Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Die Kindliche Psyche

„Sobald er herangereift war, lehrten wir ihn Wissen und Weisheit“.

(Aus dem Heiligen Koran, Sure 12, Yussof, Vers 22)

Aufgepasst!

Stehen wir einer komplizierten oder heiklen Angelegenheit gegenüber, ist höchste Achtsamkeit vonnöten. Ein wenig Nachlässigkeit schon genügt und das Betreffende ist zum Scheitern verurteilt.

Je feiner das Urwerk ist, umso versierter muss der Uhrmacher sein, der es, wenn es defekt wird, reparieren möchte.

Das Komplizierteste und Diffizilste aller Dinge aber ist der Mensch, die „Krone der Schöpfung“. Und der, der mit ihm zu tun hat, muss- abgesehen von seiner Eignung, die Vorrausetzung zur Erziehung ist- ganz besondere Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit bei der Wahrnehmung dieser seiner Aufgabe walten lassen.

Der Erzieher- Vater, Mutter oder Lehrer- sollten in jedem Fall Hast und Voreiligkeit im Umgang mit dem Kind vermeiden. Wie viel junge Menschenkinder sind doch infolge unüberlegten, voreiligen und verantwortungslosen Verhaltens ihrer „Erzieher“ - wenngleich diese nicht als „Erzieher“ zu bezeichnen sind- „zerbrochen“. Abfällige Bemerkungen, Hohn, Spottgelächter, deplatzierte und völlig ungerechtfertigte Zornausbrüche und dergleichen haben so manchem Kind und Jugendlichen tiefe Wunden geschlagen.

Und groß ist- in aller Welt- die Zahl jener, die die erniedrigende, entwürdigende Behandlung ihrer Lehrer und Vorgesetzten nicht ertragen konnten und Schule bzw. Ausbildung- oder Arbeitsplatz folglich mieden.

Zweifellos ist Kindererziehung allein schon deswegen, da der Mensch ein noch weitgehend unerforschtes Wesen ist, ein recht schwieriges Unterfangen. Es ist daher unerlässlich, dass wir bei dieser so wichtigen Aufgabe informiert, überlegt und ohne uns von Erregung und unkontrollierten Empfindungen in die Irre leiten lassen, vorgehen. Ohne Hast, Nervosität und Hektik. Immer kühlen Kopf bewahren, heißt die Devise. Zwingen wir uns dazu, auch wenn es uns hin und wieder schwer fallen sollte!

Wird das Kind krank, körperlich krank, so erhält es, nachdem der Arzt es sorgfältig untersucht und die Diagnose festgestellt hat, Medizin..., dem Krankheitsbefund, seinem Alter und Gewicht entsprechend dosiert. Die Besonderheiten seiner Erkrankung, seine körperliche Konstruktion..., alles wird berücksichtigt.

Wenn es um Geist, Gemüt und Erziehung des Kindes geht, sollte man gewiss nicht weniger sorgfältiger und gewissenhafter zu Werke gehen.

Das Kind durchläuft etliche Entwicklungsstufen, bis es erwachsen wird. Jede einzelne dieser Stufen hat ihre Besonderheiten. Gemeint sind vor allem die psychischen Voraussetzungen und Bedingungen des jungen Menschenkindes in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen, die in seine Erziehung miteinzubeziehen sind. Das heißt also:

Genau dosiert! Entsprechend Alter, Reife und seiner seelisch- geistigen Verfassung und Aufnahmefähigkeit.

Vergessen wir nicht, dass die Entwicklung des Kindes (abgesehen von seiner embryonalen und fetalen vor seiner Geburt) mit dem Tage, da es zur Welt kommt, beginnt und sich durch sämtliche aufeinanderfolgenden Phasen hindurch fortsetzt. Bis das es „heranreift“ ist und seinen Fuß in die „Jugendzeit“ setzt, in der seine geistig- ethische als auch physische Vervollkommnung selbstredend noch nicht beendet ist.

Sämtliche Entwicklungsstufen sind als „Einheit“ zu betrachten, als einheitliches Ganzes, nicht voneinander zu trennen und nicht zu überspringen. Eine nach der anderen ist naturgemäß zu durchlaufen.

