Die Türkenkämpfe

Aus: Für Vaterland und Ehre

Wahrheitsgetreue Geschichte des großen Krieges von 1914/16

Von Wilhelm Kranzler - Unter Benutzung aller amtlichen Erlasse, Dokumente und Depeschen und mit Berücksichtigung vieler Berichte und Briefe von Mitkämpfern zu Wasser und zu Lande, herausgegeben von Dr. Wilhelm Kranzler

- Inhaltsverzeichnis

Der Krieg der Türken im Mai 1916

Nach dem großen Erfolge der Türken bei Kut-el-Amara wurde es zunächst wieder etwas stiller auf dem asiatischen Kriegsschauplatz.

Das türkische Hauptquartier meldete am 1. Mai: »An der Kaukasusfront mußten die feindlichen Truppen, die am 12. April unsere Truppen angegriffen hatten, die westlich von Musch bis nördlich vom Berge Kozma aufgestellt waren, sich nach siebenstündigem Kampfe zurückziehen, wobei sie eine Anzahl von Gefangenen in unseren Händen ließen. Der Feind, der in Stärke von etwa einem Regiment am 15. April eine Abteilung unserer Truppen angegriffen hatte, die sich in dem Abschnitt südlich von Aschkale befand, wurde mit Verlusten für ihn zurückgetrieben, wobei er uns eine große Menge Lebensmittel überlassen mußte. Der Feind, der in der Nacht vom 16. zum 17. April den Abschnitt der Höhe westlich von Aschkale angriff, besetzte einen von zwei unserer Kompagnien gehaltenen Schützengraben, der jedoch von uns im Gegenangriff mit dem Bajonett wiedergenommen wurde.«

Der Bericht des Hauptquartiers vom 8. Mai lautete: »Von der Irak- und Kaukasusfront ist nichts Wichtiges zu melden. Auf der Höhe von Imbros bewarfen ein Monitor und ein Kreuzer, unterstützt durch die Beobachtungen von Flugzeugen, wirkungslos die Umgebung von Sedd-ul-Bahr mit 40 Geschossen. Eins unserer Flugzeuge traf durch zwei Bomben den feindlichen Kreuzer, der, in Rauch eingehüllt, die hohe See gewann.«

Das türkische Hauptquartier meldete am 8. Mai: »In den letzten Kämpfen bei Katia und bei Divar westlich davon und 15 Kilometer östlich vom Suezkanal nahmen wir dem Feinde 240 Lasttiere, 120 Kamele, 67 Zelte, 220 Sättel, 57 Kisten Munition, 100 Gewehre, zwei Maschinengewehre, 163 Säbel und eine Menge Bajonette, Konserven und andere Gegenstände ab. An der Front von Aden versuchte am 10. März eine feindliche, aus Infanterie und Kavallerie zusammengesetzte Abteilung, durch eine Flankenbewegung unsere Abteilung nördlich von Scheik Osman zu überraschen. Sie wurde zurückgewiesen und ließ Tote und Verwundete am Platze. Am 15. und 16. März unternahm unsere auf Amad nordöstlich von Scheik Osman entsandte Abteilung einen überraschenden Angriff, der gelang. Der Feind gab nach zweistündigem Widerstand Amad auf und zog sich nach Süden zurück trotz seiner schweren Geschütze, die von Scheik Osman herangeführt worden waren, und trotz der Kanonen eines Kreuzers, der sich östlich von Amad befand. In dieser Schlacht verlor der Feind sieben Offiziere und mehr als 300 Tote und Verwundete, unsere Verluste dagegen betragen etwa 30 Mann.«

