Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Dschami

Aus »Jussuf und Suleicha«.

Stiller Schmerz

Früh als der nächt'ge Rabe schon entfloh,
Des Morgensohnes heller Ruf erscholl,
Die Nachtigall, mit lieblichem Gesang,
Der Knospe Schleier von der Rose hob;
Das Veilchen seine Ambralocken wusch,
Und der Jasmin im Morgentau sich kühlt',
Da lag Suleïcha noch im süßen Schlaf,
Das Herz dem Nachtaltare zugewandt;
Doch war's nicht Schlaf, es war des Taumels Lust,
Worin sie lag, sich selber unbewußt.

Die Zofen fallen ihr zu Füßen jetzt,
Zum Handkuß kommt jetzt ihrer Mädchen Schar:
Da lüftet sie den Flor, der Tulpen birgt,
Und öffnet hold ihr schlummernd Augenpaar.

Es wird ihr Kleid zum Mond- und Sonnen-Ost,
Dem sie das Haupt enthebt und um sich blickt;
Doch von dem ros'gen Jüngling keine Spur!
In sich gekehrt, gleich Knospen, wird sie jetzt,
Und will im Gram, den die Cypreß ihr schafft,
Das Kleid vom Leib sich reißen, Rosen gleich;
Allein die Scham hält ihr die Hand zurück
Und knüpft den Fuß ihr an der Duldung Saum.
Im Herzen birgt sie ihr Geheimnis nun.
– So birgt im Schlag sich der Rubin –
Und Blut verschlingt, der Knospe gleich, ihr Herz,
Dem nicht ein Tropfen lindernd mehr entquillt.
Zwar spricht die Lippe mit der Zofen Schar,
Doch beim Gespräche klagt und weint das Herz;
Mit den Gespielen lacht der Zuckermund,
Doch knotig ist das Herz, wie Zuckerrohr;
Indes die Zunge mit den Leuten schwätzt,
Sprühn hundert Funken aus der Liebe Mal.
Es fällt ihr Blick auf anderer Gestalt,
Doch an den Freund gefesselt bleibt ihr Herz:
War wohl des Herzens Saum in ihrer Hand,
Da stets vor ihr der Herzensräuber stand?

Ein Herz, im Schlund des Liebes-Krokodils,
Freut ach, nur lahm sich des erreichten Ziels.

Sie kennt jetzt keinen Wunsch mehr außerm Freund,
Und keine inn're Ruhe als bei ihm:
Spricht sie ein Wort, ist's mit des Freundes Bild,
Und hegt sie Wünsche, ist's vom Freunde nur.
Oft trat die Seel' ihr auf der Lippe Rand,
Eh jenes Leidentages Nacht erschien;
Die Nacht, die Freundin aller Liebenden,
Die ihr Geheimnis treu im Busen wahrt
Den ganzen Tag verkünden sie ihr Lob,
Weil sie den Vorhang senkt, den jener hob.

Nacht ward's – gelehnet an des Grames Wand,
Krümmt sie den Rücken, einer Harfe gleich,
Die sie mit Thränensaiten überzieht,
Und nach dem Klange ihres Herzens stimmt:
Der Laut, den sie nun giebt, zerreißt das Herz:
Durch aller Töne Leiter stöhnet sie. –
Sie setzt des Freundes Bild sich vor das Aug',
Und Perlen strömen ihr aus Aug' und Mund.
»Aus welchem Schachte bist du, Edelstein?
Denn dir nur dank ich jenen Perlenstrom:
Du stahlst mein Herz, sprachst deinen Namen nicht,
Sprachst ach, kein Wort von deinem Aufenthalt!
Von wem erfrag' ich deinen Namen wohl?
Wer kündet mir die Stelle, wo du wohnst,
Bist du ein König, sprich, wie nennt man dich?
Bist du ein Mond, wo glänzt dein hoher Thron?
Daß niemand doch befangen sei, gleich mir,
Der weder Herz, noch Herzensfreund verblieb!
Ich sah dein Bild, es stahl den Schlummer mir,
Und preßte mir aus Herz und Auge Blut!
Ich Schlummerlose: ach, es blieb mein Herz
In deiner Liebe heißen Glut zurück!
Wie wenn du Wasser gössest auf die Glut,
Nicht, gleich den Guten, heiß und schnöde wärst?
Ein Röschen war ich aus der Jugendflur,
War frisch und sanft dem Lebenswasser gleich;
Nie wehte noch ein rauher Wind mich an,
Nie stach ein Dorn noch meinen zarten Fuß;
Durch einen Blick gabst du dem Wind mich preis,
Warfst auf das Lager tausend Dornen mir!
Ein Leib, viel zarter als der Rose Blatt,
Wie schläft er wohl auf einer Dornenstatt?«

So ächzt sie nachts bis zu des Morgens Grau'n,
So klagt sie ihres Freundes Traumbild an.
Die Nacht entschwand. Vermeidung des Verdachts
Wäscht ihr das Aug' von blut'gen Thränen rein.
Der Lippe, noch vom blut'gen Nachttrunk feucht,
Drückt sie des Schweigens trocknes Siegel auf,
Und leiht dem Kissen frischer Rufen Licht
Und leiht dem Bette der Cypresse Pracht.
Auf solche Weise schwinden Tag und Nacht,
Und ihr gelingt die kleinste Änd'rung nicht.

V. v. Rosenzweig.

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