Sänger von Schiras

Der Sänger von Schiras

Gedichte des Hafiz aus dem Persischen übertragen von Friedrich von Bodenstedt

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Sei das Wort die Braut genannt,
Bräutigam der Geißt;
Diese Hochzeit hat gekannt,
Wer Hafisen preist.

                                         Goethe.

Einleitung

Vorbemerkung:

Der Name des Dichters hat immer den Ton auf der ersten Silbe: Hafis.

Unter allen Dichtern des Orients ist Hafis der bekannteste, und doch weiß man so wenig von seinen äußeren Lebensumständen, dass sich nicht einmal sein Geburtsjahr bestimmen läßt. In gewissem Sinne kann man ihn als einen Zeitgenossen Dante's betrachten; als dieser starb, stand Hafis noch im Jünglingsalter. Lässt sich das Jahr seiner Geburt nicht bestimmen, so weiß man dagegen mit Sicherheit, dass er 1389 nach unserer Zeitrechnung, in hohem Alter in seinem geliebten Schiras starb und begraben wurde. Etwa siebzig Jahre hindurch lebte er unter der Dynastie der Mussafferiden, welche im Jahre 1318 zur Gewalt gelangte und deren verschiedene Mitglieder ihre Residenzen in Schiras, Iesd, Rirmann und Ispahan hatten, bis Persien von Timur erobert wurde, der alle regierenden Häupter enthaupten ließ. Nach der Sage wurde auch Hafis von dem wilden Eroberer mit dem Tode bedroht, aber durch eine glückliche Antwort gerettet, worüber das Nähere aus den Anmerkungen zu dem Gedicht zu ersehen, welches beginnt: „Wenn von Schiras die schöne Maid“.

Der eigentliche Name des Dichters war Muhamed, zu welchem erst später die Appellativa kamen: Schemiseddin, das heißt „die Sonne des Glaubens“ und Hafis, „der Gedächtnisstarke“. Schemiseddin wurde er genannt, weil er sich schon frühe durch seine gläubige Frömmigkeit hervortrat, und Hafis, weil man ihm nachrühmte, dass er den ganzen Koran auswendig wisse.

Über seine frühesten Jahre geben allerlei wunderliche Sagen um, ähnlich wie über Shakespeare. So soll er erst bei einem Bäcker in der Lehre gewesen sein, nach Anderen bei einem andern Handwerker, und sich dann aus innerem Triebe theologischen Studien gewidmet und dabei mit großem Eifer Musik und Dichtkunst getrieben haben. Zu seinem mystischen Grübeleien und transcendentalen Forschungen war sein Führer der Scheich Mahmud Attär, der Vorstand eines Derwischklosters, in welches Hafis selber als Mitglied des Ordens eintrat. Er hatte das Glück, die besondere Gunst des gelehrten und freisinnigen Hadschi Riwameddin zu gewinnen, welcher lange Zeit als Wesir der Mussafferiden eine mächtige Rolle spielte und sich als Beschützer der Wissenschaft einen Namen machte. Hafis wurde in das Haus des Wesirs gezogen, um dessen Söhne zu unterrichten, und es wurde dann eine besondere Hochschule für ihn gegründet, an welcher er eine lange Reihe von Jahren hindurch mit großem Erfolg lehrte. Aber trotz des großen Andrangs von Schülern hatte er oft mit Not zu kämpfen, wie aus verschiedenen seiner Gedichte, welche ich ihm vierten Buche dieser Sammlung mitgeteilt habe, hervorgeht.

Je mehr er sich bei der Erklärung des Koran in die Dogmen vertiefte und je näher er das scheinheilige Treiben der Geistlichkeit seiner Zeit kennen lernte, desto freier entwickelte sich sein eigener Geist und trieb ihn zuletzt, nicht bloß die herkömmlichen Satzungen und feierlichen Äußerlichkeiten des Glaubens gar nicht mehr zu beachten, sondern auch der Heuchelei der Priester, Mönche und Derwische in seinen Liedern offen den Krieg zu erklären. So entstanden jene übermütigen Gedichte, welche die Laster der Geistlichkeit seiner Zeit unbarmherzig geißelten und doch zugleich, dass sie sich schnell im Herzen des Volkes und besonders des Jugend festsetzten.

Durch seine zahlreichen Schüler, denen er seine Lieder vortrug und erklärte, wurden diese bald durch ganz Iran getragen und einzeln in zahllosen Abschriften verbreitet. So war es natürlich, dass er sich die Geistlichkeit zur Feindin machte und es besonders mit den Asketen seiner Zeit verdarb. Diese, in vielen Stücken den katholischen Mönchen ähnlich, trugen eine Art Kapuze von Wolle, arabisch Suf genannt, woher sie die Bezeichnung Sufis erhielten. Der Sufismus in seiner tieferen Bedeutung ist schon in meinem „Nachlass des Mirza Schaffn“ und in einem Kapitel meiner „Völker des Kaukasus“ eingehender gewürdigt worden. Hier sei nur so viel darüber bemerkt, dass er eine Lehre bezeichnet, welche dem äußeren für alle Moslimen verbindlichen Gesetz des Korans ein inneres höheres Gesetz gegenüberstellt, welches der Sufi, dessen ganzes Leben religiöser Betrachtung geweiht ist, als einzige Richtschnur seines Handelns anerkennt. Durch Vertiefung und Versenkung in sich selbst, mit völliger Abkehr von der Welt und ihren Eitelkeiten, gelangt er vermöge einer oft durch künstliche Mittel herbeigeführten Strafe (arabisch H'al) in unmittelbare Vereinigung mit Gott und gewinnt so einen Blick in das Wesen der Dinge, welches ihn nach seiner Ansicht hoch über alle nicht Eingeweihten hinaushebt. Diese Geheimlehre, welche auch auf wirklich der Wahrheit nachstrebende erleuchtete Geister oft von segenbringender Wirkung gewesen ist, hat bei der tiefer stehenden Menge ihrer Anhänger auch viel Verderben angerichtet. Denn indem der Sufi kein andres Gesetz anerkennt, als welches er sich in seiner vermeintlichen höheren Einsicht selbst vorschreibt, und indem er Recht und Unrecht nur nach seinem Belieben unterscheidet, gelangt er leicht zu einer heillosen Selbsttäuschung, welche ihn vor keinem Verbrechen zurückbeben lässt, das er zu seinen Zwecken nötig erachtet.

