Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch

Charakter und Sitten der Mongolen.

Ehe wir von Tschengischan zur Geschichte seiner Nachfolger, Herrscher der Mongolen, übergehen, nur noch ein Paar Worte über den Charakter und die Sitten des Volkes. Die beste und kürzeste Schilderung derselben liegt im Namen Mongol selbst, sei es, dass derselbe, wie die persischen Quellen sagen, trübe und traurig, sei es, dass er, wie ein mongolischer Geschichtschreiber behauptet, trotzig und unerschrocken bedeute. Es hat mit dem Namen der Mongolen dieselbe Bewandtniss, wie mit dem der Slaven, welchen die Fremden von Slavo: schwach und feige, die Eingebornen von Slaba: Ruhm und Glanz, abgeleitet haben; wie dem auch sei, der Charakter der Mongolen entspricht der doppelten Angabe der Bedeutung ihres Namens, sie sind eben so ein trübes und trauriges, als trotziges und unerschrockenes Volk. Die Traurigkeit und Schwermuth spricht sich schon in den Klaggesängen, welche vom mongolischen Geschichtschreiber Ssetsen aus der ältesten Zeit her erhalten sind, in der wehmüthigen Sehnsucht nach den Ufern des Onon und Kerulon, sowie in den Volksliedern der heutigen Mongolen aus; ihre Tapferkeit hat sich Asien unterworfen und Europa zittern gemacht, ein trauriges barbarisches Volk, das erst Tschengischan durch das Beil und die Prügel gesittigt, und das durch Raubsucht und angeborenen Sklavensinn das tüchtigste Werkzeug zur Welteroberung; „sie hatten das Herz des Löwen, die Geduld der Hunde, die Behutsamkeit des Kranichs, die List des Fuchses, die Vorsicht des Raben, die Raubsucht des Wolfes, die Heftigkeit der Hahnen, für Familie sorgend wie Hühner, die Ruhe der Katzen, die Heftigkeit im Anfall vom Schweine“, welche Eigenschaften der Morgenländer dem vollkommenen Krieger insgemein beilegt; man könnte aber auch sagen, dass sie alle Eigenschaften der zwölf Thiere ihres Jahrescyclus in sich vereinten, dass sie diebisch wie Mäuse, stark wie Stiere, raubsüchtig wie Panther, vorsichtig wie Hasen, listig wie Schlangen, schrecklich wie Drachen, muthige Renner wie Pferde, folgsam wie Schafe, kinderliebend wie Affen, familiensorgsam wie Hühner, treu wie Hunde, unrein wie Schweine; der Cyclus ihres Jahres war das Sinnbild ihres sittlichen Gesichtskreises. Mittler Statur, breit von Schultern, stark vom Rücken, hervorragender Brust und eingezogenen Bauchs, von grauen und braunen Augen, die aus schiefen Winkeln hervorglotzen, von breiten olivenfarbenen Wangen, Stumpfnasen, dicken Lippen, spärlichen Barthaaren, aber wucherndem Haarwuchse auf dem Kopfe, dessen Vordertheil vom Scheitel bis zu den Ohren hufeisenförmig geschoren; leicht, flink, mit ihren Pferden wie Centauren zusammengewachsen; gewandte Bogenschützen, wie einst die Parther, nie gefährlicher als im Fliehen, mit Kampf und Beute gesättigt noch immer nach Kampf und Beute durstend, undankbar, schmutzig, grob, raubsüchtig, grausam, aber leibeigen, wahrheitsliebend, prunkhassend, tapfer und blindlings gehorsam, Niemand war ihnen Freund, aber sie hassten der Denuncianten scheussliche Brut. Ihre Nahrung: Hirse, Haiden und Fleisch von allen Arten, am liebsten das des Pferdes, aber auch Mäuse, Hunde, Katzen und sogar gebratenes Menschenfleisch; das Fett leckten sie von den Fingern und schmierten damit ihre Stiefel. Ihr liebstes Getränke: Stutenmilch sammt dem daraus gezogenen, gegohrnen, berauschenden Kumis und Meth; ihre Kleider aus Thierfellen genäht, ihre Waffen aus Eisen geschmiedet, ihre Kopfbedeckung eine dreieckige, am Rande verbrämte Mütze, der sogenannte tatarische Hut, die der Frauen eine ellenhohe Pyramide aus leichtem Holz, deren Obertheil mit Pfauenfedern und Juwelen geschmückt, mit einem Flore bedeckt, welcher Baghtak hiess, woraus die Missionäre Botta, die Venezianer Bauta gemacht. Die Weiber, deren grösste Schönheit die kleinste Nase, wie bei den Chinesen der kleinste Fuss, bereiteten den Kumis und die getrocknete sauere Milch, welche Kurut hiess; sie verfertigten alle Arten der Hausgeräthe, Kleider, Zelte, Reitzeug, Schilde, Schuhe, Socken, Betten, die vermählten mit weissem, bis auf die Brust reichenden Schleier verhüllt, ihre ledernen aufgeschlagenen Oberkleider hielt ein Gürtel um die Brust zusammen. Die Frauen, deren Zahl nur durch die Lust des Mannes oder durch seine Mittel, sie zu erhalten, beschränkt war, genossen grossen Ansehens und Einflusses, besonders die Mütter und die Stiefmütter, deren der Sohn nach des Vaters Tod gewöhnlich sich einige als Gemahlinnen aneignete. Sie glaubten, dass der Mann in jenem Leben seine Weiber wieder finde, aber damit der Herrscher bis zu ihrem Hinscheiden im anderen Leben nicht langweile, sandten sie ihm seine Beischläferinnen, dieselben schlachtend, ins Grab nach.

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