Der Sieg des Islam

Der Sieg des Islam

von Edward Gibbon

 
bullet Inhaltsverzeichnis

Drittes Kapitel - Die griechischen Kaiser

Plan des noch folgenden Teiles des Werkes. – Folge und Charaktere der griechischen Kaiser von Konstantinopel bis zur Eroberung durch die Lateiner

Ich habe nun in regelmäßiger Folge die römischen Kaiser von Trajan bis Konstantin und von Konstantin bis Heraklius angegeben und die günstigen wie die widrigen Ereignisse ihrer Regierungen getreu dargestellt. Fünf Jahrhunderte des Abstieges des Reiches sind bereits verflossen, aber eine Periode von mehr als achthundert Jahren trennt mich von dem Ziel meiner Arbeit, der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken. Wenn ich auf dem eingeschlagenen Wege beharren und in derselben Art fortfahren wollte, so würde sich ein schwacher Faden durch manchen Band ziehen, auch würde der geduldige Leser nur eine unangemessene Belohnung durch Belehrung oder an Vergnügen finden. Mit jedem Schritt, mit dem wir bei der Abnahme und dem Verfall des Reiches tiefer sinken, würden die Annalen jeder der aufeinanderfolgenden Regierungen eine peinlichere und niederdrückendere Aufgabe stellen. Diese Annalen wären eine eintönige Darstellung und Wiederholung von Schwäche und Elend. Die natürliche Verbindung der Wirkungen und Ursachen würde durch häufige und schnelle Übergänge unterbrochen werden, und eine ins Einzelne gehende Anhäufung von Umständen müßte die Wirkung jener allgemeinen Schilderungen vernichten, die den Nutzen und Schmuck einer frühen Geschichte bilden. Von der Zeit des Heraklius an verengt und umdüstert sich der byzantinische Schauplatz; die Reichsgrenzen, wie sie durch Justinians Gesetze und Belisars Waffen bestimmt wurden, entziehen sich unseren Blicken. Der römische Name, der eigentliche Gegenstand unserer Forschungen, wird auf eine kleine Ecke von Europa, auf die einsamen Vorstädte von Konstantinopel beschränkt, und das Schicksal des griechischen Reiches ist jenem des Rheins verglichen worden, dessen Gewässer sich im Sande verlieren, bevor sie sich mit dem Ozean vereinigen können. Der Maßstab der Herrschaft verkürzt sich für uns durch die zeitliche und örtliche Entfernung, und der Verlust äußeren Glanzes wird nicht durch die edleren Eigenschaften der Tugend und des Genies ersetzt, die in der Geschichte keinen besonderen Raum einnehmen. Konstantinopel war im letzten Moment seines Verfalles ohne Zweifel reicher und bevölkerter als Athen in seiner blühendsten Zeit, in der die einundzwanzigtausend erwachsenen männlichen Bürger die geringe Summe von sechstausend Talenten oder von zwölfhunderttausend Pfund besaßen. Aber jeder dieser Bürger war ein freier Mann, der es wagte, die Freiheit seiner Gedanken, Worte und Taten zu behaupten, dessen Person und Eigentum durch ein gleiches Gesetz geschützt waren und der unabhängig bei Regierungsfragen mitbestimmte. Ihre Zahl scheint sich durch die starken und vielfachen Charakterunterschiede zu vervielfältigen. Unter dem Schilde der Freiheit, auf den Fittichen des Wetteifers und der Eitelkeit strebte jeder Athener nach der höchsten Würde der Nation. Einige ausgewählte Geister erhoben sich über den Durchschnitt, und das Vorkommen überlegener Talente in einem großen und volkreichen Königtume dürfte, wie die Erfahrung zeigt, die falsche Berechnung nach Millionen entschuldigen. Die Gebiete von Athen, Sparta und ihren Bundesgenossen übertreffen an Flächeninhalt kaum eine mittlere Provinz von England oder Frankreich; aber nach dem Siege bei Salamis und Platää erweitern sie sich in unserer Phantasie zum gigantischen Umfange von Asien, das von den siegreichen Griechen unterjocht worden ist. Aber die Untertanen des byzantinischen Reiches, welche die Namen der Griechen und der Römer annahmen und entehrten, zeigen nur eine tote Einförmigkeit zu verwerfender Laster, die weder durch menschliche Schwäche gemildert, noch durch denkwürdige Verbrechen belebt sind. Die freien Männer des Altertums konnten hochherzig mit Enthusiasmus den Ausspruch Homers wiederholen, »daß der Gefangene am ersten Tage seiner Knechtschaft die Hälfte seiner Manneskraft verliert«. Aber der Dichter hatte nur die Wirkungen bürgerlicher oder häuslicher Sklaverei gesehen und konnte nicht voraussagen, daß die zweite Hälfte der Manneskraft durch den geistigen Despotismus, der nicht bloß die Handlungen, sondern selbst die Gedanken des am Boden liegenden Anbeters in Fesseln legt, verloren gehen muß. Dieses doppelte Joch wurde den Griechen unter den Nachfolgern des Heraklius auferlegt; der Tyrann – ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit – wurde durch die Laster seiner Untertanen herabgewürdigt, und auf dem Throne, im Lager, in den Schulen suchen wir vergeblich mit Fleiß nach Namen und Charakteren, die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen. Auch werden die Mängel des Gegenstandes durch die Geschicklichkeit und Zahl der Maler keineswegs ersetzt. Während achthundert Jahren breitet sich über die vier ersten Jahrhunderte eine Wolke, die nur zuweilen durch schwache und gebrochene Strahlen historischen Lichtes zerrissen wird. In den Biographien der Kaiser von Mauritius bis Alexius ist der einzige Basilius der Makedonier der Gegenstand eines besonderen Werke gewesen, und der Mangel oder der Verlust oder die Unvollständigkeit zeitgenössischer Zeugnisse muß spärlich durch die zweifelhaften neuerer Historiker ersetzt werden. Für die letzten vier Jahrhunderte kann der Vorwurf der Armut nicht erhoben werden; mit der Familie der Komnenen lebt die historische Muse von Konstantinopel auf, aber ihre Tracht ist bunt, ihre Bewegungen sind ohne Gefälligkeit und Anmut. Eine Reihe von Priestern oder Höflingen traten einer in des anderen Fußstapfen auf demselben Pfade der Knechtschaft und des Aberglaubens; ihre Ansichten sind engherzig, ihr Urteil ist schwach oder verderbt, und wir schließen das Buch voll weitschweifiger Dürre, wie zuvor im Dunklen bleibend über die Ursachen der Ereignisse, die Charaktere der handelnden Personen und die Sitten der Zeit, die es preist oder beklagt. Die Beobachtung, die an einem Menschen gemacht worden ist, daß die Kraft des Schwertes sich der Feder mitteilte, läßt sich auf ein ganzes Volk ausdehnen, und die Erfahrung wird bestätigen, daß der Ton der Geschichte sich mit dem Geiste des Jahrhunderts hebt und senkt.

Aus diesen Rücksichten würde ich die griechischen Sklaven und ihre knechtischen Geschichtschreiber mit Vergnügen aufgegeben haben, wenn ich nicht bedacht hätte, daß das Schicksal der byzantinischen Monarchie im Zusammenhange mit den glänzendsten und wichtigsten Umwälzungen steht, die den Zustand der Erde verändert haben. Die verloren gegangenen Provinzen wurden bald zu neuen Kolonien und aufstrebenden Königreichen. Friedliche und kriegerische Begabungen flüchteten von den besiegten zu den siegreichen Nationen, und nur in ihrem Ursprünge und Eroberungen, in ihrer Religion und Regierungsverfassung können wir die Ursachen und Wirkungen des Sinkens und Sturzes des morgenländischen Reiches erforschen. Auch wird dieser Umfang der Erzählung, wird der Reichtum und die Verschiedenartigkeit solcher Materialien keineswegs mit der Einheit des Planes und Werkes unverträglich sein. Wie der Muselman von Fez oder Delhi bei seinem täglichen Gebete sein Antlitz stets gegen Mekka kehrt, wird der Blick des Historikers stets auf die Stadt Konstantinopel gerichtet sein. Wenn auch die ausgedehnten Grenzen die Wildnisse von Arabien und der Tartarei umfassen, wird sich der Kreis zuletzt auf die sich verengenden Grenzen der römischen Monarchie zusammenziehen.

Nach diesem Grundsatze werde ich nun den Plan des noch folgenden Teiles des gegenwärtigen Werkes angeben. Das vorliegende Kapitel wird in regelmäßiger Folge die Kaiser enthalten, die in Konstantinopel während einer Periode von sechshundert Jahren von den Tagen des Heraklius bis zur Eroberung durch die Lateiner herrschten: ein kurzer Auszug, der sich auf eine allgemeine Berufung, auf die Ordnung und den Text der Urschriftsteller stützen mag. In dieser Einleitung werde ich mich auf die Umwälzungen des Thrones, die Aufeinanderfolge der Familien, die persönlichen Charaktere der griechischen Fürsten, die Art ihres Lebens und Todes, die Grundsätze und den Einfluß ihrer inneren Verwaltung und die Auswirkung ihrer Regierung, auf Beschleunigung oder Aufschieben des Sturzes des morgenländischen Reiches beschränken. Eine solche chronologische Übersicht wird dazu dienen, den verschiedenartigen Stoff der folgenden Kapitel zu erläutern, und jeder Umstand der ereignisreichen Geschichte der Barbaren wird sich an der geeigneten Stelle an die byzantinischen Annalen anschließen. Der innere Zustand des Reiches und die gefährliche Ketzerei der Paulicianer, die den Osten erschütterte und den Westen erleuchtete, wird den Gegenstand von zwei besonderen Kapiteln bilden; doch müssen diese Untersuchungen verschoben werden, bis unsere weiteren Fortschritte den Überblick über die Welt im neunten und zehnten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung ermöglicht haben. Nach der byzantinischen Geschichte werden folgende Nationen an unserem Auge vorüberziehen und jede den Raum einnehmen, auf den sie durch Größe oder Verdienste oder durch den Grad ihres Zusammenhanges mit der römischen Welt und der gegenwärtigen Zeit Anspruch hat. 1. Die Franken, ein allgemeiner Name, der alle Völker Frankreichs, Italiens und Deutschlands in sich schließt, die durch das Schwert und Zepter Karls des Großen vereinigt wurden. Die Verfolgung der Bilder und ihrer Verehrer trennte Rom und Italien vom byzantinischen Throne und bereitete die Wiederherstellung des römischen Reiches im Abendlande vor. 2. Die Araber oder Sarazenen. Drei umfangreiche Kapitel werden diesem merkwürdigen und interessanten Gegenstande gewidmet sein. In dem ersten werde ich nach einer Schilderung des Landes und seiner Bewohner den Charakter Mohammeds, sowie die Laufbahn, die Religion und den Erfolg des Propheten untersuchen. Im zweiten werde ich die Araber zur Eroberung von Syrien, Ägypten und Afrika, den Provinzen des römischen Reiches, führen und kann ihrer siegreichen Laufbahn nicht eher Einhalt tun, als bis sie die Monarchien von Persien und Spanien gestürzt haben. Im dritten werde ich darlegen, wie Konstantinopel und Europa durch den Luxus und die Künste, die Teilung und den Verfall des Reiches der Kalifen gerettet wurden. Ein einziges Kapitel wird einschließen 3. die Bulgaren, 4. die Ungarn, 5. die Russen, welche die Provinzen und die Hauptstadt zu See oder Land angriffen; aber die letzteren, so wichtig in ihrer gegenwärtigen Größe, werden in ihrem Ursprünge und Kindesalter nur die Neugier erregen. 6. Die Normannen oder vielmehr die Privatabenteurer dieses kühnen Volkes, die ein mächtiges Königreich in Apulien und Sizilien gründeten, den Thron von Konstantinopel erschütterten, die Trophäen des Rittertums entfalteten und fast die Wunder der Romantik verwirklichten. 7. Die Lateiner, die Untertanen des Papstes, die Völker des Westens, die unter den Kreuzesfahnen zur Wiedereroberung oder Unterstützung des heiligen Grabes zogen. Die griechischen Kaiser wurden durch die Myriaden von Pilgern, die mit Gottfried von Bouillon und den Pairs der Christenheit nach Jerusalem zogen, erschreckt, doch gerettet. Die Kreuzfahrer des zweiten und des dritten Kreuzzuges traten in die Fußstapfen derjenigen des ersten; Asien und Europa wurden in einen zweihundertjährigen heiligen Krieg verwickelt, Saladin und die Mameluken von Ägypten jedoch widerstanden den christlichen Mächten tapfer und vertrieben sie endlich. In diesem denkwürdigen Kreuzzuge wurde eine Flotte und ein Heer von Franzosen und Venetianern von Syrien nach dem thrakischen Bosporus abgelenkt; sie stürmten die Hauptstadt, stürzten die griechische Monarchie, und eine Dynastie lateinischer Fürsten saß fast sechzig Jahre lang auf Konstantins Thron. 8. Die Griechen selbst müssen während dieser Periode der Gefangenschaft und Verbannung als eine fremde Nation betrachtet werden, als die Feinde und dann wieder die Souveräne von Konstantinopel. Das Unglück hatte wieder einen Funken des Nationalgeistes angefacht, und die folgenden Kaiser können seit der Wiedererlangung des Thrones bis zur türkischen Eroberung einigermaßen würdevoll genannt werden. 9. Die Mongolen und Tartaren. Durch die Waffen des Dschingis und seiner Nachkommen wurde der Erdball von China bis Polen und Griechenland erschüttert: die Sultane wurden gestürzt, die Kalifen fielen und die Kaiser zitterten auf ihren Thronen. Die Siege Timurs schoben den Untergang des byzantinischen Reiches über fünfzig Jahre auf. 10. Ich habe bereits das erste Erscheinen der Türken erwähnt, und die Namen der Stammväter, Seldschuk und Othman, unterscheiden die zwei aufeinanderfolgenden Dynastien der Nation, die im elften Jahrhundert aus der skythischen Wüste auftauchte. Die eine gründete ein mächtiges Reich von den Ufern des Oxus bis nach Antiochia und Nicäa, und der erste Kreuzzug wurde durch die Unterdrückung Jerusalems und die Gefahr für Konstantinopel angeregt. Von geringem Ursprunge erhoben sich die Osmanen zur Geißel und zum Schrecken der Christenheit. Konstantinopel wurde von Mahomed II. belagert und erstürmt, und sein Triumph vernichtete den Rest, das Scheinbild und den Titel des römischen Reiches im Morgenlande. Das Schisma der Griechen wird mit diesen letzten Drangsalen und mit dem Wiederaufleben der Gelehrsamkeit in der abendländischen Welt zusammenhängen. Von der Unterwerfung des neuen werde ich zu den Trümmern des alten Rom zurückkehren, und dieser ehrwürdige Name, dieser interessante Gegenstand wird einen glänzenden Schimmer über den Schluß meiner Arbeiten ausgießen.

Der Kaiser Heraklius hatte einen Tyrannen bestraft, dessen Thron bestiegen, und das Andenken seiner Regierung wird durch die Eroberung und den unwiederbringlichen Verlust der orientalischen Provinzen verewigt. Nach dem Tode seiner ersten Gattin Eudocia versagte er wegen seiner zweiten Ehe mit seiner Nichte Martina dem Patriarchen den Gehorsam und verletzte die Gesetze. Die griechischen Gläubigen erblickten in den Krankheiten des Vaters und in der Mißgestaltetheit seiner Kinder die Strafe des Himmels. Aber es genügt unrechtmäßiger Abkunft zu sein, um ein Volk zu mißleiten und den Gehorsam zu vermindern. Der Ehrgeiz der Martina wurde durch mütterliche Liebe und vielleicht durch stiefmütterlichen Neid gesteigert, und der betagte Gemahl war zu schwach, um dem Werben ehelicher Zärtlichkeit zu widerstehen. Sein ältester Sohn Konstantin erfreute sich im reifen Alter des Augustustitels, aber seine körperliche Schwäche forderte einen Throngenossen und Vormund, und er willigte mit geheimem Widerstreben in die Teilung der Herrschaft. Der Senat wurde (4. Juli 638) in den Palast beschieden, um die Mitregentschaft des Herakleonas, des Sohnes der Martina, zu genehmigen oder zu bezeugen. Die Krönung mit dem Diadem wurde durch das Gebet und den Segen des Patriarchen geheiligt; die Senatoren und Patrizier beteten die Majestät des großen Kaisers und der Genossen seines Reiches an, und nach Öffnung der Tore wurden sie durch den stürmischen, aber für sie wichtigen Zuruf der Soldaten begrüßt. Nach fünf Monaten wurden die prunkenden Zeremonien, welche die Wesenheit des byzantinischen Hofes bildeten, in der Kathedrale und im Hippodrom vorgenommen; man suchte die Eintracht der kaiserlichen Brüder zur Schau zu stellen, indem sich der jüngere auf den Arm des älteren stützte, und der Name Martina wurde vom Volke, das wahrscheinlich erkauft oder dazu gezwungen wurde, ausgerufen. Heraklius überlebte diese Teilung zwei Jahre. Sein letzter Wille erklärte seine beiden Söhne zu Erben des Reiches und empfahl ihnen, seine Witwe Martina als ihre Mutter und Fürstin zu ehren.

Als Martina das erstemal mit dem Titel und den Abzeichen der kaiserlichen Macht auf dem Throne erschien, stieß sie auf festen, obschon ehrfurchtsvollen Widerstand, und das erlöschende Feuer der Freiheit wurde durch den Hauch abergläubischen Vorurteiles angeblasen. »Wir verehren«, lauteten die Stimmen der Bürger, »wir verehren die Mutter unsrer Fürsten; aber diesen Fürsten allein gebührt unser Gehorsam. Konstantin, der ältere Kaiser, steht in einem Alter, um selbst das Szepter tragen zu können. Dein Geschlecht ist naturgemäß von den Mühen der Regierung ausgeschlossen. Wie könntest du kämpfen, wie könntest du den Barbaren antworten, die sich mit feindlichen oder freundlichen Absichten der Stadt nähern sollten? Möge der Himmel vom römischen Reich eine Nationalschmach abwenden, die sogar die geduldigen persischen Sklaven reizen würde!« Martina stieg mit Entrüstung vom Throne und suchte in den Frauengemächern des Palastes Zuflucht. Die Regierung Konstantins III. währte nur hundertdrei Tage. Er war dreißig Jahre alt, als er starb (Mai 641). Obschon sein ganzes Leben eine lange Krankheit gewesen, nährte man doch den Glauben, Gift wäre das Mittel und seine grausame Stiefmutter die Urheberin seines frühzeitigen Endes gewesen. Martina erntete in der Tat die Frucht seines Todes und übernahm im Namen des überlebenden Kaisers die Regierung. Aber die blutschänderische Witwe des Heraklius wurde allgemein verabscheut, die Eifersucht des Volkes erwachte, und die beiden Waisen, die Konstantin hinterlassen hatte, wurden der Gegenstand der öffentlichen Fürsorge. Umsonst hatte man dem Sohne der Martina, der nicht älter als fünfzehn Jahre war, eingelernt, sich zum Beschützer seiner Neffen, deren einen er zur Taufe gehalten hatte, zu erklären; umsonst schwor er bei dem Holze des echten Kreuzes, sie gegen alle ihre Feinde zu verteidigen. Der verstorbene Kaiser hatte von seinem Totenbette einen treuen Diener entsandt, um die Truppen und Provinzen des Ostens zur Verteidigung seiner hilflosen Kinder aufzurufen. Die Beredsamkeit und die Freigebigkeit Valentins hatte Erfolg gehabt, und aus seinem Lager bei Chalcedon forderte er kühn die Bestrafung der Mörder und die Krönung des rechtmäßigen Erben. Die Ausgelassenheit der Soldaten, welche die Trauben der asiatischen Weinberge verzehrten und Wein tranken, erbitterte die Einwohner von Konstantinopel gegen die Urheber dieser heimischen Drangsale, und die St. Sophienkirche widerhallte, nicht von Gebeten und Hymnen, sondern vom Geschrei und den Verwünschungen einer tobenden Menge. Auf ihren gebieterischen Befehl erschien Herakleonas mit dem ältesten der kaiserlichen Waisen auf der Kanzel: Konstans allein wurde als Kaiser begrüßt und ihm eine goldene Krone, die man vom Grabmal des Heraklius nahm, mit dem feierlichen Segen des Patriarchen aufs Haupt gesetzt. Aber im Tumult der Freude und Entrüstung wurde die Kirche geplündert, das Heiligtum von einer aus Juden und Barbaren gemengten Schar geschändet, und der Monothelet Pyrrhus, ein Geschöpf der Kaiserin, entfloh, nachdem er einen Protest auf dem Altare niedergelegt hatte, klüglich dem Grimme der Katholiken. Eine ernstere und blutigere Aufgabe war dem Senate vorbehalten, dem aus der Zustimmung der Soldaten und des Volkes vorübergehende Kraft erwuchs. Im Geiste römischer Freiheit rief er die alten und furchtbaren Gerichte zum Urteil über die Tyrannen an, und die kaiserlichen Verbrecher wurden als die Urheber des Todes Konstantins abgesetzt und verurteilt. Aber die versammelten strengen Väter befleckten sich durch die Bestrafung der Unschuldigen mit dem Schuldigen: Martina wurde (September 641) zum Verluste ihrer Zunge, Herakleonas zur Abschneidung der Nase verurteilt, und nach dieser grausamen Strafe brachten sie den Rest ihrer Tage in Verbannung und Vergessenheit zu. Die Griechen, die des Nachdenkens fähig waren, konnten Trost für ihre Knechtschaft im Beobachten des Mißbrauches der Gewalt finden, wenn sich diese auch nur einen einzigen Augenblick in den Händen einer Aristokratie befand.

Man glaubt sich fünfhundert Jahre zurück in das Zeitalter der Antonine versetzt, wenn man die Rede hört, die Konstans II. in seinem zwölften Lebensjahre vor dem byzantinischen Senate hielt. Nachdem er für die gerechte Bestrafung der Mörder, die ihm die besten Hoffnungen auf das Reich seines Vaters geraubt hatten, gedankt hat, fährt der junge Kaiser fort: »Durch die göttliche Vorsicht und euren gerechten Beschluß ist Martina mit ihrer blutschänderischen Nachkommenschaft vom Throne gestürzt worden. Eure Autorität und Weisheit hat den römischen Staat vor gesetzloser Tyrannei bewahrt. Ich ermahne euch daher und bitte euch, als die Berater und Richter des Gemeinwohls voranzustehen.« Den Senatoren schmeichelte die ehrfurchtsvolle Anrede und das freigebige Geschenk ihres Souveräns. Aber die knechtischen Griechen waren der Freiheit unwert und kümmerten sich nicht um sie, und er selbst vergaß die Lehre einer Stunde schnell durch die Vorurteile des Zeitalters und die Gewohnheiten des Despotismus. Er behielt nur eifersüchtig die Furcht bei, Senat und Volk könnten eines Tages das Recht der Erstgeburt mißachten und seinen Bruder Theodosius gleichfalls auf den Thron erheben. Dem Enkel des Heraklius wurde durch geistliche Weihen der Weg zum Thron versperrt, aber auch diese Zeremonie, welche die Sakramente der Kirche entweihte, reichte nicht hin, den Argwohn des Tyrannen zu zerstreuen, und nur der Tod des Diakons Theodosius konnte das Verbrechen seiner kaiserlichen Abkunft sühnen. Seine Ermordung wurde durch die Verwünschungen des Volkes gerächt und der Mörder mit Gewalt aus seiner Hauptstadt in immerwährende Verbannung getrieben. Konstans schiffte sich nach Griechenland ein und soll, gleich als wollte er den Abscheu vergelten, den er verdiente, von der kaiserlichen Galeere aus die Mauern seiner Vaterstadt angespien haben. Nachdem er in Athen den Winter zugebracht hatte, segelte er nach Tarent in Italien, besuchte Rom und endete eine lange Wallfahrt der Schmach und des frevelhaften Raubes, indem er seine Residenz in Syrakus aufschlug. Aber wenn Konstans seinem Volke entfliehen konnte, vermochte er doch nicht sich selbst zu entgehen. Von Gewissensbissen gepeinigt, sah er ständig den Geist des Theodosius, der ihn über Land und Meer bei Tag und Nacht verfolgte. Das Gespenst reichte ihm einen Kelch und sagte oder schien zu sagen: »Trink, Bruder, trink!« ein sicheres Zeichen der Schwere seiner Schuld, weil er aus den Händen des Diakons den geheimnisvollen Becher des Blutes Christi empfangen hatte. Sich selbst und dem Menschengeschlechte verhaßt, kam er in der Hauptstadt Siziliens durch häuslichen, vielleicht bischöflichen Verrat um. Ein Diener, der ihm im Bade erwartete, schlug ihn, nachdem er warmes Wasser auf ihn gegossen hatte, heftig mit dem Gefäße auf den Kopf. Er fiel betäubt von dem Schlage um, erstickte im Wasser, und sein Gefolge, das sich über sein langes Verweilen wunderte, betrachtete, nachdem es ihn im Bade gefunden hatte, gleichgültig den leblosen Körper des Kaisers. Die Truppen von Sizilien bekleideten einen bescheidenen Jüngling mit dem Purpur, dessen unnachahmliche Schönheit jeder Kunst spottete; freilich war es leicht, der gesunkenen Kunst der Maler und Bildhauer jener Zeit zu spotten. Konstans hatte in dem byzantinischen Palaste drei Söhne zurückgelassen, von denen der älteste in seiner Kindheit mit dem Purpur bekleidet worden war. Als der Vater gebot, sie sollten sich zu ihm nach Syrakus verfügen, wurden die kostbaren Geiseln von den Griechen festgehalten, und man setzte ihn in Kenntnis, daß sie die Kinder des Staates wären. Die Nachricht von seiner Ermordung gelangte mit fast übernatürlicher Schnelligkeit von Syrakus nach Konstantinopel, und Konstantin, der älteste seiner Söhne, erbte seinen Thron, ohne jedoch gleichzeitig den Haß des Volkes mitzuerben (668). Seine Untertanen steuerten mit Eifer und Freudigkeit bei, die Schuld und Verwegenheit einer Provinz zu bestrafen, die sich die Rechte des Senates und eines freien Volkes angemaßt hatte. Der junge Kaiser segelte mit einer mächtigen Flotte aus dem Hellespont, und die Legionen von Rom und Karthago sammelten sich unter seinen Fahnen im Hafen von Syrakus. Die Unterwerfung des sizilianischen Tyrannen gelang leicht, seine Bestrafung war gerecht, und sein Haupt wurde im Hippodrom ausgestellt. Aber ich kann der Milde eines Fürsten keinen Beifall zollen, der unter einer Schar von Schlachtopfern auch den Sohn eines Patriziers verurteilte, weil er mit ihm geziemender Bitterkeit die Hinrichtung eines ehrenhaften Vaters beklagt hatte. Der Jüngling wurde entmannt; er überlebte die Verwundung. Das Andenken an diese Grausamkeit wird durch die Erhebung des Germanus zum Range eines Patriarchen und Heiligen verewigt. Nachdem Konstantin dieses blutige Dankopfer auf dem Grabe seines Vaters dargebracht hatte, kehrte er nach der Hauptstadt zurück. Das Wachstum seines jungen Bartes, während seiner Abwesenheit in Sizilien verschaffte ihm in der griechischen Welt den Namen Pogonatus. Aber seine Regierung war gleich der seines Vaters durch Bruderzwist entweiht. Er hatte seinen Brüdern, Heraklius und Tiberius, den Augustustitel verliehen; ein leerer Name, denn sie schmachteten fortwährend ohne Amt und Macht im einsamen Palast. Auf ihr geheimes Anstiften näherten sich die Truppen der anatolischen Theme oder Provinz der Stadt von der asiatischen Seite, verlangten für die kaiserlichen Brüder Teilung der Souveränität oder wirkliche Macht und unterstützten ihre aufrührerische Forderung durch einen theologischen Grund. Sie wären Christen (riefen sie), rechtgläubige Katholiken und aufrichtige Verehrer der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Da es drei gleiche Personen im Himmel gebe, sei es auch vernünftig, daß die Erde drei gleiche Herrscher habe. Der Kaiser lud diese gelehrten Theologen zu einer freundlichen Besprechung ein, worin sie ihre Gründe dem Senat vortragen könnten; sie gehorchten dem Geheiß. Als aber ihre Gefährten in der Vorstadt Galata ihre Leichen am Galgen hängen sahen, waren sie mit der Einheit der Regierung Konstantins ausgesöhnt. Er verzieh seinen Brüdern und sie wurden von der Menge mit langem Freudengeschrei begrüßt. Bei einer Wiederholung oder auch nur auf den Verdacht eines ähnlichen Verbrechens hin, wurden die verhaßten Fürsten in Anwesenheit der Bischöfe, die in Konstantinopel zu dem sechsten allgemeinen Konzil vereinigt waren, ihrer Titel und Nasen beraubt. Gegen das Ende seines Lebens strebte Konstantin nur danach, das Erstgeburtsrecht feststellen zu lassen; das Haar seiner beiden Söhne, Jutinian und Heraklius, wurde am Grabe des heiligen Petrus als Symbol für ihre Sohnesannahme in ideellem Sinne vom Papst zum Opfer gebracht; aber nur der ältere wurde zum Range eines Augustus mit der Zusicherung der Erbnachfolge im Reiche erhoben.

