Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Dschami

Aus »Jussuf und Suleicha«.

Suleïchens erster Traum

In einer Nacht, schön wie der Lebenstag,
Und Wonne mehrend wie die Jugendzeit,
– Der Ruhe pflogen Fisch und Vogel schon,
Die Zeitung zog den Fuß schon in den Saum;
In diesem Hause, reger Schaulust voll,
War nur der Sterne helles Aug' noch wach;
Die Nacht, die Diebin, stahl des Wächters Sinn,
Der Glöckner hieß die Glockenzunge ruhn;
Der Hunde Schweifring wand zum Halsband sich,
Das ihres Heulens offne Bahn verschloß;
Der nächt'ge Vogel zog sein Federnschwert,
Womit er schweigend in sein Rohr sich schnitt;
Des Königsschlosses hohes Kuppeldach
Erschien als Mohnkopf vor des Wächters Aug',
Dem nun zum Wachen keine Kraft mehr blieb,
Weil jener Mohn in Schlummer ihn gewiegt;
Der Trommelschlägel trommelte nicht mehr,
Weil Schlaf die Hand ihm fest am Schlägel hielt,
Und des Gebetverkünders heller Ruf
Rollt noch der nächtlich Toten Bett nicht zu –
Da lag Suleïcha mit dem Zuckermund,
Den Zuckerschlaf auf der Narzissen Paar;
Sanft rieb am Kissen sie ihr Sunbulhaar,
Und lieh dem Bett des Körpers Rosenbund.
Der Pfühl durchwühlt die Sunbul ihr, die zart
Mit Seidenpinseln nun auf Rosen malt.
Zwar ruht ihr bildlich Auge noch im Schlaf,
Doch ihres Herzens zweites Auge wacht.
Da war es ihr, als trät' ein Jüngling ein,
Was sag' ich, Jüngling? nein, ein hehrer Geist;
Sein sel'ges Antlitz hell aus Licht geformt,
Bestahl die Huris in dem Garten Chuld;
Er war's, der ihnen allen Reiz geraubt,
Er, der um alle Anmut sie gebracht.
Dem jungen Buchse ähnlich war sein Wuchs,
Sein Sklave der Cypresse freier Stamm;
Als Kette hing sein langes Haar herab
Und fesselte des Rades Hand und Fuß,
Vor seiner Stirne hellem Strahlenglanz
Neigt demutsvoll so Mond als Sonne sich;
Sein Brauenbogen war ein Hochaltar,
Ein Ambrazelt auf halbentschlummerten;
Sein Antlitz war des Paradieses Mond,
Der in des Schützen Himmelszeichen ruht;
Mit Anmutssurme war sein Aug' geschminkt,
Und seiner Wimper Pfeil durchschoß das Herz;
Sein lächelnder Rubin goß Zucker aus,
Denn sprach sein Mund, war's nichts als Süßigkeit;
Sein helles Perlchen in Rubin gefaßt,
Glich einem Blitz im hellen Morgenrot;
Licht troff ihm aus der Plejas, lachte er,
Und Salz aus der Pistaze voll von Trug;
Sein Apfelkinn vom Unterkinn umringt
Gleich einer Quitte, die am Apfel prangt;
Ein Moschusbrandmal war sein Wangenmal
Ein Rabennest auf einer Rosenflur;
An Silber reich war seiner Arme Paar,
Doch silberlos die Lende fein wie Haar.

Als ihn Suleïchens Auge so erblickt,
Geschah durch einen Blick das, was geschah,
Da übermenschlich hohen Reiz sie sah,
Der Peris selbst und Huris nie geschmückt.

Das schöne Bild, die hohe Lieblichkeit,
Sie fesseln nun mit hundert Herzen sie,
Von seines Wuchses Ideal erfaßt,
Pflanzt sie der Liebe Zweig sich in das Herz;
Sein Angesicht wirft Glut ihr in die Brust,
Worin Geduld und Glaube sich verzehrt;
An jedes Härchen seines Ambrahaars
Knüpft sie die Fäden ihrer Seele fest.
Sein Brauenbogen preßt ihr Thränen aus,
In Blut getaucht heißt sie sein Auge ruhn;
Zum Zuckerballen schafft sein Mund ihr Herz,
Sein Zahn, die Wimpern ihr zur Perlenschnur;
Sein Silberarm raubt ihr der Sinne Glut;
Sie knüpft als Dienstgurt um die Lende ihn,
Bestaunt der Wangen holdes Moschusmal,
Und brennt gleich Rauten in des Feuers Glut.
Sein Apfelkinn ist Seelenpein für sie:
Wo pflückt man leicht auch eine Frucht wie die?

Bei Gott! Ein herrlich Bild ist, das sie schaut,
Ein Bild, das flieht, doch sich im Geiste mehrt. –
Suleïcha zürnt nun auf ihr eignes Ich,
Denn nicht das Bild, der Sinn nur reizet sie.
Begriffe sie das Wesen jenes Sinns,
Sie schwänge sich zum Himmel hoch empor;
Doch ach, befangen in dem Bilde nur,
Erkennt sie nicht des hehren Sinnes Spur.

Uns alle fesselt stets nur eitler Wahn,
Und ewig kleben wir am Bildlichen.
Zeigt in dem Bilde sich kein höh'rer Sinn,
Fröhnt denn ein Herz dem Bildner mit Gewinn?

Der Durst'ge weiß den Krug mit Wasser voll,
Und streckt die Hand rasch nach des Kruges Hals:
Doch taucht er einmal in ein süßes Meer,
So denkt er an den Wasserkrug nicht mehr.

V. v. Rosenzweig.

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