wuchs in einem ausgesprochen protestantischen Elternhaus auf.
Sein Vater Wilhelm Hintersatz senior (1855–1937) war seit 1888
Oberpfarrer in Senftenberg; seine Mutter war Louise, geborene
Oertel (1857–1940). Ein jüngerer Bruder Robert starb bereits
als Kind, außerdem hatte Wilhelm eine deutlich jüngere
Schwester, Louise Johanna, genannt „Hanni“.
Ab 1898 besuchte er die renommierte Landesschule Pforta bei
Naumburg und schloss dort am 23. Februar 1905 das Abitur ab.
Fünf Tage später trat er als Fahnenjunker in das preußische
Infanterie-Regiment „von Stülpnagel“ Nr. 48 in Küstrin ein.
1906 wurde er Leutnant. Seine militärische Ausbildung war
ungewöhnlich breit: Infanterie, Maschinengewehrwesen,
Artillerie, Kraftfahrwesen und später technische
Generalstabsaufgaben spielten eine Rolle. Ab 1913 besuchte er
die Militärtechnische Akademie in Berlin; im Februar 1914
wurde er Oberleutnant.
Am 2. Mai 1912 heiratete Hintersatz in Senftenberg
Hildegard Cäcilie Schmidt, geboren 1893 und Tochter eines
Bergwerksdirektors. Die kirchliche Trauung wurde von seinem
eigenen Vater, dem evangelischen Oberpfarrer Wilhelm
Hintersatz, vorgenommen. Die Ehe wurde später geschieden.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 diente Hintersatz
als Ordonnanz- und Französisch-Dolmetscheroffizier beim Stab
der 9. Infanterie-Brigade. Bereits im September 1914 wurde er
verwundet.
Danach ließ er sich zum Militärpiloten ausbilden. 1915
wurde er Hauptmann und erhielt beide Klassen des Eisernen
Kreuzes. Fotografien und zeitgenössisches Material
dokumentieren ihn als Flugzeugführer. Im April 1916 erlitt er
bei einem Flug schwere Erfrierungen im Gesicht und musste die
aktive Fliegerei aufgeben. Anschließend leitete er zeitweise
die Fliegerschule Altenburg. Danach war er an der Organisation
finnischer Freiwilliger beteiligt, die gegen die russische
Herrschaft kämpften. Für diese Tätigkeit verlieh Finnland ihm
1920 das Kommandeurskreuz II. Klasse des Ordens der Weißen
Rose mit Schwertern.
Der Abschnitt, der für seine spätere Identität entscheidend
wurde, begann 1917. Im September wurde Hintersatz zum Major
befördert und in das
Osmanische Reich kommandiert.
Dort arbeitete er unter anderem im militärischen Umfeld von
Otto Liman von Sanders. Er lernte Türkisch und
beschäftigte sich auch mit
Arabisch. Seine Aufgaben lagen vor allem beim
Maschinengewehrwesen der osmanischen Armee. Nach seinen
eigenen späteren Angaben wurde er zum Generalinspekteur des
Maschinengewehrwesens und zum Leiter der entsprechenden
Abteilung im osmanischen Großen Hauptquartier. Er erhielt
mehrere osmanische und verbündete Auszeichnungen, darunter den
Eisernen Halbmond und die osmanische Liakat-Medaille mit
Schwertern.
Anders als manchmal behauptet wird, war Hintersatz nicht an
der ursprünglichen
Gallipoli-Schlacht
von 1915 beteiligt; er kam erst 1917 in die Türkei. Ebenso
lässt sich eine Beteiligung am Krieg gegen die Armenier
aufgrund seines späten Einsatzbeginns nicht einfach behaupten.
Seine Tätigkeit im osmanischen Militär fällt überwiegend in
die Endphase des Krieges.
Über den Zeitpunkt wann er den
Islam
annahm, gibt es Kontroversen. Oft wird 1918 n.Chr. genannt.