Justinian II erbte nach seines Vaters Tode die römische Welt (685). Der Name eines triumphierenden Gesetzgebers wurde durch einen lasterhaften Knaben entehrt, der seinen Namensgenossen nur in den kostspieligen Bauten nachahmte. Seine Leidenschaften waren stark, sein Verstand schwach, und er war von einem törichten Stolze berauscht, weil er durch seine Gehurt die Herrschaft über Millionen erhalten hatte, von denen jedoch nicht die kleinste Gemeinde ihn zu ihrem Ortsvorstande gewählt haben würde. Seine bevorzugten Minister waren zwei dem menschlichen Mitleid am wenigsten zugängliche Wesen, ein Eunuch und ein Mönch; dem einen überließ er die Palastverwaltung, dem anderen die Finanzen. Jener züchtigte des Kaisers Mutter mit einer Geißel, dieser hing zahlungsunfähige Steuerpflichtige mit dem Haupte nach abwärts über einem langsamen, starken Rauch verbreitenden Feuer auf. Seit den Tagen des Commodus und Caracalla war die Grausamkeit der römischen Fürsten größtenteils die Folge ihrer Furcht gewesen. Justinian aber, der einige Charakterstärke besaß, freute sich der Leiden und trotzte zehn Jahre der Rache seiner Untertanen; bis das Maß seiner Verbrechen wie ihrer Geduld voll war. Leontius, ein Befehlshaber von Ruf, schmachtete mit einigen der vornehmsten und verdientesten Senatoren seit drei Jahren in einem finsteren Verließe. Plötzlich wurde er herausgeholt, um die Statthalterschaft von Griechenland zu übernehmen, und diese Beförderung eines gekränkten Mannes war von seiten seines Fürsten mehr ein Beweis der Verachtung als des Vertrauens. Als dem Leontius seine Freunde das Geleit zum Hafen gaben, bemerkte dieser seufzend, daß er ein für die Schlachtbank geschmücktes Opfer sei und daß der Tod ihm auf den Fersen nachfolgen werde. Sie wagten zu erwidern, daß Ruhm und Herrschaft der Lohn eines hochherzigen Entschlusses sein könnten, daß jede Klasse von Menschen die Regierung eines Ungeheuers verabscheue und daß die Armee von zweihunderttausend Patrioten nur eines Anführers harre. Die Nacht wurde zur Befreiung gewählt; bei der ersten Erhebung der Verschworenen wurde der Präfekt erschlagen und die Gefängnisse erbrochen. Die Anhänger des Leontius riefen in jeder Straße: »Christen, nach der heiligen Sophienkirche!«, und der wohlgewählte Text des Patriarchen: »Dies ist der Tag des Herrn!« war die Einleitung zu einer entflammenden Rede. Von der Kirche verfügte sich das Volk nach dem Hippodrom; Justinian, zu dessen Gunsten sich auch nicht ein einziges Schwert entblößte, wurde vor diese tumultuarischen Richter geschleppt, die durch Geschrei den augenblicklichen Tod des Tyrannen verlangten. Aber Leontius, bereits mit dem Purpur geschmückt, warf einen mitleidigen Blick auf den im Staube liegenden Sohn seines eigenen Wohltäters und so vieler Kaiser. Justinian wurde nicht getötet. Seine Nase, vielleicht auch seine Zunge wurden nur teilweise abgeschnitten. In der glücklichen biegsamen griechischen Sprache wurde ihm der Name Rhinotmetus gegeben, und der verstümmelte Tyrann wurde nach Cherson in der krimschen Tartarei verbannt, einer einsamen Ansiedlung, wohin Korn, Wein und Öl als fremde Luxusartikel eingeführt werden mußten.

Am Rande der skythischen Wildnis war Justinian auch weiterhin stolz auf seine Herkunft und hoffte auf seine Wiedereinsetzung. Nach dreijähriger Verbannung empfing er die angenehme Nachricht, daß er durch eine zweite Revolution gerächt und daß Leontius seinerseits von dem Rebellen Apsimar, der den geachteteren Namen Tiberius angenommen hatte, entthront und verstümmelt worden wäre. Aber durch das direkte Erbrecht wurde ein plebejischer Usurpator fortwährend bedroht, und seine Eifersucht wurde durch die Klagen und Beschuldigungen der Chersoniten aufgestachelt, die in dem Verhalten des Verbannten den lasterhaften Tyrannen erblickten. Mit einer Bande von Anhängern, die gemeinsame Hoffnung oder auch gemeinsame Verzweiflung an seine Person fesselten, floh Justinian von dem ungastlichen Gestade zur Horde der Chozaren, deren Zelte zwischen dem Tanais und Borysthenes aufgeschlagen waren. Der Khan nahm den kaiserlichen Flüchtling mit Mitleid und Hochachtung auf. Phanagoria, einst eine wohlhabende Stadt an dem asiatischen Gestade des Sees Mäotis, wurde ihm als Aufenthaltsort angewiesen. Durch seine Ehe mit der Schwester des Barbaren wurde das römische Feingefühl verletzt, obwohl sie, wie ihr Name Theodora vermuten läßt, das Sakrament der Taufe empfangen zu haben scheint. Aber der treulose Chozar ließ sich bald durch Geld aus Konstantinopel verführen, und wenn die ihren Gatten liebende Theodora nicht den Anschlag aufgedeckt hätte, würde ihr Gemahl entweder ermordet oder verräterischer Weise seinen Feinden überliefert worden sein. Nachdem Justinian mit eigenen Händen zwei Boten des Khans erwürgt hatte, sandte er seine Gattin ihrem Bruder zurück und fuhr auf das Schwarze Meer hinaus, um neue und treuere Bundesgenossen zu suchen. Sein Schiff geriet in einen heftigen Sturm, und einer seiner frommen Gefährten riet ihm, Gottes Gnade durch das Gelübde allgemeiner Verzeihung zu verdienen, wenn er wieder auf den Thron erhoben werden sollte. »Verzeihung?« rief der unerschrockene Tyrann. »Möge ich in diesem Augenblick verderben, möge mich der Allmächtige in den Wogen begraben, wenn ich je einwillige, auch nur ein einziges Haupt meiner Feinde zu schonen!« Er überlebte diese ruchlose Drohung, segelte in die Mündung der Donau ein, wagte sich ins Königslager der Bulgaren und erkaufte die Hilfe des Terbellis, eines heidnischen Eroberers, durch das Versprechen, ihm seine Tochter zur Frau zu geben und eine billige Teilung der Schätze des Reiches vorzunehmen. Das Königreich der Bulgaren erstreckte sich bis an die Grenze von Thrakien. Die beiden Fürsten belagerten Konstantinopel an der Spitze von fünfzehntausend Reitern. Apsimar erschrak über das plötzliche und feindliche Erscheinen seines Nebenbuhlers, dessen Haupt ihm der Chozar versprochen und von dessen Flucht er noch keine Kunde erhalten hatte. Nach zehn Jahren erinnerte man sich der Verbrechen Justinians nur schwach, wegen seiner Unfälle wurde der angestammte Souverän von der Menge bemitleidet, die stets mit der gegenwärtigen Regierung unzufrieden ist, und durch die Tätigkeit seiner emsigen Anhänger wurde er in die Stadt und den Palast Konstantins geführt (705).

Indem Justinian seine Bundesgenossen belohnte und seine Gattin zu sich berief, zeigte er einiges Gefühl für Ehre und Dankbarkeit, und Terbellis zog ab, nachdem er einen Haufen Gold, den er mit seiner skytischen Peitsche abgemessen, eingesackt hatte. Aber nie wurde ein Gelübde gewissenhafter erfüllt als der heilige Eid der Rache, den er mitten im Sturm des Schwarzen Meeres geschworen hatte. Die beiden Thronräuber, denn die Benennung Tyrann muß ich dem Sieger vorbehalten, wurden in das Hippodrom geschleppt, der eine aus seinem Kerker, der andere aus seinem Palast. Vor ihrer Hinrichtung wurden Leontius und Apsimar in Ketten vor den Thron des Kaisers geworfen; Justinian setzte einen Fuß auf eines jeden Nacken und sah dem Wagenrennen über eine Stunde zu, indesssen das unbeständige Volk mit den Worten des Psalmisten schrie: »Du sollt die Natter und den Basilisken zertreten und auf den Löwen und Drachen sollst du deinen Fuß setzen.« Der allgemeine Abfall, den er einst erfahren hatte, konnte ihn wohl reizen, den Wunsch Caligulas zu wiederholen, das römische Volk möge nur ein Haupt haben. Ich erlaube mir indessen zu bemerken, daß ein solcher Wunsch eines erfinderischen Tyrannen unwürdig ist, weil seine Rache und Grausamkeit, statt der langsamen und verschiedenartigen Martern, die Justinian den Opfern seines Zornes zufügte, durch einen einzigen Streich vernichtet werden würde. Seine Gelüste waren unerschöpflich, weder persönliche Tugenden noch öffentliche Verdienste vermochten ihn vom Gehorsam gegen ihn zu überzeugen, und während der sechs Jahre seiner neuerlichen Herrschaft betrachtete er das Beil, den Strick und die Folter als die einzigen Werkzeuge kaiserlicher Würde. Sein unversöhnlichster Haß jedoch war gegen die Chersoniten gerichtet, die ihn in der Verbannung beschimpft und die Gesetze der Gastfreundschaft verletzt hatten. Durch die große Entfernung ihres Reiches konnten sie sich einigermaßen verteidigen oder wenigstens flüchten, und eine drückende Steuer, wurde Konstantinopel zur Ausrüstung einer Flotte und eines Heeres auferlegt. Alle sind schuldig und alle müssen umkommen, lautete Justinians Gebot, dessen blutige Vollstreckung seinem durch den Beinamen des Grausamen ausgezeichneten Liebling Stephan aufgetragen wurde. Aber selbst der grausame Stephan erfüllte die Absichten seines Souveräns nur unvollständig. Sein langsamer Angriff machte es dem größten Teile der Bewohner möglich, sich aufs Land zu flüchten, und der Diener der Rache begnügte sich, die Jugend beiderlei Geschlechts in Sklavenbande zu schlagen, sieben der vornehmsten Bürger lebendig zu braten, zwanzig in der See zu ersäufen und zweiundvierzig in Ketten zu halten, um ihr Schicksal dem Urteil des Kaisers selbst vorzubehalten. Auf der Rückfahrt wurde die Flotte gegen die Felsenufer von Anatolien getrieben, und Justinian freute sich des Gehorsams des Schwarzen Meeres, das Tausende seiner Untertanen und Feinde während eines Schiffbruches verschlungen hatte. Aber der Tyrann war noch immer nicht mit Blut gesättigt, er ordnete vielmehr eine zweite Rüstung an, um die Reste der geächteten Kolonie auszurotten. In der kurzen Zwischenzeit waren die Chersoniten in ihre Stadt zurückgekehrt und bereit, mit den Waffen in der Hand zu sterben. Der Khan der Chozaren hatte sich von seinem verhaßten Schwager losgesagt; die Verbannten sammelten sich aus allen Provinzen in Tauris, und Bardanes wurde unter dem Namen Philippikus mit dem Purpur bekleidet. Die kaiserlichen Truppen, die Justinians Rache weder vollstrecken konnten noch wollten, entzogen sich seinem Grimme, indem sie ihre Treue abschworen. Die Flotte hatte unter ihrem neuen Souverän eine glücklichere Fahrt nach den Häfen von Sinope und Konstantinopel, und jede Zunge, jede Hand war bereit, den Tod des Tyrannen auszusprechen und zu vollbringen. Entblößt von Freunden, wurde er auch von seiner barbarischen Leibwache verlassen. Seine Ermordung wurde als eine Tat des Patriotismus und römischer Tugend gepriesen. Sein Sohn Tiberius hatte in einer Kirche Zuflucht gesucht, und seine greise Großmutter hütete das Tor. Der unschuldige Jüngling, der um seinen Hals die heiligsten Reliquien gehangen hatte, umfaßte mit der einen Hand den Altar, mit der anderen das wahre Kreuz. Aber das wütende Volk, das den Glauben mit Füßen zu treten wagt, ist taub gegen den Schrei der Menschlichkeit und Heraklius' Geschlecht wurde nach hundertjähriger Herrschaft ausgerottet.

Der kurze Zeitraum von sechs Jahren zwischen dem Sturze der heraklianischen und der Erhebung der isaurischen Dynastie ist in drei Regierungen geteilt. Bardabes oder Philippikus wurde in Konstantinopel als der Held begrüßt (711), der sein Vaterland von einem Tyrannen befreit hatte, und er konnte einige glückliche Augenblicke dem ersten Entzücken der aufrichtigen und allgemeinen Freude erleben. Justinian hatte einen großen Schatz, die Frucht der Grausamkeit und des Raubes, hinterlassen, aber dieser nützliche Reichtum wurde von seinem Nachfolger schnell und nutzlos vergeudet. An seinem Geburtstag (713) vergnügte Philippikus die Menge mit den Spielen im Hippodrom; von da zog er prunkend durch die Straßen mit tausend Fahnen und tausend Trompetern, erfrischte sich in den Bädern des Zeuxippus, kehrte nach dem Palaste zurück und bewirtete seine Großen bei einem verschwenderischen Bankett. Um die Mittagsstunde zog er sich in sein Gemach zurück, berauscht von Schmeichelei und Wein und vergessend, daß sein Beispiel jeden Untertanen ehrgeizig gemacht habe und daß jeder ehrgeizige Untertan sein geheimer Feind sei. Einige kühne Verschwörer schlichen sich während der Unordnung während des Schmauses ein. Der schlummernde Monarch wurde überfallen, gebunden, geblendet und abgesetzt, bevor er sich auch nur der Gefahr bewußt war. Die Verräter wurden indessen ihres Lohnes beraubt; durch freie Wahl im Senat und durch das Volk wurde Artemius vom Amte eines Geheimschreibers zu dem eines Kaisers erhoben; er nahm den Titel Anastasius II. an und zeigte während einer kurzen und stürmischen Regierung seinen Edelmut sowohl im Frieden als im Krieg. Aber der zur Gewohnheit gewordene Gehorsam war nach Erlöschen des kaiserlichen Hauses nicht mehr vorhanden, und in jeder Veränderung war der Samen zu einer neuen Revolution gelegen. Bei einer Meuterei der Flotte wurde ein unbekannter und sich sträubender Finanzbeamter gezwungen, den Purpur anzunehmen; nach einem Seekriege, der einige Monate währte, legte Anastasius das Szepter nieder (716), und der Sieger, Theodosius III., unterwarf sich seinerseits (718) dem Leo, dem Feldherrn und Anführer der orientalischen Truppen. Seinen zwei Vorgängern wurde gestattet, in den geistlichen Stand zu treten. Der unruhige Geist des Anastasius verleitete diesen in irgendeinem hochverräterischen Unternehmen sein Leben zu wagen, bei dem er es verlor, aber die letzten Tage des Theodosius waren ehrenvoll und sicher. Das einzige erhabene Wort Seelenheil, das er an seinem Grab anbringen ließ, drückt sein Vertrauen zur Philosophie oder Religion aus, und der Ruf seiner Wundertaten dauerte unter den Einwohnern von Ephesus lange fort. Dieser Schirmer der Kirche brachte es manchmal zuwege, Milde walten zu lassen; man darf aber bezweifeln, ob es das Interesse des Staates fördere, erfolglose Ehrsucht zu verringern.

Ich bin bei dem Sturze eines Tyrannen verweilt; kurz jedoch werde ich den Gründer einer neuen Dynastie schildern, welcher der Nachwelt durch die Schmähungen seiner Feinde bekannt und dessen öffentliches und Privatleben in der Kirchengeschichte der Ikonoklasten eine Rolle spielt. Aber trotz abergläubischen Geschreis läßt sich ein günstiges Urteil für den Charakter Leos, des Isauriers, mit Grund aus seiner dunklen Herkunft und der Dauer seiner Regierung fällen. – I. In einem Zeitalter männlichen Mutes würde die Aussicht auf einen kaiserlichen Thron jede Seelenkraft angespannt und eine Schar von Mitbewerbern hervorgebracht haben, die der Herrschaft in dem Maße würdig gewesen wären, als sie nach ihr dürsteten. Selbst während der Verderbtheit und Kraftlosigkeit der späteren Griechen setzt die Erhebung eines letztrangigen Plebejers zum ersten Range in der Gesellschaft einige Eigenschaften voraus, die ihn über die Menge erheben. Er konnte wahrscheinlich von spekulativer Wissenschaft nichts verstehen und sich nicht um sie kümmern, konnte sich in Verfolgung seines Glücks den Pflichten, die ihm die Gerechtigkeit auferlegte entschlagen: immerhin müssen wir ihm aber die nützlichen Tugenden der Klugheit und der Festigkeit, der Menschenkenntnis und der wichtigen Kunst zuschreiben, Vertrauen zu gewinnen und Leidenschaften zu leiten. Man stimmt darin überein, daß Leo ein geborener Isaurier und daß Konon sein ursprünglicher Name war. Die Schriftsteller, deren ungeschickte Satire Lob ist, stellen ihn als einen herumziehenden Krämer dar, der nur mit armseligen Waren beladene Esel auf die Märkte trieb; ja sie erzählen törichter Weise, daß er auf dem Wege einige jüdische Wahrsager traf, die ihm die Herrschaft des römischen Reiches verhießen, unter der Bedingung, daß er die Götzenverehrung abschaffe. Ein wahrscheinlicherer Bericht spricht von der Auswanderung seines Vaters aus Kleinasien nach Thrakien, wo er das einträgliche Gewerbe eines Viehzüchters betrieb. Er muß bedeutende Reichtümer erworben haben, weil das erste Erscheinen seines Sohnes im kaiserlichen Lager bei der Lieferung von fünfhundert Schafen erfolgte. Seine ersten Dienste verrichtete er bei der Leibwache Justinians, wo er bald die Aufmerksamkeit und nach und nach die Eifersucht des Tyrannen erregte. Er zeichnete sich durch Tapferkeit und Geschicklichkeit im kolchischen Kriege aus, empfing von Anastasius den Oberbefehl über die anatolischen Legionen und wurde durch die Stimme seiner Soldaten unter dem allgemeinen Beifalle der römischen Welt auf den Thron erhoben. II. Auf dieser gefährlichen Höhe erhielt sich Leo III. gegen die neidvollen Seinesgleichen, gegen eine mächtige unzufriedene Partei und die Angriffe auswärtiger und einheimische Feinde. Die Katholiken, die seine religiösen Neuerungen anklagen, sind zu dem Geständnisse gezwungen, daß sie mit Mäßigung begonnen und mit Festigkeit durchgeführt wurden. Ihr Stillschweigen ehrt seine weise Verwaltung und seine reinen Sitten. Nach einer Regierung von vierundzwanzig Jahren entschlummerte er (741) friedlich in seinem Palaste in Konstantinopel und der Purpur, den er erworben hatte, ging durch das Recht der Erbfolge bis in die dritte Generation über.

In einer langen Regierung von vierunddreißig Jahren griff der Sohn und Nachfolger Leos, Konstantin V., genannt Kopronymus, mit minder gemäßigtem Eifer die Kirchenbilder an. Ihre Verehrer haben die ganze Bitterkeit religiöser Galle in ihrer Schilderung dieses gefleckten Panters, dieses Antichristen, dieses fliegenden Drachens aus der Schlange Samen erschöpft, der die Laster des Heliogabal und Nero übertroffen hätte. Seine Regierung war eine Schlächterei alles dessen, was es im Reiche Edles, Heiliges und Unschuldiges gab. Der Kaiser wohnte der Hinrichtung seiner Opfer persönlich bei, betrachtete ihren Todeskampf, horchte auf ihr Stöhnen und fröhnte seinem Blutdurst, ohne ihn zu sättigen; eine Schüssel mit Nasen war ihm das angenehmste Geschenk und seine Diener wurden von ihm selbst häufig gegeißelt und verstümmelt. Sein Beiname wurde ihm wegen seiner Verunreinigung des Taufbeckens gegeben. Das Kind konnte entschuldigt werden, aber die Vergnügen des Mannes Kopronymus setzen ihn unter das Tier herab. In seiner Wollust verwechselte er die Unterschiede der Geschlechter und Gattungen, und er verschaffte sich unnatürliche Wonnen aus den für die menschlichen Sinne widerwärtigsten Dingen. Seiner Religion nach war der Ikonoklast Ketzer, Jude, Mohammedaner, Heide und Atheist; sein Glaube an eine unsichtbare Macht ließ sich nur aus seinen magischen Beschwörungen, seinen Menschenopfern und den nächtlichen Weihegaben erkennen, die er der Venus und den Dämonen des Altertums darbrachte. Sein Leben war mit den widersprechendsten Lastern befleckt und die Geschwüre, die seinen Leib bedeckten, peinigten ihn noch vor dem Tode mit den Martern der Hölle. Von den Anschuldigungen, die ich so geduldig abgeschrieben habe, widerlegt sich ein Teil durch ihre Albernheit, und was die Anekdoten über das Privatleben der Fürsten betrifft, ist es leichter zu lügen als die Wahrheit nachzuweisen. Ohne dem gefährlichen Grundsatz zu huldigen, daß, wo viel behauptet wird, ein Teil wahr sein müsse, gewahre ich doch, daß Konstantin V. ausschweifend und grausam gewesen ist. Die Verleumdung ist geneigter zu übertreiben als zu erfinden, und die Lästerzunge wird einigermaßen durch die Kenntnis des Zeitalters und Landes, von dem sie spricht, im Zaume gehalten. Von den Bischöfen und Mönchen, den Feldherren und Beamten, die unter seiner Regierung gelitten haben sollen, ist die Anzahl aufgezeichnet, ihre Namen waren bekannt, die Hinrichtungen öffentlich und die Verstümmelungen allen sichtbar und bleibend. Die Katholiken haßten Person und Regierung des Kopronymus, aber selbst ihr Haß ist ein Beweis ihrer Unterdrücktheit. Sie verheimlichen die Herausforderungen, die seine Strenge entschuldigen oder rechtfertigen konnten: aber selbst diese Herausforderungen mußten allmählich seinen Grimm entflammen und ihn in Ausübung oder im Mißbrauch des Despotismus abhärten. Indessen fehlte es dem fünften Konstantin nicht an Verdienst und seine Verwaltung verdiente nicht immer die Verwünschungen oder die Verachtung der Griechen. Aus dem Bekenntnisse seiner eigenen Feinde entnehme ich, daß er eine alte Wasserleitung wieder herstellte, daß er zweitausendfünfhundert Gefangene loskaufte, daß ungewöhnlicher Überfluß zu seiner Zeit herrschte und daß neue Kolonisten Konstantinopel und die thrakischen Städte wieder bevölkerten. Sie preisen mit Widerstreben seine Tätigkeit und seinen Mut. Er ritt im Felde an der Spitze seiner Legionen, und obschon das Glück seiner Waffen wechselte, triumphierte er doch zu Wasser und zu Land, am Euphrat wie an der Donau, im Bürgerkriege wie gegen die Barbaren. Das Lob der Ketzer muß immer in die Schale geworfen werden, um dem Gewichte der Schmähungen der Orthodoxen das Gleichgewicht zu halten. Die Ikonoklasten verehrten den tugendreichen Fürsten; vierzig Jahre nach seinem Tode beteten sie noch am Grabe des Heiligen. Eine wunderbare Vision lebte durch Schwärmerei oder Betrug fort. Der griechische Held erschien auf einem milchweißen Rosse und schwang seine Lanze gegen das Lager der Bulgaren. »Eine alberne Fabel« sagt der katholische Geschichtsschreiber, »da Kopronymus mit den Teufeln im Abgrund der Hölle angekettet ist.«