Mit diesen Sufis nun hat es Hafis hauptsächlich in seinen Gedichten zu tun, bald mit denen, welche ein wirklich asketisches Leben führten, aber dabei zugleich mit frommen Hochmut gegen alle Freuden und Genüsse dieser Welt predigten und donnerten; bald auch mit denen, welchen ihre Sufi-Kutte und ihr heiliges Gebahren nur als Deckmantel geheim geübter Laster diente. Als eines der größten Laster galt zu jener Zeit das vom Propheten verbotene Weintrinken, welches von einigen strenggläubigen Regenten, wie man erzählt, sogar mit dem Tod bestraft worden sein soll.

Die Schahs und Sultane, an deren Höfen Hafis lebte, waren nicht so strenggläubig und hielten es mit dem Dichter, der im Trinken guten Weines keine Sünde finden konnte. Da aber das durch den Koran geheiligte Verbot doch öffentlich aufrecht erhalten werden musste und eine Menge höhere und niedere Beamten über diese Aufrechterhaltung zu wachen hatten, so geschah es häufig, daß Hafis in Konflikt mit der Polizeibehörde geriet und in Anklagestand versetzt wurde, wie aus vielen seiner Gedichte hervorgeht. Ernste Folgen scheint das niemals gehabt zu haben, da sowohl der Schah wie der Großwesir, sein Gönner, ihm immer durch die Finger sah. Beide scheinen ihm aber zu wiederholten Malen den guten Rat gegeben zu haben, durch seinen Hang zum Trinken kein öffentliches Ärgernis zu geben, sondern seinen Wein, von welchem er behauptete, dass er für ihn die Quelle frommer Gedanken und schöner Gedichte sei, immer nur heimlich im ganz vertrauten Kreise zu trinken. Hierauf beziehen sich wohl die Verse eines Ghasels, worin es heißt:

„Bei Hafisens Festgelagen
Im vertraulich stillen Kreis,
Haben Richter nichts zu sagen,
Weil der Kaiser davon weiß.“

Bei verschiedenen Gelegenheiten, wo Hafis die nötige Vorsicht nicht befolgte, scheint es sogar zu Tätlichkeiten zwischen ihm und der Polizeibehörde gekommen zu sein, denn in einem andern Gedichte kommen folgende Verse vor:

„Zerschlug der Wächter meinen vollen Krug,
War's Recht, daß ich ihm seinen Kopf zerschlug.“

Doch Schah Schedscha, der selbst ein glücklicher Dichter und leidenschaftlicher Weintrinker war, scheint seinem Lieblinge Hafis immer Alles wieder zum Besten gelenkt zu haben. Dazu kommt, dass Hafis oft den Wein in einer Weise besingt, welche es zweifelhaft erscheinen lässt, ob er wirkliches Rebenblut damit meint oder nur allegorisch davon spricht, so dass er sich in kritischen Fällen leicht damit ausreden konnte, er habe die Sache ganz anders verstanden. Auf der andern Seite fehlt es nicht an Beispielen in seinen Gedichten, dass er sich über diejenigen lustig macht, welche sein Lob des Weines allegorisch oder symbolisch deuten. So heißt es an einer Stelle:

„Symbolisch nimmt's der Thor in frommem Wahn,
Ich aber nehm' es, wie es schmeckt...“

Er scheint sich als schlauer Verser eben immer nach den Umständen gerichtet zu haben. Sicher ist, dass es seinen zahlreichen Feinden nie gelang, ihn aus der Gunst des Schah's und Großwesirs zu verdrängen und dass er bis in sein hohes Alter seinen eingeschlagenen ungebundenen Lebenspfad bei Wein und Gesang verfolgte.

Auf uns Abendländer machen die in Hafisens Ghaselen sich fortwährend wiederholenden Ermahnungen zum Weintrinken bald einen ermüdenden Eindruck, weil es bei uns kein Akt der Tapferkeit ist, heimlich oder öffentlich Wein zu trinken, wenn man Freude daran hat und Geld, ihn zu bezahlen. Es verhält sich damit ähnlich, wie mit den Freiheits- und Einheitsbestrebungen der deutschen Jugend zur Zeit unserer Knechtung und Zerrisssenheit. Eine im Liebe oder auch nur in Prosa ausgesprochene Sehnsucht nach dem, was wir heute haben, wurde damals als todeswürdiges Verbrechen verfolgt. Jetzt kann Jeder von Einheit und Freiheit sprechen, so viel er will, ohne dass ihm Kerker und Schaffot dafür drohen.