Hintersatz selbst erklärte später tatsächlich, er sei schon
während des Krieges innerlich zum
Islam
übergetreten. Der urkundlich belegte formelle Übertritt fand
jedoch erst am 31. Mai 1920 in der Kaiserlich-Persischen
Gesandtschaft in Berlin statt. Vor dem Imam Alim Idris legte
Major Wilhelm Hintersatz dort das islamische
Glaubensbekenntnis ab und nahm den Namen Harun el-Raschid in
Anlehnung an
Harun al-Raschid an. Mehrere Zeugen unterschrieben die
entsprechende Bescheinigung.
Am 6. August 1920 erlaubte ihm der preußische
Justizminister amtlich, seinen islamischen Namen dem
Familiennamen hinzuzufügen. Fortan durfte er offiziell
Harun-el-Raschid-Hintersatz heißen.
Nach seiner eigenen späteren Darstellung begann sein
Interesse bereits in der Jugend durch Kontakte zur türkischen
Botschaft. Er behauptete, schon als Schüler mit türkischer
Kultur und Religion in Berührung gekommen zu sein und auch als
Offizier Beziehungen zu türkischen Kreisen gepflegt zu haben.
Der Einsatz im
Osmanischen Reich scheint diese Entwicklung entscheidend
verstärkt zu haben.
Nach 1918 setzte sich Hintersatz zeitweise für ehemalige
muslimische Kriegsgefangene aus dem
Halbmondlager in Wünsdorf ein. 1919 arbeitete er außerdem
bei einer Militärpolizeistelle des Reichsschatzministeriums.
Ein Dienstzeugnis bescheinigte ihm ausgeprägtes
Organisationstalent. Anfang 1920 schied er aus. Anschließend
wechselte er in die Wirtschaft. In den 1920er Jahren war er
unter anderem Geschäftsführer von Import-/Exportgesellschaften
und später Vorstand einer Grundstücks- und
Immobiliengesellschaft.
Nach der Scheidung von Hildegard Schmidt heiratete er 1924
Martha Frieda Kuwert, geborene Staats. Auch diese Ehe bestand
nicht dauerhaft.
1935 heiratete er zum dritten Mal Martha Luise Käthe
„Milly“ Lindener, die rund 26 Jahre jünger war als er. Diese
Ehe hielt bis zu seinem Tod. Aus ihr gingen zwei Söhne hervor:
Ildar Wilfried, geboren am 11. März 1936 Teja Torgut, geboren
1940. Die Namensgebung der Kinder zeigt bereits Hintersatz'
starke Orientierung auf den türkisch-islamischen bzw.
zentralasiatischen Kulturraum.
Die Hochzeitsreise mit Milly entwickelte sich zu einem
außergewöhnlichen Unternehmen. Beide fuhren 1935 mit dem Auto
über Südeuropa und Nordafrika nach
Äthiopien, damals
Abessinien, unmittelbar vor dem italienischen Angriff.
In Addis Abeba hatte Hintersatz mehrere Audienzen mit
Kaiser Haile Selassie. Später stellte er seine dortige
Tätigkeit teilweise als geheimdienstlich oder militärpolitisch
bedeutsam dar. Am 20. Februar 1936 kehrte das Paar nach Berlin
zurück. Wenige Wochen später wurde der erste Sohn geboren.
Hintersatz veröffentlichte mehrere Bücher. Besonders
bekannt wurde seine 1932 erschienene Biografie über
Otto Liman von Sanders. Die Forschung charakterisiert sie
als ausgesprochen bewundernd bzw. teilweise verklärend.
1940 erschien sein Roman „Schwarz oder Weiss?“, der
Mussolini und der deutsch-italienischen Freundschaft gewidmet
war. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte er unter
anderem „Aus Orient und Occident“ sowie Schriften über
sogenannte Erdstrahlen.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Hintersatz wieder
militärisch verwendet werden. Anfangs wurde der inzwischen
ältere ehemalige Offizier nicht übernommen. Später wurde
jedoch gerade seine Kombination aus deutscher
Offizierserfahrung und muslimischer Identität für das
NS-Regime interessant.