Leo IV. (775), der Sohn des fünften und Vater des sechsten Konstantin, war schwächlich an Seele wie an Leib, und seine Hauptsorge war die Festsetzung der Nachfolge. Seine Untertanen verlangten die Erhebung des jungen Konstantin zum Mitregenten, und nach einigem klugen Zögern willfahrte der Kaiser klug im Bewußtsein des Verfalls seiner Kräfte ihren einstimmigen Wünschen. Das kaiserliche fünfjährige Kind wurde in Gemeinschaft mit seiner Mutter Irene gekrönt und die Zustimmung der Nation durch Pomp und Prachtentfaltung bestätigt, welche die Augen der Griechen blenden oder ihr Gewissen einschläfern konnte. Ein Eid der Treue wurde im Palast, in der Kirche und im Hippodrom den verschiedenen Ständen des Staates abgenommen, wobei sie die heiligen Namen des Sohnes und der Mutter Gottes anriefen. »Wir nehmen dich zum Zeugen, o Christus, daß wir über das Heil Konstantins, des Sohnes Leos, wachen, unser Leben seinem Dienste opfern und seiner Person und seinen Nachfolgern unverbrüchlich treu sein wollen.« Sie schworen es auf das Holz des Kreuzes Christi, und ihre Huldigungsurkunden wurden auf dem Altar der heiligen Sophienkirche niedergelegt. Die ersten, die schworen und die ersten, die ihren Eid verletzten, waren die fünf Söhne des Kopronymus aus zweiter Ehe. Die Geschichte dieser Fürsten ist seltsam und tragisch. Das Erstgeburtsrecht schloß sie vom Throne aus; ihr ungerechter älterer Bruder beraubte sie eines Vermächtnisses von etwa zwei Millionen Pfund Sterling. Einige leere Titel hielten sie für keinen hinreichenden Ersatz für Reichtum und Macht und verschworen sich wiederholt gegen ihren Neffen sowohl vor als nach dem Tode seines Vaters. Ihr erster Versuch wurde verziehen. Wegen des zweiten Vergehens wurden sie zum geistlichen Stande verurteilt, und nach dem dritten Hochverrate wurde Nikephorus, der älteste und schuldigste, seiner Augen und seine vier Brüder Christoph, Niketas, Anthemeus und Eudoxas, als mildere Strafe, ihrer Zungen beraubt. Nach fünfjähriger Einsperrung entkamen sie nach der Sophienkirche und boten dem Volke ein rührendes Schauspiel. »Vaterlandsgenossen,« rief Nikephorus für sich selbst und seine stummen Brüder, »sehet die Söhne eures Kaisers, wenn ihr noch unsere Züge in dieser elenden Verunstaltung erkennen könnt! Das Leben, ein unvollständiges Leben, ist alles, was uns die Bosheit unserer Feinde gelassen hat. Es ist nun bedroht und wir flehen um euer Mitleid.« Das sich erhebende Gemurre hätte eine Revolution zur Folge haben können, wenn nicht die Anwesenheit eines hohen Würdenträgers ihm Einhalt getan hätte, der die unglücklichen Fürsten durch Schmeicheleien und Hoffnung beschwichtigte und sie sanft aus dem Heiligtum nach dem Palast zog. Sie wurden schleunig nach Griechenland eingeschifft und Athen zu ihrem Verbannungsplatze bestimmt. An diesem stillen Orte und trotz ihrer hilflosen Lage wurden Nikephorus und seine Brüder fortwährend vom Durste nach Macht gefoltert und durch einen slawischen Häuptling verlockt, der ihnen anbot, ihren Kerker zu erbrechen und sie mit gewaffneter Hand und im Purpur bis an die Tore von Konstantinopel zu führen. Aber die zu Irenens Gunsten stets eifrigen Athener kamen ihrer Gerechtigkeit oder Grausamkeit zuvor, und die fünf Söhne des Kopronymus wurden in ewige Nacht und Vergessenheit gestürzt.

Jener Kaiser hatte für sich eine Gattin aus Barbarenstamme, die Tochter des Khans der Chozaren gewählt; für seinen Erben aber zog er eine Jungfrau aus Athen vor, eine siebzehnjährige Waise, die keine anderen Reichtümer besaß als ihre persönlichen Eigenschaften. Die Vermählung Leos mit Irene wurde mit kaiserlichem Pomp gefeiert; sie erwarb bald die Liebe und das Vertrauen eines schwächlichen Gemahls, und in seinem Testament ernannte er die Kaiserin zur Vormünderin der römischen Welt und seines erst zehnjährigen Sohnes Konstantin VI. Während dessen Kindheit erfüllte sie bei der öffentlichen Verwaltung mit Geschicklichkeit und Emsigkeit die Pflichten einer treuen Mutter und ihr Eifer bei der Wiederherstellung der Bilder hat ihr den Namen und die Ehre einer Heiligen erworben, die sie noch im griechischen Kalender einnimmt. Aber der Kaiser erreichte das Jünglingsalter; das mütterliche Joch wurde lästiger und er schenkte Günstlingen gleichen Alters Gehör, die seine Vergnügungen teilten und danach lechzten, auch seine Macht zu teilen. Ihre Gründe überzeugten ihn von seinem Rechte, ihr Lob von seiner Fähigkeit zur Herrschaft, und er willigte ein, die Dienste Irenes durch ewige Verbannung nach der Insel Sizilien zu belohnen. Aber ihre Wachsamkeit und ihr Scharfsinn vereitelte leicht die unbesonnenen Pläne; eine ähnliche oder schwerere Strafe wurde über die verräterischen Ratgeber verhängt, und den undankbaren Sohn züchtigte Irene wie einen Knaben. Nach diesen Vorgängen standen Mutter und Sohn an der Spitze von zwei Parteien, und statt milden Einflusses und freiwilligen Gehorsams hielt sie einen Gefangenen und Feind in Banden. Die Kaiserin wurde durch den Mißbrauch ihres Sieges gestürzt; der Eid, den sie für sich allein verlangte, wurde mit Murren geleistet und die kühne Weigerung der armenischen Leibwachen ermutigte das Volk, allgemein und offen zu erklären, daß Konstantin VI. der rechtmäßige römische Kaiser sei. Als solcher bestieg er seinen ererbten Thron und überließ Irene einem einsamen und ruhigen Leben. Stolzen Geistes ließ sie sich indes zur Verstellung verleiten. Sie schmeichelte den Bischöfen und Eunuchen, weckte die kindliche Liebe des Fürsten, gewann sein Vertrauen wieder und verriet seine Leichtgläubigkeit. Es fehlte Konstantin nicht an Verstand und Mut, aber seine Erziehung war geflissentlich vernachlässigt worden, und seine ehrgeizige Mutter prangerte öffentlich die Laster, die sie genährt, und die Handlungen, die sie insgeheim geraten hatte, an. Seine Ehetrennung und zweite Vermählung verletzte die Geistlichkeit, und durch seine unkluge Strenge hatte er die Anhänglichkeit der armenischen Leibwachen verwirkt. Eine große Verschwörung wurde zu Irenes Wiedereinsetzung eingeleitet. Das Geheimnis wurde, so weit es auch verbreitet war, gegen acht Monate treulich bewahrt, bis der Kaiser, die Gefahr argwöhnend, aus Konstantinopel in der Absicht entwich, die Provinzen und Heere aufzurufen. Durch diese eilige Flucht befand sich die Kaiserin in großer Gefahr; ehe jedoch Irene ihren Sohn um Gnade anflehte, erließ sie ein geheimes Schreiben an die Freunde, mit denen sie ihn umgeben hatte, und drohte, daß, wenn diese ihren Hochverrat nicht zu Ende führen wollten, sie selbst ihn offenbaren würde. Furcht verlieh ihnen Unerschrockenheit. Sie ergriffen den Kaiser auf dem asiatischen Gestade. Er wurde in das Purpurgemach des Palastes gebracht, wo er das Licht der Welt erblickt hatte. In Irenes Seele war jedes menschliche und natürliche Gefühl durch Ehrgeiz erstickt worden. In ihrem Rate wurde beschlossen, Konstantin der Herrschaft unfähig zu machen; ihre Sendlinge überfielen den schlafenden Fürsten und stießen ihre Dolche so ungestüm und mit solcher Wucht in seine Augen, als beabsichtigten sie, ein Todesurteil zu vollstrecken. Eine zweideutige Stelle des Theophanes veranlaßte den Annalisten der Kirche zu behaupten, der Tod sei die unmittelbare Folge dieser barbarischen Tat gewesen. Die Katholiken haben sich durch das Ansehen des Baronius täuschen oder einschüchtern lassen, und die eifrigen Protestanten haben die Worte eines Kardinals wiederholt, dessen günstige Gesinnung für die Beschützerin der Bilder sich voraussetzen ließ. Aber der blinde Sohn der Irene lebte noch viele Jahre, unterdrückt vom Hofe und vergessen von der Welt; die isaurische Dynastie erlosch in aller Stille, und das Andenken Konstantins wurde erst bei der Vermählung seiner Tochter Euphrosyne mit Kaiser Michael II. wieder erweckt.

Auch die orthodoxesten Frömmigen haben mit Recht die unnatürliche Mutter verflucht, derengleichen in der Geschichte der Verbrechen nicht leicht zu finden sein dürfte. Irenes blutiger Tat hat der Glaube eine siebzehntägige Sonnenfinsternis als Folge zugeschrieben, während der mehrere Schiffe um die Mittagszeit aus ihrer Bahn abgetrieben wurden, als ob die Sonne, ein so ungeheurer Feuerball, Mitgefühl mit den Atomen eines um sie sich drehenden Planeten haben könnte. Auf der Erde blieb Irenes Verbrechen fünf Jahre lang ungestraft, ihre Regierung war äußerlich glanzvoll, und wenn sie die Stimme ihres Gewissens zum Schweigen bringen konnte, hörte sie weder noch berücksichtigte sie die Vorwürfe der Menschen. Die römische Welt beugte sich vor der Herrschaft einer Frau, und wenn Irene durch die Straßen von Konstantinopel zog, wurden die Zügel ihrer vier milchweißen Rosse von ebenso vielen Patriziern gehalten, die zu Fuß vor dem goldenen Wagen ihrer Königin gingen. Aber diese Patrizier waren größtenteils Eunuchen. Ihre Undankbarkeit rechtfertigte bei dieser Gelegenheit den Haß und die Verachtung der Menschen gegen solche Personen. Erhoben, bereichert, mit der ersten Würde des Reiches belehnt, verschworen sie sich niedrigerweise gegen ihre Wohltäterin; der Großschatzmeister Nikephorus wurde insgeheim mit dem Purpur bekleidet. Man führte ihren Nachfolger in den Palast ein, und der käufliche Patriarch krönte ihn in der St. Sophienkirche (802). Bei ihrer ersten Unterredung erzählte sie würdevoll die Umwälzungen ihres Lebens, klagte maßvoll über die Treulosigkeit des Nikephorus, spielte darauf an, daß er nur ihrer Arglosigkeit und Milde sein Leben verdanke und erbat sich für den Thron und die Schätze, die sie abtrat, einen anständigen und ehrenvollen Ruhesitz. In seinem Geiz verweigerte er die mäßige Entschädigung. In ihrem Exil auf der Insel Lesbos erwarb sich die Kaiserin durch Spinnen einen kärglichen Lebensunterhalt.

Es haben ohne Zweifel viele Tyrannen regiert, die weit größere Verbrecher waren als Nikephorus, keiner aber hat sich vielleicht den allgemeinen Abscheu seines Volkes mehr zugezogen. Er besaß die drei hassenswerten Laster der Heuchelei, der Undankbarkeit und des Geizes; seine Laster wurden durch kein einziges überlegenes Talent, sein Mangel an Talenten durch keine einzige angenehme Eigenschaft ersetzt. Ungeschickt und unglücklich im Kriege wurde er von den Sarazenen geschlagen und von den Bulgaren erschlagen (811), und der Vorteil, den sein Tod brachte, überwog in der öffentlichen Meinung die Vernichtung eines römischen Heeres. Mit einer tödlichen Wunde entfloh sein Sohn und Erbe Staurakius vom Schlachtfelde. Dennoch reichten sechs Monate eines dem Tode verfallenen Lebens hin, um seine unanständige, obschon wohlgefällig aufgenommene Erklärung zu widerlegen, daß er in allen Dingen das Beispiel seines Vaters vermeiden werde. Bei der Aussicht auf seinen baldigen Tod wurde Michael, der Großmeister des Palastes und Gemahl seiner Schwester Prokopia, von allen im Palast und in der Stadt als Nachfolger genannt, nur nicht von seinem neidischen Schwager. Sich an das Zepter klammernd, das im Begriffe war, seiner Hand zu entfallen, verschwor er sich gegen seinen Nachfolger und verfiel auf den Gedanken, das römische Reich in eine Demokratie zu verwandeln. Diese übereilten Anschläge jedoch dienten nur zur Entflammung des Volkes und zur Widerlegung der Zweifel des Kandidaten. Michael I. (Rhangabe) nahm den Purpur an (Oktober 811), und bevor der Sohn des Nikephorus ins Grab sank, sah er sich genötigt, die Milde seines neuen Souveräns anzuflehen.

Wenn Michael in einem friedlichen Zeitalter einen erblichen Thron bestiegen hätte, würde er als guter Landesvater regiert haben und gestorben sein. Aber seine milden Tugenden paßten besser ins Privatleben, und er war nicht imstande, den Ehrgeiz derjenigen, die seinesgleichen gewesen, zu zähmen oder den siegreichen Bulgaren zu widerstehen. Während Mangel an Geschicklichkeit und Erfolg ihn der Verachtung der Soldaten preisgab, erregte der männliche Mut seiner Gattin Prokopia ihre Entrüstung. Sogar die Griechen des neunten Jahrhunderts wurden durch die Unverschämtheit einer Frau erbittert, die es angesichts der Fahnen wagte, die Truppen zu leiten und anzufeuern, und tobendes Geschrei mahnte die neue Semiramis, die Hoheit eines römischen Lagers zu ehren. Nach einem unglücklichen Feldzuge verließ der Kaiser in den thrakischen Winterquartieren eine mißvergnügte Armee unter dem Oberbefehl seiner Feinde, die mit schlauer Beredsamkeit die Soldaten dazu brachten, die Herrschaft der Eunuchen zu vernichten, den Gemahl der Prokopia abzusetzen und das Recht einer militärischen Wahl auszuüben. Sie rückten gegen die Hauptstadt vor: aber Geistlichkeit, Senat und Volk von Konstantinopel blieben der Sache Michaels treu, und die Truppen und Schätze Asiens hätten die Drangsale eines Bürgerkrieges verlängern können. Michaels Menschlichkeit jedoch (Ehrgeize werden es Schwäche nennen) ließ nicht zu, daß ein Tropfen Christenblut in seinem Interesse vergossen werde, und seine Boten überreichten den Siegern die Schlüssel der Stadt und des Palastes. Sie wurden durch seine Unschuld und Unterwerfung entwaffnet und schonten sein Leben und seine Augen. Der kaiserliche Mönch genoß noch über zweiunddreißig Jahre, nachdem er des Purpurs beraubt und von seiner Gattin getrennt worden war, die Tröstungen der Einsamkeit und Religion.

Einen Rebellen zur Zeit des Nikephorus, den berühmten und unglücklichen Bardanes, trieb einst die Neugier, einen asiatischen Propheten zu befragen, der ihm zuerst seinen Sturz und dann das Schicksal seiner drei vornehmen Unterbefehlshaber, Leos des Armeniers, Michaels des Phrygiers und Thomas des Kappadoziers, die aufeinanderfolgenden Regierungen der beiden ersteren und das fruchtlose und todbringende Unternehmen des dritten weissagte. Diese Prophezeiung ging in Erfüllung, vielleicht wurde sie auch erst im Nachhinein erfunden. Als zehn Jahre später die Soldaten des thrakischen Lagers den Gemahl der Prokopia verwarfen, wurde die Krone demselben Leo, dem Inhaber des obersten militärischen Ranges und geheimen Anstifters der Meuterei, angeboten (813). Da er zögernd heuchelte, rief sein Genosse Michael: »Mit diesem Schwerte werde ich die Tore von Konstantinopel deiner kaiserlichen Herrschaft öffnen oder es sogleich in deine Brust stoßen, wenn du dich halsstarrig den gerechten Wünschen deiner Kameraden widersetzest.« Der Armenier erhielt das Reich, das er sieben und ein halbes Jahr unter dem Namen Leo V. beherrschte. Im Lager erzogen und mit den Gesetzen so unbekannt wie mit den Wissenschaften, führte er in seiner Zivilverwaltung die Härte, ja sogar die Grausamkeit der Kriegszucht ein, und wenn er in seiner Strenge zuweilen Unschuldige gefährdete, war er doch stets dem Schuldigen furchtbar. Seine religiöse Unbeständigkeit brachte ihm den Beinamen Chamäleon ein. Aber die Katholiken haben durch die Stimme eines Heiligen und mehrerer Bekenner anerkannt, daß das Leben des Bilderstürmers dem Reich nützlich war. Sein eifriger Gefährte Michael wurde mit Reichtümern, Ehrenstellen und militärischem Kommando belohnt und seine untergeordneten Talente im öffentlichen Dienste wohltätig verwendet. Aber den Phrygier verdroß es, daß er als Gnade einen kärglichen Teil des kaiserlichen Preises erhielt, den er seinesgleichen zuerteilt hatte. Mißvergnügt, zuweilen unüberlegte Reden haltend, nahm er endlich eine drohendere und feindlichere Haltung gegen einen Fürsten an, den er als grausamen Tyrannen darstellte. Aber dieser Tyrann hatte seinen alten Waffengefährten wiederholt ertappt, gewarnt und entlassen, bis endlich Furcht und Zorn über Dankbarkeit siegten. Michael wurde nach Untersuchung seiner Handlungen und Pläne des Hochverrates schuldig erkannt und verurteilt, in den Öfen der Privatbäder lebendig verbrannt zu werden. Die fromme, menschliche Kaiserin Theophano war ihrem Gemahl und ihrer Familie verderblich. Ein festlicher Tag, der 25. Dezember 820, war zur Hinrichtung festgesetzt; sie wendete ein, daß der Jahrestag der Geburt des Erlösers durch dieses unmenschliche Schauspiel entweiht werden würde, Und Leo willigte widerstrebend in den schon vom Anstand gebotenen Aufschub. Aber am Vorabend des Festes verleiteten ihn Schlaflosigkeit und Besorgnis in der Stille der Nacht das Gemach aufzusuchen, worin sein Feind eingekerkert war. Er sah ihn ohne Ketten auf dem Bett des Wächters in tiefem Schlummer liegen. Leo geriet über diese Zeichen von Sicherheit und des Einverständnisses seiner Feinde in Bestürzung. Wie leise er sich auch zurückzog, sein Kommen und Gehen war doch von einem Sklaven bemerkt worden, der in einer Ecke des Gefängnisses zusammengekauert lag. Michael erbat sich den geistlichen Beistand eines Beichtvaters und konnte mit Hilfe von diesem die Verschworenen unterrichten, daß ihr Leben in seiner Hand stände und ihnen nur wenige Stunden gegönnt wären, um durch Befreiung ihres Freundes und Vaterlandes für ihre Sicherheit zu sorgen. An großen Festen wurde eine auserlesene Schar von Priestern und Sängern durch ein Nebentor in den Palast gelassen, um in der Kapelle die Frühmette zu singen, und Leo, der mit gleicher Strenge die Chor- wie die Lagerdisziplin regierte, pflegte bei dieser Frühandacht selten zu fehlen. In geistlicher Tracht, aber mit Schwertern unter den Gewändern, mengten sich die Verschworenen unter den Zug und lauerten in den Ecken der Kapelle. Wenn der Kaiser selbst den ersten Psalm anstimmte, sollte der Mord geschehen. Die Beleuchtung und die einheitliche Tracht hätten sein Entkommen begünstigen können, während ihr Angriff gegen einen harmlosen Priester gerichtet war. Aber sie entdeckten bald ihr Versehen und umringten das kaiserliche Opfer von allen Seiten. Waffenlos und ganz allein erfaßte er ein schweres Kreuz und stellte sich den Mördern; als er aber um Gnade bat, erhielt er die unerbittliche Antwort: »Dies ist nicht die Stunde der Gnade, sondern der Rache!« Ein wohlgezielter Schwerthieb trennte die rechte Hand, in der er das Kreuz hielt, von seinem Körper, und Leo der Armenier wurde am Fuße des Altars erschlagen.

Michael II., wegen eines Sprachfehlers der Stammler genannt, bietet ein merkwürdiges Beispiel für den Glückswechsel. Er wurde von einem feurigen Ofen zu unumschränkter Herrschaft emporgerissen, und da im Tumult ein Schmied nicht gleich zu finden war, saß er mit den Fesseln an den Füßen mehrere Stunden auf dem Thron der Cäsaren. Das fürstliche Blut, der Preis für seine Erhebung, war zwecklos vergossen. Im Purpur behielt er die früheren gemeinen Laster bei. Michael verlor träge und gleichgültig seine Provinzen, als ob sie gewöhnliche Erbgüter seiner Väter gewesen wären. Thomas, der letzte des militärischen Dreibundes, machte ihm seinen Titel streitig und führte von den Ufern des Tigris und den Gestaden des Kaspischen Meeres achtzigtausend Barbaren nach Europa. Er belagerte Konstantinopel. Aber die Hauptstadt wurde mit geistlichen und irdischen Waffen verteidigt. Ein bulgarischer König griff das Lager der Orientalen an, und Thomas hatte das Unglück oder war so schwach, lebendig in die Gewalt seines Feindes zu fallen. Die Hände und Füße des Rebellen wurden abgehackt, dieser dann auf einen Esel gesetzt und unter dem Hohn des Volkes durch die Straßen geführt, die er mit Blut besprengte. Die Entartung der ebenso wilden wie verdorbenen Sitten zeigte sich selbst beim Kaiser. Taub gegen die Schmerzensschreie eines ehemaligen Kameraden, drang er unaufhörlich in ihn, mehr Mitschuldige zu nennen, bis die Frage eines ehrlichen oder schuldigen Ministers: »Willst du denn einem Feinde und nicht den treuesten deiner Freunde Glauben schenken?« seinen neugierigen Erkundigungen Einhalt tat. Nach dem Tode seiner ersten Gattin hatte der Kaiser auf Bitten des Senats Euphrosyne, die Tochter Konstantin VI., aus ihrem Kloster geholt. Ihre erlauchte Herkunft konnte die Bedingung des Ehevertrages rechtfertigen, daß ihre Kinder am Reiche gleichen Anteil mit ihrem älteren Bruder haben sollten. Aber die Ehe Michaels mit Euphrosyne blieb unfruchtbar. Euphrosyne begnügte sich mit dem Titel der Mutter des Theophilus, seines Sohnes und Nachfolgers.