Von diesem Gesichtspunkt aus habe ich in verschiedenen Hafisischen Gedichten die sich immer wiederholenden Ermahnungen zum Weintrinken ganz weggelassen und nur die wirklich wertvollen Stellen verdeutscht.

In sehr vielen, um nicht zu sagen in den meisten persischen Ghaselen geben die doppelten Endreime dem Ganzen einen nur äußeren Zusammenhang; die verschiedensten Bilder und Gedanken werden an einander gereiht, ohne einen wirklich inneren Zusammenhang zu haben, und so findet man selten in ihnen die geschlossene Folge, welche bei unsern Gedichten erstes Gesetz ist. In zahlreichen Ghaselen boldet der Saki (Schenke) und Méji oder Bade (Wein) den stehenden Anfang und niemals weiß man, wo der Dichter hinaus will. Er setzt den Wein, für welchen die persische Sprache die verschiedenartigsten Ausdrücke hat, als Quelle der Begeisterung, tiefer Einsicht und wahrer Frömmigkeit den verschiedenen Hilfsmitteln entgegen, den sich die Sufis zu bedienen pflegten, um in die Extase zu gelangen, welche sie gleichsam über sich selbst hinausheben und zu unmittelbarer Vereinigung mit Gott führen sollte. Das beliebteste dieser Mittel war das Haschisch, der betäubende Saft des indischen Hanfsamens, cannabis indica, welcher noch heute im ganzen Morgenlande als ein Berauschungsmittel genossen wird. Es erzeugt nach dem Genuss die wunderbarsten Visionen, aber häufig genossen wirkt es auf die Dauer lähmend und zerstörend auf Geist und Körper.

Bekanntlich bedienten sich dieses Mittels auch die in der Geschichte der Kreuzzüge eine so große Rolle spielenden Ismaëliten1 (1Das Haupt der Ismaëliten wurde „der Alte vom Berge“ (Scheich el-dschebál) genannt; ihre Anhänger hießen Fedaï, d.h. Die Opferfreudigen.), welche dadurch ihre zahlreichen Anhänger gewannen, die für sie blindlings in den Tod gingen, weil sie glaubten, sofort aller Wonnen des Paradieses teilhaftig zu werden.

Dem Haschisch wird zugleich nachgerühmt, dass er auf die anmutigste Weise die Verdauung befördere und einen segensreichen Appetit erwecke. Darauf spielt ein ironisch gemeintes kleines Gedicht von Hafis an, in welchem er, um sich über die Sufis lustig zu machen, zum Genuss des Haschisch rät, welches aber ohne verhergehende Erklärung dem Leser so wenig verständlich sein würde, wie die vielen wunderlichen Ermahnungen zum Weintrinken:

„Iß vom Haschisch, dem grünen Korn,
Der reizenden Verdauungskost,
Wer nur ein Körnchen davon nimmt,
Steckt dreißig Vögel an den Rost.

Schon ein Atom des Kornes, das
Den Sufi hebt ins Geisterreich,
Verzückt dich hundertfach und macht
Dich hundertfach dem Simurg2 gleich.

(2 Der persische Wundervogel = Phönix.)

Da es den Widersachern von Hafis trotz aller erlaubten und unerlaubten Mittel nicht gelang, die immer wachsende Verbreitung seiner Gedichte zu hindern, so blieb den Schriftkundigen zuletzt nichts übrig, als sie mystisch zu deuten in ähnlicher Weise, wie bei uns dem hohen Liede Salomonis zur Erbauung der Gläubigen ein anderer Sinn beigelegt wurde als der ihm ursprünglich innewohnende. Er wurde bald allgemein die mystische Zunge (Lisân-ul-ghaib, d.h. Die Zunge des Verborgenen, Transzendenten) genannt und es ist in der Besprechung dieses Punktes sehr schwer, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, da es in unseres Dichters Liedern an mystischen Anspielungen und Ausdrücken nicht fehlt. Er sagt von sich selbst in einem Gedichte:

„Noch Keiner sang geheimnisvollen Klanges
Wie Du,
Noch Keiner bohrte Perlen des Gesanges
Wie Du.“

Man wird der Wahrheit am nächsten kommen durch die Annahme, dass Hafis eine von Grund aus fromme und gottesfürchtige Natur war, aber ein Feind alles Formelwesens und früh gereizt durch die Widersprüche, welche er zwischen den Worten der Bekenner des Glaubens und ihren Taten fand, aller Gleißnerei und Heuchelei offen den Krieg zu erklären. Dass er im Genuss des vortrefflichen, wenn auch verbotenen, roten Weines von Schiraz eine bessere Quelle der Begeisterung fand als die ihm feindlichen Sufis im Haschisch, beweisen seine Gedichte; dass er sich dabei oft zu weit von seinen Ausdrücken hinreißen ließ und den Wein als die Quelle alles Heils pries, erklärt sich leicht aus seinem Feuergeist und der Überschwänglichkeit, welche allen orientalischen Poeten eigen ist.

Beim Wein darf der Schenke nicht fehlen, unter welchem man sich keinen Kellner oder Aufwärter im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu denken hat, wie denn auch der Schauplatz der Hafisischen Wein- und Liebeslieder von unseren Weinstuben wohl zu unterscheiden ist. Aus dem strengen Verbot des Weines ergab sich von selbst, dass das Rebenkind nicht in öffentlichen Lokalen aufgesucht werden konnte. Für die bei Hafis am häufigsten vorkommenden Bezeichnungen des Ortes seiner Trinkgelage: déir und déir mughan, haben wir im Deutschen keine die Sache deckenden Ausdrücke. Déir heißt nämlich ursprünglich Kloster oder Tempel, und déir mughan Magiertempel.

