W. Hintersatz
Wilhelm Hintersatz

Aussprache: fīiyhilm hiyntarzaats
arabisch:
‎ فيلهلم هينترزاتس
persisch:
ویلهلم هینترزاتس
englisch:
Wilhelm Hintersatz

26.5.1886 - 29.3.1963 n.Chr.

Foto:1928 n.Chr.

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Wilhelm Harun-el-Raschid-Hintersatz (geboren als Wilhelm Hintersatz) war als Sohn eines evangelischen Oberpfarrers, preußischer Berufsoffizier, Militärflieger, osmanischer Offizier, später Muslim, Unternehmer und Schriftsteller, und im Zweiten Weltkrieg schließlich SS-Standartenführer und Kommandeur eines muslimisch geprägten Waffen-SS-Verbandes eine ungewöhnliche und umstrittene Person des 20. Jh. n.Chr.

Johannes Robert Wilhelm Hintersatz wurde am 26. Mai 1886 in Senftenberg geboren und starb am 29. März 1963 in Lübeck. Er wuchs in einem ausgesprochen protestantischen Elternhaus auf. Sein Vater Wilhelm Hintersatz senior (1855–1937) war seit 1888 Oberpfarrer in Senftenberg; seine Mutter war Louise, geborene Oertel (1857–1940). Ein jüngerer Bruder Robert starb bereits als Kind, außerdem hatte Wilhelm eine deutlich jüngere Schwester, Louise Johanna, genannt „Hanni“.

Ab 1898 besuchte er die renommierte Landesschule Pforta bei Naumburg und schloss dort am 23. Februar 1905 das Abitur ab. Fünf Tage später trat er als Fahnenjunker in das preußische Infanterie-Regiment „von Stülpnagel“ Nr. 48 in Küstrin ein. 1906 wurde er Leutnant. Seine militärische Ausbildung war ungewöhnlich breit: Infanterie, Maschinengewehrwesen, Artillerie, Kraftfahrwesen und später technische Generalstabsaufgaben spielten eine Rolle. Ab 1913 besuchte er die Militärtechnische Akademie in Berlin; im Februar 1914 wurde er Oberleutnant.

Am 2. Mai 1912 heiratete Hintersatz in Senftenberg Hildegard Cäcilie Schmidt, geboren 1893 und Tochter eines Bergwerksdirektors. Die kirchliche Trauung wurde von seinem eigenen Vater, dem evangelischen Oberpfarrer Wilhelm Hintersatz, vorgenommen. Die Ehe wurde später geschieden.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 diente Hintersatz als Ordonnanz- und Französisch-Dolmetscheroffizier beim Stab der 9. Infanterie-Brigade. Bereits im September 1914 wurde er verwundet.

Danach ließ er sich zum Militärpiloten ausbilden. 1915 wurde er Hauptmann und erhielt beide Klassen des Eisernen Kreuzes. Fotografien und zeitgenössisches Material dokumentieren ihn als Flugzeugführer. Im April 1916 erlitt er bei einem Flug schwere Erfrierungen im Gesicht und musste die aktive Fliegerei aufgeben. Anschließend leitete er zeitweise die Fliegerschule Altenburg. Danach war er an der Organisation finnischer Freiwilliger beteiligt, die gegen die russische Herrschaft kämpften. Für diese Tätigkeit verlieh Finnland ihm 1920 das Kommandeurskreuz II. Klasse des Ordens der Weißen Rose mit Schwertern.

Der Abschnitt, der für seine spätere Identität entscheidend wurde, begann 1917. Im September wurde Hintersatz zum Major befördert und in das Osmanische Reich kommandiert.

Dort arbeitete er unter anderem im militärischen Umfeld von Otto Liman von Sanders. Er lernte Türkisch und beschäftigte sich auch mit Arabisch. Seine Aufgaben lagen vor allem beim Maschinengewehrwesen der osmanischen Armee. Nach seinen eigenen späteren Angaben wurde er zum Generalinspekteur des Maschinengewehrwesens und zum Leiter der entsprechenden Abteilung im osmanischen Großen Hauptquartier. Er erhielt mehrere osmanische und verbündete Auszeichnungen, darunter den Eisernen Halbmond und die osmanische Liakat-Medaille mit Schwertern.