Theophilus bietet ein seltenes Beispiel dafür, daß im Religionseifer die Tugend eines Ketzers und Verfolgers anerkannt und vielleicht übertrieben worden ist. Die Feinde der Monarchie fühlten oft seine Tapferkeit, so wie die Untertanen seine Gerechtigkeit. Aber in seiner Tapferkeit war Theophilus unbesonnen und unnütz, und bei aller Gerechtigkeit war er willkürlich und grausam. Er entfaltete das Banner des Kreuzes gegen die Sarazenen, aber seine fünf Feldzüge endeten mit einer entscheidenden Niederlage. Amorium, seiner Altvordern heimatliche Stadt, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Er empfing wegen seiner kriegerischen Unternehmungen den Beinamen der Unglückliche. Die Weisheit eines Souveräns zeigt sich in seinen Gesetzen und in der Wahl der Beamten; während er untätig zu sein scheint, war seine Zivilverwaltung wie ein Planetensystem eingerichtet, das ihn zum Mittelpunkte hatte. Aber die Gerechtigkeit des Theophilus war die der morgenländischen Despoten, die in persönlichen und ungerechten Machtsprüchen der augenblicklichen Einsicht oder Leidenschaft folgen, ohne ihr Urteil nach dem Gesetz oder die Strafe nach dem Verbrechen zu bemessen. Eine arme Frau warf sich zu des Kaisers Füßen, um gegen einen mächtigen Nachbarn, den Bruder der Kaiserin, zu klagen, der die Mauern seines Palastes so hoch gebaut hatte, daß er ihrer geringen Wohnung alles Licht und jede Aussicht nahm. Nachdem der Beweis für diese Tatsache erbracht worden war, sprach der Souverän, statt wie ein gewöhnlicher Richter hinreichend Schadenersatz zu gewähren, ihr den Palast samt Zubehör zu. Ja, Theophilus begnügte sich mit dieser außerordentlichen Genugtuung nicht. In seinem Eifer stempelte er eine Zivilrechtsverletzung zu einem Verbrechen und der unglückliche Patrizier wurde auf öffentlichem Platze in Konstantinopel entkleidet und gegeißelt. Geringer Vergehen willen, ja wegen eines Mangels an Gerechtigkeit oder Wachsamkeit, wurden die vornehmsten Minister, ein Präfekt, ein Quästor, ein Befehlshaber der Leibwachen, verbannt oder verstümmelt oder mit siedendem Pech verbrüht oder lebendig im Hippodrom verbrannt. Da diese schrecklichen Taten Folgen des Irrtums oder der Laune waren, mußten sie die besten und weisesten Bürger ihm entfremden. Aber der stolze Monarch fühlt sich durch die Ausübung seiner Macht oder wie er glaubte seiner Tugend befriedigt, und das Volk, sicher in seiner Obskurität, zollte der Gefahr und der Erniedrigung der Großen Beifall. Diese außerordentliche Strenge wurde in einem gewissen Grade durch ihre heilsamen Wirkungen gerechtfertigt. Ja, man möchte anführen, daß die Griechen nur mit einem eisernen Szepter regiert werden konnten und daß das Staatswohl der Beweggrund und das Gesetz des obersten Richters sei. Dieser Richter jedoch ist, bezüglich Verbrechen oder des Verdachtes des Hochverrates, leichtgläubiger und parteiischer als alle anderen. Wenn Theophilus an den Mördern Leos und Rettern seines Vaters späte Rache übte, genoß er doch die Frucht ihres Verbrechens, und in eifersüchtiger Tyrannei opferte er der künftigen Sicherheit einen Schwager und Fürsten. Ein Perser aus dem Hause der Sassaniden starb in Konstantinopel in Armut und Verbannung und hinterließ einen einzigen Sohn, die Frucht seiner Ehe mit einer Plebejerin. Als Theophobus zwölf Jahre alt war, entdeckte man seine königliche Herkunft und seine Eigenschaften waren seiner Geburt nicht unwürdig. Er wurde im byzantinischen Palaste zum Christen und zum Krieger erzogen, stieg schnell auf der Stufenleiter des Glückes und Ruhmes empor, empfing die Hand der Schwester des Kaisers und den Oberbefehl über dreißigtausend Perser, die gleich seinem Vater vor den mohammedanischen Eroberern geflohen waren. Diese Truppen, doppelt angesteckt von den Lastern von Söldlingen und Schwärmern, wollten sich gegen ihren Wohltäter empören und die Fahne ihres angestammten Königs aufpflanzen. Der getreue Theophobus verwarf aber ihr Anerbieten, vereitelte ihre Pläne und entfloh aus ihrer Gewalt nach dem Lager oder Palaste seines kaiserlichen Schwagers. In hochherzigem Vertrauen würde der Kaiser in ihm einen zuverlässigen und fähigen Beschützer für seine Gattin und seinen unmündigen Sohn gewonnen haben, denen Theophilus in der Blüte des Alters das Reich zu hinterlassen gezwungen war. Allein eifersüchtig, wurde er durch Neid und Krankheit erbittert. Er fürchtete den tugendhaften Beschützer, der seinen schwachen kindlichen Sohn beschützen sollte, aber ihn auch unterdrücken konnte, und so verlangte der sterbende Kaiser das Haupt des persischen Fürsten. Mit wilder Freude betrachtete er die wohlbekannten Züge seines Schwagers. »Du bist nicht mehr Theophobus,« sagte er, sank auf sein Lager zurück und fügte mit brechender Stimme hinzu: »Bald, nur zu bald werde ich nicht mehr Theophilus sein!«

Die Russen, die von den Griechen den größten Teil ihrer bürgerlichen und kirchlichen Politik haben, bewahrten bis in das 17. Jahrhundert einen eigentümlichen Brauch bei der Vermählung ihrer Zaren. Sie versammelten nicht die Jungfrauen jedes Ranges und jeder Provinz, sondern die Töchter der vornehmsten Edeln, die im Palaste der Wahl ihres Souverän harrten. Es wird berichtet, daß eine ähnliche Methode bei der Vermählung des Theophilus befolgt wurde. Mit einem goldenen Apfel in der Hand schritt er langsam durch zwei Reihen wetteifernder Schönheiten. Seine Blicke wurden durch die Reize der Ikasia gefesselt. In linkischer Verlegenheit vermochte der Fürst bei einer ersten Erklärung nur zu bemerken, daß die Frauen auf dieser Erde die Ursache von vielem Unheil gewesen seien. »Aber gewiß auch von vielem Guten, Herr!« versetzte sie naseweis. Dieser Ausbruch unzeitigen Witzes mißfiel dem kaiserlichen Freiwerber, und er wandte sich mit Widerwillen ab. Ikasia verbarg sich in ihrem Schmerz in einem Kloster, und die bescheiden schweigende Theodora wurde mit dem Apfel belohnt. Sie verdiente die Liebe ihres Gemahls, entging aber keineswegs dessen Strenge. Aus dem Garten des Palastes gewahrte er ein hochbeladenes Schiff, das in den Hafen steuerte. Als die eingezogene Erkundigung ergab, daß die kostbare Ladung syrischer Luxusartikel das Eigentum seiner Gattin wäre, ließ er das Schiff verbrennen mit der beißenden Bemerkung, Theodora habe den Charakter einer Kaiserin zu dem einer Krämerin herabgewürdigt. In seinem letzten Willen vertraute er ihr aber die Vormundschaft des Reiches und seines Sohnes Michael an, der im fünften Lebensjahre eine Waise wurde (842). Die Wiedereinführung der Bilder und Ausrottung der Ikonoklasten hat den Namen Theodoras den frommen Griechen teuer gemacht; aber trotz ihres religiösen Eifers bewahrte sie dankbare Rücksicht dem Andenken und der Seelenrettung ihres Gemahls. Nach dreizehn Jahren einer klugen und gemäßigten Regierung gewahrte sie die Abnahme ihres Einflusses, doch die zweite Irene ahmte nur die Tugenden ihrer Vorgängerin nach. Statt sich gegen das Leben oder die Regierung ihres Sohnes zu verschwören, zog sich Theodora ohne Kampf, obschon nicht ohne Bitterkeit, ins Privatleben zurück und beweinte die Undankbarkeit, die Laster und das unvermeidliche Verderben des unwürdigen Jünglings. Wir haben unter den Nachfolgern des Nero und Heliogabal bisher Nachahmer ihrer Laster nicht gefunden, nämlich einen römischen Fürsten, der das Vergnügen als den Zweck des Lebens und die Tugend als den Feind des Vergnügens betrachtete. Wie groß die mütterliche Sorgfalt der Theodora bei Erziehung Michaels II. immer gewesen sein mag, so war ihr unglücklicher Sohn doch früher König als Mann. Arbeitete dagegen die ehrgeizige Mutter daran, die Entwicklung der Vernunft zu hemmen, vermochte sie doch die aufflammende Leidenschaft nicht zu kühlen, und ihre eigennützige Politik erhielt dann durch den undankbaren, eigensinnigen Jüngling, der sie verachtete, gerechten Lohn. Im Alter von achtzehn Jahren schüttelte er die mütterliche Gewalt ab, ohne seine Unfähigkeit, das Reich und sich selbst zu beherrschen, einzusehen. Mit Theodora entfloh der Ernst und die Weisheit gänzlich vom Hofe. Laster und Torheit zogen ein, ja es war, ohne die öffentliche Achtung zu verwirken, unmöglich, des Kaisers Gunst zu erwerben oder zu bewahren. Die Millionen in Gold und Silber, die im Staatsschatz angehäuft waren, wurden an die elendsten Menschen, die seinen Leidenschaften schmeichelten und an seinen Vergnügungen teilnahmen, vergeudet; nach einer Regierung von dreizehn Jahren war der reichste aller Souveräne gezwungen, Palast und Kirchen ihrer kostbaren Ausschmückung zu berauben. Gleich Nero fand Michael Vergnügen im Theater und war bekümmert, daß er in Künsten übertroffen wurde, in denen hervorzuragen er sich hätte schämen sollen. Die Studien Neros in Musik und Dichtkunst zeigen, daß er Spuren edlen Geschmackes besaß; die unedlen Künste des Sohnes des Theophilus beschränkten sich auf das Wagenrennen und das Hippodrom. Die vier Parteien, welche die Ruhe der Hauptstadt gestört hatten, ergötzten beständig deren Müßiggänger; der Kaiser wählte für sich selbst die blaue Farbe, die drei übrigen Farben wurden unter seine Lieblinge verteilt. In dem schmachvollen, aber leidenschaftlichen Wettkampfe vergaß er seine Würde und die Sicherheit seiner Provinzen. Dem Boten, der es wagte, ihm im kritischen Augenblick des Rennens einen feindlichen Einbruch zu melden, gebot er Schweigen, ja, auf seinen Befehl wurden die auffallenden Leuchtbecken ausgelöscht, die nur zu häufig Bestürzung von Tarsus bis Konstantinopel verbreiteten. Die geschicktesten Wagenlenker erhielten sein besonderes Vertrauen und seine Hochachtung; ihre Verdienste wurden verschwenderisch belohnt. Der Kaiser schmauste in ihren Häusern, hielt ihre Kinder zur Taufe, und während er auf seine eigene Popularität stolz war, schmähte er seine kalten, stolzen und zurückhaltenden Vorgänger. Die unnatürlichen Lüste, die sogar das Mannesalter Neros geschändet hatten, waren zwar aus der Welt verbannt, wohl aber wurde Michaels Kraft durch Liebe und Unmäßigkeit erschöpft. Wenn bei mitternächtlichen Gelagen seine Leidenschaften durch Wein erhitzt waren, ließ er sich verleiten, die blutdürstigsten Befehle zu erteilen, und wenn ja noch Menschlichkeit in ihm war, mußte er mit wiederkehrender Besinnung den Ungehorsam seiner Diener billigen. Aber der außerordentlichste Zug in Michaels Charakter ist seine ruchlose Neigung, die Religion seines Vaterlandes zu verspotten. Der griechische Glaube konnte allerdings das Lächeln eines Philosophen erregen, aber dieses Lächeln wäre vernünftig und gemäßigt gewesen, nicht wie die verdammenswerte Torheit eines Jünglings, der die Gegenstände der öffentlichen Verehrung verhöhnte. Ein Possenreißer des Hofes wurde mit den Gewändern des Patriarchen bekleidet; auch die zwölf Metropoliten, darunter der Kaiser selbst, legten ihre geistliche Tracht an. Sie mißbrauchten die geheiligten Altargefäße, und bei ihren bacchanalischen Gelagen wurde ein ekelhaftes Gemisch aus Senf und Essig als Abendmahlswein gereicht. Und diese gottlosen Mummereien wurden keineswegs den Blicken des Volkes entzogen. An einem feierlichen Feste ritten der Kaiser und seine Bischöfe oder Narren auf Eseln durch die Straßen, begegneten dem wirklichen Patriarchen an der Spitze seiner Geistlichkeit und störten durch ihr ausgelassenes Geschrei und ihre schmutzigen Gebärden den christlichen Zug. Die Religiosität Michaels gab sich nur durch Handlungen wider die Vernunft oder wider die Pietät kund; er empfing seine theatralischen Kronen vor einem Standbilde der heiligen Jungfrau und verletzte ein Kaisergrab, um die Gebeine des Bilderstürmers Konstantin zu verbrennen. Durch dieses ausschweifende Betragen machte sich der Sohn des Theophilus verächtlich, und er wurde bereits gehaßt. Jeder Bürger sehnte ungeduldig die Befreiung seines Vaterlandes herbei, und selbst seine augenblicklichen Günstlinge fürchteten, daß ihnen eine Laune nehmen könnte, was ihnen eine Laune gegeben hatte. Im dreißigsten Lebensjahr, während er, vom Weine trunken, schlief, wurde Michael III. von dem Stifter einer neuen Dynastie, den er zum gleichen Rang und zur Macht erhoben hatte, ermordet (867).

Die Genealogie Basilius' des Makedoniers, liefert (wenn nicht Stolz und Schmeichelei sie erfunden haben) ein lebendiges Gemälde der Umwälzung in den erlauchtesten Familien. Die Arsakiden, Roms Nebenbuhler, hatten das Szepter des Ostens beinahe durch vier Jahrhunderte besessen; ein jüngerer Zweig dieser parthischen Könige fuhr fort, in Armenien zu herrschen, und ihre königlichen Nachkommen überlebten die Teilung und Knechtschaft dieser alten Monarchie. Zwei derselben, Artabanus und Chlienes, entwichen nach dem Hof Leos I. oder zogen sich dahin zurück. Gütevoll gewährte er ihnen ein sicheres und gastfreundschaftliches Exil in der Provinz Makedonien, und zuletzt ließen sie sich in Adrianopel nieder. Während mehrerer Geschlechtsfolgen hindurch bewahrten sie die Würde, die ihnen ihre Geburt gab. In römischem Patriotismus verwarfen sie die lockenden Anerbieten der persischen und arabischen Gewalthaber, die sie in ihr Vaterland zurückberiefen. Aber Zeit und Armut trübten allmählich ihren Glanz. Basilius' Vater war nur mehr Besitzer einer kleinen Meierei, die er mit eigenen Händen versorgte; dennoch verschmähte er es, das Blut der Arsakiden durch eine Heirat mit einer Plebejerin zu entehren. Seine Gattin, eine Witwe aus Adrianopel, zählte Konstantin den Großen zu ihren Ahnen, und ihr königliches Kind war durch irgend eine Verwandtschaft, Abstammung oder durch das Vaterland mit Alexander von Makedonien verbunden. Kurz nach Basilius' Geburt wurde seine Familie und seine Vaterstadt durch eine Invasion der Bulgaren hinweggefegt, er selbst als Sklave in einem fremden Land erzogen, in welcher schweren Zucht er sich jenen abgehärteten Körper und jenen biegsamen Geist aneignete, die seine spätere Erhebung förderten. Im Jünglings- und Mannesalter nahm er an der Selbstbefreiung der römischen Gefangenen teil, die mutig ihre Ketten zerbrachen, durch Bulgarien zum Schwarzen Meer zogen, zwei Barbarenheere schlugen, sich in den zu ihrer Aufnahme bereitgestellten Booten einschifften und nach Konstantinopel zurückkehrten, von wo jeder nach seiner Heimat gewiesen wurde. Aber der befreite Basilius war nackt und bloß; seine Meierei war durch den Krieg zerstört worden, und nach seines Vaters Tode reichte die Arbeit seiner Hände oder seine Dienste nicht mehr hin, um eine Familie von Waisen zu ernähren. Er beschloß, einen reicheren Schauplatz zu suchen, wo jede Tugend und jedes Laster zur Größe führen konnte. In der ersten Nacht seiner Ankunft in Konstantinopel, ohne Freunde und Geld, schlief der müde Wanderer auf den Stufen der Kirche des heiligen Diomedes: ein Mönch, der zufällig vorüberkam, gab ihm Nahrung, und er trat in die Dienste eines Vetters und Namensgenossen des Kaisers Theophilus, der, obgleich selbst von winziger Statur, sich stets von einem Gefolge hochgewachsener und schöner Diener begleiten ließ. Basilius folgte seinem Beschützer, als dieser die Statthalterschaft im Peloponnes übernahm, verdunkelte durch seine persönlichen Eigenschaften die Herkunft und Würde des Theophilus und knüpfte eine nützliche Bekanntschaft mit einer reichen und mildtätigen Matrone von Patras an. Danielis schenkte dem jungen Abenteurer ihre geistige und sinnliche Liebe, adoptierte ihn als Sohn und gab ihm dreißig ihrer Sklaven. Der Ertrag ihrer Güter wurde zur Unterstützung seiner Brüder und zum Ankauf einiger großer Ländereien in Makedonien verwendet. Dankbarkeit oder Ehrgeiz hielten ihn im Dienste des Theophilus zurück, und ein glücklicher Zufall machte den Hof auf ihn aufmerksam. Ein berühmter Ringer im Gefolge der bulgarischen Gesandten hatte sich beim kaiserlichen Bankett dem kühnsten und stärksten aller Griechen für überlegen erklärt. Man pries Basilius' Kraft, er nahm die Herausforderung an und der Barbar wurde beim ersten Gange geworfen. Einem schönen, aber nicht zu bändigenden Pferd sollten die Flechsen durchschnitten werden. Der mutige und gewandte Basilius bändigte das Tier, und der Sieger wurde auf einen ehrenvollen Posten in die kaiserlichen Stallungen berufen. Aber es war unmöglich, Michaels Vertrauen zu gewinnen, ohne sich in seine Laster zu fügen. Sein neuer Günstling, der Großkämmerer des Palastes, wurde durch die schimpfliche Heirat mit einer kaiserlichen Geliebten und die entehrende Opferung seiner Schwester, die deren Stelle einnahm, erhoben und unterstützt. Die öffentliche Verwaltung war dem Cäsar Bardas, dem Schwager und Feinde der Theodora überlassen. Der Einfluß und die Intrigen der Frauen brachten Michael dahin, seinen Oheim zu fürchten und zu hassen. Er ließ ihn von Konstantinopel unter dem Vorwande, einen kretischen Feldzug zu leiten, weglocken, und der Kämmerer tötete ihn im Audienzzelt in Gegenwart des Kaisers. Ungefähr einen Monat nach dieser Hinrichtung erhielt Basilius den Augustustitel und die Reichsverwaltung. Er ertrug diese ungleichen Würden, bis sein Einfluß durch die Achtung des Volkes sich verstärkt hatte. Sein Leben war durch die Launen des Kaisers gefährdet und seine Würde durch einen zweiten Kollegen geschändet, der auf den Galeeren gerudert hatte. Die Ermordung seines Wohltäters indessen muß als eine Tat des Undankes und Hochverrates verdammt werden, und die Kirchen, die er dem heiligen Michael widmete, waren eine armselige und knabenhafte Sühne für seine Schuld.

Die verschiedenen Lebensperioden Basilius' I. lassen sich mit denen des Augustus vergleichen. Die Lage des Griechen gestattete ihm allerdings nicht, in früher Jugend ein Heer gegen sein Vaterland ins Feld zu führen oder die edelsten Söhne desselben zu ächten; aber seine ehrgeizige Seele verleitete ihn zu niedrigen Machenschaften. Er verheimlichte seinen Ehrgeiz, ja sogar seine Tugenden und griff mit seiner blutigen Hand, der Hand eines Mörders, nach dem Reiche, das er mit der Weisheit und Liebe eines Vaters regierte. Ein Privatmann kann fühlen, daß sein Interesse seiner Pflicht widerstreite, aber es kann nur Mangel an Mut oder an Einsicht sein, wenn ein unumschränkter Herrscher sein Glück von seinem Ruhme oder seinen Ruhm von der öffentlichen Wohlfahrt trennt. Die Biographie oder der Panegyrikus des Basilius ist allerdings unter der langdauernden Herrschaft seiner Nachkommen verfaßt und herausgegeben worden; aber selbst daß sie den Thron so lange besaßen, kann mit Recht dem überlegenen Verdienst ihres Ahnherrn zugeschrieben werden. Sein Enkel Konstantin hat seinen Charakter als vollkommenes Ideal eines Monarchencharakters beschrieben; aber wenn dieser schwache Fürst nicht ein wirkliches Muster vor sich gehabt hätte, hätte er sich nicht so hoch über sein ursprüngliches Maß und seine Begriffswelt erheben können. Allein das gründlichste Lob des Basilius liegt in dem Vergleich einer zerrütteten mit einer blühenden Monarchie, jener, die er dem ausschweifenden Michael nahm und dieser, die er der makedonischen Dynastie hinterließ. Die durch Zeit und Beispiele geheiligten Übel wurden durch seine Meisterhand abgestellt, und durch ihn lebte, wenn auch nicht der Nationalgeist, so doch die Ordnung und Majestät des römischen Reiches wieder auf. Er war unermüdlich tätig, von kaltem Temperament, sein Verstand war kräftig und scharf, und er beobachtete in seinem Benehmen jene seltene und heilsame Mäßigung, die zwar allen Lastern abhold ist, doch aber Genüsse in bescheidenem Maße nicht verschmäht. Seine militärischen Dienstleistungen hatten sich auf den Palast beschränkt, auch besaß der Kaiser weder den Geist noch die Talente eines Kriegers. Dennoch waren unter seiner Regierung die römischen Krieger den Barbaren abermals furchtbar. Sobald er ein neues Heer gebildet hatte, erschien er selbst an den Ufern des Euphrat, zügelte den Übermut der Sarazenen und unterdrückte die gefährliche, obschon gerechte Empörung der Manichäer. Seine Entrüstung gegen einen Rebellen, der seiner Verfolgung so lange entgangen war, veranlaßte ihn zu dem Wunsche und dem Gebete, er möge durch die Gnade Gottes im Stande sein, drei Pfeile in Chrysochirs Haupt zu schießen. Dieses verhaßte Haupt, das er mehr durch Verrat als durch Tapferkeit erhalten hatte, wurde an einem Baume aufgehangen und dreimal von dem kaiserlichen Schützen mit Pfeilen durchbohrt, eine niedrige Rache gegen einen Toten, mehr jener Zeit als des Basilius würdig. Aber sein Hauptverdienst bestand in der Finanzverwaltung und Gesetzgebung. Um den erschöpften Schatz zu füllen, hatte man Vorgeschlagen, die übertriebenen und schlecht verteilten Geschenke seines Vorgängers zurückzufordern. Klug ließ er die Hälfte der Güter ihren Besitzern, wodurch unverzüglich eine Summe von zwölfhunderttausend Pfund einging, die den dringendsten Ausgaben genügte. Er gewann auch so Zeit, Mittel zu sparen. Unter den verschiedenen Plänen zur Verbesserung des Staatseinkommens wurde eine neue Vermögenssteuer vorgeschlagen, deren Umlage jedoch zu sehr vom willkürlichen Ermessen der mit der Erhebung Beauftragten abgehangen wäre. Der Minister legte sogleich eine Liste ehrlicher und fähiger Männer vor; eine sorgfältigere Prüfung von Basilius selbst ergab jedoch, daß nur zwei zu finden waren, denen man eine so gefährliche Macht in die Hände legen konnte. Diese rechtfertigten aber sein Vertrauen, indem sie diese Macht ausschlugen. Die ernste und erfolgreiche Tätigkeit des Kaisers führte jedoch nach und nach ein richtiges Gleichgewicht zwischen Eigentum und Beschatzung und zwischen Einnahme und Ausgabe ein; jedem Dienste war ein besonderer Fonds gewidmet und ein öffentlich gehandhabtes Verfahren sicherte das Interesse des Fürsten und das Eigentum des Volkes. Nachdem er die Üppigkeit an seinem Hofe abgeschafft hatte, wies er zwei Patrimonialgüter an, für einen anständigen Überfluß der kaiserlichen Tafel zu sorgen; die Steuern der Untertanen verwendete er zur Verteidigung des Landes und der Rest wurde zur Verschönerung der Hauptstadt und der Provinz verwendet. Die Vorliebe für Bauten, so kostspielig sie auch sein mag, verdient einiges Lob und viele Entschuldigung. Der Gewerbefleiß wird dadurch genährt, die Künste ermutigt und immer hat die Öffentlichkeit Vorteile oder Vergnügen daran. Der Nutzen einer Straße, einer Wasserleitung, eines Hospitals springt in die Augen und ist dauernd, und die hundert Kirchen, die sich auf Befehl des Basilius erhoben, sind durch die Frömmigkeit des Zeitalters bedingt. Als Richter war er emsig und unparteiisch, gern verzeihend, aber auch sich nicht scheuend, zu strafen. Die Unterdrücker des Volkes wurden streng bestraft und seine persönlichen Feinde, denen zu verzeihen nicht geraten war, wurden außer zum Verlust ihrer Augen zu einem Leben der Einsamkeit und Buße verurteilt. Die Veränderung der Sprache und Sitten verlangte eine Durchsicht der veralteten Jurisprudenz Justinians; das umfangreiche Corpus der Institutionen, Pandekten, des Kodex und der Novellen wurde unter vierzig Titeln in griechischer Übersetzung zusammengedrängt, und die Basiliken, die durch seinen Sohn und Enkel ausgebildet und vervollständigt wurden, müssen dem Genie des Stifters ihres Hauses zugeschrieben werden. Ein Jagdunfall machte dieser glorreichen Regierung ein Ende (886). Ein wütender Hirsch blieb mit seinem Geweih in Basilius' Gürtel hängen und hob ihn vom Pferde. Einer aus dem Gefolge rettete ihn zwar, indem er den Gürtel entzweihieb und das Tier tötete, aber der Sturz oder das folgende Fieber erschöpften die Kräfte des greisen Monarchen, und er verschied im Palaste von seiner Familie und von seinen Untertanen beweint. Wenn er dem treuen Diener, weil dieser es gewagt hatte, das Schwert vor seinem Souverän zu ziehen, den Kopf abschlug, so zeigt das nur das Aufflackern des Despotismus in den letzten Augenblicken der Verzweiflung, in denen er der Meinung der Menschen nicht mehr bedurfte noch sie schätzte.

Von den vier Söhnen des Kaisers war Konstantin vor seinem Vater gestorben, der in seinem Schmerz und seiner Leichtgläubigkeit durch einen Betrüger und eine vorgebliche Erscheinung geäfft wurde. Stephan, der jüngste, begnügte sich mit den Ehren eines Patriarchen und Heiligen. Leo und Alexander wurden beide mit dem Purpur bekleidet, die Regierungsmacht aber nur durch den älteren Bruder ausgeübt. Der Name Leos VI. ist mit dem Titel eines Philosophen geschmückt worden. Den Fürsten mit dem Weisen, die Tatkraft mit dem Geist vereinen wäre allerdings die Vollendung der menschlichen Natur. Aber Leo steht tief unter diesem Ideal. Unterwarf er etwa seine Leidenschaften der Herrschaft der Vernunft? Er verbrachte sein Leben in seinem prächtigen Palast unter seinen Frauen und Geliebten. Ja sogar die Milde, die er entfaltete, und der Friedenswille müssen seinem weichen und trägen Charakter zugeschrieben werden. Zerstreute er etwa seine und seiner Untertanen Vorurteile? Sein Geist litt an dem knabenhaftesten Aberglauben; seine Gesetze entstanden unter dem Einfluß der Geistlichkeit und irrigen Ansichten des Volkes, und die Orakel des Leo, die in prophetischer Sprache das Schicksal des Reiches offenbaren, stützen sich auf die Künste der Sterndeuterei und Wahrsagerei. Wenn wir nachfragen, warum er den Namen des Weisen führt, so kann nur klar geantwortet werden, daß der Sohn des Basilius minder unwissend war als der größte Teil seiner Zeitgenossen in Kirche und Staat; daß seine Erziehung von dem gelehrten Photius geleitet und mehrere Bücher über profane und kirchliche Wissenschaften von dem kaiserlichen Philosophen oder in dessen Namen verfaßt worden sind. Aber er verlor den Ruf eines Philosophen durch ein privates Ereignis, nämlich eine mehrfache Vermählung. Die Ansichten der ersten Kirche in Betreff des Verdienstes und der Heiligkeit des Zölibates wurden von den Mönchen gepredigt und von den Griechen bekannt. Die Ehe wurde als notwendiges Mittel zur Fortpflanzung der Menschen gestattet. Nach dem Tode des einen Gatten konnte der überlebende Teil durch eine zweite Heirat der Schwäche oder Stärke des Fleisches genügen; eine dritte Ehe wurde als Zustand gesetzlich gestatteter Hurerei angesehen, eine vierte aber war eine Sünde oder ein Ärgernis, wovon die orientalischen Christen noch kein Beispiel kannten. Leo selbst hatte im Beginne seiner Regierung den Stand der Nebenfrauen abgeschafft und dritte Ehen verdammt, ohne sie jedoch für ungültig zu erklären. Patriotismus und Liebe nötigten ihn jedoch bald, seine eigenen Gesetze zu übertreten und jenen Strafen zu verfallen, die er bei ähnlicher Gelegenheit seinen Untertanen angedroht hatte. Seine drei Ehen waren kinderlos geblieben. Der Kaiser brauchte eine Gefährtin, das Reich einen rechtmäßigen Erben. Die schöne Zoe wurde als Geliebte in den Palast geführt, und nach dem erbrachten Beweis ihrer Fruchtbarkeit und der Geburt des Konstantin erklärte ihr Liebhaber seine Absicht, die Mutter und das Kind durch eine vierte Heirat zu legitimieren. Aber der Patriarch Nikolaus verweigerte seinen Segen; die kaiserliche Taufe des jungen Prinzen war durch das Versprechen, ihn von seiner Mutter zu trennen, erkauft worden, und da Zoes Gatte es nicht hielt, wurde er aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Weder die Furcht vor Verbannung, noch der Abfall seiner Brüder, weder das Ansehen der lateinischen Kirche, noch der Mangel an einem Nachfolger im Reiche oder der Zweifel an dessen Legalität konnten den halsstarrigen Mönch zur Einsicht bringen. Nach dem Tode Leos (911) wurde er aus dem Exil zur Verwaltung des Staates und der Kirche zurückberufen, und ein im Namen Konstantins erlassenes Eheedikt verdammte in Zukunft Ärgernis erregende vierte Ehen und drückte seiner eigenen Geburt stillschweigend einen Makel auf.