Als der alte Parsencultus, dem Sonne, Sterne und das reine Feuer Symbole des höchsten waren, an welche man die Gebete richtete, durch den Islam verdrängt wurde, blieben doch viele seiner Tempel stehen und die Jünger Zoroaster's waren in Persien niemals ganz auszurotten. Diejenigen, welche sich nicht öffentlich zu dem alten, in seiner Reinheit so hochpoetischen Glauben zu bekennen wagten, blieben ihm doch heimlich treu, bekannten mit der Zunge den Islam, und mit dem Herzen die unsichtbare Gottheit, die sich am herrlichsten in der allbelebenden Sonne offenbart und in ihrem Ausflusse, dem läuternden Feuer, welches das Himmelslicht ersetzen muss wo es fehlt.

Das Feuer wohnt auch im Weine, und kann sich hier obgleich dem äußeren Auge nicht sichtbar, tieferblickenden Geistern in seinen Wirkungen ebenso segensvoll und – wenn mißbraucht – unheilvoll offenbaren wie das sichtbare Feuer. Ja, bei näherer Betrachtung der Sache kann der Gläubige wie der Sophist leicht zu dem Schlusse kommen, dass das unsichtbare Feuer im Wein ein viel würdigeres Symbol der unsichtbaren Gottheit sein, als das durch rohe Stoffe genährte sichtbare Feuer.

Zu den alten Magiertempeln – wie die Perser die heiligen Stätten der Gebern oder Parsen nannten – ging der Cultus des Weines mit dem des Feuers Hand in Hand, und fand besonders in Schiras, wo die edelsten Reben wachten, immer begeisterte Anhänger. So fing auch Hafis: „Laßt uns im Land den Feuerdienst erneu'n des alten Serduscht (Zoroaster).“ Und an einer anderen Stelle: „In allen Magiertempeln lebt kein Mann aus Rand und Band wie ich!“

Weitere Beispiele findet man in den Gedichten selbst, deren Verständnis wesentlich erleichtert wird, wenn der Leser schon vorher weiß, wie es gekommen, dass das persische déir zugleich Kloster, Tempel, Weinhaus und Schenke bedeutet. Es wird oft auch bildlich die Welt damit bezeichnet, in der wir leben.

Diesem geweihten Beigeschmack des Wortes und Ortes entspricht auch die Stellung des Wirtes, unter welchem man sich einen welterfahrenen, wohlunterrichteten und aufgeklärten Mann zu denken hat, mit dem sich ein verständiges Wort reden lässt und der die Gäste wohl zu unterscheiden weiß, für welche er die Quelle der Begeisterung springen lassen darf. Um Geldgewinn ist es ihm dabei weniger zu tun, als um gute Unterhaltung; er ist nicht der Diener seiner Gäste, sondern verkehrt mit ihnen auf gleichem Fuße, oder nimmt, wenn er nicht gerade einen Hafis vor sich hat, eher eine überlegene als untergebene Stellung ein.

Die Verdeutschung des persischen pir, wie Hafis gewöhnlich seinen alten Weinspender nennt, durch Wirt ist eine ebenso unzulängliche wie die des persischen déir durch Schenke oder Weinhaus. Pir ist nämlich ein Ehrentitel, etwa wie Patriarch; man bezeichnet damit den Vorstand einer religiösen Gemeinschaft, aber im gewöhnlichen Leben auch jeden ehrwürdigen alten Mann.

In Abwesenheit des alten Wirtes vertritt der junge Schenke (persisch saki) seine Stelle, und in den Hafisischen Liedern spielt der Saki eine noch größere Rolle als der Pir.

Ich darf es, nach den vorausgeschickten Bemerkungen, schon wagen, im Folgenden den Schenken immer Saki zu nennen, um an das fremde Wort noch einige Bemerkungen über fremde Sitte zu knüpfen.

Jeder einigermaßen mit der Literatur der Griechen und Römer Bekannte weiß, dass besonders bei jenen, zur Zeit ihrer höchsten geistigen Blüte, zwischen älteren und jüngeren Männern häufig Freundschaftsverhältnisse vorkamen, welche völlig den Charakter der Liebe annahmen und an Innigkeit die Geschlechtsliebe noch weit übertrafen.

Ähnliche Zustände muss man sich, um Hafisens Gedichte ganz zu verstehen, in Persien denken, wo es noch heute vorkommen kann, dass ein schöner Jüngling durch sein bloßes Erscheinen in der Gesellschaft älterer Männer diese in ebensolche Begeisterung versetzt, wie der schöne Autolykos den Kallias und seine Gäste im Gastmahl des Xenophon.