Anders als manchmal behauptet wird, war Hintersatz nicht an der ursprünglichen Gallipoli-Schlacht von 1915 beteiligt; er kam erst 1917 in die Türkei. Ebenso lässt sich eine Beteiligung am Krieg gegen die Armenier aufgrund seines späten Einsatzbeginns nicht einfach behaupten. Seine Tätigkeit im osmanischen Militär fällt überwiegend in die Endphase des Krieges.

Über den Zeitpunkt wann er den Islam annahm, gibt es Kontroversen. Oft wird 1918 n.Chr. genannt. Hintersatz selbst erklärte später tatsächlich, er sei schon während des Krieges innerlich zum Islam übergetreten. Der urkundlich belegte formelle Übertritt fand jedoch erst am 31. Mai 1920 in der Kaiserlich-Persischen Gesandtschaft in Berlin statt. Vor dem Imam Alim Idris legte Major Wilhelm Hintersatz dort das islamische Glaubensbekenntnis ab und nahm den Namen Harun el-Raschid in Anlehnung an Harun al-Raschid an. Mehrere Zeugen unterschrieben die entsprechende Bescheinigung.

Am 6. August 1920 erlaubte ihm der preußische Justizminister amtlich, seinen islamischen Namen dem Familiennamen hinzuzufügen. Fortan durfte er offiziell Harun-el-Raschid-Hintersatz heißen.

Nach seiner eigenen späteren Darstellung begann sein Interesse bereits in der Jugend durch Kontakte zur türkischen Botschaft. Er behauptete, schon als Schüler mit türkischer Kultur und Religion in Berührung gekommen zu sein und auch als Offizier Beziehungen zu türkischen Kreisen gepflegt zu haben. Der Einsatz im Osmanischen Reich scheint diese Entwicklung entscheidend verstärkt zu haben.

Nach 1918 setzte sich Hintersatz zeitweise für ehemalige muslimische Kriegsgefangene aus dem Halbmondlager in Wünsdorf ein. 1919 arbeitete er außerdem bei einer Militärpolizeistelle des Reichsschatzministeriums. Ein Dienstzeugnis bescheinigte ihm ausgeprägtes Organisationstalent. Anfang 1920 schied er aus. Anschließend wechselte er in die Wirtschaft. In den 1920er Jahren war er unter anderem Geschäftsführer von Import-/Exportgesellschaften und später Vorstand einer Grundstücks- und Immobiliengesellschaft.

Nach der Scheidung von Hildegard Schmidt heiratete er 1924 Martha Frieda Kuwert, geborene Staats. Auch diese Ehe bestand nicht dauerhaft.

1935 heiratete er zum dritten Mal Martha Luise Käthe „Milly“ Lindener, die rund 26 Jahre jünger war als er. Diese Ehe hielt bis zu seinem Tod. Aus ihr gingen zwei Söhne hervor: Ildar Wilfried, geboren am 11. März 1936 Teja Torgut, geboren 1940. Die Namensgebung der Kinder zeigt bereits Hintersatz' starke Orientierung auf den türkisch-islamischen bzw. zentralasiatischen Kulturraum.

Die Hochzeitsreise mit Milly entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Unternehmen. Beide fuhren 1935 mit dem Auto über Südeuropa und Nordafrika nach Äthiopien, damals Abessinien, unmittelbar vor dem italienischen Angriff.

In Addis Abeba hatte Hintersatz mehrere Audienzen mit Kaiser Haile Selassie. Später stellte er seine dortige Tätigkeit teilweise als geheimdienstlich oder militärpolitisch bedeutsam dar. Am 20. Februar 1936 kehrte das Paar nach Berlin zurück. Wenige Wochen später wurde der erste Sohn geboren.

Hintersatz veröffentlichte mehrere Bücher. Besonders bekannt wurde seine 1932 erschienene Biografie über Otto Liman von Sanders. Die Forschung charakterisiert sie als ausgesprochen bewundernd bzw. teilweise verklärend.