Porphyra ist das griechische Wort für Purpur, und da die Farben der Natur unveränderlich sind, wissen wir, daß der tyrische Farbstoff, womit die Alten ihren Purpur färbten, ein tiefes Rot war. Ein Gemach im byzantinischen Palast war mit Purpur ausgeschlagen; es blieb für Kaiserinnen in guter Hoffnung vorbehalten, und die kaiserliche Geburt ihrer Kinder wurde durch den Beinamen Porphyrogenitus, in Purper geboren, ausgedrückt. Mehrere römische Fürsten waren mit einem Erben gesegnet worden; aber dieser besondere Beiname wurde zuerst Konstantin VII. beigelegt. Sein Leben und seine Titularregierung hatten gleiche Dauer, aber von den vierundfünfzig Jahren seiner Regierung waren sechs vor dem Tode seines Vaters vergangen. Der Sohn Leos war stets entweder der freiwillige oder der gezwungene Sklave derjenigen, die seine Schwäche unterdrückten oder sein Vertrauen mißbrauchten. Sein schon lange mit dem Augustustitel bekleideter Oheim Alexander war der erste Kollege und Beherrscher des jungen Fürsten. Obwohl er noch jung war, hatte der Bruder Leos doch bereits mit dem Rufe Michaels als lasterhafter, törichter Mensch gewetteifert. Als er rechtzeitig durch den Tod hinweggerafft wurde, trug er sich mit dem Plane, seinen Neffen zu entmannen und das Reich einem unwürdigen Günstling zu hinterlassen. Die folgenden Jahre während der Minderjährigkeit Konstantins herrschten seine Mutter Zoe und ein Rat von sieben aufeinanderfolgenden Regenten, die ihr Interesse verfolgten, ihre Leidenschaften befriedigten, das Reich preisgaben, einander ausstachen und endlich einem Soldaten wichen. Romanus Lekapenus hatte sich von geringer Herkunft zum Oberbefehlshaber über die Flotte aufgeschwungen und in der Anarchie der Zeiten die Achtung der Nation verdient oder wenigstens erhalten. Mit einer siegreichen und ihm anhänglichen Flotte segelte er von der Mündung der Donau nach dem Hafen von Konstantinopel und wurde vom Volke als Befreier und Vormund des Fürsten begrüßt (919). Er wurde anfangs als Vater des Kaisers bezeichnet. Romanus verschmähte jedoch bald die untergeordnete Macht eines Ministers und übernahm mit den Titeln Cäsar und Augustus die kaiserliche Vollgewalt, die er fast fünfundzwanzig Jahre ausübte. Seine drei Söhne, Christoph, Stephan und Konstantin, wurden nach und nach mit denselben Ehren bekleidet und der rechtmäßige Kaiser vom ersten zum fünften Range in diesem Fürstenkollegium herabgesetzt. Er konnte jedoch ob der Schonung seines Lebens und seiner Krone noch immer sein Glück und die Milde des Usurpators preisen. Die Beispiele der älteren wie der neueren Geschichte könnten den Ehrgeiz des Romanus entschuldigen. Die Macht und die Gesetze des Reiches ruhten in seiner Hand, die unechte Geburt Konstantins konnte dessen Ausschließung rechtfertigen und das Grab oder Kloster war bereit, den Sohn einer Nebenfrau aufzunehmen. Aber Lekapenus scheint weder die Tugenden noch die Laster eines Tyrannen besessen zu haben. Im Glanze des Thrones verflüchtigte sich der Geist und die Regsamkeit, die er in seinem Privatleben gezeigt hatte. Bei seinen ausgelassenen Vergnügungen vergaß er sowohl für die Sicherheit des Reiches wie seiner Familie zu sorgen. Er ehrte, milden und religiösen Charakters, die Heiligkeit der Eide, die Unschuld des Jünglings, das Andenken seiner Eltern und die Anhänglichkeit des Volkes. Konstantins Hang zu Studien und zur Zurückgezogenheit beruhigte jeden Argwohn, daß er Macht wolle. Seine Bücher und Musik, seine Feder und sein Pinsel waren für ihn eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens, und wenn er durch den Verkauf seiner Gemälde ein kärgliches Auskommen erreichte, so war er, sofern der Preis nicht wegen des königlichen Künstlers erhöht wurde, mit einem persönlichen Talente begabt, wie es nur wenige Fürsten in den Stunden des Unglücks zeigten.

Der Fall des Romanus wurde durch seine eigenen und seiner Kinder Laster verursacht. Nach Christophs, des ältesten Sohnes Tod, gerieten die beiden überlebenden Brüder in Streit, verschworen sich dann aber gegen ihren Vater. Um die Mittagsstunde, in der regelmäßig alle Fremden den Palast verlassen mußten, traten sie mit bewaffneten Anhängern in das Gemach ihres Vaters und führten ihn im Mönchsgewande nach einer kleinen Insel der Propontis, die von einer Gemeinde Religiöser bevölkert war. Das Gerücht von dieser häuslichen Umwälzung erregte in der Stadt einen Aufstand; aber nur Porphyrogenitus, der eigentliche und rechtmäßige Kaiser, war der Gegenstand der öffentlichen Besorgnis, und die Söhne des Lekapenus erfuhren zu spät, daß sie nur zugunsten ihres Nebenbuhlers ein verbrecherisches und gefährliches Unternehmen gewagt hatten. Ihre Schwester Helena, Konstantins Gattin, entdeckte oder erfand ihren hochverräterischen Plan, Konstantin beim kaiserlichen Bankett zu ermorden. Seine getreuen Anhänger erhoben sich, kamen den beiden Usurpatoren zuvor, verhafteten sie, entkleideten sie des Purpurs und schifften sie nach demselben Inselkloster ein, wo sie vor kurzer Zeit ihren Vater eingesperrt hatten. Der alte Romanus kam ihnen am Strande mit einem sarkastischen Lächeln entgegen und bot, nach gerechten Vorwürfen über ihre Torheit und Undankbarkeit, seinen kaiserlichen Kollegen von seinem Wasser und seiner Pflanzenkost an. Konstantin erlangte im vierzigsten Jahre seiner Regierung den Besitz der morgenländischen Welt, die er fast fünfzehn Jahre beherrschte oder zu beherrschen schien. Es fehlte ihm an Energie, sich zu einem tätigen und ruhmreichen Leben emporzuschwingen. Die Studien, die ihn während seiner Muße erheiterten, waren mit den ernsten Pflichten eines Herrschers unvereinbar. Der Kaiser vernachlässigte die Regierung, um seinen Sohn Romanus in der Kunst derselben zu unterrichten. Während er seiner gewohnten Unmäßigkeit und Trägheit nachhing, ließ er die Zügel der Verwaltung in Händen seiner Gattin Helena, und bei ihrer wandelbaren Gunst und Laune wurde jeder Minister wegen der Ernennung eines noch unwürdigeren Nachfolgers beklagt. Indessen hatten die Geburt und das Unglück Konstantins ihn den Griechen teuer gemacht. Sie entschuldigten seine Schwächen; sie ehrten seine Gelehrsamkeit, seine Unschuld, seine Mildtätigkeit und seine Gerechtigkeitsliebe. Seine Leichenfeier war von den ungeheuchelten Tränen seiner Untertanen begleitet. Die Leiche lag nach altem Herkommen im Vorhofe des Palastes auf dem Paradebette. Die bürgerlichen und militärischen Würdenträger, die Patrizier, der Senat und die Geistlichkeit näherten sich in gebührender Ordnung, um den entseelten Körper ihres Souveräns zu verehren und zu küssen. Bevor sich der Zug dem kaiserlichen Grabe zubewegte, rief ein Herold die Worte: »Erhebe dich, o König der Welt, und gehorche dem Rufe des Königs der Könige!«

Der Tod Konstantins (959) wurde einer Vergiftung zugeschrieben. Sein Sohn Romanus, der diesen Namen nach seinem mütterlichen Großvater führte, bestieg den Thron von Konstantinopel. Ein Fürst, gegen den man in seinem zwanzigsten Lebensjahre den Argwohn hegen konnte, er habe dazu beigetragen, sein Erbe schneller zu erhalten, muß bereits in der öffentlichen Achtung gerichtet gewesen sein; den größten Teil der Schuld schob man aber auf seine Gattin Theophania, ein Weib von niederer Herkunft, männlichem Geiste und ausschweifenden Sitten. Der Sinn für persönlichen Ruhm und Glück des Staates, die eigentlichen Freuden der Königswürde, waren dem Sohne Konstantins unbekannt, und während seine beiden Brüder, Nikephorus und Leo, über die Sarazenen triumphierten, verbrachte der Kaiser die Stunden, die er seinem Volke schuldete, im Müßiggange. Morgens besuchte er den Zirkus, mittags bewirtete er die Senatoren, den größten Teil des Nachmittages brachte er im Sphaeristerium oder Ballhofe zu, dem einzigen Schauplatz seiner Siege, und von da setzte er nach dem asiatischen Gestade des Bosporus über, jagte und tötete vier wilde Eber von ungeheurer Größe und kehrte nach dem Palast in stolzer Zufriedenheit mit seinen Arbeiten zurück. An Kraft und Schönheit übertraf er alle seines Alters. Schlank und gerade wie eine Tanne, hatte er ein weißes und blühendes Gesicht, strahlende Augen, breite Schultern und eine lange Adlernase. Aber selbst diese Vollkommenheiten waren nicht imstande, die Liebe der Theophania zu fesseln, und nachdem ihr Gatte vier Jahre regiert hatte, mischte sie für ihn denselben Todestrank, den sie für seinen Vater gebraut hatte.

Romanus der Jüngere hinterließ aus seiner Ehe mit diesem ruchlosen Weibe zwei Söhne, Basilius II. und Konstantin IX., und zwei Töchter, Theophania und Anna. Die ältere Schwester erhielt den abendländischen Kaiser Otto II. zur Ehe, die jüngere wurde die Gattin des Großfürsten Wladimir von Rußland, und infolge der Vermählung ihrer Enkelin mit König Heinrich I. von Frankreich fließt das Blut des makedonischen und vielleicht auch des arsakidischen Hauses in den Adern der Bourbonen. Die Kaiserin strebte nach dem Tode ihres Gemahls danach, im Namen ihrer Söhne, wovon der ältere erst fünf, der jüngere nur zwei Jahre alt war, zu herrschen. Sie fühlte jedoch bald die Unsicherheit eines Thrones, den ein Weib stützte, das keine Achtung und zwei Kinder hatte, die keine Furcht einflößen konnten. Theophania sah sich nach einem Beschützer um und warf sich in die Arme des tapfersten Kriegers; ihr Herz war geräumig, aber die Häßlichkeit ihres neuen Günstlings macht es mehr als wahrscheinlich, daß Eigennutz der Beweggrund und die Entschuldigung ihrer Liebe war. Nikephorus Phokas vereinigte nach der allgemeinen Meinung das doppelte Verdienst eines Helden und eines Heiligen. Er hatte echte und glänzende Talente. Abkömmling eines durch Kriegstaten berühmten Geschlechtes, hatte er in jedem Range und in jeder Provinz den Mut eines Soldaten und die Einsicht eines Anführers entfaltet; erst kürzlich war Nikephorus durch die wichtige Eroberung der Insel Kreta mit neuen Lorbeeren gekrönt worden. Seine Religion war von zweifelhafterem Gepräge, sein härenes Gewand, seine Fasten, seine fromme Sprache und sein Wunsch, sich von den Geschäften der Welt zurückzuziehen, waren eine bequeme Maske für seinen großen und gefährlichen Ehrgeiz. Nichtsdestoweniger täuschte er einen frommen Patriarchen, durch dessen Einfluß und Senatsbeschluß er während der Minderjährigkeit der jungen Fürsten mit dem unumschränkten und unabhängigen Oberbefehl über die morgenländischen Heere betraut wurde. Kaum war er der Anführer und Truppen sicher, so marschierte er kühn nach Konstantinopel, trat seine Feinde nieder, bekannte sein Einverständnis mit der Kaiserin und übernahm, ohne ihren Sohn abzusetzen, mit dem Augustustitel Rang und Fülle der Gewalt. Aber derselbe Patriarch, der ihm die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, leistete seiner Vermählung mit Theophania Widerstand. Durch eine zweite Heirat zog er sich ein Jahr Kirchenbuße zu. Geistliche Verwandtschaft machte vorerst die Trauung unmöglich, und es hatte einiger Kunst und des Meineides bedurft, um die Gewissenszweifel der Geistlichkeit und des Volkes zum Schweigen zu bringen. Die Popularität des Kaisers nahm im Purpur ab; während einer sechsjährigen Regierung zog er sich den Haß der Fremden und Untertanen zu, denn die Heuchelei und der Geiz des ersten Nikephorus waren in seinem Nachfolger wieder aufgelebt. Heuchelei werde ich nie rechtfertigen oder beschönigen; aber ich wage zu bemerken, daß die Welt Geiz für das häßlichste Laster hält und ihn am unbarmherzigsten verdammt. Bei einem Privatmann urteilen wir meistens ohne eine genaue Erforschung seines Vermögens und seiner Ausgaben vorzutragen; bei dem Verwalter des öffentlichen Schatzes aber ist Sparsamkeit stets eine Tugend und die Vermehrung der Steuern nur zu oft eine unerläßliche Pflicht. Nikephorus hatte bei Verwendung seines Vermögens seine Freigebigkeit bewiesen und das öffentliche Einkommen verwendete er streng zum Dienste des Staates. Jeden Frühling zog der Kaiser persönlich gegen die Sarazenen, und jeder Römer konnte die Verwendung seiner Abgaben nach Triumphen, Eroberungen und der Sicherheit der Grenze des Ostens bemessen.

Unter den Kriegern, die seine Erhebung gefördert und unter seiner Fahne gedient hatten, waren einem edlen und tapferen Armenier verdientermaßen die ausgezeichnetsten Belohnungen zuteil geworden. Johann Zimiszes war nicht hoch gewachsen, aber dieser kleine Krieger war mit Kraft, Schönheit und der Seele eines Helden ausgestattet. Die Eifersucht des Bruders des Kaisers bewirkte, daß er vom Amte eines Feldherrn des Ostens zu dem eines Direktors der Posten herabsteigen mußte. Seine Beschwerden wurden mit Ungnade und Verbannung bestraft. Aber Zimiszes gehörte zu den zahlreichen Liebhabern der Kaiserin. Auf ihre Fürbitte hin wurde ihm gestattet, sich in Chalcedon in der Nähe der Hauptstadt aufzuhalten. Er vergalt ihre Güte durch heimliche Liebesbesuche im Palast, und Theophania willigte mit Freuden in den Tod eines häßlichen und geizigen Gatten. Einige kühne und zuverlässige Verschwörer wurden in ihren geheimsten Gemächern verborgen. In einer finsteren Winternacht (969) schiffte sich Zimiszes mit seinen vornehmsten Genossen in einem kleinen Boote ein, setzte über den Bosporus, landete an der Palasttreppe und stieg leise eine Strickleiter hinan, die ihm von den Frauen der Kaiserin zugeworfen worden war. Weder sein eigener Argwohn, noch die Warnungen seiner Freunde, noch die späte Hilfe seines Bruders Leo, noch die Befestigungen, die er im Palast errichtet hatte, konnten Nikephorus vor einer häuslichen Feindin schützen, deren Stimme jede Tür den Mördern öffnete. Während er auf einem Bärenfell auf dem Boden schlief, wurde er durch das Geräusch Eindringender geweckt, und dreißig Dolche blinkten vor seinen Augen. Es ist ungewiß, ob Zimiszes seine Hände in das Blut seines Souveräns tauchte, aber er genoß das unmenschliche Schauspiel der Rache. Der Tod wurde hohnvoll und grausam verzögert; sowie das Haupt des Nikephorus am Fenster gezeigt wurde, beruhigte sich der Tumult, und der Armenier war Kaiser des Ostens. An seinem Krönungstage hielt ihn der unerschrockene Patriarch an der Schwelle auf, sprach von Hochverrat und Mord und forderte als Zeichen der Reue, daß er sich von seiner mit noch größerer Schuld belasteten Gefährtin trenne. Dieser Ausbruch apostolischen Eifers war dem Fürsten nicht unwillkommen, da er einem Weibe, das wiederholt die heiligsten Verpflichtungen verletzt hatte, weder Liebe noch Vertrauen schenken konnte. Theophania, statt sein kaiserliches Glück zu teilen, wurde mit Schimpf von seinem Bett und Palast getrieben. Bei ihrer letzten Zusammenkunft tobte sie in ohnmächtiger Wut, beklagte sich über die Undankbarkeit ihres Liebhabers, beschimpfte mit Worten und Schlägen ihren Sohn Basilius, der in Anwesenheit des höheren Rangesgenossen schweigend und unterwürfig dastand und gestand ihre eigene Schande, indem sie die Unechtheit seiner Geburt enthüllte. Der öffentlichen Entrüstung wurde durch ihre Verbannung und die Bestrafung der Verbrecher geringeren Ranges Genugtuung getan; der Tod eines unbeliebten Fürsten wurde verziehen und Zimiszes' Schuld über seinen Tugenden vergessen. Vielleicht war seine Verschwendung für den Staat weniger gut als der Geiz des Nikephorus, aber sein mildes und edelmütiges Benehmen erfreute alle, die sich ihm näherten, und nur die Pfade des Sieges waren es, auf denen er in die Fußstapfen seines Vorgängers trat. Den größten Teil während seiner Regierung verbrachte er im Lager und Felde; er zeigte seine persönliche Tapferkeit an der Donau und dem Tigris, den alten Grenzen der römischen Welt, und verdiente durch seinen Triumph über die Russen und Sarazenen den Titel eines Retters des Reiches und eines Besiegers des Ostens. Auf seiner letzten Rückkehr aus Syrien bemerkte er, daß sich die fruchtbarsten Ländereien seiner neuen Provinzen im Besitze der Eunuchen befanden. »Für sie also«, rief er mit ehrenhafter Entrüstung aus, »hätten wir gekämpft und gesiegt? Für sie hätten wir unser Blut vergossen und die Schätze unseres Volkes erschöpft?« Diese Klage widerhallte im Palast und Zimiszes starb mit den stärksten Symptomen einer Vergiftung.

Unter dieser zwölfjährigen Usurpation oder Regentschaft waren die beiden rechtmäßigen Kaiser, Basilius und Konstantin, in der Stille zu Jünglingen herangereift. Im zarten Alter waren sie der Herrschaft unfähig gewesen. Die ehrfurchtsvolle Bescheidenheit, womit man ihnen begegnete und sie begrüßte, leitete sich aus dem Verdienst ihrer Vormünder her; die ehrgeizigen aber kinderlosen Vormünder waren nicht versucht, das Recht der Nachfolge zu verletzen. Ihr Erbe wurde mit Treue und Geschicklichkeit verwaltet, und der frühzeitige Tod des Zimiszes war für die Söhne des Romanus eher ein Verlust als eine Wohltat. Ihre mangelnde Erfahrung hielt sie noch zwölf Jahre länger unter der ruhmlosen und freiwilligen Vormundschaft eines Ministers, der seine Herrschaft verlängerte, indem er sie beredete, sich jugendlichen Vergnügungen zu überlassen und die Mühen der Regierung zu verschmähen. In diesem seidenen Gewebe blieb Konstantin für immer eingesponnen; sein älterer Bruder aber fühlte den Antrieb des Genies und Begierde nach Tätigkeit; er drohte, und der Minister verschwand. Basilius war der anerkannte Souverän von Konstantinopel und der europäischen Provinzen. Asien aber wurde von zwei alten Feldherren, Phokas und Sklerus, unterdrückt, die, abwechselnd Feinde und Freunde, Untertanen und Rebellen, ihre Unabhängigkeit behaupteten und es glücklichen Usurpatoren gleich zu tun bestrebt waren. Gegen diese einheimischen Feinde zog der Sohn des Romanus zuerst das Schwert, und sie zitterten einem rechtmäßigen und hochherzigen Fürsten gegenüber. Der erste stürzte vor der Schlachtlinie entweder infolge einer Vergiftung oder von einem Pfeil getroffen, vom Pferde; der zweite, der zweimal mit Ketten beladen und zweimal mit dem Purpur bekleidet gewesen war, wünschte den Rest seiner Tage in Frieden zu enden. Als der flehende Greis sich dem Throne mit gebrochenen Augen und wankenden Schritten, auf seine beiden Begleiter gelehnt, näherte, rief der Kaiser im Übermut der Jugend und Macht aus: »Das ist der Mann, der uns so lange erschreckt hat!« Nachdem er seine eigene Macht und die Ruhe des Reiches befestigt hatte, ließen die Siegeszeichen des Nikephorus und Zimiszes ihren kaiserlichen Zögling nicht im Palast schlummern. Seine langen und häufigen Feldzüge gegen die Sarazenen brachten dem Reiche mehr Ruhm als Vorteil; aber die endliche Vernichtung des Königreiches Bulgarien war seit den Zeiten Belisars wohl der größte Triumph der römischen Waffen. Allein, statt daß die Untertanen sich ihres siegreichen Fürsten freuten, verabscheuten sie den raubsüchtigen Basilius und seinen strengen Geiz. Wir aber vermögen in der unvollständigen Darstellung seiner Taten nur den Mut, die Ausdauer und die Wildheit eines Soldaten zu entdecken. Eine fehlerhafte Erziehung hatte, wenn sie auch seinen Geist nicht unterdrücken konnte, doch seine Seele verdüstert. Er kannte keine einzige Wissenschaft. Das Andenken an seinen gelehrten und schwachen Großvater konnte in ihm wirkliche oder eingelernte Verachtung der Gesetze und Rechtsgelehrten, der Künstler und Künste angeregt haben. Von einem solchen Charakter nahm in einem solchen Zeitalter der Glaube festen und dauernden Besitz. Nach dem ersten jugendlichen Freudentaumel widmete Basilius II. im Palast und im Lager sein Leben den Bußübungen eines Einsiedlers, trug das Mönchsgewand unter Purpur und Rüstung, beobachtete das Gelübde der Keuschheit und legte sich beständige Enthaltsamkeit von Wein und Fleisch auf. Im achtundsechzigsten Lebensjahre trieb ihn sein kriegerischer Geist an, sich persönlich zu einem heiligen Kriege gegen die Sarazenen von Sizilien einzuschiffen; der Tod kam ihm zuvor, und Basilius, genannt der Schlächter der Bulgaren, schied aus der Welt mit den Segnungen der Geistlichkeit und den Verwünschungen des Volkes (1025). Nach seinem Tod genoß sein Bruder Konstantin drei Jahre die Macht oder vielmehr die Vergnügungen kaiserlicher Größe. Seine einzige Sorge war die Ordnung der Nachfolge. Er hatte sechsundsechzig Jahre den Augustustitel geführt. Die Regierung der beiden Brüder ist die längste und zugleich dunkelste der byzantinischen Geschichte.