Am 10. Mai wurde berichtet: »An der Kaukasusfront erzielten wir einige Erfolge und machten eine Anzahl Gefangene und Beute. Bei einem überraschenden Angriff im Abschnitt von Kirvaz wurde der Feind unter Verlusten zurückgeworfen. Als Vergeltungsmaßregel gegenüber der russischen Flotte, die offene Städte und Dörfer an der anatolischen Küste beschießt und harmlose Segler und Fischerboote zerstört, vernichtete der Kreuzer »Midilli« zwischen Sebastopol und Eupatoria ein Schiff von 4000 Tonnen und eine Anzahl von Segelschiffen. Zwei unserer Flugzeuge warfen am 25. April morgens mit Erfolg Bomben auf das Lager, das Ausbesserungsdock und feindliche Petroleumlager von Port Said und kehrten unbeschädigt zurück.«

Ueber die große Beute von Kut-el-Amara gab der türkische Heeresbericht vom 9. Mai uns Auskunft. Er meldete: »An der Irakfront im Abschnitt von Felahie nur zeitweise aussetzende Tätigkeit der beiden Artillerien. Das Steigen des Tigris hat auf beiden Seiten einen Teil der Gräben zerstört. Wir haben die unsrigen sogleich wieder instand gesetzt. Die Namen der höheren Kommandeure, die bei Kut-el-Amara gefangen genommen wurden, sind folgende: Außer dem General Townshend der Kommandant der sechsten Infanterie-Division Powna und der Divisionär Matios, die Kommandeure der 16., 17. und 18. Brigade, nämlich die Generäle Dalmack und Hamilton, sowie Oberst Evens, ferner der Kommandeur der Artillerie Smith, sodann 551 sonstige Offiziere niedrigen Grades, darunter die Hälfte Europäer, der Rest Inder. Von den gefangenen Soldaten sind etwa 25 Prozent Engländer, die übrigen Inder. Obwohl der Feind vor der Kapitulation einen Teil der Geschütze, Gewehre und Kriegsmaterial zerstörte und das übrige in den Tigris warf, verblieb noch eine Beute, die bis jetzt noch gezählt wird und mit leichten Ausbesserungen verwendbar ist, nämlich 40 Kanonen verschiedenen Kalibers, 20 Maschinengewehre, fast 5000 Gewehre und eine große Menge Artillerie- und Infanterie-Munition, ein großes und ein kleines Schiff, die gegenwärtig wieder verwendet werden, vier Automobile, drei Flugzeuge und eine Menge Kriegsgerät, das noch nicht gezählt ist.«

Vom türkischen Kriegsschauplatz: Eine Sanitätsstation in der Wüste. Vor dem Zelt türkische und deutsche Pfleger.

Schöne türkische Erfolge im Kaukasusgebiet meldete der amtliche Bericht aus Konstantinopel vom 10. Mai: »An der Irakfront im Abschnitt von Felahie kein Ereignis. An der Kaukasusfront wurde der Feind im Abschnitt des Kope-Berges (an der Tschoruk-Front) in dem Gefechte, welches am 8. Mai vormittags mit unserem Angriffe begann und bis zum Abend dauerte, durch Bajonettangriff aus seinen Stellungen in einer Ausdehnung von beinahe 15 Kilometern verdrängt und ostwärts zurückgeworfen. In diesem Gefecht machten wir sechs Offiziere und über 300 Mann zu Gefangenen und nahmen vier in gutem Zustande befindliche Maschinengewehre weg. Desgleichen wurden infolge des erfolgreichen überraschenden Angriffs in der Nacht zum 9. Mai auf das Lager des Feindes bei Baschkjöi, 15 Kilometer südöstlich von Mamahatun (östlich von Ersingjan) und südlich von Tusla Dere 250 Infanteristen und 250 Kavalleristen, welche die feindliche Streitmacht bildeten, mit dem Bajonett und Handgranaten zu heilloser Flucht gezwungen und bis auf eine geringe Anzahl vernichtet. Der Feind, welcher westlich von Dschewislik (24 Kilometer südlich Trapezunt) vorzudringen versuchte, mußte sich infolge einer Umgehungsbewegung unserer Truppen nach Norden zurückziehen. Ein feindliches Torpedoboot warf einige Geschosse auf die Küste von Kemikli und zog sich dann zurück. Ein Kreuzer feuerte, ohne Wirkung zu erzielen, 50 Geschosse auf die Küste westlich von der Insel Neusten; unsere Artillerie erwiderte. Wir dementieren die russischen Berichte vom 3. und 4. Mai 1916 folgendermaßen: In der Nacht zum 3. Mai machten russische Truppen nacheinander zwei überraschende Angriffe gegen unsere Front am Kope im nördlichen Abschnitt der Tschoruk-Front. Der erste wurde abgewiesen. Beim zweiten gelang es den Russen, in die Gräben zweier unserer Kompagnien einzudringen, aber gegen Morgen nahmen wir ihnen unsere Gräben durch einen Gegenangriff vollständig wieder ab.«

