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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Lisa Oettinger war der Rufname von Anne Sophie Louise
Oettinger. Sie war eine deutsche Malerin, die den
Islam annahm.
Lisa Oettinger wurde am 18. Mai 1908 geboren. Sie stammte
aus einer ungewöhnlichen Berliner Familie, deren Geschichte
über mehrere Generationen zwischen Judentum, Protestantismus,
Lebensreform und Islam verlief.
Die Oettingers stammten ursprünglich aus einer
preußisch-jüdischen Familie. Ihre Vorfahren lebten unter
anderem in Marienwerder, dem heutigen Kwidzyn in Polen. Im
Verlauf des 19. Jh. n.Chr. bewegte sich die Familie immer
stärker in das assimilierte deutsche Bürgertum hinein. Teile
der Familie konvertierten schließlich zum Christentum.
Lisas Vater Friedrich Oettinger, geboren 1873, stammte
selbst aus dieser jüdischen Familie. Er ließ sich christlich
taufen und trat später offiziell aus der jüdischen Gemeinde
aus. Er heiratete 1907 Emilia, Lisas Mutter. Aus der Ehe
gingen zwei Töchter hervor: Anne Sophie Louise „Lisa“,
1908 geboren, und Susannah Adelheid „Suse“, 1910 geboren. Lisa
wurde zwar in einer christlich sozialisierten Familie groß,
hatte aber jüdische familiäre Wurzeln.
Die Familie gehörte zunächst zum wohlhabenden Berliner
Bürgertum. Friedrich Oettinger war geschäftlich erfolgreich.
Lisa und ihre jüngere Schwester wuchsen in einem Elternhaus
auf, das kulturell aufgeschlossen und für die damalige Zeit
ausgesprochen experimentierfreudig war. Die Familie
interessierte sich für Lebensreform, Natur, Wandern,
alternative Ernährung und neue religiöse und philosophische
Bewegungen. Sie galten als typische Vertreter eines Milieus,
das nach dem Ersten Weltkrieg nach Alternativen zum
traditionellen Bürgertum suchte. Die wirtschaftliche Lage
verschlechterte sich jedoch dramatisch. Nach einem
Bankenzusammenbruch verlor Friedrich Oettinger 1922 sein
Unternehmen. Später erkrankte er an einer schweren, offenbar
unheilbaren neurologischen oder psychiatrischen Krankheit und
verbrachte seine letzten Jahre in einer Klinik. Er starb 1934.
Lisa gehörte zu einer frühen Generation von Frauen, die an
der Berliner Kunstakademie studierten. Sie arbeitete
anschließend als Malerin und selbstständige Künstlerin. Ihre
künstlerische Arbeit wurde später stark von orientalischen
beziehungsweise islamischen Formen und Motiven beeinflusst.
Im Jahr 1928 n.Chr. begegnete die Familie Oettinger dem
indischen Muslim Sheikh Muhammad Abdullah, der zum Umfeld der
damals noch jungen
Wilmersdorfer Moschee gehörte. Abdullah war zugleich
Physiker und muslimischer Missionar der
Ahmadiyya. Ein erhaltenes
Foto dokumentiert seine erste Begegnung mit der Familie. Lisa
ist darauf als Kunststudentin zu sehen, während ihre Schwester
Susanna Abdullah Deutschunterricht erteilte. Aus dieser ersten
Bekanntschaft entstand eine sehr enge Beziehung zwischen den
Oettingers und der Moscheegemeinschaft.
Die Familie nahm an Ausflügen, Wanderungen und Festen der
Moschee teil. 1930 wurde Lisas Mutter Emilia Oettinger sogar
Gründungsmitglied der
Deutschen
Muslimische Gesellschaft e.V., obwohl sie zu diesem
Zeitpunkt noch keine Muslima
war. Damit bewegte sich Lisa bald in einem außergewöhnlich
kosmopolitischen Berliner Milieu: deutsche Künstler und
Intellektuelle trafen dort auf indische Studenten, Diplomaten,
muslimische Missionare, jüdische Konvertiten und
Lebensreformer.
Lisa schloss sich bereits 1929 enger der
Wilmersdorfer Moschee
an. Der formale Übertritt erfolgte jedoch erst später am 16.
September 1933. Ihre Übertrittsurkunde ist heute noch erhalten
(siehe Foto). Sie nahm den muslimischen Namen Zubaidah [زبيدة]
an (in der Urkunde: Sobaidah).
Die Tatsache, dass die Annahme des
Islam aus Überzeugung erfolgte, wird unter anderem in
ihrem Nachlass deutlich. Darin befanden sich handschriftliche
Gebete, Sufi-Dichtung und religiöse Texte.
In der Berliner Moschee lernte Lisa den indischen
Wissenschaftler Azeez Ur-Rahman Mirza kennen. Mirza stammte
aus einer angesehenen muslimischen Familie in
Lahore. Er war ursprünglich nach
Berlin gekommen, um sein naturwissenschaftliches Studium
beziehungsweise seine Promotion abzuschließen. Schließlich
blieb er mehrere Jahre und arbeitete als Assistenzimam der
Wilmersdorfer Moschee.
