.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Wilmer J. Leon III ist ein US-amerikanischer
Politikwissenschaftler, Autor, Radiomoderator und politischer
Kommentator.
Seine fachlichen Schwerpunkte sind afroamerikanische
Politik beziehungsweise Black Politics, öffentliche Politik,
das politische System der Vereinigten Staaten, Außenpolitik
und internationale Beziehungen.
Leon erwarb einen Bachelorabschluss in Politikwissenschaft
am damaligen Hampton Institute sowie einen Master of Public
Administration und einen Doktortitel in Politikwissenschaft an
der Howard University. Dort war er anschließend elf Jahre lang
als Dozent tätig. Aktuell wird er auch als Angehöriger des
Fachbereichs Political Science and International Studies der
Morgan State University geführt.
Bekannt wurde er vor allem durch seine Medienarbeit. Er
moderierte beziehungsweise moderiert politische
Radiosendungen, darunter „Inside the Issues“, „The Critical
Hour“ und den Podcast „Connecting the Dots with Dr. Wilmer
Leon“. Außerdem veröffentlicht er politische Kommentare und
tritt als Gesprächspartner in amerikanischen und
internationalen Medien auf.
Politisch vertritt Leon häufig eine kritische Perspektive
auf die amerikanische Außen- und Militärpolitik, Rassismus und
soziale Ungleichheit in den USA, westliche
Medienberichterstattung, die Beziehungen der USA zu Russland,
China, Iran und dem Globalen Süden.
Nach der
Ermordung Imam Chameneis veröffentlichte er einen Text,
der auch in der Islamischen Republik
Iran Beachtung fand:
„Um Ayatollah
Sayyid Ali Chamenei intellektuell und politisch richtig
einzuschätzen, ist es wichtig, den Kontext zu verstehen, in
dem er an die Macht kam. Die Vereinigten Staaten und
Großbritannien stürzten die iranische Regierung und den
demokratisch gewählten iranischen Premierminister Mohammad
Mossadegh am 19. August 1953 durch einen von der CIA
inszenierten Putsch und setzten Schah Mohammad Reza Pahlavi
wieder ein. Pahlavi blieb 26 Jahre lang an der Macht und
regierte als brutaler, mörderischer, pro-westlicher Monarch.
Es gab eine Reihe von Faktoren, die zur iranischen
Revolution von 1979 führten. Die Iraner empfanden es als
äußerst belastend, dass der Schah als absoluter, von
westlichen Interessen getriebener Monarch regierte. Er
unterdrückte politische Opposition durch seine brutale
Geheimpolizei, den SAVAK. Er führte seine „Weiße Revolution“
durch. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Reformen
des Schahs standen in direktem Widerspruch zu den schiitischen
Geistlichen und marginalisierten diese, und zerstörten
traditionelle islamische soziale Normen.
Ende 1978 führten Massenproteste, allgemeine Streiks und
Streiks in der wichtigen Ölindustrie zu einer Lähmung des
Landes. Angesichts der zunehmenden Unruhen kam es 1979 zu
einer breiten Koalition von Iranern – darunter Geistliche,
Studenten, Arbeiter und Linke –, die zusammenkamen, um die
autokratische, vom Westen unterstützte Regierung zu stürzen.
Der Schah wurde gestürzt und floh aus dem Land.
Großayatollah Ruhollah
Chomeini übernahm 1979 mit breiter Unterstützung aus der
Bevölkerung die Macht, nachdem er 1964 ins Exil geschickt
worden war, weil er sich offen gegen die Säkularisierungs- und
Modernisierungspolitik des Schahs ausgesprochen hatte. Er
führte den Iran bis zu seinem Tod im Jahr 1989 im Alter von 87
Jahren. Die politische Geschichte des Iran ist komplex, aber
eines der Schlüsselelemente des Konflikts scheint der Versuch
des Westens zu sein, die Regierung zu säkularisieren, und die
Forderung, dass der Iran die Gründung des zionistischen
Staates Israel akzeptiert.
