Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Sadi

Muslich-ed-dîn Sadi wurde ungefähr 1184 n. Chr. in Schîrâz geboren, wo sein Vater Abdallah im Dienste des dort regierenden Herrschers der Provinz Fars, Sad ibn Zeugi, stand. Nach dem Tode des Vaters wurde er von diesem seinem fürstlichen Gönner in die berühmte Medrese nach Bagdâd geschickt, die nach ihrem Begründer, dem berühmten Vezier Nisâm el mulk, die Nizâmijje genannt wurde. Sein Lehrer war der Scheich Schemseddîn Abulfarach Ibn el-Chauzî. Wahrscheinlich verbrachte er hier eine Reihe von Jahren, und bemächtigte sich auch der arabischen Sprache, in der er einige Kassiden schrieb. Früh bereits scheint er zu größerem dichterischem Ruhme gelangt zu sein. Ca. 1226 (623 d. Hedschra), infolge der durch die Mongolenstürme hervorgerufenen Umwälzungen, machte er sich auf Reisen, auf denen er ungefähr dreißig Jahre zubrachte; er kam weit umher, nach Indien, Arabien, Syrien, Ägypten u. s. w. und soll vierzehnmal die Pilgerfahrt nach Mekka angetreten haben: als Einsiedler lebte er in der Wüste bei Jerusalem, wurde von Franken gefangen genommen, und mußte in Tripolis niedere Arbeiten verrichten. Ein vornehmer Mann von Haleb erkannte ihn, kaufte ihn für zehn Dinare frei und gab ihm seine Tochter zur Gattin. Doch war diese Ehe eine äußerst unglückliche. 1257 finden wir Sadi wieder in Schîrâz wohnen, beschäftigt mit der Zusammenstellung seiner berühmtesten Werke, des »Bostan« (»Fruchtgarten«), welcher 1257 fertig wurde und des »Gülistan« (»Rosengarten«), der im folgenden Jahre zustande kam. Sadi soll 102 Jahre alt geworden sein, was nicht unwahrscheinlich erscheint: jedenfalls erreichte er ein hohes Alter und wurde zu Schîrâz begraben, wo sein Grabmal, wie das des Hafis, gezeigt wird. Außer jenen genannten Hauptschöpfungen enthält die Sammlung Sadischer Werke Ghaselen, Kassiden, Ghaselenfragmente und Vierzeiler, sowie einige Prosaabhandlungen moralischen, aber auch priapeischen Charakters, darunter ein »Rat für Könige«, der in zwei Abteilungen zerfällt, eine prosaische und eine in Versen gehaltene Spruchsammlung. Aus der letztern sind die unten mitgeteilten von Bacher übersetzten Aphorismen und Sprüche.

Aus dem Bostan. Erste Abteilung: Von der Gerechtigkeit und Regierungskunst.

Der sparsame König.

Ein edler König war, von dem sie sagen,
Daß er ein Kleid von grobem Stoff getragen.
Als jemand sprach: »O Fürst auf Glückes Bahn,
Zieh doch ein Kleid von Seid' aus China an,«
Antwortet' er: »So dient's zur Hülle und Decke,
Doch thu' ich mehr, hat's nur den Prunk zum Zwecke.
Nicht darum nehm' ich Steuer ein und Zoll,
Daß ich den Leib und Thron mir schmücken soll.
Will ich den Weibern gleich mit Putz mich tragen,
Wie soll ich dann als Mann den Feind verjagen?
Wohl hab' ich hundertfache Lust und Gier,
Allein der Schatz gehört ja nicht bloß mir;
Den Schatz muß ich des Heeres wegen füllen,
Nicht um des Putzes und des Prunkes willen.
Pflegt die Soldaten nicht der Fürst nach Pflicht,
Bewachen sie des Reiches Grenzen nicht.
Kann keck der Feind des Bauern Pferd entführen,
Wozu dem König Zehnten und Gebühren?
Die Steuer nimmt der Fürst, das Pferd der Feind;
Wie bleibt mit solchem Thron das Glück vereint?
Die Schwachen drücken ist nicht edle Weise;
Das Huhn nur schnappt das Korn weg der Ameise.
Das Volk, es ist ein Baum, der wohl gepflegt,
Nach deiner Freunde Wunsch dir Früchte trägt;
Reiß' ihn nicht grausam aus mit Stamm und Zweigen,
Sich selbst zu schaden ist den Thoren eigen.
Mit Wohlsein und Genuß ist reich beglückt,
Wer seine Untergebnen nicht bedrückt.
Muß auch der Unterthan sich machtlos beugen,
So wird sein Seufzen doch zum Himmel steigen!
Wo Güte nur gewinnt des Landes Gut,
Da fließe durch Gewalt kein Tropfen Blut.
Fürwahr, die ganze Erde zu gewinnen,
Darf nicht ein Tropfen Blut zur Erde rinnen.

Der große Dschemschid grub auf einen Stein
An einer Quelle diesen Spruch einst ein:
»Es ruhten manche aus an dieser Stelle,
Und gingen, als sich schloß des Lichtes Quelle;
Die Welt erobert' ich durch Kraft und Mut,
Doch nehm' ich nichts ins Grab von meinem Gut.«

O pein'ge nicht, hast du ihn überwunden,
Den Feind, er hat schon Schmerz genug empfunden;
Lebend'ger Feind in Hut ist besser als
Des toten Feindes Blut auf deinen Hals.

Karl Heinrich Graf

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