Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Scheich Hilâlî

Aus »König und Derwisch.«

Lob des Wortes.

Das Wort – Juwel ist's in des Mundes Schrein,
Es ist des Zungenschwertes Glanz und Schein.
Wär' nicht das Wort, wie könnten wir noch sprechen?
Des Sinnes Perle ohne Wort durchstechen?
Wie könnten ein Geheimnis wir ergründen?
Und wie dem anderen das eigne künden?
Und wäre wirklich uns das Wort verloren,
Auch ohne Zunge wär' der Mensch geboren.
Das Wort – es ist der Seele Lebensgrund,
Für dieses Wort giebt Zeugnis Jesu Mund,
Ein Grübler war's, der so das Wort durchstach,
Und dieses Wort zum Lob des Wortes sprach:
Das Wort kam nieder aus dem Himmelsblau,
Herab aus dem gewölbten Weltenbau.
Gäb's außer ihm noch einen Edelstein,
Würd' er für ihn herabgekommen sein.
Nur Wahrheit ist dies Wort – wer rüttelt dran?
Hoch thront es ewig auf dem Sphärenplan.
Dem Munde nicht kann solches Wort entstreben,
Und nur das Wort gab diesem Worte Leben;
Ein »Werde« rief zwei Welten einst ins Sein,
Zwei Silben sind es, doch ein Wort allein,
Hold war ihm, der das Buch der Schöpfung schrieb,
Denn Schreibrohr, Tafel d. h. die wohlverwahrte Tafel im Himmel, auf die Gott von Ewigkeit her mit der Rohrfeder die Geschicke aller Menschen niederschrieb. schrieb er ihm zulieb.
Erzähle uns, Verstand des Wortes Geschichte,
Mit zungengleicher Feder uns berichte!
Ein Weilchen, Schreibrohr, deine Zung' enthülle,
Den Mund des Schreins erschließ voll Moschusfülle.
Das Weiße ist, das Schwarze dir bekannt,
Ins Schwarze leitest du mit sichrer Hand.
Wenn auch mein Schwert dich erst zum Schreibrohr schuf,
Verdankst du doch dem Worte deinen Ruf.
Süß klingt die Rede, deine Frucht, dem Ohr –
Kein Schreibrohr bist du – nein! ein Zuckerrohr.
Wer kann an zarter Schlankheit dich erreichen?
Kein Finger selbst mag sich mit dir vergleichen.
Ganz muß sich das Gedankenreich dir fügen,
Und ganz gehorchen deinen Federzügen.
Das Banner drum, Gedankenfürst, heb' auf,
Und richte zu des Wortes Reich den Lauf.
Der denke, die des Zaubers Schöpfer waren,
Spitzfindig und im Scharfblick wohl erfahren.
Des Wortes Schatz bewahrten alle treu,
Und ihnen barg sich nichts, ob alt, ob neu,
Mit Redekünsten füllten ringsumher
Die Welt sie, Perlen streuend gleich dem Meer.
Auf sie ergieße dich, Gewölk der Gnade,
Geleit' sie, ew'ge Huld, auf ihrem Pfade.

Hermann Ethe

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de