Auch dieser Punkt ist zu beachten: Wenn sich die kindliche Entwicklung dem Schein nach auch kontinuierlich fortschreitend und gleichmäßig äußert, so vollzieht sie sich in Wirklichkeit bisweilen schneller, bisweilen langsamer. Es gibt Phasen voller Hoch und Tiefs, aber auch jene, in der Ruhe und Gleichmaß tonangebend sind.

Die verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes stehen in engem Bezug zu den jeweils gegebenen und unterschiedlichen physisch- psychischen Vorrausetzungen und Umweltbedingungen, weshalb die Veränderungen, die im und am Kinde vorgehen, nicht von gleichbleibender Intensität und Qualität sind. Eltern und Pädagogen können die jeweilige Phase, in der sich das Kind befindet, an seinem seelisch- geistigen Stand und Verhalten erkennen.

Zusammengefasst: Die seelisch- geistige Entfaltung beginnt also mit der elementarsten Stufe und setzt sich durch immer komplizierter werdende Entwicklungsphasen fort. Ein kleines Kind beispielsweise, das sich als „alleiniges Zentrum seines Weltbildes“ sieht, die Eigen- und Selbstständigkeit anderer Dinge und Personen noch nicht begreift und meint, sie alle würden und müssten sich um „seine Achse“ drehen, ist z.B. anders zu erziehen als das etwas älteres Kindergartenkind, das schon die ersten Erfahrungen gemacht hat.

Nicht selten ist es jedoch so, dass das Kind schematisch, im Rahmen einer „Einheits-Erziehung“ erzogen wird. Ohne die jeweilige psychische und verstandesmäßige Reife und Besonderheit des Kindes in der Entwicklungsphase, in der es sich gerade befindet, zu berücksichtigen. Eine derartige Erziehung aber ist, wie es wohl einem jeden einleuchtet, keine individuelle, kindgerechte, sondern vielmehr eine „0815- Erziehung“, bei der alle Kinder und zudem sämtliche Entwicklungsphasen über einen Kamm geschoren werden.

Das heißt: Sie ist nicht objektiv und nicht an den Gegebenheiten orientiert, sondern sie lastet der kindlichen Psyche und dem kindlichen Verstand etwas auf, dem diese entweder noch nicht gewachsen sind oder aber blockiert deren Weiterentwicklung. Mit anderen Worten: Eine solche Erziehung über- und unterfordert das Kind.

Frühentwickler, Spätleser..

Es gilt also, bei der Erziehung die unterschiedlichen geistig-seelischen Reifegrade des Kindes zu berücksichtigen. Das besagt, dass eine Erziehungsmethode bei dem einen- sogar gleichaltrigen Kind- erfolgreich ist, bei dem anderen aber nicht. Darum, weil dieses noch nicht soweit „gereift“ ist.

Viele Väter und Mütter setzen- wenngleich wohlmeinend und aufgrund ihres starken Interesses an einem raschen Erfolg ihrer Söhne und Töchter- ihr ganzes Bemühen dahinein, diesen das, was sie selbst für gut und geeignet halten, in aller Schnelle und kürzester Zeit beizubringen. Sie bedenken dabei nicht, dass ihre Kinder noch gar nicht soweit sind, das alles begreifen und erfassen zu können wie Erwachsene, und das auch diese- die Erwachsenen – selbst erst nach langjährigen Erfahrungen zu diesem Wissen und Denken gekommen sind.

Kurz: Die Vor- und Ratschläge der Eltern, auch wenn sie noch so gut und zutreffend sind, werden (häufig) abgewiesen. Deshalb, weil sie nicht verstanden wurden. Das Verständnis für sie kommt später, im Laufe selbstgemachter Erfahrungen.

Wäre es daher richtig und vernünftig, zu erwarten, dass Kinder und Jugendliche diese Hinweise unverzüglich akzeptieren?

So klug und intelligent ein Kind auch sein mag, es benötigt Zeit, um Sprechen und Laufen zu lernen. Und wohl kaum wird ein Zweijähriges die elementarsten Angelegenheiten wie Sprechen, Laufen, Darm und Blase kontrolieiren und allein essen zu können beherrschen. Das ist von einem so kleinen Kind auch nicht zu erwarten. Und ebenso wenig ist anzunehmen, dass das junge Menschenkind, das erst am Anfang seines Lebens steht, sofort begreift und lernt, was seine Eltern in jahrelanger „Lebenspraxis“ erfahren und gelernt haben.

