Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Freiheitliche Erziehung, freiheitliche Gesinnung

Und noch einmal....

Von Übel ist, das Kind roh und gewaltsam zu etwas zu zwingen als auch, es durch Geld und derlei Dinge dazu anzuspornen. Es ist nicht wie ein Gefangener zu halten, sondern als freier Mensch und hat Anrecht auf eine gute Erziehung.

Ganz allgemein: Was die Erziehung betrifft, so ist sie kein Monopol des Menschen. Auch in der Tier- und Pflanzenwelt wird „Erziehung“, sprich: Aufzucht, Pflege, Kultivierung etc. betrieben.

Alles wird entwickelt, gefördert, verfeinert. Leblose Geräte wie Maschinen, Computer- die sogenannten „Elektronengehirne“- werden auf einen Leistungsstand gebracht, dass sie komplizierteste mathematische, technische und andere wissenschaftliche Aufgaben zu lösen vermögen. Und dieses in kürzester Zeit und so exakt, wie es dem Menschen nicht möglich ist.

Das aber heißt, das in einer Zeit, da Tiere, Pflanzen und selbst leblose Dinge „veredelt“ werden, die „Erziehung“ und „Veredelung“ des Menschen nicht vernachlässig werden darf.

Von dem Psychologen Watson ist folgender berühmt gewordener Ausspruch:

Überlasst mir eure Kinder und ich gebe sie euch nach einiger Zeit als Ärzte, Ingeneure oder aber Gangster, wie ihr wollt, zurück!

Kurz: Sinn der Erziehung ist, die im Menschen schlummernden Fähigkeiten und Werte zu wecken, zu fördern und wirksam werden zu lassen. Der springende Punkt ist jedoch die Erziehungsmethode. Wenn diese ungeeignet ist, bleibt nicht nur der erwünschte Erfolg aus, sondern mit fatalen Folgen ist darüber hinaus zu rechnen.

Um derartigem vorzubeugen, gilt es zunächst einmal – wir sagten es bereits- die Besonderheiten des Kindes festzustellen und es dann- seinen jeweiligen seelisch- geistigen und körperlichen Entwicklungsstand, seine Neigungen, Fähigkeiten sowie seine Umweltbedingungen berücksichtigend- zu erziehen.

Islamischen Überlieferungen gemäß ist dem Kind bis zum Alter von sieben Jahren- also bis zu seinem Eintritt in die Schule- möglichst viel Bewegungsspielraum einzuräumen. Das heißt, es ist nicht einzuengen, sondern soll in Freiheit heranwachsen, was jedoch nicht bedeuten soll, dass es unbeaufsichtigt und völlig schrankenlos tun und lassen kann, was es will und sich und andere womöglich zu Schaden bringen darf. Nein, so ist diese Empfehlung nicht zu verstehen. Gemeint ist, dass dem Kind in dieser Phase ganz besonders viel Zuwendung, Güte und Nachsicht entgegenzubringen ist, keinesfalls aber Rohheit, Grobheit und Zwang. Kurz: Viel Liebe, viel Milde, aber keine Härte.

Ibn Cina (Avicenna) mahnte:

“Dem Kind ist bis zum Alter von sieben Jahren das, was es möchte, nicht unentwegt vorzuenthalten. Ebenso ist es nicht zu etwas zu zwingen, das ihm nicht behagt. Andersfalls wird es jähzornig werden oder aber bedrückt, ängstlich, furchtsam und letztlich krank“.

Ibn Cina gehört zu jenen islamischen Gelehrten, die schon damals – vor einigen hunderten Jahren- auf Verhaltensstörungen hervorgerufen durch rohe, rücksichtslose und erniedrigende Behandlung, hinwiesen. Er lehnte gewaltsame Erziehungsmethoden rundweg ab und bezeichnete sie als verabscheuungswert und folgeschwer.

Belohnen und Strafen

Ein ebenfalls wichtiges Problem, das oft übersehen wird, betrifft das Belohnen und Strafen. Auch diesbezüglich werden seitens mancher grober Fehler gemacht.

Was das „strafen“ (körperliche Züchtigungen, Demütigungen der verschiedenster Art, oder ähnlichem) anbelangt..., nun, so sollten wohl keine Unklarheiten mehr darüber bestehen, dass sie sich hemmend und lähmend auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Seine Persönlichkeit und sein Selbstwertgefühl nehmen dadurch Schaden und Initiative und Kreativität gehen ihm durch eine solche Behandlung ganz sicher abhanden. Darum, weil es sich fürchtet, etwas falsch zu machen, die Eltern zu verärgern und folglich zu neuen „Gewaltakten“ gegen sich (das Kind) zu animieren.

