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Das Lied „Uzun ince bir yoldayim (Uzun İnce Bir Yoldayım)“ ist
das berühmteste türkische Volkslied. Es wurde 1940 von
Aschik Veysel komponiert und gedichtet.
Obwohl Aşık Veysel das Lied bereits um 1940 schrieb, wurde
es in den 1960er und 1970er Jahren durch Radio, Schulen und
Künstler wie Zülfü Livaneli, Selda Bağcan und Cem Karaca zu
einem nationalen Symbol. Fast jeder Türke aller Generationen
und politischer Ausrichtungenkann dieses Lied mitsingen. Es
gilt als das melancholischste und gleichzeitig universellste
türkische Volkslied.
Der türkische Text lautet.
Uzun ince bir yoldayım,
Gidiyorum gündüz gece.
Bilmiyorum ne haldeyim,
Gidiyorum gündüz gece.
Ich bin auf einem langen, schmalen Weg,
Ich gehe, Tag und Nacht.
Ich weiß nicht, in welchem Zustand ich bin,
Ich gehe, Tag und Nacht.
Dünyaya geldiğim anda,
Yürüdüm aynı zamanda.
İki kapılı bir handa,
Gidiyorum gündüz gece.
In dem Augenblick, da ich zur Welt kam,
begann ich zu gehen.
In einem Gasthaus mit zwei Türen –
gehe ich, Tag und Nacht.
Bilmiyorum ne işteyim,
Yolum ne, neyleyim.
Dünyadan nasıl geçeyim,
Gidiyorum gündüz gece.
Ich weiß nicht, was mein Tun bedeutet,
welchen Weg ich gehe, was ich will.
Ich weiß nicht, wie ich durch diese Welt gehen soll –
ich gehe, Tag und Nacht.
Kâh düze çıkarım, kâh da inişe,
Yetişmek için menzile.
İçim yanar tutuşa tutuşa,
Gidiyorum gündüz gece.
Bald steige ich hinauf, bald sinke ich hinab,
um das Ziel zu erreichen.
Mein Inneres brennt, in Flammen entflammt –
ich gehe, Tag und Nacht.
Şaşar Veysel işbu hale,
Kah ağlarım kah gülerim.
Gidenleri hep düşünürüm,
Gidiyorum gündüz gece.
Veysel wundert sich über diesen Zustand –
bald weine ich, bald lache ich.
Ich denke immer an jene, die gegangen sind –
und gehe weiter, Tag und Nacht.
Das Lied gilt als eine metaphysische Lebensmeditation: Der
„lange, schmale Weg“ steht für den Lebensweg jedes Menschen.
Das „Gasthaus mit zwei Türen“ ist ein Metapher für das Leben
zwischen Geburt und Tod und die Türen symbolisieren die
Vergänglichkeit. „Tag und Nacht“ drückt das endlose
Voranschreiten des Daseins aus.
Aschik Veysel war blind seit seiner Kindheit. Er sah die
Welt durch innere Bilder und fasste die Existenz in einfache,
universelle Verse.
Seine Lieder sind nicht nur Volksmusik, sondern
philosophische Poesie in anatolischer Sprache.
Die besondere Popularität des Liedes gründet darauf, dass
es Volksweisheit,
Mystik
[tasawwuf] und existenzielle Ehrlichkeit verbindet. Es ist
melancholisch, aber nicht trostlos und akzeptiert das
Schicksal mit Demut. Jeder Türke kennt mindestens den Refrain.
Es wurde von fast allen großen Sängern interpretiert: Zülfü
Livaneli, Selda Bağcan, Fikret Kızılok, Barış Manço, Cem
Karaca, Sezen Aksu und viele andere mehr.
Das Lied gilt als eine Allegorie des Lebenswegs: Der Mensch
ist ein Wanderer zwischen Geburt und Tod. Die Reise ist voller
Mühsal, aber auch Demut und Bestimmung. Das Lied beinhaltet
keine politische Parole, kein Pathos, nur existenzielle
Erkenntnis. Darin spiegelt sich die gesamte anatolische
Philosophie von Akzeptanz, Geduld, Schicksal und Sehnsucht
nach
Gott.
Das Lied wird in einem typisch anatolischen langsamen
9/8-Takt gesungen, zumeist in tiefer Stimme, begleitet von der
Bağlama (Saz). Es ist ein melancholischer, aber tröstlicher
Ton der Wehmut ohne Verzweiflung.
Bis heute wird das Lied in Schulen gelehrt und bei
Beerdigungen, Hochzeiten und nationalen Feiertagen gesungen.
Das Lied wurde 2023 n.Chr. von der UNESCO als Teil des
immateriellen Kulturerbes der Türkei anerkannt.