1940 erschien sein Roman „Schwarz oder Weiss?“, der Mussolini und der deutsch-italienischen Freundschaft gewidmet war. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte er unter anderem „Aus Orient und Occident“ sowie Schriften über sogenannte Erdstrahlen.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Hintersatz wieder militärisch verwendet werden. Anfangs wurde der inzwischen ältere ehemalige Offizier nicht übernommen. Später wurde jedoch gerade seine Kombination aus deutscher Offizierserfahrung und muslimischer Identität für das NS-Regime interessant.

Nach eigenen Angaben arbeitete er als Verbindungsmann zwischen deutschen Stellen und dem in Berlin lebenden palästinensischen Großmufti Amin al-HusainiM. Die SS versuchte seit 1943 verstärkt, muslimische Soldaten aus dem Balkan, Kaukasus und der Sowjetunion für deutsche Verbände zu gewinnen. Hintersatz unterstützte diese Strategie ausdrücklich. 1944 argumentierte er, seine Zugehörigkeit zum Islam ermögliche ihm besonderes Vertrauen unter muslimischen Soldaten. In seinen Bewerbungsunterlagen verwies er ausdrücklich auf die Verbindung seines „Deutschtums“ mit seiner muslimischen Identität und auf seine Kontakte zum Großmufti.

Am 24. August 1944 wurde er als SS-Sturmbannführer in die Waffen-SS übernommen. Seine SS-Nummer war 496147. Schon zum 1. Oktober 1944 wurde er SS-Standartenführer, ungefähr entsprechend einem Oberst. Am 20. Oktober 1944 wurde er offiziell zum Kommandeur des Osttürkischen Waffenverbandes der SS ernannt. Der Verband bestand insbesondere aus Turkestanern, Wolga-Tataren, Aserbaidschanern und anderen muslimischen Angehörigen der Sowjetunion. Seine Führung war allerdings nicht besonders erfolgreich. Ende 1944 kam es zu größeren Desertionen innerhalb der Einheit. Einige Quellen führen dies teilweise auf schlechte Führung bzw. Enttäuschung über die deutschen Versprechen zurück.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches geriet Hintersatz in amerikanische Gefangenschaft. Von Juni 1946 bis April 1947 war er im Internierungslager Langwasser bei Nürnberg. Danach kehrte er zu seiner Familie zurück.

Das Berliner Haus der Familie war bereits 1943 bei einem Luftangriff zerstört worden. Milly und die beiden Kinder waren nach Husby in Schleswig-Holstein gelangt und lebten dort nach Kriegsende unter bescheidenen Umständen.

Hintersatz gelang es nicht mehr, an seine frühere militärische oder wirtschaftliche Karriere anzuknüpfen. Ende der 1940er Jahre begann er sich intensiv mit Wünschelruten und sogenannten Erdstrahlen zu beschäftigen. Er vertrieb unter anderem ein Gerät namens „Phylax“, das angeblich schädliche Erdstrahlung neutralisieren sollte. Für solche Wirkungen gibt es keine wissenschaftlich anerkannte Grundlage. 1953/54 erschienen entsprechende Schriften und sein Buch „Aus Orient und Occident – Ein Mosaik aus buntem Erleben“.

Hintersatz blieb auch nach 1945 dem Islam verbunden. In den 1950er Jahren unterstützte er Bemühungen muslimischer Emigranten um den Bau einer Moschee in Deutschland. 1958 wandte er sich beispielsweise an Bundespräsident Theodor Heuss und unterstützte den aus Zentralasien stammenden Imam Nureddin Namangani bei dessen Bemühungen um eine muslimische religiöse Zentrale in München. Hintersatz argumentierte, Muslime in Deutschland benötigten eine unabhängige Moschee und ein religiös-kulturelles Zentrum.

Seit Jahren litt Hintersatz an Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Beschwerden. 1961 zog er nach Lübeck. Anfang 1963 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand deutlich. Er starb am 29. März 1963 um 10:47 Uhr in Lübeck im Alter von 76 Jahren. Am 4. April fand im Krematorium des Vorwerker Friedhofs eine Trauerfeier statt, bei der Angehörige des Bundesgrenzschutzes Ehrenwache hielten; einer seiner Söhne war dort Offizier. Die Urne wurde am 11. April 1963 beigesetzt. Seine Grabstätte existiert heute nicht mehr.

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