Was das „Belohnen“ anbelangt, soviel: Wenn es „deplatziert“ erfolgt und in extremer Weise, so ist es – auch wenn es sich nicht so verheerend auswirkt wie Schlagen und Demütigung- sicherlich nicht ohne negativen Einfluss. Ganz allgemein ist auch das „Belohnen“ - insbesondere Belohnungen materieller Art- nicht als echtes Erziehungsmittel zu betrachten und zu handhaben. Je öfter das Kind für etwas mit Geld oder sonstigen materiellen Dingen belohnt wird, umso mehr geht der erzieherische Wert- soweit vorhanden- verloren. Abgesehen davon haben derartige Belohnungen auf die Dauer gesehen immer attraktiver auszufallen, damit sie vom Kind, dass sich an sie gewöhnt hat, zur Notiz genommen werden und es sich durch sie zu etwas anspornen lässt.

In einem Kind, dessen Tun regelmäßig „vergütet“ wird, wächst mit der Zeit eine Art „bestechlichkeits- Denken“ heran. Deshalb ist es so zu lenken und zu erziehen, dass sein „Antrieb“ die eigene Vernunft ist, nicht externe Faktoren.

Vorrausetzung dazu ist jedoch, dass abgesehen von seinen Fähigkeiten, Begabungen und Qualitäten auch sein Intellekt und Verstand die Möglichkeit zur Entfaltung erhalten und dieses ist sicherlich nicht im Rahmen einer „strafenden“ und „unterdrückenden“, das heißt, „hemmenden“ Erziehung erreichbar.

Wird es nicht unterjocht, angekettet und zu Abhängigkeit und Drückebergertum erzogen, kann es sich geistig- seelisch und auch körperlich gesund entwickeln. Zu einem selbstständig denkenden, handelnden und auf eigenen Füßen stehenden Erwachsenen. Zu einem Menschen mit Persönlichkeit, natürlicher Würde, mit Selbstvertrauen, Initiative, innerer Festigkeit und freiheitlicher Gesinnung.

Der Islam gibt erstaunlich moderne und aktuelle Erziehungsgrundsätze an die Hand. Er empfiehlt unter anderem:

Erzieht das Kind zu Freiheit und Unabhängigkeit, auf das es weder in die Anhängigkeit irgendwelcher diabolischer Mächte und Kräfte gerät, noch in die seiner eigenen unguten Begehren und Wünsche. Es darf weder Sklave fremder Heeren noch der seiner eigenen Begierden und Triebe werden.

Als einst, vor langer Zeit- in einem Krieg zwischen den damaligen iranischen Machthabern und der arabischen Welt- der Abgeordnete der Muslime zu Verhandlungen bei dem Oberbefehlshaber des iranischen Heeres erschien, waren sämtliche Offiziere und Generäle des iranischen Flügels blass erstaunt über die Schlichtheit des arabischen Verhandlungspartners.

Als sie ihm seine Einfachheit vorwarfen und ihm sagten, sich gefälligst in höflicher Art und eleganteren Gewändern vor dem iranischen Befehlshaber zu zeigen- so, wie es sich ihrer Meinung und Sitte nach geziemte – verwarte er sich in aller Offenheit und ebensolcher Schlichtheit dagegen und entgegnete:

„Ein Muslim lehnt jedwede Art von Unterwerfung Menschen gegenüber ab“.

Und als man ihn fragte, welches Ziel der Islam verfolge und welches Programm er anbiete, sagte er:

„Die Menschen von der Anbetung der Götzen, Götter und falschen Gottheiten abzubringen und der Anbetung Allahs, des Einzigen Gottes, zuzuführen“.

Das bedeutet also, dass sich der Mensch von der Anbetung seinesgleichen und all dessen, das nicht Gott ist, fernzuhalten hat. Angebetet zu werden gebührt allein Gott..., Allah, dem Schöpfer und Erhalter allen Seins!

Eltern und Lehrer haben folglich darauf zu achten, die Persönlichkeit ihres Kindes zu stützen und zu fördern und ihm Nahezubringen, seine Eigenständigkeit und Identität nicht anderen auszuliefern und sich niemanden- außer Gott- zu Füßen zu werfen.

Als Ma´mun, ein Abbaassidenkalif, in Bagdad war, ritt er eines Tages aus, um draußen vor der Stadt Wild zu jagen. Unterwegs stieß er auf Kinder, die miteinander spielten. Als sie ihn hoch zu Ross erblickten, liefen sie davon. Nur ein Knabe blieb.

Ma´mun war über die Couragiertheit des Kindes erstaunt und fragte:

„Warum bist du nicht wie die anderen davongelaufen?

Der Knabe- es war Imam Gawad- antwortete:

„Die Strasse ist nicht so eng, dass du nicht an mir vorbeireiten könntest. Und etwas verbrochen habe ich nicht, dass ich mich deswegen vor dir fürchten müsste!“

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