Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Zweites Buch

Die Chalifen Moktefi, Mostadhir.

Mit Moktefi, dem Sohne Kaimbiemrillah's, dem sieben und zwanzigsten Chalifen, welcher zwanzigjährig den Thron bestiegen, setzte sich auf denselben in Chuaresm Itsis, einer der Emire Melekschah's, der Gründer der Dynastie der Chuaresmschahe, die erst ein Jahrhundert später zum Gipfel der Macht emporstieg. Itsis liess das Freitagsgebet wieder auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas, statt auf den der Fatimiten, verrichten. Moktefi vermählte sich mit der Tochter seines Schirmvogtes, des grossen Sultan's der Seldschuken, Melekschah. Die Hochzeit war die glänzendste, welche Bagdad seit der berühmten Mamun's mit der Tochter seines Wesirs Sehl gesehen; der grosse Wesir Nisamolmülk mit zweitausend Reitern begleitete die Braut; hundert vier und dreissig Reihen von Kamelen (jede Reihe zu sieben) trugen den Brautschatz, in welchem die juwelenbesetzten Pantoffeln das Hauptstück. Die Hochzeit, sowie ein Paar Jahre hernach das Geburtsfest des Sohnes Dschaafer aus der Frau Turkjan, wurde mit grossen Festen gefeiert; dem letzten wohnte Melekschah in eigener Person bei und legte bei dieser Gelegenheit den Grund der nach seinem Namen genannten Moschee Bagdad's. Nach Verlauf eines Jahres zertrugen sich der Chalife und die Tochter Melekschah's, welche zu ihrem Vater nach Issfahan zurückkehrte, weil Moktefi statt ihres Sohnes Dschaafer's den Mostadhir zum Thronerben ernannte. Melekschah forderte, dass der Chalife die Erbfolge an seinen Enkel Dschaafer, den Sohn Turkjan's, übertrage, und war eben im Begriffe, ihm dieses Familiengesetz mit gewaffneter Hand aufzuzwingen, als er vergiftet starb, was von Bagdads Einwohnern der Wirkung des himmeldurchdringenden Gebetes des Chalifen zugeschrieben ward. Moktefi überlebte ihn nur drei Jahre und hatte seinen sechzehnjährigen Sohn Mostadhir zum Nachfolger. Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung ward ganz Asien durch den Schrecken der Astronomen über den Verein der Planeten, den Saturnus ausgenommen, im Zeichen des Fisches mit Vorhersagungen von Sündfluth aufgelärmt, indem zur Zeit der Sündfluth alle sieben Planeten im Fische gestanden haben sollen; wirklich schwemmte ein Wolkenbruch das Gepäck der Pilgerkarawane fort; aber verderblicher als diese Ueberschwemmung war die der Kreuzfahrer, deren Fluth bald hierauf an den syrischen Gestaden emporbrandete. Ein Comet von einer Grösse, dessgleichen nie gesehen worden, galt als Vorzeichen des ungeheueren Brandes, dessgleichen Bagdad noch nicht erlebt hatte, und in welchem nebst dem Palaste des Chalifen die hohe Schule Nisamolmülk's und die ganze Flussseite der Stadt in Asche gelegt ward; was vom Brande übrig geblieben, zerstörte ein Erdbeben. Brand und Erdbeben mussten den Tod Mohammedschah's des Seldschuken und des Chalifen vorbedeutet haben, welche bald hierauf im Zwischenraume von wenigen Monaten starben. Es war das drittemal, dass der Tod des Chalifen mit dem seines seldschukischen Schirmvogtes fast zusammenfiel; Sultan Alparslan war zwei Jahre vor dem Chalifen Kaim, Sultan Melekschah zwei Jahre vor dem Chalifen Moktefi und jetzt Sultan Mohammed nur einige Monate vor dem Chalifen Mostadhir gestorben, und sowohl die drei Sultane als die drei Chalifen gehörten unter die grössten und bessten Herrscher ihres Hauses. Mostadhir, beredt, freigebig und Schönschreiber, machte den Bewohnern Bagdads angenehme und fröhliche Tage, indem seine vier und zwanzigjährige Regierung im Ganzen eine ruhige, während die siebzehnjährige seines Sohnes und Nachfolgers Mosterschid das Gegentheil durch die Thronnebenbuhlerschaft der beiden Seldschuken, Mahmud und Mesud, von denen Mosterschid jenen als Oberherrn anerkennend mit sieben, diesen nur mit zwei Ehrenkleidern bekleidete. Mesud überzog in der Folge den Chalifen mit Krieg, belagerte Bagdad und nahm ihn gefangen; als aber sein Oheim Sindschar solche Verletzung der dem Oberhaupte des Islams schuldigen Ehrfurcht hoch missbilligte, setzte er ihn in Freiheit und ging sogar vor dessen Pferde, die Satteldecke desselben tragend, einher. Ein Feuerregen zu Mossul und fliegender Skorpionen zu Bagdad, an deren Bissen Viele starben, gingen dem gewaltsamen Tode des Chalifen voraus, der unter dem Dolche der Assassinen fiel. Sie hatten ihn zu ihrem Opfer ausersehen, weil er ihnen feind; ein tugendhafter Fürst, ausgezeichneter Schönschreiber, Rechtsgelehrter und Ueberlieferer, in dessen Gegenwart Lesungen der Ueberlieferungen gehalten worden. Unter seiner Regierung wurden zu Hebron in einer Felsenhöhle Leichname entdeckt, welche für die Abraham's, Isak's und Jakob's galten, deren Gräber seitdem dort der Gegenstand moslimischer Verehrung; und zu Bagdad fiel, was vordem und seitdem unerhört, mannstiefer Schnee, der vierzehn Tage liegen blieb.

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