Nach Petersburger amtlichen Berichten »siegten« ja die Russen in Armenien unentwegt weiter, ohne allerdings vorwärts zu kommen. Der türkische Heeresbericht führte die russischen Erfolge in Richtung Ersingjan und in Richtung Diarbekir auf das rechte Maß zurück; hier handelte es sich um einen überdies belanglosen Augenblickserfolg, dort fand überhaupt kein Kampf statt. Dagegen konnten die osmanischen Truppen sowohl am 8. wie am 9. Mai im Tschoruk-Abschnitt wie auch östlich des westlichen Euphrat sehr bemerkenswerte Erfolge davontragen. Am Kopeberg am Tschoruk wurden die Russen in einer Frontbreite von fast fünfzehn Kilometern nach Osten verdrängt und kräftig verfolgt, im Euphrat-Gebiet gelang es den Türken, feindliche Abteilungen bei Baschkjöi südöstlich Mamahatun, wie auch bei Tusla Dere, östlich Mamahatun, zu werfen.

Der Bericht des Hauptquartiers vom 12. Mai lautete: »Kaukasusfront. Der bei den Kämpfen am 8. Mai aus seinen Stellungen nach Osten verjagte Feind machte alle Anstrengungen, sich in seinen neuen Stellungen zu halten. Die Zahl der in diesem Kampf erbeuteten Maschinengewehre erhöhte sich auf fünf.«

Aus Konstantinopel wurde am 15. Mai amtlich berichtet: »Eines unserer Wasserflugzeuge überflog in der Nacht vom 13. zum 14. Mai die Insel Imbros und warf mit Erfolg Bomben auf zwei große feindliche Schiffe, die in der Bai von Kephalos ankerten. Unser Wasserflugzeug kehrte trotz des Feuers der feindlichen Artillerie unversehrt zurück. Ein feindlicher Monitor, der in einen Hafen an der Nordwestküste der Insel Keusten einlaufen wollte, geriet in das Ueberraschungsfeuer unserer Artillerie. Ihre Volltreffer ließen den Monitor in Flammen gehüllt und rauchend scheitern. Während der mehrere Stunden andauernden Feuersbrunst wurden deutlich die Explosionen gehört, die von der in dem Schiffe befindlichen Munition herrührten. Ein feindliches Flugzeug, das inzwischen erschienen war, warf sechs Bomben auf das Gestade von Ourla, tötete einen Mann und zwei Frauen der Zivilbevölkerung und verletzte ein Kind.«

Am 15. und 16. Mai griff der Feind die östlich der Ortschaft Aghnot aufgestellten türkischen Abteilungen an, mußte sich aber unter schweren Verlusten zurückziehen. Die Angriffe, welche der Gegner am 16. Mai an vier Punkten gegen die türkische Stellung auf dem Berge Ziaret Tepe, 40 Kilometer östlich von der Ortschaft Balburt (zwischen Trapezunt und Ersingjan), sowie gegen die Stellung bei Ack Dagh (nordwestlich Erzerum), zehn Kilometer südlich von dem genannten Berge, machte, wurden sämtlich mit ungeheuren Verlusten für den Feind abgeschlagen.«

Am 18. Mai beschossen drei feindliche Kriegsschiffe zwei Stunden hindurch die Ortschaft El Arisch. Gleichzeitig erschienen dort sechs feindliche Flieger und warfen hundert Bomben ab. Eine Person wurde getötet, fünf leicht verletzt. El Arisch liegt auf der Halbinsel Sinai, 150 Kilometer östlich von Port Said.

