Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Scheich Hilâlî

Aus »König und Derwisch.«

Wettstreit von Pfeil und Bogen.

Diese kleine Episode, welche einer Fabel ganz ähnlich sieht, schiebt sich in die Schilderung eines Scheibenschießens ein, welches der Prinz, der Held des Gedichtes veranstaltet.

Kaum hatte nun der Prinz den Pfeil geschnellt,
War dieser auch dem Himmel schon gesellt,
Und als ihn so tyrannisch hart der Bogen
Des Weltgebieters Handkuß rasch entzogen,
Da warf ganz sinnlos aus dem Luftbereich
Zur Erd' er selbst sich nieder alsogleich,
Und schalt den Bogen, schnell zu Streit und Hader
Gerüstet: »o du Krummer, Ungerader!
Bald dienst, Gebogener, du zum Feuerbrand,
Und bald wirst du bei Zank und Zwist verwandt.
Schäm' der Statur dich, die inmitten ach!
Gebrochen erst, gebunden hintennach –
Als Stab, dich altersschwachen Greis zu stützen,
Muß meines Leibes schlanker Wuchs dir nützen.
Allein wärst du verloren sicherlich,
Denn niemand nimmt zur Hand dich ohne mich.
Und spricht von Pfeil und Bogen irgend man,
Geht deinem Namen meiner stets voran.
Ob hundert Pfund du schwer, zusammenpreßt
Und schnürt des Mut'gen Arm dich eng und fest.
Zieh nicht so herrisch mich an deine Seite,
Weil du mich schleudern willst in ferne Weite,
Denn deines Stolzes wegen, trotz'ges Ding,
Trägst um den Hals du Fessel, Kett' und Ring.
Zieht man dich vorn auch an sich noch viel mehr,
So kommst du dennoch immer hinterher,
Auf solchem Wege wandeln, wiss', nur Greise,
Zum Winkelhocker paßt nur solche Weise.«
Der Bogen rief, als er dies Wort vernommen,
Und Schlag auf Schlag sein Leib vom Pfeil bekommen:
»Wie lange soll's mein Alter noch entgelten?
Hör auf, mein Winkelhockertum zu schelten.
Schnell brichst auch du, wenn dich das Alter drückt,
Siehst in den Winkel gleichfalls dich entrückt.
Laß ab, so stolz zum Himmel auf zu dringen,
Gieb auf den Flug mit fremder Leute Schwingen.
Denn mir zu Willen mußt du, Jäger sein,
Dein ist die That – doch der Befehl ist mein.
Man hat dich stets nur Unheil bringen sehn,
Die Säge ließ man über's Haupt dir gehn,
Den Schlangen gleichst du ganz, den Scorpionen,
Dein gift'ger Stachel – keinen will er schonen.
Triffst du auf Zwist und Streit, sei's wo es sei,
Schlägst Wunden du und schlüpfest schnell vorbei.
Zwar sieht man häufig dich ans Ziel gelangen,
Doch oft auch bist du schräg vorbeigegangen.
Nur deshalb formen dich des Bildners Hände,
Das fassend man dich in die Weite sende!
Doch – läßt der Prinz solch marternd Leid dich fühlen,
Warum willst du an mir dein Mütchen kühlen?«
Als wahr erkannte dieses Wort der Pfeil,
Verzeihung ward ihm für den Streit zuteil,
Es knüpften beide neu der Freundschafts Band,
Und legten zur Versöhnung Hand in Hand.
Der ird'schen Güter bestes ist der Frieden,
Nichts Schlimmres giebt es, als den Krieg hienieden;
Im Frieden nur kann Glück und Heil bestehen,
Drum heißts: in ihm ruht Aller Wohlergehen.

Hermann Ethe

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