Die gerade Erbfolge von fünf Kaisern während einer Zeit von hundertsechzig Jahren hatte die Griechen an die makedonische Dynastie gefesselt, die von Usurpatoren dreimal gestürzt worden war. Nach dem Tode Konstantins IX., des letzten des Mannesstammes des kaiserlichen Hauses, beginnt eine neue Reihe. Alle Regierungsjahre von zwölf Kaisern zusammengenommen kommen der Dauer seiner Regierung nicht gleich. Sein älterer Bruder hatte seine Keuschheit dem Staatsinteresse vorangestellt. Konstantin selbst war nur mit drei Töchtern gesegnet: Eudokia, die den Schleier nahm, Zoe und Theodora, die bis in ihr reifes Alter in Unwissenheit und im Jungfrauenstand erhalten wurden. Als im Rate ihres sterbenden Vaters über ihre Vermählung beratschlagt wurde, weigerte sich die fromme oder kalte Theodora, dem Reich einen Erben zu geben. Ihre Schwester Zoe jedoch bot sich als williges Opfer dar. Romanus Argyrus, ein gutaussehender Patrizier von gutem Rufe, wurde zu ihrem Gemahl gewählt. Als er diese Ehre ablehnte, sagte man ihm, daß er zum zweiten Male nur zwischen dem Verlust der Augen und dem Tode wählen könne. Der Beweggrund seines Zögerns war eheliche Liebe; aber seine treue Gattin opferte ihr eigenes Glück seiner Sicherheit und Größe, und indem sie in ein Kloster eintrat, beseitigte sie das einzige Hindernis, das seiner Vermählung mit der kaiserlichen Prinzessin im Wege stand. Nach Konstantins Tod fiel das Szepter Romanus III. zu; aber er war bei seinen Arbeiten daheim wie auswärts gleich schwach und erfolglos, und das reife Alter, die achtundvierzig Jahre der Zoe waren der Hoffnung auf eine Schwangerschaft minder günstig als der Befriedigung der Begierden. Ihr Lieblingskämmerer war ein schöner Paphlagonier namens Michael, der früher das Gewerbe eines Geldwechslers getrieben hatte. Romanus zeigte entweder aus Dankbarkeit oder aus Gerechtigkeit Nachsicht gegen ihren verbrecherischen Umgang oder war mit der bloßen Versicherung ihrer Unschuld zufrieden. Zoe rechtfertigte aber bald die römische Maxime, daß jede Ehebrecherin fähig sei, ihren Mann zu vergiften. Auf den Tod des Romanus folgte unverzüglich die Ärgernis erregende Vermählung und Erhebung Michaels IV. (1034). Zoe fand sich jedoch in ihren Erwartungen getäuscht; statt eines kräftigen und dankbaren Liebhabers hatte sie einen elenden Schurken in ihr Bett aufgenommen, dessen Gesundheit und Geist durch epileptische Anfälle geschwächt und dessen Gewissen von Verzweiflung und Reue gefoltert wurde. Die geschicktesten Ärzte des Leibes und der Seele wurden zu seiner Hilfe herbeigerufen; man hielt seine Hoffnungen mit häufigen Wallfahrten nach Gesundheitsbrunnen und den Gräbern der berühmtesten Heiligen aufrecht. Die Mönche zollten seiner Buße Beifall, und mit Ausnahme der Wiedererstattung (doch wem hätte er wiedererstatten sollen?) versuchte Michael auf jede Art, seine Schuld zu sühnen. Während er in Sack und Asche stöhnte, lächelte sein Bruder, der Eunuch Johann, zu seinen Gewissensbissen und genoß die Früchte eines Verbrechens, dessen geheimer und schuldigster Urheber er selbst gewesen. Seine Verwaltung bestand lediglich darin, seine Habsucht zu sättigen, und Zoe wurde eine Gefangene im Palast ihrer Väter und in den Händen ihrer Sklaven. Als er gewahrte, daß die Gesundheit seines Bruders nicht wiederhergestellt werden könne, führte er seinen Neffen, abermals einen Michael, der seinen Beinamen Kalaphates von seines Vaters Beschäftigung, Schiffe zu kielholen, führte, in den Palast ein. Auf den Befehl des Eunuchen adoptierte Zoe den Sohn eines Handwerkers, und dieser falsche Erbe wurde mit dem Titel und Purpur der Cäsaren in Gegenwart der Geistlichkeit und des Senates geschmückt. So schwach war Zoes Charakter, daß die Freiheit und Macht, die sie beim Tode des Paphlagoniers wieder erlangte, ihr drückend wurde. Schon nach Verlauf von vier Tagen setzte sie (1041) die Krone auf das Haupt Michaels V., der unter Tränen und Schwüren beteuert hatte, daß er stets als der erste und gehorsamste ihrer Untertanen regieren würde. Die einzige Handlung während seiner kurzen Regierung war ein Beweis seines niedrigen Undankes gegen seine Wohltäter, den Eunuchen und die Kaiserin. Über die Ungnade des ersteren freute sich das Volk; aber das Murren und zuletzt das Geschrei von Konstantinopel richtete sich gegen ihn als er die Verbannung der Zoe durchführen wollte, der Tochter so vieler Kaiser. Ihre Verbrechen waren vergessen, und Michael erfuhr, daß es eine Zeit gebe, in der die Geduld auch der zahmsten Sklaven zu Wut und Rache wird. Die Bürger aller Klassen versammelten sich zu furchtbarem Tumulte, der drei Tage dauerte (1042); sie belagerten den Palast, erbrachen die Tore, riefen Zoe aus ihrem Gefängnisse, Theodora aus ihrem Kloster zurück und verurteilten den Sohn des Kalaphates zum Verlust seiner Augen oder seines Lebens. Zum ersten Male sahen die erstaunten Griechen zwei kaiserliche Schwestern auf demselben Thron sitzen, im Senate präsidieren und den ausländischen Gesandten Audienz erteilen. Aber diese seltsame Vereinigung dauerte nur zwei Monate. Die beiden Fürstinnen, ihre Charaktere und Interessen und Anhänger standen einander insgeheim feindlich gegenüber, und da Theodora noch immer jeder Vermählung abhold war, entschloß sich die unermüdliche Zoe als Sechzigjährige die Umarmungen eines dritten Gatten und die Strafen der griechischen Kirche auszuhalten. Sein Name war Konstantin X., und der Beiname Monomachus, der Einzelkämpfer, muß auf seine Tapferkeit und seinen Sieg in irgendeinem öffentlichen oder Privatkampfe hingedeutet haben. Aber die Gicht hatte seine Gesundheit untergraben und er schwankte unaufhörlich zwischen Krankheit und Ausschweifung. Eine schöne und edle Witwe hatte Konstantin begleitet, als er nach der Insel Lesbos verbannt gewesen war; Sklerena war stolz darauf, seine Geliebte zu heißen. Nach seiner Vermählung und Erhebung wurde sie mit dem Titel und Pomp einer Augusta ausgezeichnet und bezog eine an seine Gemächer anstoßende Wohnung im Palast. Seine rechtmäßige Gattin, so groß war die Zärtlichkeit oder die Verderbtheit der Zoe, willigte in diese befremdliche und Ärgernis erregende Teilung, und der Kaiser zeigte sich öffentlich mit seiner Gemahlin und seiner Geliebten. Er überlebte beide, aber Konstantins letzte Maßnahmen, die Nachfolge zu ändern, wurden durch die wachsameren Freunde Theodoras vereitelt, und nach seinem Tod trat sie unter allgemeiner Zustimmung ihr Erbe an (1054). In ihrem Namen und durch die vier einflußreichen Eunuchen wurde die östliche Welt ungefähr neunzehn Monate in Frieden regiert. Da sie ihre Herrschaft zu verlängern wünschten, beredeten sie die greise Fürstin, Michael VI. zu ihrem Nachfolger zu ernennen. Sein Beiname Stratiotikus deutet auf seinen kriegerischen Beruf, aber der morsche und sieche Veteran konnte nur mit den Augen seiner Diener sehen und mit ihren Händen handeln. Während er den Thron bestieg, sank Theodora ins Grab, die letzte der makedonischen oder basilischen Dynastie. Ich habe diese schimpfliche Periode von achtundzwanzig Jahren, in der die unter das gewöhnliche Maß der Knechtschaft herabgesunkenen Griechen wie eine Viehherde durch die Wahl oder Launen von zwei schwachen Frauen beherrscht wurden, schnell abgefertigt und gleite gern von ihr hinweg.

In dieser Nacht der Sklaverei beginnt ein Strahl der Freiheit oder wenigstens des Mutes zu scheinen. Die Griechen bewahrten entweder oder frischten den Gebrauch von Zunamen auf, die den Ruf erblicher Tugenden verewigen. Wir behandeln nun das Emporkommen, die Reihenfolge und die Verwandtschaften der letzten Dynastie von Konstantinopel und Trebisund. Die Komnenen, die das sinkende Reich noch eine Weile aufrecht hielten, machten auf die Ehre römischer Abkunft Anspruch; aber die Familie war seit langer Zeit von Italien nach Asien übersiedelt. Ihre Erbgüter lagen im Bezirk Kastamona, in der Nachbarschaft des Schwarzen Meeres, und einer ihrer Häupter, der bereits sein ehrgeiziges Ziel erreicht hatte, besuchte mit Vorliebe, vielleicht auch aus Sehnsucht, die bescheidene aber ehrenvolle Wohnung seiner Väter. Der erste des Geschlechtes war der berühmte Manuel, der unter der Regierung des zweiten Basilius durch Krieg und Verträge beigetragen hatte, den Osten zu beunruhigen. Er hinterließ zwei Söhne in zartem Alter, Isaak und Johann, die er im Bewußtsein, Verdienste erworben zu haben, seinem Souverän überantwortete. Die edlen Jünglinge wurden sorgfältig in klösterlicher Gelehrsamkeit, in höfischen Dingen und in militärischen Übungen unterrichtet und vom häuslichen Dienst bei der Leibwache schnell zum Befehl über Provinzen und Heere befördert. Ihre brüderliche Eintracht verdoppelte die Macht und den Ruf der Komnenen. Ihr alter Adel wurde durch die Vermählung der beiden Brüder mit einer gefangenen Bulgarenfürstin und der Tochter eines Patriziers gehoben, der den Beinamen Charon erhalten hatte, von den Feinden, die er zu den höllischen Schatten gesandt. Die Soldaten hatten verweichlichten Gebietern unwillig gedient. Die Erhebung Michaels VI. war eine Beschimpfung der verdienstvolleren Befehlshaber, und ihr Mißvergnügen wurde weiters durch die Sparsamkeit des Kaisers und den Übermut der Eunuchen entflammt. Sie versammelten sich insgeheim in der St. Sophienkirche, und die Stimmen der militärischen Synode wären einstimmig zugunsten des alten und tapferen Katakalon abgegeben worden, wenn nicht der vaterlandsliebende oder bescheidene Veteran sie auf die Wichtigkeit der Geburt wie des Verdienstes eines Souveräns bei dessen Wahl aufmerksam gemacht hätte. Isaak Komnenus erhielt die allgemeine Zustimmung und die Bundesgenossen trennten sich unverzüglich, um in den Ebenen von Phrygien an der Spitze der Geschwader und Heeresabteilungen zusammenzustoßen. Die Sache Michaels wurde in einer einzigen Schlacht von den Söldnern der kaiserlichen Leibwache verteidigt, denen das öffentliche Interesse fremd und die nur von den Grundsätzen der Ehre und Dankbarkeit geleitet wurden. Nach ihrer Niederlage schlug der bestürzte Kaiser einen Vertrag vor, den der Komnene in seiner Mäßigung fast angenommen hätte. Jener aber wurde von seinen Gesandten verraten, dieser durch seine Freunde gehindert. Der verlassene Michael unterwarf sich der Stimme des Volkes. Der Patriarch entband die Untertanen des Treueides, und als er dem kaiserlichen Mönch das Haupt schor, wünschte er ihm zur heilsamen Vertauschung des zeitlichen Königreiches mit dem himmlischen Glück: ein Tausch, den der neue Priester, wenn es in seiner Macht gestanden wäre, wahrscheinlich abgelehnt haben würde. Von den Händen desselben Patriarchen wurde Isaak Komnenus feierlich gekrönt (1057); das Schwert, das er auf seine Münzen prägte, konnte als ein beleidigendes Symbol angesehen werden, wenn es das Recht des Eroberers bedeuten sollte; aber dieses Schwert sollte gegen die auswärtigen und einheimischen Staatsfeinde gezogen werden. Abnahme der Gesundheit und Kräfte gestattete ihm jedoch wenig tätigen Mut zu zeigen, und die Aussicht auf einen baldigen Tod bewog ihn, zwischen Leben und Ewigkeit einige Augenblicke der Besinnung einzuschieben. Statt aber das Reich seiner Tochter als Heiratsgut zu hinterlassen, bestimmte ihn Vernunft und Zuneigung, seinem Bruder Johann den Vorzug zu geben, einem Krieger, Patrioten und Vater von fünf Söhnen, den künftigen Stützen männlicher Erbfolge. Dessen erste mit Bescheidenheit vorgebrachte Weigerung könnte als natürliche Klugheit und Bruderliebe angesehen werden. Aber seine hartnäckige und erfolgreiche Beharrlichkeit muß, wie sehr auch die darin liegende Tugend blenden mag, als verbrecherisches Aufgeben seiner Pflicht und als seltenes Vergehen gegen seine Familie und sein Vaterland getadelt werden. Der Purpur, den er ablehnte, wurde von Konstantin Dukas angenommen, einem Freunde des Hauses der Komnenen, der edel geboren, den Ruf der Staatsklugheit und Erfahrung besaß. Isaak erlangte im Mönchsgewande wieder seine Gesundheit und überlebte seine freiwillige Abdankung um zwei Jahre. Auf Befehl des Abtes beobachtete er die Regeln des heiligen Basilius und verrichtete die niederen Dienste im Kloster; seine kindische Eitelkeit jedoch wurde durch die häufigen und ehrfurchtsvollen Besuche des regierenden Monarchen befriedigt, der ihn mit seltener Dankbarkeit als Wohltäter und Heiligen verehrte.

Wenn Konstantin XI. in der Tat der würdigste zur Nachfolge im Reich war, müssen wir das entartete Zeitalter und die entartete Nation, in der er gewählt wurde, beklagen. In kindischer Schönrednerei suchte er die Krone der Beredsamkeit zu gewinnen, die in seinen Augen kostbarer als die römische war, ohne sie erlangen zu können, und über der untergeordneten Fähigkeit eines Richters vergaß er die Pflichten eines Souveräns und Kriegers. Weit entfernt, die patriotische Uneigennützigkeit der Urheber seiner Größe nachzuahmen, bestrebte sich Dukas nur auf Kosten des Reiches die Macht und das Gedeihen seiner Kinder zu sichern. Seine drei Söhne, Michael VII., Andronikus I. und Konstantin XII. erhielten in jugendlichem Alter den Augustustitel, und durch ihres Vaters baldigen Tod (1067) kamen sie zur Erbfolge. Seine Witwe Eudokia war mit der Verwaltung beauftragt, aber der erfahrene und eifersüchtige sterbende Monarch hatte seine Söhne gegen die Gefahren einer zweiten Ehe geschützt, und der feierliche, von den vornehmsten Senatoren bezeugte Eid, wurde vor dem Patriarchen von der Witwe abgelegt. Noch vor Ablauf von sieben Monaten verlangte Eudokia oder der Staat laut nach den männlichen Tugenden eines Kriegers. Ihr Herz hatte bereits Romanus Diogenes erwählt, den sie vom Schaffot auf den Thron erhob. Infolge der Entdeckung eines hochverräterischen Anschlages war er den Gesetzen verfallen; seine Schönheit und Tapferkeit sprachen ihn in den Augen der Kaiserin frei. Romanus wurde aus einer milden Verbannung am zweiten Tage zurückberufen, um den Befehl über die orientalischen Heere zu übernehmen. Ihre kaiserliche Wahl war dem Publikum noch unbekannt. Die Urkunde, die ihre Falschheit und ihren Leichtsinn verraten haben würde, wurde durch einen schlauen Sendling dem ehrgeizigen Patriarchen entwendet. Xiphilin schützte anfangs die Unverletzlichkeit der Eide und die geheiligte Natur eines anvertrauten Gutes vor, aber die Zuflüsterung, sein Bruder wäre der künftige Kaiser, zerstreute seine Gewissensbisse und nötigte ihn zum Bekenntnis, daß das Staatswohl das oberste Gesetz sei. Er gab das wichtige Papier hin, und als seine Hoffnungen durch die Ernennung des Romanus zerschmettert wurden, konnte er die Urkunde weder zurückhalten, noch seine Erklärung widerrufen, noch sich der zweiten Vermählung der Kaiserin widersetzen. Aber im Palast erhob sich ein Gemurre, und die barbarischen Leibwachen hatten schon ihre Streitäxte für das Haus Dukas erhoben, als die jungen Fürsten durch die Tränen ihrer Mutter und die feierlichen Versicherungen der Treue ihres Vormunds besänftigt wurden, welch letzterer wirklich seinem kaiserlichen Rang Würde und Ehre machte. Seine tapferen, aber unglücklichen Anstrengungen, sich den Fortschritten der Türken zu widersetzen, werde ich später erzählen. Die byzantinische Monarchie des Ostens erhielt durch seine Niederlage und Gefangenschaft eine tödliche Wunde, und als er von den Ketten des Sultans befreit wurde, suchte er umsonst seine Gattin und seine Untertanen. Sein Weib war in ein Kloster gesteckt worden, und die Untertanen des Romanus hatten sich an die strenge Maxime des Zivilrechtes gehalten, daß ein Gefangener in Feindes Händen so wie durch den Tod aller öffentlichen und Privatrechte eines Bürgers beraubt werde. In der allgemeinen Bestürzung machte der Cäsar Johann das unverjährbare Recht seiner drei Neffen geltend. Konstantinopel schenkte seiner Stimme Gehör, und der türkische Gefangene wurde in der Hauptstadt als Feind des Reiches ausgerufen und an der Grenze als solcher empfangen. Romanus hatte im einheimischen Krieg nicht mehr Glück als im auswärtigen; zwei verlorene Schlachten zwangen ihn, sich auf die Versicherung guter und ehrenvoller Behandlung hin zu ergeben. Aber seinen Feinden fehlte es an Treue und Menschlichkeit. Sie ließen, nachdem sie ihn des Augenlichtes beraubt hatten, seine Wunde bluten und eitern, bis der Tod nach wenigen Tagen ihn von seinem Elend erlöste. Unter der dreifachen Regierung des Hauses Dukas blieben die beiden jüngeren Brüder auf die eitlen Ehren des Purpurs beschränkt. Aber der älteste, der feige Michael, war unfähig, das Gewicht des römischen Szepters zu tragen. Sein Beiname Parapinakes deutet auf die Schuld hin, die er mit einem habsüchtigen Günstling teilte, daß er den Weizenpreis steigerte und das Weizenmaß verringerte. In der Schule des Psellus und nach dem Beispiel seiner Mutter hatte der Sohn der Eudokia einige Fortschritte in der Philosophie und Rhetorik gemacht; aber sein Charakter wurde durch die Tugenden eines Mönches eher herabgewürdigt als veredelt. Stark durch Verachtung ihres Souveräns und durch Achtung ihrer selbst, nahmen zwei Feldherren an der Spitze der europäischen und asiatischen Legionen den Purpur in Adrianopel und Nicäa an. Ihre Empörung fiel in denselben Monat (1078). Sie hießen beide Nikephorus, unterschieden sich aber durch die Beinamen Bryennius und Botianates, jener in der Reife der Weisheit und des Mutes, dieser nur durch das Andenken seiner früheren Taten ausgezeichnet. Während Botaniates noch vorsichtig und zögernd heranrückte, stand sein Mitbewerber bereits in Waffen vor den Toren von Konstantinopel. Bryennius war berühmt, seine Sache volksbeliebt, aber seine wilden Truppen ließen sich nicht abhalten, eine Vorstadt zu verbrennen und zu plündern, und das Volk, das den Rebellen freudig begrüßt haben würde, verwarf und vertrieb den Mordbrenner seiner Vaterstadt. Diese Wandlung der öffentlichen Meinung war dem Botaniates günstig, der sich endlich mit einem türkischen Heere den Gestaden von Chalcedon näherte. Eine förmliche Einladung im Namen des Patriarchen, der Synode und des Senates kreiste in den Straßen, und die allgemeine Versammlung, in der Sophienkirche, hielt in Ordnung und Ruhe Rat über die Wahl ihres Souveräns. Die Leibwachen Michaels würden diese unbewaffnete Menge ohne Mühe zerstreut haben: aber der Kaiser, sich seiner eigenen Mäßigung und Milde freuend, legte die Abzeichen der Herrscherwürde nieder und wurde mit dem Mönchsgewande und dem Titel eines Erzbischofes von Ephesus belohnt. Er hinterließ einen in Purpur geborenen und erzogenen Sohn, Konstantin, und eine Tochter des Hauses Dukas verlieh der komnenischen Dynastie Glanz und befestigte ihre Erbfolge. Johann Komnenus, der Bruder des Kaisers Isaak, überlebte in Ruhe und Würde seine edelmütige Ablehnung des Purpurs. Mit seiner Gattin Anna, einer Frau von männlicher Entschlossenheit und Einsicht, hinterließ er acht Kinder. Die drei Töchter vervielfachten die Verbindungen der Komnenen mit den edelsten Griechen. Von den fünf Söhnen wurde Manuel durch frühzeitigen Tod hinweggerafft. Isaak und Alexius stellten die kaiserliche Größe ihres Hauses wieder her, die ohne Mühe und Gefahr ihren beiden jüngeren Brüdern, Adrian und Nikephorus, zugute kam. Alexius, der dritte und berühmteste der drei Brüder, war von der Natur mit den auserwähltesten Gaben sowohl des Geistes als des Körpers ausgestattet. Durch eine gute Erziehung waren diese Gaben ausgebildet und im Gehorsam und Unglück vervollkommnet worden. Die väterliche Fürsorge des Kaisers Romanus bewahrte den Jüngling vor den Gefahren eines Türkenkrieges; aber die Mutter der Komnenen und ihre ehrgeizigen Söhne wurden von den Söhnen des Dukas des Hochverrats angeklagt und auf eine Insel der Propontis verbannt. Die beiden Brüder kamen jedoch bald wieder in Gunst und zu einer Tätigkeit, fochten nebeneinander gegen die Rebellen und Barbaren und hingen dem Kaiser Michael an, bis er von der Welt und sich selbst verlassen wurde. Bei seiner ersten Zusammenkunft mit Botaniates sagte Alexius mit edlem Freimut: »Fürst, meine Pflicht hat mich zu deinem Feinde, die Beschlüsse Gottes und des Volkes haben mich zu deinem Untertanen gemacht. Beurteile meine künftige Treue nach meinem vergangenen Widerstande.« Der Nachfolger Michaels nahm ihn mit Achtung und Vertrauen auf und verwendete den tapfern Mann gegen drei Rebellen, die den Frieden des Reiches oder wenigstens des Kaisers störten. Ursel, Bryennius und Basilakius waren durch zahlreiche Streitkräfte und kriegerischen Ruhm furchtbar; sie wurden nacheinander im Felde besiegt und in Ketten vor den Kaiser geführt. Wie auch ihre Behandlung sein mochte, sie zollten doch der Milde und dem Mut ihres Besiegers Beifall. Aber die Treue der Komnenen wurde bald durch Furcht und Argwohn getrübt; auch ist es nicht so leicht, Vertrauen zu schaffen zwischen einem Untertanen, der sich empörte und einem Despoten, der den Empörer durch den Henker zu strafen versucht und Dankbarkeit für Milde fordert. Die Weigerung des Alexius, gegen einen vierten Rebellen, den Gemahl seiner Schwester zu ziehen, löschte seine früheren Verdienste aus. Die Günstlinge des Botaniates forderten den Ehrgeiz heraus, den sie fürchteten, und die Entfernung der beiden Brüder ließ sich als die Verteidigung ihres Lebens und ihrer Freiheit auslegen. Die weiblichen Familienmitglieder wurden in ein selbst vom Tyrannen geachtetes Heiligtum gebracht; die Männer setzten sich zu Pferde, brachen aus der Stadt und pflanzten die Fahne des Bürgerkrieges auf. Die Soldaten, die nach und nach in der Hauptstadt und deren Nähe zusammengezogen worden waren, weihten sich der Sache eines siegreichen, aber gekränkten Anführers. Die Bande gemeinsamen Interesses und der Verwandtschaft sicherten die Treue des Hauses Dukas, und der edle Streit zwischen den Komnenen wurde durch den entschlossenen Isaak beendet. Er war der erste, der seinen jüngeren Bruder mit den Abzeichen der kaiserlichen Würde bekleidete. Sie kehrten nach Konstantinopel zurück, mehr um diese uneinnehmbare Veste zu bedrohen als sie zu belagern. Aber die Leibwachen waren bestochen, eine Torwache wurde überrumpelt, und der mutige Paläologus, der gegen seinen Vater focht, ohne zu ahnen, daß er für seine Nachkommen arbeite, bemächtigte sich der Flotte. Ein aus verschiedenen Völkerschaften zusammengesetztes Heer wurde durch die Plünderung der Stadt belohnt, aber die öffentlichen Schäden wurden durch die Tränen und Fasten der Komnenen gesühnt, die sich jeder Buße unterwarfen, die mit dem Besitze des Reiches verträglich war.