Am 22. Mai wurde mitgeteilt: »Der russische amtliche Bericht vom 14. Mai 1916 meldet, daß russische Reserve- und Landwehrtruppen in der Richtung auf Ersingjan einen hohen Gebirgsstock besetzt hätten, der von uns stark befestigt gewesen sei. Sie hätten ferner 30 Offiziere und 365 Mann zu Gefangenen gemacht und außerdem mehrere türkische Offensivstöße in der Richtung auf Mamahatun zum Halten gebracht. In dem Kampf, der zwei Tage dauerte, hätte die russische Kolonne die Türken geschlagen, eine gewisse Anzahl von Gefangenen gemacht und außerdem ein Geschütz, 2000 Gewehre, viele Patronen, Pulver und Kriegsmaterial erbeutet. Da keine Kampfhandlung ähnlicher Art bisher auf der Kaukasusfront stattgefunden hat weder an diesem Tage noch vorher, so dementieren wir kategorisch die Behauptung des russischen amtlichen Berichtes hinsichtlich der angeblichen Besetzung eines beherrschenden Gebirgsstockes und diejenigen über die Gefangennahme der Offiziere und Soldaten sowie über die Beute, die vollkommen erfunden sind.«

Der türkische Kriegsbericht vom 23. Mai lautete: »In der Nacht vom 19. Mai erschienen acht feindliche Flieger in der Gegend der Dardanellenstraße. Sie warfen ungefähr 70 Bomben ohne jede Wirkung. In derselben Nacht unternahm eines unserer Wasserflugzeuge auf der Verfolgung der feindlichen Flieger einen Flug nach Imbros, wo es aus 600 Meter Höhe neun Bomben auf die feindlichen Flugzeugschuppen warf. Gute Wirkung wurde festgestellt. Als Erwiderung auf die Beschießung von El Arisch griff eines unserer Fliegergeschwader in der Nacht vom 20. bis 21. Mai Port Said an und warf zahlreiche Bomben auf die an der Küste und im Hafen verankerten feindlichen Schiffe, sowie auf Militärposten der Stadt. Wir stellten fest, daß durch diese Bomben große Brände hervorgerufen wurden. Trotz heftigen Feuers seitens der Truppen und feindlichen Schiffe sind unsere Flieger sämtlich wohlbehalten zurückgekehrt.«

Am 24. Mai wurde amtlich gemeldet: »An der Irakfront keine Veränderung. Die russischen Streitkräfte, deren Vormarsch in der Richtung Kasri Schirin (auf dem Wege Kermandschah–Bagdad) auf Kankin (Hanikin?) gemeldet worden war, sind gezwungen worden, ihr Vordringen in der Gegend der Grenze einzustellen. In einem Gefecht mit russischen Abteilungen, die an der persischen Grenze gerade nördlich von Suleimanieh bemerkt worden waren, brachten wir ihnen einen Verlust von mehr als 200 Mann bei.«

Die Unternehmungen der Russen in Persien, die darin bestanden, daß russische Truppen in türkisches Gebiet kamen, hatten keinerlei militärische Bedeutung. Die Besetzung von Kasri Schirin und von Rewandus gehörte zu diesen nutzlosen Streifzügen. Die Russen verfolgten mit derartigen Unternehmungen nur den Zweck, die Aneignung Persiens durchzuführen und die Schlappe zu verdecken, die sie im Kaukasus durch den kräftigen Widerstand der Türken erlitten hatten.

In den letzten Tagen des Mai nur unbedeutende Gefechte, die den Feinden keinerlei Erfolge brachten.

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