Er galt zugleich ein sehr moderner Vertreter seiner Religion:
naturwissenschaftlich ausgebildet, sportlich aktiv und
kulturell stark an Deutschland interessiert. Aus Lisas später
aufbewahrtem Nachlass sind Geschenke, Bücher, Widmungen und
sogar Liebeserklärungen Mirzas erhalten. Mirza schenkte ihr
unter anderem eine Ausgabe des
Heiligen Quran mit einer persönlichen Widmung sowie
Schmuckstücke und andere Erinnerungsobjekte.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde
ihre Situation zunehmend gefährlich. Obwohl Lisas Vater zum
Christentum konvertiert war und Lisa selbst inzwischen
Muslima geworden war, galt sie
nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung weiterhin
als Person jüdischer Abstammung. Ihre geplante Ehe mit einem
indischen Muslim wurde
zusätzlich kompliziert. Die Nürnberger Rassengesetze und die
nationalsozialistische Verwaltung machten eine Eheschließung
in Deutschland praktisch unmöglich oder zumindest
außerordentlich schwierig. Mirzas eigene Texte aus jener Zeit
zeigen, dass er die NS-Rassenideologie ablehnte. In einer Rede
über den Islam wandte er sich
gegen Vorstellungen vom „Überleben des Stärksten“ und stellte
ihnen das islamische Prinzip gegenüber, auch Schwächere zu
schützen.
1937 verließen Lisa und Azeez Deutschland. Sie gingen
zunächst nach Sarajevo, wo sie in einer
Moschee heirateten. Danach
machten sie sich auf eine längere Reise Richtung
Indien, mit
Lahore als endgültigem Ziel.
Lisa nahm bei ihrer Abreise große Teile des
Familiengedächtnisses ein: Fotografien, Bücher, Textilien,
Spitzen, das alte Rezeptbuch der Familie und
Erinnerungsstücke. Nur wenige Wochen nach der Ankunft in
Lahore starb Azeez Ur-Rahman
Mirza 1937.
Nach Azeez' Tod blieb Lisa zunächst bei dessen muslimischer
Großfamilie in Lahore. Die
Familie kümmerte sich intensiv um sie. Lisa nahm nach dem Tod
ihres Mannes stark ab und war gesundheitlich belastet. Ihre
Schwäger versuchten, sie zu unterstützen. Gleichzeitig war das
traditionelle Großfamilienleben für sie schwierig. Lisa war
als Berliner Künstlerin an ein hohes Maß persönlicher
Unabhängigkeit gewöhnt. In der südasiatischen Großfamilie
waren die Erwartungen an eine verwitwete Frau dagegen andere.
1938 half ihr die Familie deshalb, in einen eigenen Bungalow
zu ziehen. Dort lebte sie relativ selbstständig und
unterrichtete an einer nahe gelegenen Islamia High School for
Girls. Gleichzeitig richtete sie sich ein eigenes Atelier ein.
Im Juli 1939 heiratete Lisa erneut. Ihr zweiter Ehemann war
Nazir Ahmad, ein wohlhabender Hotelbesitzer und Unterstützer
der Lahore-Ahmadiyya-Bewegung. Der Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs schnitt Lisa praktisch von ihrer Familie in
Deutschland ab. Sie hatte ursprünglich gehofft, Mutter und
Schwester nach Indien holen zu können. Dazu kam es nicht.
Während Lisa in Lahore lebte,
überstand ihre Familie in Deutschland Krieg und
nationalsozialistische Verfolgung. Erst 1947, also nach etwa
zehn Jahren Trennung, trafen sie sich wieder. Die lange
Trennung hatte ihre Beziehungen verändert. Das Wiedersehen
wurde allerdings zu einer Begegnung von Menschen, die einander
teilweise fremd geworden waren.
1949 wurde ihr Sohn Suhail Ahmad in Karachi geboren. Lisa
entschied schließlich, Pakistan
zu verlassen, insbesondere wegen der Ausbildung ihres Sohnes.
1956 ließen sich Lisa und Suhail in Woking in England nieder.
Dort befand sich mit der Shah Jahan Mosque ein weiteres
wichtiges Zentrum der Lahore-Ahmadiyya in Großbritannien.
Dadurch konnte Lisa erneut an ein muslimisches Netzwerk
anknüpfen.
Auch andere Mitglieder der Oettinger-Familie waren
inzwischen nach Großbritannien gegangen. Nach Krieg und
Verfolgung wollten sie nicht dauerhaft nach Deutschland
zurückkehren.
Lisa war innerhalb ihrer Familie die erste, die den
Islam annahm. Ihre Mutter Emilia
und ihre Schwester Susanna folgten erst nach dem Zweiten
Weltkrieg. Von Lisas eigentlichem künstlerischem Werk ist nur
ein begrenzter Bestand öffentlich dokumentiert.
Ein außergewöhnlicher Teil ihrer Biografie betrifft ihren
Nachlass. Lisa bewahrte über Jahrzehnte hinweg mehrere
große Truhen mit Familiengegenständen auf. Darin befanden sich
unter anderem: alte Familienfotos, jüdische Dokumente,
christliche Familienerinnerungen, islamische Gebetstexte,
Kunstmaterialien, Bücher, Spitzenstoffe, Kochrezepte, Briefe
ihres ersten Mannes, sein Gebetsteppich und zahlreiche
Fotografien aus Lahore. Diese
Sammlung war offenbar bewusst für ihren Sohn gedacht.
2013 reiste die Religionshistorikerin Gerdien Jonker nach
London und traf dort Lisas Sohn Suhail Ahmad sowie dessen
Cousine Anisah Rani. Die beiden öffneten ihr die aufbewahrten
Familientruhen. Das Material erwies sich als außergewöhnlich
umfangreich. Jonker kombinierte es mit Moscheearchiven,
Berliner Standesamtsakten, Fotografien, Familienpapieren und
Erinnerungen der Nachkommen. Daraus entstanden schließlich
mehrere Publikationen über Lisa und die Familie Oettinger.
Lisa lebte mit ihrem Sohn in England bis ins hohe Alter.
Sie starb 2006, nach Jonkers Angaben friedlich im Schlaf.
Damit erreichte sie ein Alter von ungefähr 98 Jahren.