Wenn nun schon ein so ernster und nüchterner Autor wie Xenophon sich von dem männlichen Gegenstande seiner Begeisterung so hinreißen lässt, dass er in der Schilderung der Reize und bezaubernden Anmut des Jünglings selbst zum Poeten wird, was hat man da erst von einem persischen Dichter zu erwarten, welchem Überschwang der Gefühle und des Ausdruck schon im Blute steckt! Doch eben deswegen muss man sich bei Hafis wohl hüten, Alles wortwörtlich zu nehmen; man würde sonst in einen unlösbaren Knäuel von Widersprüchen verwickelt werden. Ich schließe mich der Auffassung Goethe's an, der über den angeregten Punkt in seinen Noten und Abhandlungen zum welt-östlichen Divan sagt:

„Die Wechselneigung des späteren Alters deutet eigentlich auf ein ächt pädagogisches Verhältnis. Eine leidenschaftliche Neigung des Kindes zum Greise ist keineswegs eine seltene, aber selten benutzte Erscheinung. Hier gewahre man den Bezug des Enkels zum Großvater, des spätgebohrenen Erben zum überraschten zärtlichen Vater. In diesem Verhältnis entwickelt sich eigentlich der Klugsinn der Kinder; sie sind aufmerksam auf Würde, Erfahrung, Gewalt des Älteren; rein geborene Seelen empfinden dabei das Bedürfnis einer ehrfurchtsvollen Neigung; das Alter wird hievon ergriffen und festgehalten. Empfindet und benutzt die Jugend ihr Übergewicht, um kindliche Zwecke zu erreichen, kindliche Bedürfnisse zu befriedigen, so versöhnt und die Anmut mit frühzeitiger Schalkheit. Höchst rührend aber bleibt das heranstrebende Gefühl des Knaben, der, von dem hohen Geist des Alters erregt, in sich selbst sein Staunen fühlt, das ihm weissagt, auch dergeichen könne sich in ihm entwickeln.“

Ferner ist zu bemerken, dass ein Dichter nicht Alles erlebt zu haben braucht, was er besingt, aber nicht so, wie er's besingt, und dass Hafis nicht ohne Grund die „mystische Zunge“ genannt wird.

Bei uns Abendländern ist es weder ungewöhnlich noch gilt es für anstößig, dass Dichterinnen und Schriftstellerinnen die Reize ihrer Heldinnen mit besonderer Vorliebe schildern und sie mit allem poetischen Zauber umweben, der ihrer Begeisterung zu Goethe steht. Ein Dichter hingegen würde sicher Anstoß geben, wenn er die männlichen Lieblinge seiner Muse in ähnlicher Weise verherrlichen wollte: germanische Sitte und Gewohnheitsmacht wird sich immer sträuben gegen einen Freundschaftscultus, der von Liebesschwärmerei kaum zu unterscheiden ist, gleichviel ob diese wirklich besteht oder nur im Gedicht.

Die Tatsache, dass sehr viele Hafisische Gedichte solchem Freundschaftscultus huldigen, ist gewiss ein Haupthindernis gewesen, sie bei uns einzubürgern. Hafisens Name ist durch Goethe's welt-östlichen Divan jedem gebildeten Deutschen geläufig geworden, aber seine Werke sind in weiteren Kreisen noch wenig oder nicht bekannt, obgleich schon lange zwei vollständige Übersetzungen davon vorliegen, die beide als Werke liebevollen Fleißes, begeisterter Ausdauer und umfassender Gelehrsamkeit zu rühmen sind.

Sie erste, bahnbrechende Übersetzung von Joseph v. Hammer erschien schon im Jahre 1812; ihr verdankte Goethe die bedeutendsten Anregungen zu seinem welt-östlichen Divan. Die andere, von Bincenz v. Rosenzweig, folgte in den Jahren 1858-64, in einer sehr stattlichen Ausgabe mit dem persischen Text zur Seite. Sie zeichnet sich dadurch vor jener aus, dass sie, bei gleichem Streben nach treuer Wiedergabe des Inhalts, doch weist einen klareren Ausdruck dafür findet überhaupt poetischen Erwartungen mehr entgegenkommt.

Beiden trefflichen Männern war ich schon vielfach zu Dank verpflichtet, lange bevor ich selbst daran dachte, mit einer Arbeit über Hafis an die Öffentlichkeit zu treten. Dieser Gedanke lag mir bis vor kurzem noch ferner als meine orientalischen Studien, von denen ich schon früh durch andere Aufgaben abgezogen wurde. Die Verlockung, sie wieder aufzunehmen, trat, mit jenem Gedanken, von Außen an mich heran, und ich bin ihr erlegen, nachdem alle Sünde, die sich dagegen anführen ließen, erschöpft waren. Die Anregung kam von Dr. Lenz, dem Schriftführer des Vereins für Deutsche Literatur, welcher den Verfasser der Lieder des Mirza Schaffy besonders berufen erachtete, auch den altpersischen Dichter in Gehalt und Gestalt in weiteren Kreisen heimisch zu machen, als er bisher gewesen.

Der ganze Hafis ist für einen Deutschen ein ebenso schwer verdauliches Gericht, wie der ganze Goethe für einen Perser sein würde, denn auch in den Werken des größten Dichters findet sich Vieles, was nur in seinem eigenen Volke, und selbst da nur einem verhältnismäßig kleinen Kreise, volles Verständnis finden kann.

Mein Augenmerk war also vornehmlich darauf gerichtet, aus den Hafisischen Gedichten eine Auswahl zu treffen, welche des Dichters Eigenart und Vorzüge charakterlich veranschaulicht und alles Übrige als Nebensache behandelt.

