Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Hafis

Fünfzeilige Strophen. (Muchammes.)

Liebesklage.

So steht's um meine Liebe, Abgott mein,
Daß oft ich zweifle an dem eignen Sein;
Zwar bin ich schwach und meine Kraft ist klein,
Wollt tausend Seelen mir das Glück verleihn,
Ich wollte dir sie vor die Füße streun.

O werd' ich wohl das Glück noch je erreichen,
Daß ich vor einem Huldbild deinesgleichen
Enthüllen darf geheimes Liebeszeichen?
O daß ein Hochwild dir gleich möchte schleichen,
Mich herrlich ehrend, in mein Nest hinein.

Obgleich mit Tyrannei du treibest Scherz,
Thu' Böses nicht, du machst dir selber Schmerz.
Ist nicht dein Herz von Eisen oder Erz,
Vorüber geh an meinem Haupt, o Herz,
Laß mich den Staub auf deiner Schwelle sein.

Ich sprach: »Da du durch Stolz mich aufgerieben,
Mög' dir der Weg des Mitleids jetzt belieben,
Der Treue Schrift werd' in dein Herz geschrieben.«
Wunsch nach Verein'gung ist dir fern geblieben,
Mein Los kenn' ich, es wird mich nicht erfreun.

O du, durch den in Näh' und Ferne floß
Das Blut vom Türken und vom Persertroß,
Wenn dich mein kleines finstres Haus verdroß,
In deines treu'sten Dieners Prunkgeschoß
Setz' ich dich, in mein Auge klar und rein.

Nichts will ich sonst von dir als Treu erharren,
Ich rieche nur der Treue Duft, den wahren,
Nur auf dem Sklavenpfade will ich fahren,
Und dein Geheimnis niemand offenbaren,
Vor niemand sprechen von dem Bilde dein.

Gesetzt, der Treu hätt' ich die Thür verwehrt,
Die Liebe nicht mit Liebe stets vermehrt –
Nichts ist geschehn von dem, was ich begehrt;
Als Freunde haben wir doch stets verkehrt:
Du brachst den Bund und treu blieb ich allein.

Raubst mit dem Schwert du mir des Lebens Schimmer,
Ich weiche von dem Platz der Treue nimmer,
Und hauen sie auch meinen Leib in Trümmer,
Ich streu nicht weg der Liebesperlen Flimmer,
Es werde denn zerstreuet mein Gebein.

Die, welche suchen treuer Liebe Spur,
Sie werden gehn zu meiner Grabesflur;
Wenn denn mein Staub in jemands Ahnung fuhr,
Nennt deinen Namen dann auch einer nur,
So hört man Seufzer unterm Leichenstein.

Und träten Schöne vor mich her in Massen,
Vor deren Glanz Kanopus müßt' erblassen,
Zu keinem andern würd' ich Lieb erfassen,
Verrückt wär ich, wollt je von dir ich lassen,
Würd' Persien und Arabien auch mein.

Aus Sehnsucht, mein Idol, ist ganz und gar
Mein Herz verwirrt und dunkel wie dein Haar,
Zu dir zu kommen ist versagt mir zwar,
Doch keine Nacht vergeht, daß Trostes bar
Ich nicht zum Himmel sende Schmerzensschrei'n.

Du, dessen Liebe ist der Quell der Freude
An ew'ger Heiterkeit dein Herz sich weide.
Was willst du, daß noch ferner Hafis leide?
Welch' Urteil über seinen Kopf entscheide,
Leicht ist's, sparst du mir der Verbannung Pein.

Nesselmann.

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