Nach eigenen Angaben arbeitete er als Verbindungsmann
zwischen deutschen Stellen und dem in Berlin lebenden
palästinensischen Großmufti
Amin al-HusainiM. Die SS versuchte seit 1943 verstärkt,
muslimische Soldaten aus dem Balkan, Kaukasus und der
Sowjetunion für deutsche Verbände zu gewinnen. Hintersatz
unterstützte diese Strategie ausdrücklich. 1944 argumentierte
er, seine Zugehörigkeit zum Islam ermögliche ihm besonderes
Vertrauen unter muslimischen Soldaten. In seinen
Bewerbungsunterlagen verwies er ausdrücklich auf die
Verbindung seines „Deutschtums“ mit seiner
muslimischen Identität und auf seine Kontakte zum
Großmufti.
Am 24. August 1944 wurde er als SS-Sturmbannführer in die
Waffen-SS übernommen. Seine SS-Nummer war 496147. Schon zum 1.
Oktober 1944 wurde er SS-Standartenführer, ungefähr
entsprechend einem Oberst. Am 20. Oktober 1944 wurde er
offiziell zum Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes der
SS ernannt. Der Verband bestand insbesondere aus Turkestanern,
Wolga-Tataren, Aserbaidschanern und anderen muslimischen
Angehörigen der Sowjetunion. Seine Führung war allerdings
nicht besonders erfolgreich. Ende 1944 kam es zu größeren
Desertionen innerhalb der Einheit. Einige Quellen führen dies
teilweise auf schlechte Führung bzw. Enttäuschung über die
deutschen Versprechen zurück.
Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches geriet
Hintersatz in amerikanische Gefangenschaft. Von Juni 1946 bis
April 1947 war er im Internierungslager Langwasser bei
Nürnberg. Danach kehrte er zu seiner Familie zurück.
Das Berliner Haus der Familie war bereits 1943 bei einem
Luftangriff zerstört worden. Milly und die beiden Kinder waren
nach Husby in Schleswig-Holstein gelangt und lebten dort nach
Kriegsende unter bescheidenen Umständen.
Hintersatz gelang es nicht mehr, an seine frühere
militärische oder wirtschaftliche Karriere anzuknüpfen. Ende
der 1940er Jahre begann er sich intensiv mit Wünschelruten und
sogenannten Erdstrahlen zu beschäftigen. Er vertrieb unter
anderem ein Gerät namens „Phylax“, das angeblich schädliche
Erdstrahlung neutralisieren sollte. Für solche Wirkungen gibt
es keine wissenschaftlich anerkannte Grundlage. 1953/54
erschienen entsprechende Schriften und sein Buch „Aus Orient
und Occident – Ein Mosaik aus buntem Erleben“.
Hintersatz blieb auch nach 1945 dem
Islam
verbunden. In den 1950er Jahren unterstützte er Bemühungen
muslimischer Emigranten um den Bau einer Moschee in
Deutschland. 1958 wandte er sich beispielsweise an
Bundespräsident Theodor Heuss und unterstützte den aus
Zentralasien stammenden Imam Nureddin Namangani bei dessen
Bemühungen um eine muslimische religiöse Zentrale in München.
Hintersatz argumentierte, Muslime in Deutschland benötigten
eine unabhängige Moschee und ein religiös-kulturelles Zentrum.
Seit Jahren litt Hintersatz an Arteriosklerose und
Herz-Kreislauf-Beschwerden. 1961 zog er nach Lübeck. Anfang
1963 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand deutlich. Er
starb am 29. März 1963 um 10:47 Uhr in Lübeck im Alter von 76
Jahren. Am 4. April fand im Krematorium des Vorwerker
Friedhofs eine Trauerfeier statt, bei der Angehörige des
Bundesgrenzschutzes Ehrenwache hielten; einer seiner Söhne war
dort Offizier. Die Urne wurde am 11. April 1963 beigesetzt.
Seine Grabstätte existiert heute nicht mehr.