Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Zweites Buch

Kadirbillah und Kaimbiemrillah.

In die vierzigjährige Regierung Kadirbillah's, des fünf und zwanzigsten Chalifen, des Enkels Moktedir's, fällt das Ende der Herrschaft der Beni Buje und der Beginn der Grösse der Sultane von Ghasna, welche aber zu ferne, um unmittelbaren Einfluss auf die Schicksale Bagdads zu nehmen. Nichtsdestoweniger ertheilte ihnen der Chalife Ehrentitel, indem er dem Vater Sebugtegin den der rechten Hand des Hofes und des Intendenten des Volkes beilegte, wie die Fürsten der Buje der Bewahrer, der Arm, der Ruhm, der Adel, das Schwert, der Werth, die Säule und die Ehre, der Veredler, die Erhabenheit des Reichs und des Hofs geheissen hatten; fünf und vierzig Jahre alt, als er den Thron bestieg, füllte Kadir, d. i. der Mächtige, denselben vierzig Jahre lang, wenn nicht mit Macht, doch mit Anstand und Würde, war genau und eifrig in Vollziehung der vorgeschriebenen Religionspflichten im Gegensatze seiner Vorfahren, welche Wüstlinge und Schlemmer, schrieb ein Buch wider die Schismatiker, welche die Lehre, dass der Koran erschaffen, vertheidigen, welches alle Freitage in der Moschee vorgelesen ward; nur wurde seine lange Regierung häufig durch die blutigen Streitigkeiten der Sunni und Schii getrübt, weil er die letzten auf Kosten der ersten begünstigte. In dem ersten dieser Religionsaufruhre wurde der Wesir Behaeddewlet erschlagen, weil er die Todtenfeier des Martyrthums Husein's abstellen wollte. Neun Jahre hernach empörten sich die Ketzer, indem sie die Einführung eines neuen Festes, nämlich des schiitischen des Teiches, durchsetzten. Zehn Jahre hernach, im selben, wo ein heftiges Erdbeben die Stadt dreimal, und Hakimbiemrillah die Kirche, das heilige Grab zu Jerusalem in Schutt verwandelte, schlugen sich die Sunni und Schii in den Strassen von Bagdad. Neun Jahre später wurden die Ketzer zu Wasith von den Sunni geschlagen und die Kuppel der grossen Moschee zu Jerusalem stürzte ein. Schon im nächsten Jahre entbrannte der Kampf zwischen ihnen umso heftiger zu Bagdad; und abermals nach dreizehn Jahren schlugen sie sich wegen des Festes Aaschura, d. i. des Trauerfestes Husein's. Ausser dieser so oft wiederholten blutigen Polemik wurde Bagdad von Zeit zu Zeit durch Diebsbanden beunruhigt, so dass Niemand seines Eigenthums sicher. Nichtsdestoweniger brachte es Kadir dahin, dass die Beni Okail in Syrien das Kanzelgebet auf seinen Namen und nicht auf den der Fatimiten verrichteten, deren angeblicher Ursprung von Ali, zu Bagdad öffentlich in den Schulen angegriffen ward. Die Gleichzeitigkeit Firdewsi's und Kabus Schemsolmaali's, des Dilemiten, wie die Hamdan's, des Gründers der Beni Hamdan, und Avicena's verherrlichte die vierzigjährige Regierung Kadir's nicht minder, als die fünf und vierzigjährige seines Sohnes Kaimbiemrillah's, d. i. des auf Befehl Gottes Aufrechtstehenden, durch das Aufsteigen Toghrul's, des Gründers der Dynastie der Seldschuken, als Beginn einer neuen Epoche, indem die Vormundschaft der Chalifen von dem Hause Buje in das der Seldschuken überging. Toghrul, von dem Chalifen um Schutz wider den übermächtigen Türken Besasiri angefleht, gewährte denselben, aber gegen die Belehnung mit der Herrschaft des Ostens und Westens mittels zweier Kopfbünde, zweier Schwerter, sieben Fahnen und sieben nacheinander angelegter Ehrenkleider, während der Chalife auf sieben Ellen hohem Throne sass. Der Chalife vermählte sich mit der Nichte Toghrul's und dieser nahm die Tochter des Chalifen zur Frau, starb aber vor Vollzug der Hochzeit siebzigjährig. Zwei Kometen, Erdbeben, Hungersnoth, Meeresebbe und Ueberschwemmungen verkündeten und begleiteten diesen neuen Umschwung der Herrschaft des Ostens und Westens. In Aegypten und Palästina spie die Erde Wasser, das Meer zog sich auf einen Tag weit von den Gestaden zurück und verschlang in unvermutheter Rückkehr die, welche in seinen aufgedeckten Tiefen nach Schätzen suchten. Die Hungersnoth in Aegypten war so gross, dass seit des ägyptischen Joseph's Zeit keine grössere gedacht ward und die Stärkeren die Schwächeren ohne Scheu auffrassen; durch zwei Ueberschwemmungen des Tigris wurden über hunderttausend Häuser verwüstet. Solche Zeichen mussten die Herrschaft der Türken über Vorderasien verkünden; aber ausserdem ward Bagdad noch durch Diebesbanden und die Religionskämpfe der Sunni und Schii verwüstet; diese fügten zum Gebetsaufruf die Formel: Auf! zu guten Werken bei und schrieben auf ihre Bollwerke: Mohammed und Ali sind die bessten der Geschöpfe; wer vollzieht, ist dankbar, wer sich dessen weigert, undankbar; die Sunni widersetzten sich; die Grabmäler der Imame Musa und Takki wurden ihrer goldenen Leuchter und Lampen beraubt, die Schreine aus Ebenholz angezündet; sie verbrannten auch die Grabdome des Chalifen Emin und seiner Mutter Sobeide, die der Bujiden Mois und Dschelaleddewlet; die Moscheen der Hanefiten wurden von den Schiiten geplündert. Sie unterliessen dafür das Kanzelgebet für den Chalifen, weil er sie zu schützen nicht im Stande, nicht Chalife und Imam zu heissen verdiene. Doch hatte er vor seinem Ende den Trost, dass der Scherif von Mekka das Kanzelgebet nicht mehr auf den Namen der Fatimiten, sondern auf den der Beni Abbas verrichtete; und unter seiner Regierung erhob sich zu Bagdad die erste, vom grossen Wesire Melekschah's von Nisameddin gestiftete hohe Schule Nisamije.

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