Ich habe von jeher das Bedürfnis gefühlt, mich beim Studium fremder Dichter durch Übersetzungsversuche mit ihnen in ein näheres Verhältnis zu bringen und mir so über ihre Eigentümlichkeit klar zu werden. Meine ältesten Übersetzungsversuche aus Hafis reichen schon über ein Menschenalter zurück. Später reihete sich dann noch manches Blatt daran, um endlich eine lange Reihe von Jahren hindurch ganz vergessen zu werden. Doch als ich meine Kräfte prüfte zur Lösung der mir so unerwartet gekommenen neunen Aufgabe, erschienen mir die alten vergilbten Hefte als beste Bundesgenossen; sie trugen noch Farbe, Stempel und Hülle des Morgenlandes und halfen mir bald wieder den rechten Ton finden. Als ich einmal warm bei der Arbeit geworden war, ging sie rasch von Statten und half mir sogar über schwere Prüfungstage hinweg, die das Schicksal gazwischen warf. Sehr gelegen kam mir auch eine neue englische Übersetzung des persischen Dichters von Hermann Bicknell (London, bei Trübner, 1875), dem ein ähnliches Ziel vorgeschwebt hat wie mir, nämlich dieses: nur solche Gedichte aufzunehmen, welche auch in der Übersetzung einen poetischen Eindruck machen, und von andern, welche durch ihre Länge ermüden, die Spren aufzuschreiben und nur das Korn zu bewahren.

Die meisten persischen Ghasele werden nämlich, wie schon bemerkt, nur durch das Band des Reimes zusammengehalten, während ihnen die innere Einheit fehlt oder wenigstens kein notwendiges Erfordernis ist. Die Dichter selbst vergleichen die einzelnen Verspaare mit Perlen, welche, auf eine Schnur gereiht, ein Ghasel bilden. Wie viel oder wie wenig solcher Perlen auf die Reimschnur gezogen werden, ist meistens ganz gleichgültig, vorausgesetzt dass es nicht weniger als fünf und nicht mehr als elf Distichen enthält, weil es sonst aufhört ein Ghasel zu sein.

In einem regelrechten Ghasel muss der unveränderliche Endreim noch einen Reim vor sich haben und beide müssen das ganze Gedicht so durchziehen, dass die ersten zwei Verszeilen reimen, bei den folgenden aber der Reim immer nur in der zweiten Verszeile wiederkehrt. z.B.

Lenk, frommer Eif'rer, meinen Blick nicht stets zum
Paradiese auf:

Gott schloß mir, als er mich erschuf, nicht j e n e Welt,
nur diese auf.

Zwei solchergestalt reimende Verszeilen heißen das Königsdistichen, welches den Ton angiebt, der dann, wie oben bemerkt, bestimmend für die Fortsetzung bleibt. Das zweite Distichen würde also lauten:

Wer keine Saat für Gott gesä't, dem wächst im Gang der Sterblichkeit
Kein Körnchen aus dem Ackerfeld, kein Blümlein aus
der Wiese auf.

So geht es innerhalb der gezogenen Grenzen weiter und am Schluss des Ghasels muss immer der Name des Dichters genannt werden:

O Hafis! Bleibt dir Gottes Huld, so bange nicht vor Höllenpein,
Und hoffend richte Deinen Blick getrost zum Paradiese auf!

Enthält ein Gedicht nur vier Verszeilen, welche in oben bestimmter Weise reimen, so heißt es ein Rubaj (Vierzeile mit drei Reimen). z.B.:

Seit Deiner Blicke meine Blicke trafen,
Sind meine Augen Deiner Augen Sclaven,
Der Schlaf ist Allen süß; Dein Bild im Auge
Verwehrt den Eintritt ihm: ich kann nicht schlafen.

Eine gereimte Doppelzeile heißt Mesnewi. z.B.:

Zum Kampf gerüstet ward von Schicksal Jeder:
Das Schwert schwingt Dieser, Jener schwingt die Feder.

Man ersieht aus den angeführten Beispielen, dass beim Übersetzen das Ghasel die größten Schwierigkeiten bietet, besonders in unsrer reimarmen Sprache, die es in vielen Fällen geradezu unmöglich macht, die persischen Ghasele ebenbürtig wiederzugeben. Und wo man das nicht kann, da soll man die strenge Form lieber fallen lassen, wie Bicknell – dessen Übersetzungen fast durchweg musterhaft zu nennen sind – überall getan hat, indem er sich begnügte die Ghaselform in einer Anzahl von Gedichten bloß durch den unveränderlichen Endreim anzudeuten und diesen wechselnde Reime vorhergehen zu lassen, während er in den meisten Fällen nur die gereimte Doppelzeile anwendet

Ich habe die Ghaselform angewandt, wo sie mir von selbst aus der Feder sprang und auch wo es sonst tunlich erschien, ohne den Sinn zu schädigen oder der Sprache Gewalt anzutun. In anderen Fällen habe ich sie nur angedeutet und wieder in anderen ganz gesprengt; überall aber bin ich bemüht gewesen das Fremdartige so treu wiederzugeben, wie der Genius der deutschen Sprache das irgend erlaubte. Sach- und worterklärende Anmerkungen konnten nicht ganz umgangen werden, doch bin ich möglichst sparsam damit gewesen, da meine Arbeit selbst den Schein gelehrter Ansprüche vermeiden und nur poetisch wirken will. Ich habe deshalb in meiner Auswahl auch absichtlich nicht die alphabetische Reihenfolge eingehalten, in welcher die Gedichte des Urtextes uns überliefert sind, weil diese nur für Perser oder des Persischen kundige Leser insofern zweckmäßig ist, als sie das Aufsuchen der einzelnen Gedichte erleichtert, mit deren Inhalt sie übrigens gar nichts zu tun hat. Denn die Ordnung der persischen Gedichte bietet weder einen chronologischen Überblick ihres Entstehens, noch irgendwelchen inneren Zusammenhang: Sie wird einzig und allein bedingt durch den letzten Buchstaben der ersten Verszeile eines jeden Ghasels. Hier ein Beispiel:

Eger an turki schirasi bedest ared dili mara -

Dies ist die erste Verszeile eines Ghasels, deren letzter Buchstabe a lautet; a ist der erste Buchstabe des Alphabets, der im Persischen Elif heißt und mit welchem die Reihenfolge der Gedichte des Divan beginnt. Das obige Ghasel ist also, wie alle anderen, deren erste Verszeile aus a austönt, unter dem Buchstaben Elif zu suchen, der die erste Abteilung des Divan bezeichnet, welche fünfzehn Nummern enthält.

