Auf fernen Meeren

Auf fernen Meeren

Tagebuchfragmente und Briefe

1924 n.Chr.

Pierre Loti

Inhaltsverzeichnis

Joinville, 15. März 1875.

Nach einer qualvollen, schlaflosen Nacht lag ich einen ganzen Tag schier betäubt, umgaukelt von seltsamen Spukbildern.

Die Luft ist schwer von herbem Duft, drückend lastet die Hitze, lähmend die tiefe Stille ringsumher. Das Meer liegt regungslos, ein blaßblauer Spiegel, unter der sengenden Sonne, und das Licht ist so grell, daß der Himmel darob erbleicht ...

Dort im Weiten glänzt ein bläulicher Streifen, die Küste von Guinea, – am fernsten Horizont die eintönige Linie der grünen Urwälder, die von Wellen umspült sind.

Wo ist sie, meine Heißgeliebte? Allein bin ich in dies Land zurückgekehrt, in das ich dir nachgefolgt war, du hast mich verlassen, ich hab' dich verloren. Und ein Abgrund gähnt zwischen einst und jetzt ...

Mein Geschick hat sich entschieden, ich blieb Seemann und ging zurück, – doch warum bin ich allein, warum hast du mich verlassen?

Die schwüle Luft ist von Gewittern schwer und ganz erfüllt von herbem Duft. Aus tiefen Wäldern steigen Fieberdünste: Das ist die unselige Küste, das Land der Wälder, die kein Ende haben.

Unter heißen, giftigen Pflanzen lauern Schlangen, und das unendliche Meer dehnt sich reglos unter dem glühenden Himmel ...

Neger locken dumpfe Töne aus dem hölzernen Tam-Tam. Zauberer gleiten auf Piroguen vorüber. Schweißglänzende Männer tauchen ihre Ruder tief ins heiße Wasser, das sich furcht wie eine Ölfläche ...

Nun hör' ich ein klagendes Lied von jungen schwarzen Weibern. Dann sehe ich Neger im Sonnenbrand friedlich schlafen in den Wurzeln der heiligen Bäume ...

Und dann erwache ich vollends, und meine Blicke weilen auf einem Strauß Schneerosen, der neben mir auf der Decke liegt. Ich selbst bin auf ein Ruhebett gestreckt, bin in meinem Zimmer in Joinville ... Es ist vier Uhr am Nachmittag. Düstere Winterdämmerung dringt durch die Fensterscheiben, und am offenen Feuer sitzt meine Ordonnanz.

Es ist die Zeit des ärztlichen Besuches. Und der Doktor findet, daß ich kein Fieber mehr habe, daß ich nur noch sehr entkräftet bin.

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