Auf fernen Meeren

Auf fernen Meeren

Tagebuchfragmente und Briefe

1924 n.Chr.

Pierre Loti

Inhaltsverzeichnis

An Bord des »Vaudreuil«

Oktober 1871

Wichtige, wenn auch sehr wenig bekannte Kanäle gehen von der Meerenge von Magellan aus und münden im Norden, zwischen Patagoniens Westküste und einigen noch unbetretenen Inseln, in den Golf von Penas, etwa 6 Breitengrade unter ihrem Ausgangspunkt. Im Gebiet dieser Küsten verblieben wir einen Monat, mit dem Auftrag, sie zu erforschen.

In einer Ausdehnung von hundertfünfzig Meilen durchmaßen wir ungeheuere ausgestorbene Landstriche. Mächtige Waldungen erstrecken sich über beide Ufer, Wälder, in welchen sich wohl nichts geändert hat seit der Erschaffung der Erde.

Die ersten Kanäle, in die unser Schiff einfuhr, waren eng und der Fahrt beschwerlich. Es waren gekrümmte Wasserwege, die in schroffe Gebirge gezwängt und stellenweise so in sie eingebaut waren, daß unser Mastwerk im Vorüberfahren die alten Bäume streifte, die ihren Schnee auf unsere Häupter schüttelten.

Doch bald weitete sich der Horizont, und nun zogen täglich, von Totenstille umwoben, neue Seen und Berge, Gletscher, hohe Wasserfälle und Flüsse, alle namenlos und unbekannt, an uns vorüber.

Je weiter Magellan zurückliegt und je näher die milderen nördlichen Gegenden rücken, um so mehr verliert das Antlitz der Landschaft seine strenge Trübseligkeit; das Laub ist weniger dunkel und weniger einförmig getönt, und den Waldboden bedeckt hohes goldbraunes Heidekraut. In tiefen Tälern, unter dem Dach uralter Bäume, von deren Kronen Wassertropfen stieben, ist das Dunkel fast so wie in finsterer Nacht, und hier unten breitet sich ein Überfluß an Moosen und unbekannten Farnen von nie geahnter Mannigfaltigkeit aus. Oben in den Zweigen singen viele kleine Vögelein.

Auch Wasserwild sehen wir in ungeheueren Mengen. Im Vorbeifahren stöbern wir ganze Volksmassen von pompös gefiederten Wildenten und Wildgänsen auf, lauter Tiere, deren Fleisch widerlich schmeckt, die wir aber doch gern hier treffen. Die riesenhaften Muscheln, die den Indianern zur Nahrung dienen, sind auch uns von großem Nutzen: in all ihren Schalen ruhen Perlen, zart blau und rosenrot getönt, die zweifellos bisher von niemandem zu Schmuck und Zier nutzbar gemacht worden sind.

Ausbooten und Ausflüge sind hier sehr schwierige Dinge; man dringt in diesem Lande nur vorwärts, indem man sich von Baum zu Baum schwingt, und man bekommt diese düsteren Streifzüge, das tiefe Schweigen ringsum und das völlige Abgeschlossensein bald satt. – Die Matrosen verbringen die Tage im Walde, wo sie Bäume absägen, um aus Mangel an Kohle die Maschine mit Holz zu nähren. Beim Einbruch der Winternacht kommen sie wieder an Bord, durchnäßt und durchfroren, und doch sehr beglückt, wenn sie etliche Pinguine und Muscheltiere für ihr Abendbrot erbeutet haben.

Von Zeit zu Zeit begegnen wir Ichthyophagen, und das ist gewöhnlich ein ungutes Zusammentreffen, das keinerlei Vorteile bietet. Die Matrosen haben eine abergläubische Angst, in die sich Ekel mengt, vor diesen Menschen, und lachen über sie, aber mit Vorbehalt, wie man Tieren mißtraut, die bei all ihrer Komik schädlich sind. Es wäre in der Tat unerquicklich, waffenlos in ihre gelben Hände zu geraten. Denn sind auch ihre Sitten noch wenig bekannt, so glaube ich doch mit Bestimmtheit sagen zu können, daß man unter großem Geschrei sofort zerrissen und verspeist würde. Ihre rauchenden Reisigfeuer verraten sie glücklicherweise auf weite Entfernungen, so daß ihrerseits keine Überraschungen zu befürchten sind.

Ihre Siedlungen, in welchen sich Reste von Muscheln, Knochen und mancherlei Unrat anhäufen, verbreiten einen Fäulnisgeruch, und alles, was sie umgibt, ist abstoßend schmutzig; es ist bei ihnen übrigens nicht die leiseste Spur einer Industrie zu entdecken, noch stehen ihre Stämme unter geregelter Organisation. Sie leben meistens in Familien zusammen, den Orang-Utans gleich, decken ihren Nahrungsbedarf durch Jagd und Fischerei, und verbringen den größten Teil ihres Lebens auf dem Wasser.

Ihre PiroguenKähne enthalten gewöhnlich vier oder fünf von ihnen, eine gleich große Anzahl Hunde und ein Feuer, das unvorsichtig, mit nur wenig Asche, auf dem Grund der Barke brennt.

In der Höhe der Insel Reine-Adelaide wurden wir eines Tages durch eine Pirogue mit solcher Besatzung erschreckt, die mit allen Zeichen des Entsetzens auf unser Schiff zusteuerte. Die Menschen sowohl als die Hunde heulten grauenhaft und wiesen uns weit offene Münder aus Gesichtern, die schon dem Jenseits zugekehrt waren. Jegliche Gefahr verachtend, warfen sie sich gegen unser Schiff, ohne zu bedenken, daß sie im nächsten Augenblick in Stücke gerissen sein könnten.

Wir hatten gedacht, sie wären besessen, doch waren sie nur halb verhungert, und im Nu wurde ihre Pirogue von den Matrosen mit Biskuit und Brot gefüllt, das sie gierig verschlangen.

Unser Schiff wurde noch zu mehreren Malen die Zuflucht der Eingeborenen, die sich zuweilen sogar erkühnten, an Bord zu kommen, und um Nahrungsmittel zu betteln. Einmal brach sogar eine regelrechte Panik unter ihnen aus, an einem Tage, da etliche von ihnen auf der Schiffsbrücke voller Gefräßigkeit vertilgten, was von der Suppe unserer Mannschaft übriggeblieben war, und sie nicht ahnten, daß zur selben Zeit der Taucher den Kiel der Fregatte überprüfte. Als sie nun den großen runden Kopf dieses unbekannten Ungeheuers aus dem Wasser ragen sahen, war ihr Entsetzen unbeschreiblich; in einem Augenblick stürzten sich alle über Bord, ließen ihre Piroguen und ihre Hunde im Stich und wir sahen, wie sie schwimmend, in heftigen Stößen, dem Ufer wieder zustrebten.

Eine solche Bevölkerung fügt sich trefflich in den Rahmen der seltsam wilden Gegenden, die sie bewohnt, und man wähnt sich in ihrer Mitte weit zurückversetzt in Epochen prähistorischer Zeit. Unter ihrem dunklen Himmel, in ihren uralten Wäldern, würden andere Menschen das Bild der Landschaft weniger gut ergänzen, und die Wirkung wäre dann viel weniger packend und gewaltig.

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