Dann folgt, in ähnlicher Weise eine Abteilung bildend, der Buchstabe Be, und so geht’s fort durch das ganze Alphabet. Man kann danach ein Gedicht, dessen Anfang man kennt, leicht finden, selbst wenn es in den verschiedensten Sammlungen nicht unter gleicher Nummer steht, wie das wohl vorkommt. So besitze ich z.B. ein sehr schönes, altes Manuskript des Hafisischen Divan, in welchem das oben angeführte Ghasel als zweites steht, während es in anderen Handschriften und gedruckten Ausgaben des Hafis gewöhnlich als achtes vorkommt.

Als die beste kritische Ausgabe gilt heute selbst im Orient die von Hermann Brockhaus („Die Lieder des Hafis. Persisch mit dem Kommentar des Sudi. 1863“). In dem Nachworte zu der Vorrede seines Werkes versprach der Herausgeber, eine treue Übersetzung des persischen Textes folgen zu lassen, was leider noch nicht geschehen ist. Eine solche Übersetzung in Prosa, basiert auf den Erklärungen Sudi's, eines gelehrten Türken, den den besten Kommentar zu Hafis geschrieben, würde gewiss manches neue Licht auf die vielen dunkeln Stellen des Urtextes werfen, dessen volles Verständnis bis jetzt noch das Geheimnis nur weniger Orientalisten ist, die sich sein Studium zur Lebensaufgabe gemacht haben.

So mögen denn auch tiefer Eingeweihte manchen kleinen Irrtum in meinem Versuche entdecken, Hafis in deutscher Sprache poetisch so reden zu lassen, wie ich, mit Benutzung aller mir zu Gebote stehenden Hilfsmittel, ihn verstanden habe. Jedenfalls wird er hier in einem neuen Lichte erscheinen, das die mächtige Stirn des Denkers ebenso klar zeigt, wie die weltspiegelnden Augen des Dichters und auch den feingeschnittenen Mund des geistvollen Spötters, der mit überlegenem Humor die Torheiten der Menschen belächelt.

Ich habe Hafis als einen altbefreundeten, hochverehrten Gast bei mir aufgenommen, um ihn, nach der Reinigung von Staube des weiten Weges, in die Kreise meiner Bekannten einzuführen, wo er nun für sich selbst reden und singen mag. Er wird Lieder singen von ganz eigentümlicher Schönheit, und Sprüche der Weisheit reden, die anmutiger klingen als die Sprüche des blasirten Salomo.

Nach seinem Glauben darf man ihn nicht fragen, sonst wird er böse, denn der Dichter fängt bei ihm erst da an, wo der Korangläubige aufhört.

Dafür verlangt er auch von Andern nicht die kindlichen Glauben, dass er all den Wein getrunken, den er sich im Liede kredenzen lässt, und all die Schönen so überschwänglich geliebt habe, wie er sie befing.

Wein und Liebe gehören einmal zu einem persischen Liede, weil jener den Reiz des Verbotenen, und diese – wegen der strengen Abgeschlossenheit, in welcher die Perserinnen leben – ihre großen Schwierigkeiten hat, die sich im Liede leichter überwinden lassen als im Leben. Man darf es also damit nicht so genau nehmen, und ebensowenig mit dem andern schon berührten Punkte, dass schöne Jünglinge noch öfter bewundert werden als schöne Mädchen, weil diese zu sehen zu den seltensten Glücksfällen gehört. Zudem ist es oft zweifelhaft, ob der Dichter von einem Freund oder einer Freundin spricht, da die persische Sprache für unsere Pronomina er und sie nur Einen Ausdruck hat: u. Ich habe mir deshalb die Freiheit genommen, dieses u immer mit sie zu übersetzen, wo der Sinn des Gediches das irgend erlaubte.

Aus dem Selbstlobe, welches der Dichter häufig dem Schlussdistichon des Ghasels einflicht, darf man nicht auf eitle Überhebung schließen; es gehört nach persischem Brauch und Herkommen dazu, wie die Krone zum Baume und entspringt dem richtigen Gefühle, dass ein Poet, der nichts Besonderes zu sagen hat, lieber schweigen soll, als Gedichte in die Welt schicken, die ihm fehlt nicht gefallen.

Hafis hatte, wie aus verschiedenen seiner Gedichte hervorgeht, viele Nebenbuhler, Neider und Gegner; im Kampf mit ihnen musste ihm wohl das Bewusstsein hoher Überlegenheit aufgehen, wie es sich in manchem Ghasel offenbart, bald anmutig scherzhaft, bald ernst, bald ironisch. Zur Zeit des Entstehens hatte gewiss jedes seiner Gedichte einen beziehungsvollen Reiz, der natürlich heute nicht mehr in jedem nachzuweisen ist, da Hafisens Name allein sich erhalten hat, während die Namen seiner kritischen Gegner verschollen sind, von denen er singt:

Laß die Schwätzer ihre Zunge
Schonen, Tadel auszuhauchen:
Auch mein Kiel hat eine Zunge
Und versteht sie zu gebrauchen.

