Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Zweites Buch

Irbil's grosser, wohlthätiger Fürst; das persische Königstein; die Sternwarte von Meragha.

Nach Bagdad's Eroberung befehligte Hulagu den Oroktu Nujan zur Eroberung Irbil's, der zwischen dem grossen und kleinen Sab, zwei Tagreisen von Mossul gelegenen Hauptstadt des oberen Kurdistan's, welches durch die Bauten des erst vor acht und zwanzig Jahren verstorbenen turkmanischen Fürsten Kewkebusi Ben Ebul Hasan Ali damals eine der blühendsten Städte des persischen Irak. Dieser edle Fürst, von welchem die europäischen Geschichtschreiber bisher nicht die geringste Kunde genommen, ist einer der wohlthätigsten des Islams und verdient als solcher sehr wohl seinen doppelten Ehrennamen Melik Moaasem Mosaffereddin, d. i. des grossgeehrten, durch die Religion siegreichen Königs. Täglich speiste er Arme und kleidete sie im Winter; alljährlich sandte er Commissäre in die Häfen, um Gefangene auszulösen, und nach Mekka, um die Pilgerkarawane mit Speise und Trank zu versehen. Zu Mekka führte er die erste Wasserleitung vom Aarafat und baute mehrere Wasserbehälter, zu Irbil gründete er ein Dutzend wohlthätiger Anstalten, mehrere solche, von denen weder vordem noch seitdem im Islam gehört worden; nämlich: ein Haus für Findelkinder, eine Anstalt für Ammen und Säuglinge, eine Versorgungsanstalt für Wittwen, ein gemeines Krankenhaus, ein besonderes Spital für Blinde, ein Karawanserai, in welchem die Reisenden nicht nur umsonst bewirthet, sondern auch noch ausserdem mit Reisegeld versehen wurden, ein Kloster, eine Medrese, an welcher Muderrise für die beiden Ritus Hanefi und Schafii, und endlich eine Moschee, an welcher alljährlich das Fest der Geburt des Propheten mit einer Pracht und einem Zulaufe von Menschen begangen ward, wie vordem und seitdem nirgends. Von Mossul, Sindschar, Dschesire, Nissibin strömten die Besucher, Prediger, Redner, Dichter, Koranleser, Ssofi nach Irbil; einen ganzen Monat vor dem Feste waren zwischen der Moschee und dem Kloster zwanzig, drei Stock hohe Dome aus Brettern aufgeschlagen, von deren Gallerien Dichter declamirten, Redner sprachen, Schattenspieler die Zuschauer unterhielten. Täglich nach dem Nachmittagsgebete begab sich Mosaffereddin zu diesen Domen, wohnte in der Nacht im Kloster dem Reigen der Ssofi bei und ging nach dem Morgengebete auf die Jagd. Am Geburtsfeste selbst ward eine unzählbare Menge von Kameelen, Rindern, Schafen unter Musik auf den Platz gebracht, geschlachtet, gesotten und gebraten, während der Nacht die Stadt erleuchtet und am folgenden Tage die Gäste an zwei grossen Tafeln, deren eine für die Vornehmen, die andere für das Volk, bewirthet; im Schlosse walzten die Derwische, von den Gallerien wurden die Hymnen des Gebets abgesungen, die Sänger, Prediger und Derwische reichlich beschenkt. Mosaffereddin wurde in der Nähe von Kufa, seine Gemahlin Rebiaa am Berge Kasiun bei Damaskus in der von ihr gestifteten Medrese bestattet. In keiner Schlacht besiegt, von keinem anderen Fürsten in Stiftungen der Wohlthätigkeit übertroffen, verdient dieser turkmanische Fürst von Irbil wohl den Namen des durch die Religion siegreichen, grossmächtigen Königs. Das Schloss von Irbil erhebt sich auf einem vereinzelten Berge, während die Stadt in der Ebene. Tadscheddin, der Sohn Salaje's (des oben erwähnten Befehlshabers des Passes von Deriteng [Engthor]), war bereit, die Stadt zu übergeben; aber die Kurden gehorchten ihm nicht. Oroktu begehrte Hülfstruppen von Bedreddin Lulu, dem Fürsten Mossul's, der sie ihm auch sandte und den guten Rath ertheilte, den Sommer abzuwarten, weil dann die Kurden nicht mehr im Schlosse aushalten, den Gebirgen zueilen würden. Oroktu übergab die Belagerung dem Bedreddin, dessen Vorhersagung durch den Abzug der Kurden im Sommer erfüllet ward; er schleifte die Mauern. Hulagu schickte einen Theil der erbeuteten Schätze mit dem Siegesberichte seines Eroberungszuges an den Bruder Kaan, den grössten Theil derselben aber speicherte er in dem am See Urmia auf unbezwinglichem Felsen gelegenen Schlosse Tala (das heute Gurtschinkalaa heisst) auf; eine vereinzelte, auf drei Seiten unzugängliche Felsenmasse, welche den englischen Reisenden Porter an den Königstein in Sachsen erinnerte und welche ein Steiermärker die persische Riegersburg nennen würde. Bedreddin Lulu, der neunzigjährige Fürst von Mossul, wartete dem Eroberer Persiens, für den er Irbil eroberte, zu Meragha auf; 7. Schaaban ebenda Atabeg Saad, der Salghure, Herr von Fars, und die beiden seldschukischen Prinzen von Rum, Isededdin und Rokneddin. Hulagu war über jenen sehr ungehalten, weil er wider Baidschu Nujan sich zu schlagen gewagt. Um den Erzürnten zu versöhnen, stellte sich Isededdin zur Audienz mit einem Geschenke von einem Paar Pantoffeln, deren Sohlen sein Portrait eingestickt war, und mit der Bitte dar, dass der Padischah auf diese Weise ihn, den Sklaven, unter den Sohlen in den Staub tretend, adeln möge. Hulagu verzieh ihm, durch diese Schmeichelei besänftigt und auf die Fürbitte der Frau Tokus. Einen schönen Gegensatz zu dieser niederträchtigen Schmeichelei des Sultans von Rum bildet die Freimüthigkeit des Astronomen Nassireddin von Tus, welcher dem Eroberer in Erinnerung brachte, dass, als Chuaresmschah erobernd bis Tebris vorgedrungen, er auf die wider die Ausschweifungen seines Heeres vorgebrachten Klagen geantwortet: Ich kam als Welteroberer und nicht als Welterhalter; Hulagu antwortete: Ich bin, Gott sei Dank! sowohl Welteroberer als Welterhalter und kein Schwächling, wie Dschelaleddin von Chuaresm. Den ersten Beweis von der Wahrheit dieses Wortes gab Hulagu durch den Bau der Sternwarte von Meragha, deren Grund jetzt gelegt, aber deren Bau erst unter der folgenden Regierung vollendet ward. Vier Astronomen von Damaskus, Kaswin, Achlath und Mossul waren die Gehilfen Nassireddin's von Tus, der an dieser Sternwarte die ilchanischen Tafeln verfertigte, die, vollkommener als die früheren, ein bleibendes Denkmal des Ruhmes des Ilchans, Erbauers der Sternwarte und des an derselben beobachtenden grossen Astronomen Nassireddin's von Tus.

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