Das Leben des Kaisers Alexius ist von einer geliebten Tochter beschrieben worden, die von zärtlicher Hochachtung für ihn und den lobenswerten Eifer, seine Tugenden zu verewigen, beseelt war. Im Bewußtsein des gerechten Argwohns ihrer Leser, beteuert die Prinzessin Anna Komnena wiederholt, daß sie außer ihrer persönlichen Kenntnis aus den Gesprächen und Schriften der achtbarsten Veteranen geschöpft habe. Dreißig Jahre seien vergangen, sie sei von der Welt vergessen wie sie selbst ihrer vergessen habe. In düsterer Einsamkeit sei sie der Hoffnung wie der Furcht unzugänglich, und die nackte, vollständige Wahrheit sei ihr teurer als das Andenken ihres Vaters. Aber statt einer einfachen Erzählung, die unser Vertrauen gewinnt, verrät mühsam erkünstelte Beredsamkeit und ebensolches Wissen auf jeder Seite eine eitle Schriftstellerin. Der wahre Charakter des Alexius geht in einer verschwimmenden Zusammenstellung von Tugenden verloren, und die ununterbrochene Lobrednerei und Verteidigung weckt Argwohn und erregt Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Geschichtsschreiberin und dem Verdienst des Helden. Wir können uns jedoch nicht weigern, ihrer einsichtsvollen und wichtigen Bemerkung beizupflichten, daß die verworrenen Zeiten das Unglück und der Ruhm des Alexius waren und daß jede Drangsal, die nur ein sinkendes Reich heimsuchen kann, durch die Gerechtigkeit des Himmels und die Laster seiner Vorgänger auf seine Regierung gehäuft wurde. Im Osten hatten die siegreichen Türken die Herrschaft des Korans und Halbmondes von Persien bis an den Hellespont ausgebreitet. Im Westen brachen die abenteuerlichen, kühnen und tapferen Normannen ein, und in den Augenblicken des Friedens ergossen sich von der Donau neue Schwärme, die an Kriegskunst gewannen, was sie an wilden Sitten verloren. Vom Meer aus drohten keine geringeren Gefahren als vom Land, und während die Grenzen von äußeren Feinden angegriffen wurden, zerrütteten Verschwörer und geheime Verräter den Palast. Plötzlich wurde das Banner des Kreuzes von den Lateinern entrollt. Europa stürzte sich auf Asien, und Konstantinopel wäre von dieser Überschwemmung fast fortgerissen worden. Alexius steuerte das kaiserliche Schiff mit Mut und Gewandtheit durch die Stürme. An der Spitze seiner Armeen war er kühn im Gefecht, reich an Kriegslisten, unermüdlich bei Beschwerden, stets bereit seine Vorteile auszunützen und sich aus seinen Niederlagen mit unerschöpflicher Kraft wieder zu erheben. Die Zucht im Lager wurde wieder hergestellt und ein neues Geschlecht von Männern und Soldaten durch das Beispiel und die Vorschriften ihres Anführers geschaffen. Im Verkehr mit den Lateinern war Alexius geduldig und schlau, und sein scharfer Blick erkannte das neue System einer unbekannten Welt. Ich werde später die überlegene Politik beschreiben, womit er die Interessen und Leidenschaften der Streiter des ersten Kreuzzuges im Gleichgewicht zu halten verstand. In einer langen Regierung von siebenunddreißig Jahren bezwang er diejenigen und verzieh ihren Neid, die einst seinesgleichen gewesen; die Gesetze der öffentlichen und Privatordnung wurden wieder hergestellt, Künste und Wissenschaften gepflegt, die Grenzen des Reiches in Europa und Asien erweitert und das Szepter der Komnenen seinen Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied überliefert. Aber in schwierigen Zeiten zeigten sich einige Mängel in seinem Charakter, und sein Andenken wurde einigen gerechten oder unedelmütigen Vorwürfen ausgesetzt. Der Leser wird vielleicht über das verschwenderische Lob lächeln, das seine Tochter so oft einem fliehenden Helden spendet. Seine schwache Lage und die dadurch gebotene Vorsicht konnte als Mangel an persönlichem Mut ausgelegt werden, und seine politischen Künste werden von den Lateinern als Betrügerei und Verstellung gebrandmarkt. Seine vielen weiblichen und männlichen Nachkommen sicherten die Nachfolge; aber ihr fürstlicher Aufwand und Stolz beleidigte die Patrizier, erschöpfte den Schatz und verhöhnte das Elend des Volkes. Anna legt ein treues Zeugnis dafür ah, daß die Sorgen des öffentlichen Lehens sein Glück zerstörten und seine Gesundheit untergruben; die Geduld der Konstantinopler wurde durch seine lange und strenge Regierung erschöpft, und bevor Alexius verschied, hatte er die Liebe und Verehrung seiner Untertanen verloren. Die Geistlichkeit konnte ihm die Verwendung ihrer geheiligten Reichtümer zugunsten des Staates nicht verzeihen; aber sie zollte seiner theologischen Gelehrsamkeit und seinem glühenden Eifer für den orthodoxen Glauben, den er mit Zunge, Feder und Schwert verteidigte, Beifall. Er bekannte den griechischen Glauben und ein und dasselbe sich selbst widersprechende Prinzip der menschlichen Natur gab ihm ein, ein Hospital für Arme und Kranke zu gründen und die Hinrichtung eines Ketzers zu leiten, der auf dem Platz der St. Sophienkirche lebendig verbrannt wurde. Sogar seine moralischen und religiösen Tugenden wurden von Personen bezweifelt, die ihr Leben in vertrautem Verkehr mit ihm zugebracht hatten. Als seine Gattin Irene in seinen letzten Stunden in ihn drang, die Nachfolgeordnung zu ändern, erhob er das Haupt und ließ einen frommen Ausruf über die eitle Welt hören. Die Antwort der entrüsteten Kaiserin mag als Epitaph auf sein Grab geschrieben werden: »Du stirbst, wie du gelebt hast, ein Heuchler!«

Es war Irenes Wunsch gewesen, den ältesten ihrer überlebenden Söhne zugunsten ihrer Tochter, der Prinzessin Anna, zu benachteiligen, die bei aller Philosophie ein Diadem nicht verschmäht haben würde. Aber die männliche Erbfolge wurde von den Freunden ihres Vaterlandes verteidigt; der rechtmäßige Erbe zog den kaiserlichen Siegelring vom Finger des bewußtlosen oder wissenden Vaters, und das Reich gehorchte dem Gebieter des Palastes. Anna Komnena ließ sich durch Ehrgeiz und Rache verleiten, sich gegen das Leben ihres Bruders zu verschwören, und als ihr Plan durch ihren besorgten oder Skrupel habenden Gatten vereitelt wurde, rief sie voll Ingrimm aus, die Natur habe die beiden Geschlechter verwechselt und Bryennius die Seele eines Weibes gegeben. Die beiden Söhne des Alexius, Johann und Isaak, bewahrten ihre brüderliche Eintracht, ihres Hauses erbliche Tugend; der jüngere Bruder begnügte sich mit dem Titel Sebastokrator, welcher fast die kaiserliche Würde bezeichnet, ohne daß er kaiserliche Macht erhielt. Zum Glück waren das Recht der Erstgeburt und Verdienste in einer Person vereint. Seine schwärzliche Gesichtsfarbe, groben Züge und Kleinheit des Wuchses hatten ihm den ironischen Beinamen Kalo-Johannes oder Johann der Schöne verschafft, den jedoch seine dankbaren Untertanen mehr auf die Schönheit seiner Seele anwendeten. Leben und Vermögen Annas waren nach Entdeckung ihres Verrates mit Recht den Gesetzen verfallen. Der milde Kaiser schonte ihr Leben, aber schenkte ihre Schätze und ihren Palast seinem verdientesten Freunde. Aber dieser achtungswürdige Freund, Axuch, ein Sklave von türkischer Abkunft, wagte es, das Geschenk abzulehnen und für die Verbrecherin zu bitten; sein edelmütiger Gebieter pries seinen tugendhaften Günstling und ahmte ihn nach, und die Vorwürfe oder Klagen eines gekränkten Bruders bildeten die einzige Strafe der schuldigen Prinzessin. Nach diesem Beispiel der Milde blieb seine ganze übrige Regierung ungestört durch Verschwörung oder Aufruhr; gefürchtet von seinen Großen, geliebt vom Volk, sah sich Johann niemals in die schmerzliche Notwendigkeit versetzt, persönliche Feinde zu bestrafen oder ihnen auch nur Verzeihung zu gewähren. Während seiner fünfundzwanzigjährigen Regierung war die Todesstrafe im römischen Reiche abgeschafft, ein dem Menschenfreund höchst willkommenes mildes Gesetz, dessen Durchführung aber in einem großen und verderbten Staate mit der öffentlichen Sicherheit nur selten in Einklang zu bringen ist. Streng gegen sich selbst, nachsichtig gegen andere, keusch, mäßig und enthaltsam, würde der philosophische Markus die kunstlosen Tugenden seines Nachfolgers, die aus seinem Herzen stammten und nicht von irgendwelchen Schulen geborgt waren, nicht verschmäht haben. Er verachtete und mäßigte den übertriebenen Prunk des byzantinischen Hofes, der so drückend für das Volk und so verwerflich in vernünftigen Augen war. Unter einem solchen Fürsten hat Unschuld nichts zu fürchten und Verdienst alles zu erhoffen, und er führte allmählich, ohne den tyrannischen Zensor zu spielen, Reformen in den öffentlichen und privaten Sitten von Konstantinopel ein. Der einzige Fehler dieses vollendeten Charakters war jene Schwäche edler Gemüter, Liebe zu den Waffen und kriegerischer Mut. Aber die häufigen Feldzüge Johannes des Schönen lassen sich wenigstens durch die Notwendigkeit rechtfertigen, die Türken vom Hellespont und Bosporus zurückzudrängen. Der Sultan von Ikonium mußte sich auf seine Hauptstadt beschränken, die Barbaren wurden in die Gebirge getrieben, und die asiatischen Provinzen erfreuten sich einer vorübergehenden Befreiung. Er zog an der Spitze eines siegreichen Heeres mehrmals von Konstantinopel bis Antiochia und Aleppo, und seine lateinischen Bundesgenossen bewunderten bei den Belagerungen und Schlachten während des heiligen Krieges wiederholt den großen Mut und die Tapferkeit des Griechen. Während er begann, sich der ehrgeizigen Hoffnung zu überlassen, die alten Reichsgrenzen wiederherzustellen, während er sich in Gedanken mit dem Euphrat und Tigris, mit der Herrschaft über Syrien und der Eroberung von Jerusalem beschäftigte, wurde sein Leben und Glück durch ein seltsames Ereignis beendet. Er jagte einen wilden Eber im Tale von Anazarbus und hatte seinen Wurfspieß in den Leib des wütenden Tieres gestoßen; aber in dem Kampf fiel ein vergifteter Pfeil aus seinem Köcher, und eine leichte Wunde an der Hand, die den Brand zur Folge hatte, brachte dem Besten und Größten der Komnenen den Tod (1143).

Ein frühzeitiger Tod hatte die beiden ältesten Söhne Johannes des Schönen hinweggerafft; von den beiden überlebenden zog er aus Einsicht oder Liebe den jüngeren vor, und die Soldaten, welche die Tapferkeit seines Lieblings im Türkenkriege bewundert hatten, genehmigten die Wahl ihres sterbenden Fürsten. Der treue Axuch eilte nach der Hauptstadt, brachte Isaak in ehrenvollen Gewahrsam und erkaufte um zehntausend Pfund Silber die vornehmsten Geistlichen der St. Sophienkirche, die eine entscheidende Stimme bei der Krönung eines Kaisers besaßen. Manuel erschien mit seinen erprobten und treuen Truppen bald in Konstantinopel. Sein Bruder begnügte sich mit dem Titel Sebastokrator. Seine Untertanen bewunderten den hohen Wuchs und die kriegerische Anmut des neuen Souveräns und hörten leichtgläubig die willkommene Verheißung, daß er die Weisheit des Alters mit der Tätigkeit und Kraft der Jugend vereinige. Während seiner Regierung machten sie die Erfahrung, daß er mit dem Mut seines Vaters wetteiferte und dessen Talente besaß, daß aber dessen friedliche Eigenschaften mit ihm ins Grab gesunken waren. Während Manuels siebenunddreißigjähriger Regierung war ständig abwechselnd Krieg gegen die Türken, die Christen und die Horden in den Wildnissen jenseits der Donau. Manuel kämpfte auf dem Taurusgebirge, in den Ebenen von Ungarn, an der Küste von Italien und Ägypten und auf den Meeren von Sizilien und Griechenland. Sein Einfluß reichte von Jerusalem bis Rom und Rußland, und die byzantinische Monarchie wurde eine Zeitlang Gegenstand der Achtung oder des Schreckens für die asiatischen wie die europäischen Mächte. In orientalischer Pracht erzogen, besaß Manuel das eiserne Herz eines Soldaten, das bei seinesgleichen nicht leicht zu finden ist, außer in den Königen Richard I. von England und Karl II. von Schweden. So groß war seine Kraft und seine Übung in den Waffen, daß Raimund, genannt der Herkules von Antiochia, nicht imstande war, die Lanze und den Schild des griechischen Kaisers zu schwingen. Bei einem berühmten Turnier ritt er auf einem feurigen Streitroß in die Schranken und warf im ersten Rennen zwei der gewaltigsten italienischen Ritter, den ersten beim Angriff, den letzteren beim Rückzug. Seine Freunde und Feinde zitterten, jene um sein, diese für ihr Leben. Nachdem er einen Hinterhalt im Walde aufgestellt, ritt er, um irgendein gefährliches Abenteuer aufzusuchen, vorwärts, nur von seinem Bruder und dem getreuen Axuch begleitet, der sich weigerte, seinen Gebieter zu verlassen. Achtzehn Reiter flohen nach kurzem Kampfe vor ihm; aber die Zahl seiner Feinde nahm zu, die Verstärkung rückte nur langsam heran, und Manuel schlug sich, ohne auch nur eine Wunde zu erhalten, durch fünfhundert Türken. In einer Schlacht gegen die Ungarn riß er, ungeduldig über die Langsamkeit seiner Truppen, dem Träger die Fahne aus der Hand und war fast unbegleitet der erste, der über die Brücke stürmte, die ihn vom Feinde trennte. In demselben Land schickte er, nachdem sein Heer über die Save gesetzt hatte, die Boote zurück und gebot ihrem Befehlshaber bei Todesstrafe, ihn im Lande des Feindes sterben zu lassen, wenn er nicht siegte. Als das kaiserliche Schiff bei der Belagerung von Korfu eine genommene Galeere im Schlepptau hatte, stand der Kaiser auf dem Schiffsheck und schirmte sich gegen einen Regen von Pfeilen und Steinen nur durch einen großen Schild und ein fliegendes Segel; er wäre auch dem unvermeidlichen Tode nicht entgangen, wenn der sizilianische Admiral seinen Bogenschützen nicht geboten hätte, den Helden zu schonen. An einem Tage tötete er mit eigener Hand vierzig Barbaren, kehrte ins Lager zurück und schleppte vier türkische Gefangene mit, die er an seinen Sattelring gefesselt hatte. Er war stets der erste, zum Zweikampf aufzufordern oder ihn anzunehmen, und die riesengroßen Kämpen, die sich ihm entgegenstellten, wurden entweder von der Lanze des unbezwinglichen Manuels durchbohrt oder von seinem Schwert getötet. Die Geschichte seiner Taten, die ein Muster oder eine Nachbildung der Romane des Rittertums zu sein scheint, kann gerechten Argwohn gegen die Wahrheitsliebe der Griechen erregen. Ich werde, um ihre Glaubwürdigkeit zu rechtfertigen, nicht meine eigene gefährden, darf jedoch bemerken, daß in der langen Reihe ihrer Fürsten einzig Manuel der Gegenstand einer solchen Übertreibung war. Aber er vereinigte mit der Tapferkeit eines Kriegers nicht die Geschicklichkeit oder Klugheit eines Feldherrn; seine Siege veranlaßten weder eine dauernde noch eine nützliche Eroberung, und seine bei den Türken erworbenen Lorbeeren wurden im letzten unglücklichen Feldzug vernichtet, in dem er sein Heer in den Gebirgen von Pisidien verlor und seine Befreiung nur dem Edelmut des Sultans verdankte. Aber der merkwürdigste Zug in Manuels Charakter ist seine Neigung sowohl zur Tätigkeit als zur Trägheit, seine Abhärtung und Weichlichkeit. Im Krieg schien er den Frieden nicht zu kennen, im Frieden schien er des Krieges unfähig. Im Felde schlief er in der Sonne oder auf dem Schnee, ermüdete durch die längsten Märsche seine Leute und Pferde und ertrug lächelnd den Mangel oder die Kost des Lagers. Kaum war er jedoch nach Konstantinopel zurückgekehrt, so überließ er sich einem üppigen Leben; der Aufwand in seinem Anzug, bei der Tafel und im Palast übertraf das Maß seiner Vorgänger. Er brachte ganze Sommertage müßig auf den wonnevollen Inseln der Propontis zu und pflegte der blutschänderischen Liebe mit seiner Nichte Theodora. Die Ausgaben eines zugleich kriegerischen und ausschweifenden Fürsten erschöpften den Schatz und vermehrten die Steuern, und Manuel mußte in der Not während seines letzten türkischen Feldzuges einen bitteren Vorwurf aus dem Mund eines verzweifelten Soldaten hören. Als er seinen Durst löschte, klagte er, daß das Wasser der Quelle mit Christenblut vermengt sei. »Es ist nicht das erste Mal«, rief eine Stimme aus der Schar, »daß du, o Kaiser, das Blut deiner christlichen Untertanen getrunken hat!« Manuel Komnenus war zweimal vermählt, mit der tugendhaften Berta oder Irene von Deutschland und mit der schönen Maria, einer französischen oder lateinischen Prinzessin von Antiochia. Die einzige Tochter seiner ersten Gattin war für den Ungarfürsten Bela bestimmt, der in Konstantinopel unter dem Namen Alexius erzogen wurde, und die Vollziehung der Ehe hätte das römische Zepter auf ein Geschlecht freier und kriegerischer Barbaren übertragen können. Nachdem aber Maria von Antiochia dem Reiche einen Sohn und Erben gegeben hatte, wurden die mutmaßlichen Rechte Belas für ungültig erklärt und er selbst der verheißenen Braut beraubt. Der Ungarfürst nahm seinen Namen und das Königreich seiner Väter wieder an und entwickelte Tugenden, die den Neid und die Sehnsucht der Griechen erregen konnten. Der Sohn der Maria hieß Alexius und bestieg, nachdem durch den Tod seines Vaters der Glanz des Hauses der Komnenen erloschen war, im Alter von zehn Jahren den byzantinischen Thron (1180).

Die brüderliche Eintracht der beiden Söhne des großen Alexius war zuweilen durch Interesse und Leidenschaft getrübt worden. Der Sebastokrator Isaak ließ sich durch Ehrgeiz zur Flucht und Empörung verleiten, wurde aber durch den strengen und milden Johann den Schönen zur Umkehr und Reue bewogen. Die Irrtümer Isaaks, des Ahnherrn der Kaiser von Trebisund, dauerten nicht lang und waren verzeihlich, aber sein älterer Sohn Johann entsagte für immer der Religion seiner Väter. Durch eine wirkliche oder eingebildete Beschimpfung seines Oheims beleidigt, floh er aus dem römischen ins türkische Lager. Sein Abfall vom Glauben wurde mit einer Tochter des Sultans, dem Titel Tschelebi oder Edler und einem fürstlichen Erbe belohnt, und im fünfzehnten Jahrhundert konnte Mahomed II. sich seiner kaiserlichen Abstammung aus dem Hause der Komnenen rühmen. Andronikus, Johanns jüngerer Bruder, Sohn Isaaks und Enkel des Alexius Komnenus, ist einer der hervorragendsten Charaktere des Zeitalters, und seine wirklich erlebten Abenteuer könnten den Stoff zu einem sehr interessanten Roman geben. Um die Wahl von drei Frauen kaiserlicher Abkunft zu rechtfertigen, muß ich bemerken, daß ihr glücklicher Liebhaber außergewöhnlich schön und kraftvoll war und daß der Mangel an Anmut durch ein männliches Antlitz, hohen Wuchs, athletische Muskeln, Anstand und Haltung eines Kriegers ersetzt wurde. Die Erhaltung seiner Gesundheit und Kraft bis in sein hohes Alter war der Lohn seiner Mäßigkeit und Leibesübung. Ein Stück Brot und ein Trunk Wasser bildeten oft sein abendliches Mahl, und wenn er von einem wilden Eber oder Hirsch, den er mit eigenen Händen gebraten hatte, aß, war dies die wohlverdiente Frucht einer ermüdenden Jagd. Gewandt in der Handhabung der Waffen, kannte er auch die Furcht nicht. Seine hinreißende Beredsamkeit konnte sich allen Lebenslagen anpassen, sein Stil war, wenn auch nicht sein Wandel, nach dem Beispiel des heiligen Paulus gebildet, und bei jeder bösen Tat zeigte er ein entschlossenes Herz, einen erfinderischen Kopf und eine stets zur Ausführung bereite Hand. In seiner Jugend folgte er nach dem Tode des Kaisers Johann dem sich zurückziehenden römischen Heer; aber auf dem Marsch durch Kleinasien verleitete ihn Absicht oder Zufall, in den Gebirgen umher zu streifen. Der Jäger wurde von türkischen Jägern umzingelt, und er blieb eine Zeitlang wider oder mit Willen Gefangener des Sultans. Seine Tugenden und Laster empfahlen ihn seinem Vetter; er teilte die Gefahren und Vergnügen Manuels, und während der Kaiser in offenkundiger Blutschande mit seiner Nichte Theodora lebte, verführte Andronikus deren Schwester Eudokia. Sich über jeden Anstand des Geschlechtes und Ranges hinwegsetzend, war sie stolz, seine Geliebte zu heißen, und Palast wie Lager konnten Zeuge sein, daß sie in den Armen ihres Geliebten schlief oder wachte. Sie begleitete ihn, als er in Kilikien, dem ersten Schauplatze seiner Tapferkeit und Unklugheit, den Heeresbefehl übernahm. Er betrieb eifrig die Belagerung von Mopsu Hestia; bei Tag wagte er die kühnsten Angriffe, die Nacht aber verging in Gesang und Tanz, und griechische Komödianten waren der ausgesuchteste Teil seines Gefolges. Andronikus wurde durch einen Ausfall des wachsamen Feindes überrumpelt; aber während seine Truppen in Unordnung flohen, focht er in den dichtesten Reihe der Armenier. Bei seiner Rückkehr ins kaiserliche Lager von Makedonien wurde er von Manuel öffentlich mit Freundlichkeit, insgeheim mit Vorwürfen empfangen, aber die Herzogtümer Maissus, Braniseba und Kastoria waren die Belohnung des unglücklichen Feldherrn. Eudokia folgte ihm überall hin; um Mitternacht wurde beider Zelt plötzlich von ihren entrüsteten Brüdern angegriffen, die ihre Schmach in seinem Blute abzuwaschen dürsteten. Mutig verwarf er es, sich als Frau zu verkleiden, er raffte sich kühn von seinem Lager auf und bahnte sich mit gezogenem Schwert einen Weg durch die zahlreichen Mörder. Hier zeigte er auch zuerst seinen Hang zu Undank und Verrat; er ließ sich in ein hochverräterisches Übereinkommen mit dem König von Ungarn und dem deutschen Kaiser ein, näherte sich zu einer späten Stunde mit gezogenem Schwert und als lateinischer Soldat verkleidet dem kaiserlichen Zelt, gestand seine Absicht, sich an einem Todfeinde zu rächen und pries unklugerweise sein schnelles Roß als Mittel zu Flucht und Rettung. Der Monarch verheimlichte seinen Argwohn; aber nach beendetem Feldzuge wurde Andronikus verhaftet und in einem Turm des Palastes von Konstantinopel eingekerkert.

In diesem Gefängnis ließ man ihn über zehn Jahre; eine höchst peinliche Freiheitsbeschränkung, der zu entfliehen ihn sein Durst nach Taten und Vergnügungen unaufhörlich trieb. Er bemerkte in einer Ecke des Gemaches einige lose Mauersteine und grub allmählich einen Gang, bis er eine finstere und vergessene Blende fand. In diesem Loch verbarg er sich mit dem Rest seiner Lebensmittel, brachte die Steine wieder in ihre vorige Ordnung und verwischte sorgfältig die Spuren seiner Arbeit. Seine Wächter staunten, als sie zur Besichtigung kamen, über die Stille und Einsamkeit des Gefängnisses und meldeten voll Scham und Bestürzung seine unbegreifliche Flucht. Die Tore des Palastes und der Stadt wurden augenblicklich geschlossen, die strengsten Befehle zur Wiedererlangung des Flüchtlings in die Provinzen gesendet und seine verdächtigte Gattin in demselben Turm eingekerkert. Um Mitternacht erblickte sie ein Gespenst, erkannte ihren Gatten und teilte mit ihm ihre Nahrung; ein Sohn war die Frucht dieser verstohlenen Zusammenkünfte, welche die traurigen Stunden ihrer Einkerkerung beglückten. Bei Bewachung einer Frau ließ die Wachsamkeit der Hüter allmählich nach und schon hatte der Gefangene sein wirkliches Entkommen vorbereitet, als er entdeckt, nach Konstantinopel zurückgebracht und mit doppelten Ketten gefesselt wurde. Endlich fand er den Augenblick und die Mittel zu seiner Befreiung. Ein Knabe und Diener seines Hauses machte die Wachen betrunken und verschaffte sich den Wachsabdruck des Gefängnisschlüssels. Seine Freunde schafften einen ähnlichen Schlüssel und ein Bündel Stricke am Boden eines Weinschlauchs in sein Gefängnis. Andronikus benutzte geschickt und mutig die Werkzeuge zu seiner Rettung, schloß die Tür auf, stieg vom Turme herab, verbarg sich den Tag über im Dickicht und kletterte des Nachts über die Gartenmauer des Palastes. Ein Boot lag zu seiner Aufnahme bereit; er besuchte sein eigenes Haus, umarmte seine Kinder, warf seine Ketten weg, bestieg ein schnelles Roß und ritt eiligst an die Donau. In Anchialus in Thrakien versah ihn ein unerschrockener Freund mit Pferden und Geld; er setzte über den Strom, durcheilte die Wüsteneien der Moldau und der Karpathen und hatte fast die Stadt Halitsch in Russisch-Polen erreicht, als ihn eine Abteilung Wallachen aufgriff, die entschlossen waren, ihren wichtigen Gefangenen nach Konstantinopel zu führen. Seine Geistesgegenwart rettete ihn auch aus dieser Gefahr. Unter dem Vorwande, nicht wohl zu sein, stieg er des Nachts ab und erhielt die Erlaubnis, sich ein paar Schritte entfernen zu dürfen; er steckte seinen langen Stab in den Boden, hing Mütze und Oberkleid daran und täuschte damit eine Weile lang die Wallachen, während er sich in den Wald stahl. Von Halitsch wurde er ehrenvoll nach Kiew, der Residenz des Großfürsten geleitet. Der schlaue Grieche gewann bald Jaroslaws Hochachtung und Vertrauen; er konnte sich in die Sitten jedes Landes fügen, und die Barbaren priesen seine Kraft und Kühnheit bei der Jagd auf Elentiere und Bären des Forstes. In diesem Nordlande erwarb er sich von Manuel, der den russischen Fürsten ersuchte, seine Waffen zwecks eines Einbruches in Ungarn mit den Seinen zu vereinigen, Verzeihung. Andronikus' Einfluß brachte das gewünschte Bündnis zustande; der ihn betreffende Vertrag wurde mit dem Versprechen der Treue einerseits und dem der Verzeihung anderseits geschlossen, und Andronikus zog an der Spitze des russischen Heeres vom Borysthenes an die Donau. Trotz seines Zornes hatte Manuel stets mit seinem kriegerischen und ausschweifenden Vetter sympathisiert, und volle Verzeihung erhielt er bei dem Sturm von Semlin, in dem er dem Kaiser und nur diesem an Tapferkeit nachstand.