Oder an einer anderen Stelle:

O Hafis! Dir gebührt der Dichtkunst Preis,
Dich tadelt nur, wer selbst nichts kann und weiß!

Schon hat ein halbes Jahrtausend dieses Urteil bestätigt, und ehe abermals ein halbes Jahrtausend vergangen, wird von dem ganz versunkenen islamischen Persien kaum noch eine andere Erinnerung an die Zeiten seines Glanzes übrig geblieben sein, als die Ruhmesdenkmäler, welche ihm Firdusi in seinem Schahname (durch A.F. Von Schack vortrefflich ins Deutsche übertragen) und Hafis in seinem Divan gesetzt.

Aber obgleich der große Lyriker zu sich selbst sagt:

Laß, Hafis, neue Lieder hören,
Denn: zeichnest Du auf's Blatt der Welterfahrenen
Ein Lebensbild, bleibt's festgestellt
Als Denkmal, nimmer zu zerstören -

hat er doch immer sorglos seine Lieder in die Welt hinausfliegen lassen, ohne sich weiter um ihr Schicksal zu kümmern. Seine Schüler sammelten die losen Blätter, die bald in Abschriften von Hand zu Hand und von Land zu Land gingen und dem Dichtersolchen Ruhm erwarben, dass viele Fürsten ihn an ihre Höfe einluden. Doch er folgte nur einer Einladung nach Jesd, zum Schah Jahjá, wo er es nicht lange aushielt, da ihm sein geliebtes Schiras über alles ging. Er hat die von ihm so hoch verherrlichte Stadt nie wieder verlassen und die kurze Zeit der Trennung von ihr hat ihm nur Sehnsuchtslieder entlockt, wovon ein paar im vierten Buche dieser Sammlung: „Aus des Dichters Leben“ zu finden. Überhaupt habe ich in dem vierten Buche nur solche Gedichte zusammengestellt, welche tiefere Blicke in des Dichters Herz tun lassen, ihn uns menschlich näher bringen und auch sein Verhältnis zu dem Hofe veranschaulichen, an welchem er den größten Teil seines Lebens zubrachte, ohne, trotz der Armut, in welcher er lebte, seiner Dichterwürde je das Geringste zu vergeben.

Seine ganze Lebenszeit war eine Zeit wilder Kriege gewesen, und den wildesten, den Einbruch des Weltstürmers Timur in Persien, sollte er noch kurz vor seinem Tode erleben.

Er liegt in Mosella, einer Vorstadt von Schiras begraben, und über seinem Grabe wurde später ein prächtiges säulentragendes Denkmal errichtet, zu welchem die Verehrer seiner Muse noch heute aus der Nähe und Ferne wallfahrten wie zum Grabe eines Heiligen.

Es sollte ihm jedoch nicht leicht werden, unter die Erde zu kommen, da sich gleich nach seinem Tode unter den Priestern ein Streit darüber erhob, ob ihm, der durch seine Lieder so viele Gläubige an der Unfehlbarkeit des Koran irre gemacht, ein ehrliches Begräbnis zu gestatten sei, oder nicht. Seine Anhänger behauptetetn, er habe unter den verhüllenden Worten des Sinnlichen und Irdischen nur das Übersinnliche und Himmlische gemeint, und sie schlugen den zweifelnden Gegnern vor, das Schicksal zu befragen, dessen Anspruch die Sache entscheiden sollte.

Gegen dieses landesübliche Verfahren, Tefa'ul genannt, konnte Nichts eingewendet werden. Die Frage wirn an das Schicksal in der Weise gerichtet, dass man mit einer langen Nadel oder etwas dergleichen in den Koran sticht und die getroffene Stelle als Wahrspruch betrachtet. Es kann aber auch ein anderes geschätztes Buch zu dem Zwecke benutzt werden, und Hafisens Gegner wählten eine Sammlung seiner eigenen Gedichte, um ihn durch sich selbst verurteilen zu lassen.

Allein das Schicksal entschied anders. Die verhängnisvolle Nadel traf die Schlussverse eines Ghasels, welche lauten:

„O geht nicht an Hafisens Grab
Vorüber! Ob sich's auch erwiese
Daß er voll Sünden sank hinab:
Er geht doch ein zum Paradiese!“

Und so konnte man ihm ein ehrenvolles Begräbnis nicht länger verweigern. Vergebens suchten die rechtgläubigen Scheiche, Ulémá, Sufis und Derwische nun auch seine Gedichte zu begraben, allein diese waren auf keine Weise umzubringen. So wurden sie denn in Persien mytisch gedeutet und in der Türkei ganz verboten, später aber, in Folge eines Fatwa (Gutachten) des berühmten Mufti Abusu'ûd wieder freigegeben, als viel Gutes und Wahres, wenn auch dazwischen mancherlei Anstößiges enthaltend, das den verständigen Leser nicht beirren werde.

Dass unserem Dichter der Wein etwas höheres bedeutet als dem gewöhnlichen Trinker, wird man gleich aus den Eröffnungsversen des ersten Buches ersehen, welche ich dem Sakinâme entnommen habe, dessen nähere Bekanntschaft der Leser im sechsten Buche vorliegender Sammlung machen wird.

Hannover, Mitte Novemer 1876

F.B.

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