Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch

Der Familienvertrag zu Karadscha.

Der Familienvertrag der Familie Tschengischan's sowohl, als der grosse Einfluss Karadschar's als Leiter, Rath und Orakel der tschengisischen Familie ist bisher von keinem europäischen Schreiber mongolischer Geschichten gehörig ins Auge gefasst worden; selbst die soeben angeführte Stelle Mirchuand's über den Familienvertrag ist unberücksichtigt geblieben. Das seit kurzem erst in englischer Uebersetzung bekannt gewordene treffliche Werk des Stammbaums der Türken, welches den Kern der Geschichte der vier Uluse von Ulugbeg enthält, gibt darüber sowohl, als über Karadschar's Einfluss und Ansehen umständlichen Bericht; wir lernen daraus, dass dieser Familienvertrag Temghai Tumenaichan, d. i. das Insiegel Tuminechan's, hiess, und also schon vom Ururgrossvater Tschengischan's datirt. Diesen Familienvertrag liess Tschengischan auf seinem Sterbebette holen und führte seinen Söhnen zu Gemüthe, dass er sowohl, als Karadschar, denselben immer genau beobachtet hätten. Karadscharchan erscheint also schon hier als das Haupt eines Zweiges der Familie Tschengischan's, welches im Namen derselben mit Tschengischan einen Familienvertrag eingegangen oder vielmehr den erneute, welchen der Ahnherr Tumenaichan zwischen seinen Söhnen Kabulchan und Katschulai geschlossen und welchen später Jisukai und Temudschin bestätigt hatten; mehr als einmal erwähnt desselben die Geschichte des Stammbaums; sie erwähnt desselben unter der Regierung Tewa's, des eilften Chan's der Familie Dschaghatai, als des zwischen Karadschar Nujan und Tschengischan geschlossenen Familienvertrags, und abermals unter der Regierung von Sijurghurtmisch, dem zwei und dreissigsten Chane des Uluses Dschaghatai; dieser Familienvertrag des tschengisischen Hauses, welcher zuerst von Tumenaichan, dem vierten Ahnherrn Tschengischan's, zwischen seinen beiden Söhnen Kabul und Katschulai aufgerichtet, von seinem Urenkel Jisukai bestätigt worden, ward von seinem Ururenkel Tschengischan mit Karadschar erneuert und blieb bis zu dem letzten Chane des Uluses Dschaghatai, von Tumenaichan bis auf die Zeit Timur's, d. i. durch dreihundert Jahre, aufrecht. Karadschar Nujan hätte zweifelsohne den Thron, wenigstens im Uluse Dschaghatai, für sich selbst behaupten können, aber er wollte lieber denselben verleihen, als selbst einnehmen; so erhob er einige Jahre nach dem Tode Dschaghatai's  statt eines Sohnes den Enkel desselben, Kara Hulagu, auf den Thron, setzte denselben zwar auf die Vorstellung des Grosschan's Gajuk ab und einen Sohn Dschaghatai's als Chan, dann aber, als dieser gestorben, den Kara Hulagu zum zweitenmal als Chan des Uluses Dschaghatai ein. Karadschar war der Sohn Emir Songhur Tschitschan's, der Enkel Emir Irdümdschi's, der Urenkel Emir Kadschulai's, des Sohnes Tumenai's und also der Vetter Tschengischan's im dritten Grade, indem ihre Urgrossväter Brüder waren. Warum Tumenai, da ihre Urgrossväter Kabul und Katschulai Brüder, warum Tumenai, welcher acht Söhne hatte, den Hausvertrag der Herrschaft nur unter den beiden obgenannten abschloss, erhellt nicht aus den bisher bekannten Quellen mongolischer Geschichte; wahrscheinlich weil Katschulai dem Kabulchan die Nachfolge streitig machte. Nach den vier durch die vier Söhne Tschengischan's begründeten Ulusen war das Haus Karadschar's das mächtigste des tschengisischen Stammes und Herrschaft und Welteroberung gingen auf den Nachkömmling Karadschar's im fünften Grade, auf Timur Gurgan, über. Der Stamm des Hauses Karadschar's war der der Berla's. Karadschar, der Rath Tschengischan's und seiner Söhne Ogotai und Dschaghatai, starb bald, nachdem er den Kara Hulagu, den Enkel Dschaghatai's, zum zweitenmale auf den Thron gesetzt, acht und neunzig Jahre alt, und hinterliess zehn Söhne, deren ältester, Itschel, der Ururgrossvater Timur Gurgan's.

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