Ayatollah Seyyed Ali Chamenei wurde am 4. Juni 1989
offiziell zum Obersten Führer des Iran ernannt. Wie bewerte
ich das intellektuelle und politische Erbe von Ayatollah
Seyyed Ali Chamenei? Seine Politik entwickelte sich aus einem
klaren Verständnis des Wunsches des Westens, die Politik des
Iran zu säkularisieren und den sozialen Aufbau des Iran zu
westlich auszurichten. Als wichtiger Berater seines
Vorgängers, Großayatollah Ruhollah Chomeini, spielte Chamenei
eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Iran als Teil des
Widerstands gegen den Westen und im Herzen der Entwicklung der
Islamischen Republik von der iranischen Revolution von 1979
bis zu seinem Tod im Jahr 2026.
Zu den Ideen von Ayatollah Seyyed Ali Chamenei, die den
größten Einfluss auf die Außenpolitik der Islamischen Republik
Iran hatten, gehört der strategische Ausbau der fünf
Teilstreitkräfte der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC). Er
erkannte, dass Iran – um sich gegen westlichen Imperialismus
und westliche Einmischung im Inneren zu schützen sowie auf
internationaler Bühne bestehen zu können – seine Streitkräfte
so umorganisieren musste, dass sie ihren westlichen
Gegenspielern (wie CIA und MI6) ebenbürtig waren, ohne dabei
der islamischen Tradition untreu zu werden.
Ayatollah Seyyed Ali Chamenei war zudem die treibende
Kraft dahinter, Irans nukleare Fähigkeiten zu einem zentralen
Bestandteil der nationalen Sicherheit zu machen. Dies war ein
äußerst strategischer Schachzug. Ich glaube, er analysierte
die Entwicklung der erklärten Atomstrategien Indiens und
Pakistans sowie das „geheime“ Atomprogramm Israels und
erkannte, dass allein die Drohung mit einem Atomprogramm eine
ebenso wirksame Abschreckung darstellen konnte wie das
Programm selbst – und das im Einklang mit der islamischen
Tradition.
Er spielte auch eine entscheidende Rolle bei der
Ausweitung von Irans regionaler Reichweite und dessen Einfluss
innerhalb der „Achse des Widerstands“. Er baute die
Beziehungen zur Hisbollah im Libanon, zur Hamas in Palästina,
zu Ansarullah im Jemen sowie zu Kräften in Syrien aus und
koordinierte diese.
Ich halte seine Strategie des Widerstands für äußerst
einflussreich und bedeutend. Die „Achse des Widerstands“
verfolgt eine völlig andere Mission und wird von anderen
Motiven geleitet als die westlichen Aggressoren. Als
Widerstandsbewegung besteht ihre grundlegende Aufgabe darin,
eine etablierte Macht herauszufordern, zu reformieren oder zu
stürzen. Im Mittelpunkt steht der moralisch begründete Kampf,
dessen Erfolg sich erst im Laufe der Zeit einstellt.
Die Mission der etablierten Macht (des Westens) besteht
hingegen darin, die institutionelle Stabilität zu wahren, den
Status quo zu erhalten und ihre Herrschaft durchzusetzen. Das
Ziel des Widerstands ist es, einen Zermürbungskrieg zu führen.
Es geht darum, zu überleben, um weiterkämpfen zu können; mit
der Zeit wird die etablierte Macht ermüden, schwächer werden
und gezwungen sein, äußerst schwierige Entscheidungen zu
treffen.
Genau dieses Szenario spielt sich derzeit zwischen Iran
und dem zionistischen Gebilde, zwischen Iran und den USA sowie
im Verhältnis zu anderen Regierungen der Region ab. Weil der
Westen die Kraft des Widerstands, dessen moralisches Fundament
und Zielsetzung sowie die eigene Arroganz verkannt hat, ist er
in der Region in eine aussichtslose Lage geraten. Wieder
einmal – wie schon in Vietnam, im Irak und in Afghanistan –
hat der Westen einen Konflikt verloren, den er selbst
heraufbeschworen hat. Es ist ein Opfer des eigenen Geschehens
geworden. Nun sucht es verzweifelt nach einem Ausweg, der das
Gesicht wahrt – doch einen solchen gibt es nicht.“