Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Zweites Buch

Rückblick auf das Chalifat.

Hulagu befand sich Ende Aprils zu Denna  drei Monate hernach zu Hamadan; in der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche sandte er einen Gesandten an den Chalifen von Bagdad mit der Aufforderung von Unterwürfigkeit und dem Vorwurfe, dass die zur Besiegung der Assassinen angesprochene Hülfe nicht geleistet worden. Doch ehe wir die Begebenheiten der zwischen dieser Aufforderung und dem Sturze des Chalifats verflossenen fünf Monate erzählen, fordert geschichtlicher Zusammenhang den Rückblick auf die letzten Zeiten des sinkenden Chalifats, das unter den Beni Abbas nun bereits durch fünf Jahrhunderte gedauert. Ohne diesen Rückblick auf die ersten und letzten Ursachen des Sinkens und gänzlichen Verfalls würde es unmöglich sein, zu begreifen, wie der durch fünf Jahrhunderte aufrecht stehende Thron des Chalifen in fünf Monaten zertrümmert ward. Der Wurm hatte schon lange an dem Herrscherstabe des Chalifen genagt, ehe derselbe und das darauf gestützte Schattenbild der Herrschaft zu Boden fiel. Von innen zerrissen das Reich die Partheiungen der Sunni und Schii und die Anführer der türkischen Leibwachen, mit denen sich schon der achte Chalife Moteaassim in der Hoffnung umgeben, durch dieselben den Thron zu schützen, die aber statt Vertheidiger Empörer, von Sklaven sich zu Sultanen emporschwangen. Von aussen erschütterten und zertrümmerten das Reich die mit dem Schwerte den Islam reformirende Secte der Karmathen und die überall emporsteigenden Dynastien, von denen alle den Titel der Herrschaft den durch Gewalt abgenöthigten Diplomen des Chalifen dankten, von denen aber die mächtigsten, wie die Beni Hamdan und Beni Buje, um die Oberherrschaft über den Chalifen buhlten, und desshalb im beständigen Kriege mit dem Emirol-umera, d. i. dem Fürsten der Fürsten, dem Hausmeyer des Chalifats, bis sie den Titel desselben sich selbst angeeignet. Kaum ein Jahrhundert war seit der Gründung der Dynastie der Beni Abbas durch Abdallah es-seffah, d. i. den Diener Gottes, den Blutvergiesser, verflossen, als schon mit dem Einflusse der türkischen Leibwachen der Saamen des Unheils wuchernd aufschoss; ein Jahrhundert hernach unter dem neunzehnten Chalifen Kahirbillah, d. i. der Rächende durch Gott, war bereits das Loos der Theilung über das Ehrenkleid des Chalifats geworfen und die Länder desselben in zwölf Theile zerstückelt. Heute vor neunhundert Jahren herrschte in Persien die mächtigste, in vier Zweige getheilte Dynastie der Beni Buje, in Diarbekr und Dijari Rebia, zu Mossul und zu Haleb die Dynastie der Beni Hamdan; Chorasan war in den Händen der Beni Saman, Masenderan und Dschordschan in denen der Beni Dilem; der südlichen arabischen Landschaften hatten sich die Karmathen, der südlichen persischen Ahwas und Wasit, die Söhne Berid's, als Empörer bemächtigt. In Aegypten und Syrien führten die türkischen Sklaven der Familie Achschid als Herrn den Titel von Sultanen und zu Bagdad selbst den des Fürsten der Fürsten. Zwei Dynastien der Beni Sijad regierten zu Sebid in Jemen und die anderen in Taberistan; in Kufa die Beni Thaba Thaba aus der Familie Ali und die Beni Ochaissar in Hidschas. Den Titel und die Macht als Chalifen machten den Beni Abbas die alte Dynastie der Beni Omeije in Spanien und die neue der Fatimiten in Afrika streitig. So hatten sich Leibwachen und Sklaven, Sectirer und Empörer, arabische und persische Emire in das weite Reich des Chalifats von Osten bis Westen getheilt, und das Gebiet desselben war, wie in der letzten Zeit des byzantinischen Reichs, fast nur auf das Weichbild der Residenz beschränkt; was sich innerhalb den weiten Gränzen des ehemaligen Reichs der Chalifen zutrug, gehört in die Geschichte der Dynastien, die sich dort erhoben, und nicht mehr in die des Chalifats, das seit dem Beginne des zehnten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung noch durch vierthalbhundert Jahre seinem Untergange allmählig zusank.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de