Ganz grundsätzlich: Sinnvolle und Nicht- Sinnvolles voneinander unterscheiden zu können und sich dementsprechend zu verhalten, braucht Zeit. Derartiges wird im Laufe der Zeit und anhand einiger Lebenserfahrungen richtig erfasst und verstanden, wodurch natürlich das bisher „gelernte“ – besser gesagt „Gehörte“ – vertieft, unterstützt und – gegebenenfalls – dann erst voll und ganz akzeptiert wird.

Kurz: Die menschlichen Tugenden, die dem Kind sozusagen als Samenkorn ins Herz gepflanzt wurden, müssen gepflegt und gehütet werden, damit sie heranreifen und gute Früchte tragen können.

Ein jeder verfügt also aufgrund seiner individuellen, sein Inneres als auch seine Umwelt betreffenden Besonderheiten und Gegebenheiten über spezifische Möglichkeiten und Vorraussetzungen. Und wie gesagt: Nicht zwei Menschen auf der großen weiten Welt sind anzutreffen, deren Fähigkeiten, Qualitäten, Vorrausetzungen und Lebensbedingungen die gleichen wären. Vielmehr ist ein jeder als eine individuelle Tatsache zu betrachten und zu behandeln, insbesondere in Bezug auf seine Erziehung.

Zu beachten ist somit in erster Linie, dass bei der Erziehung der jeweilige seelisch- geistige Stand des Kindes unbedingt berücksichtigt und Schritt für Schritt vorangegangen wird..., geduldig und besonnen“

Nicht vergessen: Ebenso wie manche Obstsorten früher reifen als andere, ist es auch bei Kindern. Es ist durchaus nicht so, dass alle zur gleichen Zeit einen speziellen gleichen Entwicklungsstand erreichen. Die einen sind „Frühentwickler“ die anderen „Spätleser“.

Für ein soziales Lernfeld sorgen!

Erziehungsprobleme werden häufig durch unrichtiges Vorgehen der Erziehenden verursacht. So manche Eltern, die selbst keine ideale Erziehung genossen haben, gehen mit ihren Kindern – wenn auch unbewusst- nicht in der rechten Weise um.

Als sie selbst Kinder und klein waren, wurde ihnen von ihren Vätern und Müttern Gewalt angetan. Unter Drohungen, Strafen und Druck wuchsen sie auf und verhalten sich heute ihren Kindern gegenüber ebenso.

Daraus lässt sich eine „Faustregel“ ableiten und zwar: Aus dem Verhalten einer Person ihren Mitmenschen gegenüber ist zu schließen, wie sie erzogen wurde und wie ihr Elternhaus und Familienmilieu gewesen sein müssen.

Abschließend wollen wir noch einmal Vätern, Müttern und Lehrern in Erinnerung rufen:

So bitte nicht!

So gut und nützlich Disziplin und Ordnung auch sind- wir wiesen eingangs auf diesen Punkt ausführlich hin – so negativ wirken sie sich dahingegen auf die Entwicklung des Kindes aus, wenn sie zu einem „Wahn“ werden oder in „Zucht und Ordnung“ – sprich „Drill“ - ausarten.

Einige Eltern legen jedoch soviel Wert auf eben diese von ihnen gelobte „Zucht und Ordnung“, dass alles – Essen, Schlafen, Spielen, Arbeiten, Lernen etc. – peinlich genau unter diesem Aspekt zu geschehen hat. Sie vergessen dabei, dass ein solches Vorgehen der kindlichen Persönlichkeitsbildung ungemein schadet.

Neigungen, Interessen, Denken und Empfinden eines unter der Knute „Zucht und Ordnung“ aufwachsenden jungen Menschen werden geradezu „abgedrosselt“ und vermögen sich nicht zu entfalten, da alles einem starren Ordnungszwang- besser gesagt: Ordnungswahn- und penibler Strenge unterliegt.

Es mag sein. Das sich dieses oder jenes Kind einer solchen Behandlung nicht widersetzt und mehr oder weniger „mitmacht“. Nur ist zu bedenken, wie es sich, wenn es erwachsen ist, im gesellschaftlichen Leben zurechtfinden soll. Diejenigen, die nur gelernt haben, bestimmte Dinge nach genauen Vorschriften und Instruktionen auszuführen, ohne selbst denken, überlegen und mitreden zu dürfen, werden in Situationen, in denen sie- allein auf sich gestellt- mit völlig neuen, ungewohnten Gegebenheiten konfrontiert sind, nicht wissen, wie sie sich nun zu verhalten und zu reagieren haben. Darum, weil ihnen im Rahmen eines strengen und starren „Drills“ die Fähigkeit für initiatives Denken anhanden gekommen ist.