Kaum war der Verbannte der Freiheit und seinem Vaterlande wiedergegeben, als sein Ehrgeiz zuerst sein eigenes und endlich auch das öffentliche Unglück wieder heraufbeschwor. Eine Tochter Manuels stand den mehr zur Nachfolge berechtigten männlichen Sprossen der Komnenen im Wege. Ihre projektierte Vermählung mit einem Ungarfürsten widerstrebte den für sich hoffenden oder Vorurteile habenden Prinzen und Großen. Als ein Eid der Treue für den mutmaßlichen Erben verlangt wurde, behauptete Andronikus allein die Ehre des römischen Namens, lehnte die ungesetzliche Verpflichtung ab und protestierte kühn gegen die Adoption eines Fremdlings. Sein Patriotismus mißfiel dem Kaiser, allein er hatte die Gesinnungen des Volkes ausgesprochen und so wurde er durch eine ehrenvolle Verbannung, den abermaligen Oberbefehl über die kilikische Grenze mit der unumschränkten Verfügung über das Einkommen der Insel Cypern, aus der Nähe des Kaisers verbannt. Die Armenier hier hatten wieder durch seinen Mut zu leiden und benützten wieder seine Fahrlässigkeit, und derselbe Rebell, der alle seine Anstrengungen vereitelte, wurde durch seine Lanze vom Pferde geschleudert und fast getötet. Andronikus entdeckte aber bald einen angenehmeren Gegenstand zur leichten Eroberung, nämlich die schöne Philippine, Schwester der Kaiserin Marie und Tochter Raimunds von Poitou, des lateinischen Fürsten von Antiochia. Um ihretwillen verließ er sein Kommando und verbrachte den Sommer bei Bällen und Turnieren; seiner Liebe opferte sie ihre Unschuld, ihren Ruf und eine vorteilhafte Vermählung. Aber der grimmige Manuel, geärgert über diese der Familie angetane Schmach, unterbrach seine Freuden. Andronikus überließ die unglückliche Fürstin ihrer Reue und unternahm mit einer Schar verzweifelter Abenteurer die Wallfahrt nach Jerusalem. Seine Geburt, sein Kriegsruhm und seine eifrigen Beteuerungen bezeichneten ihn als Streiter für das Kreuz; er gewann die Zuneigung der Geistlichkeit und des Volkes und wurde mit dem Fürstentum Berytus an der Küste von Phönizien belehnt. In der Nachbarschaft residierte eine junge und schöne Königin seines eigenen Volkes und Stammes, die Urenkelin des Kaisers Alexius und Witwe des Königs von Jerusalem, Balduins III. Sie besuchte und liebte ihren Verwandten. Theodora war das dritte Opfer seiner liebeglühenden Schwüre, und ihre Schmach war öffentlicher und erregte mehr Ärgernis als die ihrer Vorgängerinnen. Der Kaiser dürstete noch immer nach Rache und hatte wiederholt in seine Untertanen und Bundesgenossen an der syrischen Grenze gedrungen, sich des Flüchtlings zu bemächtigen und ihm die Augen auszustechen. In Palästina gab es für ihn keine Sicherheit mehr; aber die zärtliche Theodora offenbarte ihm die Gefahr und begleitete ihn auf der Flucht. Die Königin von Jerusalem zeigte sich im Orient als seine gefügige Geliebte. Zwei uneheliche Kinder waren die lebenden Denkmäler ihrer Schwäche. Damaskus war seine erste Zuflucht, wo der Grieche in dem großen Nureddin und seinem Diener Saladin die Tugenden von Muselmanen hätte ehren lernen können. Als Freund Nureddins besuchte er höchstwahrscheinlich Bagdad und die Höfe von Persien und ließ sich nach einem langen Wege um das Kaspische Meer und die Gebirge von Georgien zuletzt unter den Türken von Kleinasien, den Erbfeinden seines Vaterlandes, nieder. Der Sultan von Colonia gewährte dem Andronikus, seiner Geliebten und seiner Bande Geächteter Gastfreundschaft; er dankte es durch häufige Einbrüche in die römische Provinz Trebisund, von wo er selten ohne reiche Beute und christliche Gefangene zurückkehrte. In der Geschichte seiner Abenteuer liebte er es, sich mit David zu vergleichen, der nach langer Verbannung den Schlingen der Gottlosen entging. Aber der königliche Prophet (wagte er hinzuzufügen) begnügte sich damit, an der Grenze von Judäa zu lauern, einen Amalekiter zu erschlagen und in seiner elenden Lage das Leben des geizigen Nabal zu bedrohen. Die Streifzüge des Komnenenfürsten hatten einen größeren Umkreis, und er hatte über die orientalische Welt den Ruhm seines Namens und seiner Religion verbreitet. Durch Beschluß der griechischen Kirche war der zügellose Räuber von der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen worden, aber selbst diese Exkommunikation beweist, daß er das Christentum niemals abgeschworen hat.

In seiner Wachsamkeit hatte er die offene wie die geheime Verfolgung des Kaisers durch List oder Gewalt vereitelt, er wurde aber endlich durch die Gefangennahme seiner Begleiterin in die Falle gelockt. Dem Statthalter von Trebisund gelang der Versuch, sich der Person Theodoras zu bemächtigen. Die Königin von Jerusalem wurde mit ihren beiden Kindern nach Konstantinopel gesandt, und ihr Verlust verbitterte ihm die widerwärtige Einsamkeit seiner Verbannung noch mehr. Der Flüchtling flehte endlich um Verzeihung, erhielt sie und mit ihr die Erlaubnis, sich einem über die Demütigung dieses stolzen Geistes erfreuten Souverän zu Füßen zu werfen. Im Staube liegend, beklagte er weinend und stöhnend seine frühere Empörung und wollte nicht eher wagen sich zu erheben, als bis irgendein treuer Untertan ihn an einer eisernen Kette, die er insgeheim um seinen Hals gelegt hatte, zum Thron ziehen würde. Diese außerordentliche Buße erregte das Staunen und Mitleid der Versammlung; seine Sünden wurden von Kirche und Staat verziehen, aber Manuels gerechtes Mißtrauen wies ihm fern vom Hofe Oenoe zum Aufenthaltsort an, eine Stadt in Pontus, die von Weinbergen umgeben war und an der Küste des Schwarzen Meeres lag. Der Tod Manuels und die Wirren während der Minderjährigkeit seines Nachfolgers öffneten seinem Ehrgeiz bald das weiteste Feld. Der Kaiser war ein Knabe von zwölf bis vierzehn Jahren, ohne Kraft, Einsicht oder Erfahrung. Seine Mutter, die Kaiserin Maria, überließ sich und die Regierung einem Günstling aus komnenischem Geschlecht. Seine Schwester Maria, deren Gemahl, ein Italiener, mit dem Cäsartitel geschmückt war, stiftete eine Verschwörung und endlich einen Aufruhr gegen ihre verhaßte Stiefmutter an. Die Provinzen wurden vergessen, die Hauptstadt stand in Flammen, und ein Jahrhundert des Friedens und der Ordnung ging in den Lastern und der Schwäche weniger Monate unter. Ein Bürgerkrieg brach in Konstantinopel aus, die beiden Parteien kämpften auf dem Platze des Palastes eine blutige Schlacht, und die Rebellen hielten eine regelrechte Belagerung in der Kathedrale der heiligen Sophie aus. Der Patriarch arbeitete in ehrenhaftem Bestreben an Heilung der Wunden des Staates, die achtbarsten Patrioten riefen laut nach einem Vormund und Rächer, und jeder sprach den Talenten, ja sogar den Tugenden des Andronikus Lob. Er tat, als brüte er in seiner Zurückgezogenheit über den feierlichen Verpflichtungen seines Eides: »Wenn die Sicherheit oder Ehre der kaiserlichen Familie bedroht werden sollte, will ich das Unheil offenbaren und mich ihm mit allen meinen Kräften widersetzen.« Seine Briefe an den Patriarchen und die Patrizier waren mit passenden Zitaten aus den Psalmen Davids und den Briefen des heiligen Paulus gewürzt, und er wartete geduldig, bis ihn die Stimme des Vaterlandes zu dessen Befreiung rief. Auf seinem Zuge von Oenoe nach Konstantinopel schwoll sein schwaches Gefolge allmählich zu einer Schar, zu einem Heere an; man hielt seine Beteuerungen der Religiosität und Treue irrtümlich für seine wahre Überzeugung, und seine einfache fremde Tracht, die seine majestätische Gestalt sehr vorteilhaft zeigte, bot ein lebendiges Bild seiner Armut und Verbannung. Jeder Widerstand schwand vor ihm, er erreichte die Meerenge des thrakischen Bosporus, die byzantinische Flotte segelte aus dem Hafen aus, um den Befreier ihres Vaterlandes aufzunehmen und überzusetzen; der Strom wogte laut und die Insekten, die sich im Sonnenschein der kaiserlichen Gunst gebläht hatten, verschwanden beim Herannahen des Sturmes. Es war Andronikus' erste Sorge, den Palast in Besitz zu nehmen, den Kaiser zu begrüßen, dessen Mutter einzukerkern, ihre Minister zu bestrafen und die öffentliche Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Hierauf besuchte er das Grab Manuels, die Begleiter erhielten Befehl, sich fernzuhalten; als er sich aber in der Stellung des Gebetes neigte, hörten sie oder glaubten ein Gemurmel des Triumphes und der Rache zu vernehmen: »Ich fürchte dich nun nicht mehr, mein alter Feind, der du mich wie einen Landstreicher über die ganze Erde gejagt hast. Du ruhst sicher unter einer siebenfachen Decke und kannst nicht eher aufstehen, als bis die letzte Trompete erschallt. Nun ist die Reihe an mir und bald werde ich deine Asche und deine Hinterbliebenen mit Füßen treten.« Nach seiner späteren Tyrannei zu urteilen, kann man ihm solche Gefühle wohl zuschreiben, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er seine Gedanken laut werden ließ. In den ersten Monaten seiner Verwaltung verstellte er sich, konnte jedoch nur die Augen der Menge täuschen. Die Krönung des Alexius wurde mit gebührender Feierlichkeit vollzogen, und sein treuloser Vormund, in seinen Händen den Leib und das Blut Christi haltend, erklärte mit Inbrunst, daß er bereit sei, im Dienste seines geliebten Mündels zu leben und zu sterben. Aber seine zahlreichen Anhänger waren unterwiesen worden zu verbreiten, daß das sinkende Reich in den Händen eines Kindes zusammenbrechen müsse, daß die Römer nur durch einen erprobten Fürsten, kühn im Kampfe, kundig der Politik, der Menschenkenntnis besaß und durch den steten Wechsel seiner Schicksale zum Herrschen berufen war, gerettet werden könnten und daß es die Pflicht jedes Römers sei, den aus Bescheidenheit widerstrebenden Andronikus zu zwingen, die Last der öffentlichen Sorgen zu übernehmen. Der junge Kaiser selbst war gezwungen, in diesen allgemeinen Ruf einzustimmen und um die Bestellung eines Kollegen zu bitten, der ihn sogleich des obersten Ranges entsetzte, ihn einkerkerte und dadurch die kühne Erklärung des Patriarchen wahrmachte daß Alexius als tot betrachtet werden müsse, sobald er der Obhut seines Vormundes anvertraut sein würde. Aber seinem Tod ging die Einkerkerung und die Hinrichtung seiner Mutter voraus. Nachdem sie der Tyrann angeprangert und die Menge gegen sie entflammt hatte, klagte er die Kaiserin eines hochverräterischen Einverständnisses mit dem König von Ungarn an und machte ihr den Prozeß. Sein eigener Sohn, ein ehrenhafter, menschlich empfindender Jüngling, gestand seinen Abscheu vor dieser ruchlosen Tat, und drei der Richter erwarben sich das Verdienst, ein reines Gewissen ihrem Leben vorzuziehen. Aber das gehorsame Tribunal verdammte, ohne Beweise zu fordern oder eine Verteidigung zu hören, die Witwe des Manuel, und ihr unglücklicher Sohn unterschrieb das Todesurteil. Maria wurde erdrosselt, ihre Leiche ins Meer geworfen und ihr Andenken durch eine unwahre Schilderung ihrer Häßlichkeit beschmutzt, die am meisten die weibliche Eitelkeit verletzt. Das Schicksal ihres Sohnes wurde ebenfalls bald entschieden: er wurde mit einer Bogensehne erdrosselt, und nachdem der Mitleid und Reue unzugängliche Tyrann die Leiche des unschuldigen Jünglings betrachtet hatte, stieß er sie grimmig mit dem Fuße weg und rief: »Dein Vater war ein Schurke, deine Mutter eine Hure und du selbst ein Narr!« Andronikus führte das römische Zepter ungefähr dreieinhalb Jahre als Vormund oder Souverän. Während seiner Regierung zeigen sich sonderbare Gegensätze von Laster und Tugend. Wenn er seinen Leidenschaften Gehör schenkte, war er die Geißel, wenn er seiner Vernunft folgte, der Vater seines Volkes. Bei der Verwaltung der Zivilrechtspflege war er gerecht und streng; schändliche und verderbliche Käuflichkeit wurde abgeschafft und die Ämter mit den verdienstvollsten Kandidaten von einem Fürsten besetzt, der zu wählen wußte und zu strafen verstand. Er verbot die unmenschliche Gewohnheit, Güter und Personen schiffbrüchiger Seefahrer zu plündern. Die Provinzen, seit so langer Zeit Gegenstand der Unterdrückung und der Vernachlässigung, lebten wieder in Glück und Überfluß auf, und ferne Millionen priesen seine Regierung, während ihn die Zeugen seiner täglichen Grausamkeiten mit Flüchen beluden. Das alte Sprichwort: »Blutdürstig ist der Mann, der aus der Verbannung zur Herrschaft gelangt«, das man nur mit zuviel Wahrheit auf Marius und Tiberius angewendet hatte, bewährte sich zum drittenmal im Leben des Andronikus. Er bewahrte ein schwarzes Register von Feinden und Nebenbuhlern, die seine Verdienste geschmäht, sich ihm in seiner Größe widersetzt oder ihn im Unglück beschimpft hatten, und der einzige Trost in seiner Verbannung war die Hoffnung auf Rache. Die notwendige Vernichtung des jungen Kaisers und seiner Mutter legte ihm die unheilvolle Verpflichtung auf, die Freunde auszurotten, die den Mörder haßten oder bestrafen konnten, und wiederholter Mord machte ihn zur Verzeihung minder geneigt und minder fähig. Eine entsetzliche Liste der Opfer, die durch Gift oder Schwert, im Meere oder in den Flammen umkamen, wäre für seine Grausamkeit weniger bezeichnend, als daß man eine in Ruhe verlaufene unblutige Woche halkyonische Tage nannte. Der Tyrann war bestrebt, auf die Gesetze und Richter einen Teil der Schuld zu schieben, allein die Maske war gefallen und seine Untertanen konnten über den wahren Urheber ihrer Drangsale nicht länger in Zweifel sein. Die edelsten Griechen, insbesondere diejenigen, die durch Abstammung oder Verschwägerung die Erbschaft der Komnenen streitig machen konnten, entflohen aus der Höhle des Ungeheuers. Nicäa oder Prusa, Sizilien oder Cypern waren ihre Zufluchtsorte, und da schon ihre Flucht ein Verbrechen war, erschwerten sie ihre Vergehen durch offene Empörung und Annahme des kaiserlichen Titels. Andronikus jedoch entging den Dolchen und Schwertern seiner furchtbarsten Feinde; Nicäa und Prusa wurden bezwungen und gezüchtigt, die Sizilianer begnügten sich mit der Plünderung von Thessalonika, und die Entfernung Cyperns war den Rebellen nicht günstiger als dem Tyrannen. Sein Thron wurden durch einen Nebenbuhler ohne Verdienst und ein Volk ohne Waffen gestürzt (1185). Isaak Angelus, ein Nachkomme der weiblichen Linie des großen Alexius, wurde vom Kaiser, der vielleicht an eine Schuld glaubte, aus Klugheit zum Tode verurteilt. Verzweifelt verteidigte Angelus Leben und Freiheit, erschlug den Henker und floh in die Sophienkirche. Das Heiligtum füllte sich langsam mit einer neugierigen und trauernden Schar, die in seinem Schicksal ihr eigenes ahnte. Aber ihre Klagen verwandelten sich bald in Verwünschungen, ihre Verwünschungen in Drohungen, und sie wagten zu fragen: »Warum fürchten wir uns? Warum gehorchen wir? Unserer sind viele, er ist allein; unsere Geduld ist die einzige Kette unserer Knechtschaft.« Mit Tagesanbruch brach ein allgemeiner Aufruhr in der Stadt aus, die Kerker wurden erbrochen, auch die Schlechtesten und Niedrigsten wurden zur Verteidigung ihres Vaterlandes aufgestachelt, und Isaak, der zweite seines Namens, aus dem Heiligtum kommend auf den Thron gesetzt. Der Tyrann, der die Gefahr nicht ahnte, war abwesend. Er hatte sich auf eine der schönen Inseln der Propontis zurückgezogen. Er hatte eine alles Gefühl verletzende Heirat mit Alice oder Agnes, Tochter Ludwigs VII. von Frankreich und Witwe des unglücklichen Alexius, gemacht, und seine Gesellschaft, angemessener seinem Temperament als seinem Alter, bestand aus einer jungen Gattin und einer Lieblingsfavoritin. Auf den ersten Alarm hin eilte er nach Konstantinopel, nach dem Blute der Schuldigen dürstend; er staunte über die Stille im Palast, über den Tumult in der Stadt und über den allgemeinen Abfall von ihm. Andronikus verkündete seinen Untertanen eine allgemeine Amnestie, aber sie wollten Verzeihung weder annehmen noch gewähren. Er erbot sich, die Krone zugunsten seines Sohnes Manuel niederzulegen, doch die Tugenden des Sohnes konnten die Verbrechen des Vaters nicht sühnen. Das Meer stand ihm zum Rückzug noch offen, aber die Nachricht von der Umwälzung hatte sich längs der Küste verbreitet. Mit der Furcht hatte der Gehorsam aufgehört. Die kaiserliche Galeere wurde von einer bewaffneten Brigantine verfolgt und genommen und der Tyrann vor Isaak Angelus geschleppt, mit Fesseln beladen und mit einer langen Kette um den Hals. Er und seine weinenden Begleiterinnen baten umsonst beredt um sein Leben. Statt einer ordnungsmäßigen und gesetzlichen Hinrichtung überließ man ihn den Verbrechern, den zahllosen Duldern, die durch ihn eines Vaters, Gemahls oder Freundes beraubt worden waren. Seine Zähne und seine Haare, ein Auge und ein Arm wurden ihm als armseliger Ersatz für ihren Verlust ausgerissen, und man ließ ihn noch eine kurze Zeit leben, damit er die ganze Bitterkeit des Todes fühle. Mit ausgespreizten Beinen über ein Kamel gelegt, ohne Möglichkeit einer Befreiung, wurde er durch die Stadt geführt und die Hefe des Pöbels jubelte, ihren Fürsten mit Füßen treten zu dürfen. Nach tausend Stößen und Beschimpfungen wurde Andronikus an den Füßen zwischen zwei Pfeilern, die das Bild eines Wolfes und einer Sau trugen, aufgehangen und jeder, der den öffentlichen Feind erreichen konnte, behandelte ihn mit boshaft ausgedachter und brutaler Grausamkeit, bis zwei freundlich gesinnte oder wütende Italiener ihm ihre Schwerter in den Leib stießen und jeder Rache von Menschenhand ein Ende machten. In diesem langen und schmerzlichen Todeskampf waren die einzigen Worte, die aus seinem Munde kamen: »O Herr, habe Erbarmen mit mir! Warum willst du ein gebrochenes Rohr weiter zerknicken?« Unser Haß wandelt sich in Mitleid für ihn. Wir dürfen auch seine kleinmütige Ergebung nicht tadeln, da ein griechischer Christ nicht länger Herr seines Lebens war.

Ich bin versucht gewesen, mich über den außerordentlichen Charakter und die Abenteuer des Andronikus zu verbreiten, werde aber hier die Reihe der griechischen Kaiser seit den Zeiten des Heraklius schließen. Die dem komnenischen Stamme entsprossenen Zweige waren langsam ausgestorben und die männliche Linie wurde nur durch die Nachkommen dieses Andronikus fortgesetzt, die, so dunkel in der Geschichte und so berühmt in der Romantik, sich in der öffentlichen Verwirrung die Souveränität von Trebisund anmaßten. Ein Privatmann von Philadelphia, Konstantin Angelus, hatte durch seine Vermählung mit einer Tochter des Kaisers Alexius Reichtum und Ehrenstellen erworben. Sein Sohn Andronikus zeichnete sich nur durch Feigheit aus. Sein Enkel Isaak bestrafte den Tyrannen und gewann den Thron, wurde aber wegen seiner eigenen Laster durch seinen ehrgeizigen Bruder entthront. Ihre Zwietracht veranlaßt die Lateiner zur Eroberung von Konstantinopel, der ersten großen Epoche des Unterganges des morgenländischen Kaisertums.

Wenn wir die Zahl und Dauer der Regierungen zusammenrechnen, so findet sich, daß eine Periode von sechshundert Jahren durch sechzig Kaiser ausgefüllt wird, mit Einschluß einiger Fürstinnen in das Verzeichnis der Augusti und mit Abzug einiger Usurpatoren, die in der Hauptstadt nie anerkannt worden sind, ferner einiger Fürsten, die nicht lange genug lebten, um ihr Erbe in Besitz zu nehmen. Es ergeben sich im Durchschnitt zehn Jahre für jeden Kaiser, weit weniger, als die chronologische Regel Sir Isaac Newtons angibt, der auf Grund neuerer und ordnungsmäßiger Monarchien die Dauer einer gewöhnlichen Regierung auf achtzehn bis zwanzig Jahre berechnet hat. Das byzantinische Reich erfreute sich der größten Ruhe und Wohlfahrt, so oft es von einem erbberechtigten Kaiser regiert wurde; fünf Dynastien, die heraklischen, isaurischen, amorischen, basilischen und komnenischen Häuser besaßen und übertrugen die kaiserliche Herrschaft auf je fünf, vier, drei, sechs und vier Generationen. Mehrere Fürsten regierten während ihrer Kindheit. Konstantin VII. und seine beiden Enkel regierten während eines ganzen Jahrhunderts. Aber zwischen den byzantinischen Dynastien wurde die Regentenfolge schnell unterbrochen, und der Name eines vom Erfolge begünstigten Kandidaten wurde schnell durch einen glücklicheren Mitbewerber ausgelöscht. Es gab viele Pfade, die zum Gipfel kaiserlicher Würde führten: ein Empörer wurde von einem Verschwörer gestürzt oder durch die stille Intrige zu Fall gebracht; die Lieblinge der Soldaten oder des Volkes, des Senates oder der Geistlichkeit, der Weiber und Eunuchen wurden abwechselnd mit dem Purpur bekleidet. Die Mittel, mit denen ihre Erhebung durchgeführt wurde, waren niederträchtig und ihr Ende häufig verächtlich oder tragisch. Ein Mensch mit einigen Fähigkeiten, dem aber ein längeres Dasein zugemessen wäre, würde mit mitleidigem und verächtlichem Lächeln auf die Verbrechen und Torheiten der ehrgeizigen Menschen niederblicken, die so gierig und in einer so kurzen Spanne Zeit nach wandelbaren und vergänglichen Genüssen greifen. Gerade auf diese Weise erhebt und erweitert die Geschichte unseren Blick. In einer Arbeit von einigen Tagen, in der Lektüre von ein paar Stunden, sind sechs Jahrhunderte hingerollt und die Zeit eines Lebens oder einer Regierung wird zu einem flüchtigen Augenblick. Das Grab ist stets neben dem Thron, dem Siege eines Verbrechers folgt fast augenblicklich der Verlust der Beute und unsere unsterbliche Vernunft überlebt und verachtet die sechzig Phantome der Kaiser, die an unseren Augen vorübergezogen sind und sich nur schwach dem Gedächtnis einprägen. Die Bemerkung, daß der Ehrgeiz in jedem Zeitalter und in jedem Klima mit gleicher Allgewalt geherrscht hat, mag das Erstaunen eines Philosophen mindern. Während er aber die Eitelkeit dieses allgemeinen Verlangens, das Zepter der Macht zu erlangen und zu führen, verdammt, wird er nach dem Beweggrund forschen. Dem größeren Teile der byzantinischen Fürsten können wir Liebe zum Ruhm und zur Menschheit in keiner Weise nachsagen. Einzig der edle Charakter des wohltätigen Johann Komnenus war rein; die berühmtesten Monarchen, die diesem vorangehen oder folgen, haben mit Gewandtheit und Kraft die krummen und blutigen Pfade selbstsüchtiger Politik begangen. Wenn wir die unvollkommenen Charaktere Leos des Isauriers, Balisius' I., Alexius Komnenus', Theophilus', Basilius' II. und Manuel Komnenus' prüfen, wird unsere Achtung von unserem Tadel fast aufgewogen, und der übrige kaiserliche Troß kann nur wünschen und erwarten, von der Nachwelt vergessen zu werden. War persönliches Glück das Ziel und der Zweck ihres Ehrgeizes? Ich werde nicht platte Bemerkungen über das Elend der Könige machen; aber ich darf wohl zuverlässig bemerken, daß ihre Lage mehr als jede andere der Furcht den weitesten, der Hoffnung den engsten Raum gewährt. Die Revolutionen des Altertums gewährten diesen widerstreitenden Leidenschaften ein viel größeres Feld als der milde und feste Charakter der neueren Zeit, in der nicht so leicht der Triumph des Alexander oder der Fall des Darius sich wiederholen kann. Aber das eigentümliche Unglück der byzantinischen Fürsten setzte sie heimischen Gefahren aus, ohne irgendeine wirkliche Aussicht auf Eroberungen im Ausland zu geben. Andronikus wurde durch einen grausameren und schimpflicheren Tod, als ihn der größte Verbrecher erleidet, vom Gipfel der Größe herabgestürzt; aber auch seine ruhmwürdigsten Vorgänger hatten von ihren Untertanen weit mehr zu fürchten als von ihren Feinden zu hoffen. Das Heer war zügellos, ohne Mut, das Volk unruhig, ohne Freiheit; die Barbaren des Ostens und Westens drängten gegen die Monarchie und der Verlust der Provinzen besiegelte die Knechtschaft der Hauptstadt.

Die Herrschaft der römischen Kaiser vom ersten der Cäsaren bis zum letzten der Konstantine dehnt sich über fünfzehn Jahrhunderte aus, und die Dauer einer durch Eroberung von außen ungebrochenen Herrschaft übertrifft jene der alten Monarchien, jene der Herrschaft der Assyrer und Meder, der Nachfolger des Cyrus wie des Alexander.

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