Im Gegensatz dazu steht das ungesunde „Zuviel an Güte und Entgegenkommen“, womit wir das „verhätscheln“ meinen. Auch dieses entspricht nicht „rechtem Erziehen“. Darum, weil das Kind dadurch „verzogen“ wird..., zu einem lebensuntüchtigen Menschen, der Situationen, in denen er „gefordert“ wird, nicht gewachsen ist.

Das heißt also: Weder nach dem Motto „Zucht und Ordnung“ ist das Kind zu erziehen, noch durch „verhätscheln“ und „Schosshündchendasein“ Die goldene Mitte ist vielmehr einzuhalten.

„Der Mensch ist so zu erziehen , dass er sein „eigener Heer“ ist, auf das er seinen Mitmenschen zu Diensten zu stehen vermag“, ein gutes und zutreffendes Wort eines weisen Pädagogen...

Das, was aufgezwungen wird- eine Arbeit, ein Auftrag oder ähnlichem. – geht immer einher mit „Befehl“ und „Gehorsam“. Ob ein Befehl aber gut oder schlecht ausgeführt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Geschieht jedoch das, was getan werden muss, auf freiwilliger Basis- das heißt nicht aufgrund von Zwang und Befehl- so ist davon auszugehen, dass es gern getan wird. Und etwas, das gerne bzw. freiwillig getan wird, erfolgt in der Regel unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Kräfte und Möglichkeiten. Diese „Tätigkeitsform“ ist daher ganz gewiss zu bevorzugen, da sie weitaus wertvoller und effektiver ist als eine „aufgezwungene“.

Viele Kinder meinen, „alles haben“ und nach Möglichkeit von allem und jedem Besitz ergreifen zu müssen. Es ist ihnen darum von klein auf Nahezubringen, dass die Freiheit des Menschen stets parallel zur Freiheit der anderen zu sehen und zu handhaben ist. Das der Freiheit des einzelnen also Grenzen gesetzt sind. Das Kind lernt dieses am leichtesten im Rahmen entsprechender Erfahrungen.

Die Eltern sollten zudem darauf achten, dass das, was sie lehren bzw. vermitteln wollen, lebend- und praxisnah ist. Darum ist es in diesem Zusammenhang angezeigt, für ein „soziales Lernfeld“ zu sorgen. Das Kind ist zu Zusammenarbeit und Mithilfe anzuregen, selbstverständlich ohne Zwang! Vielmehr sind ihm die erfreulichen, positiven Seiten einer guten Kooperation klarzumachen, damit es sich aus freien Stücken um sie bemüht.

Kurz: Wird die soziale Dimension in der Erziehung mitberücksichtigt und dem Kind ein geeignetes soziales Lernfeld geschaffen, so wird nach und nach der Hang in ihm, alles haben und besitzen zu wollen, wie von selbst abgebaut. Seine Bereitschaft zum „Miteinander“ wird sich entwickeln und damit sein Verständnis für andere und seine Rücksichtsnahme ihnen gegenüber. Die „zwischenmenschlichen Beziehungen“ können sich entfalten.

Auch dieses noch: „Gebote der Ethik“, die, da sie mit dem natürlichen Wunsch und Bedürfnis des Menschen nach sozialem Leben, Miteinander und Zusammenarbeit in direktem Bezug stehen, werden allgemein für gut befunden und daher ohne weiteres akzeptiert. Dieses trifft auch für das Kind zu. Voraussetzung ist nur, dass ihm die Zusammenhänge bewusst werden und zwar im Rahmen praktischen Erlebens und freundlicher, geduldiger und vernünftiger Aufklärungen seitens der Eltern.

Mit anderen Worten: Statt ihm die sogenannten „sozialen Erwartungen“ und „moralischen Grundregeln“ als Einschränkendes und Belastendes vor Augen zu führen, ist es gewiss vorteilhafter und erfolgversprechender, ihm das Gute und Schöne, das mit ihnen verbunden ist, Nahezubringen.

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