Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Interessen, Neigungen...

Gebrauchsanweisung in Sachen „Erziehung“?

Hat jemand ein technisches Gerät und weiß nicht, wie er mit ihm umzugehen hat, weil ihm Betriebsanleitung und die erforderlichen Kenntnisse über dessen „Innenleben“ fehlen, so wird er mit ihm nichts anfangen können.

Das Kind, dieses Meisterwerk der Schöpfung, ist weitaus feiner, komplizierter und geheimnisvoller „konstruiert“ als jegliche technische Errungenschaft.

So manche Eltern aber scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein und hantieren ahnungslos mit diesem Gottesgeschöpf herum, ohne zu bedenken, dass dabei- das heißt in Nichtbeachtung oder Unkenntnis der „Gebrauchsanweisung“ – recht leicht etwas zerbrechen kann.

Diese „Gebrauchsanweisung“ aber ist die Kenntnis über den rechten Umgang mit dem Kind, über dessen Persönlichkeit, Eigenheiten und optimale Erziehung. Und da bedauerlicherweise dieses Wissen oftmals nicht vorhanden ist, liegt es mit der Erziehung folglich häufig im Argen.

Individuelle Unterschiede

Alle unterscheiden sich hinsichtlich ihres „Äußeren“ als auch „Inneren“. Zwei Menschen, die sich „äußerlich“ und „innerlich“ vollkommen gleich wären, gibt es nicht. Dieses gilt selbst für „eineiige“ Zwillinge..., schon aufgrund der mannigfaltigen Bedingung und Umwelteinflüsse, denen sie ja nicht immer in der gleichen Weise ausgesetzt sind.

Ein jeder wird mit bestimmten Erbanlagen, Voraussetzungen und unter besonderen Bedingungen geboren. Von daher und unter Berücksichtigung der schon erwähnten unterschiedlichen Lebenssituationen und Umwelteinflüsse kann er nicht so sein wie ein anderer. Es kommt unabänderlich zu individuellen Unterschieden zwischen ihm und seinen Mitmenschen, sogar wenn diese seine Geschwister wären. Die verschiedenartigen Begabungen und Interessen, die wir beispielsweise zwischen zwei Brüdern oder Schwestern feststellen, sind auf diese Tatsache zurückzuführen.

Was sagt der Islam hierzu?

Individuelle Unterschiede sind aus islamischer Sicht eine feststehende Gegebenheit. In „Usul Kafi“ lesen wir z.B. über die verschiedenen „Glaubenstiefen“ und darüber, dass die Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Qualitäten nicht gleich sind.

Aus diesem Grunde lassen uns unsere großen Vorbilder und Lehrer – Ahl Bayt (a.s) – wissen, dass einem jeden gemäß seiner Fähigkeiten Verantwortung und Aufgaben obliegt. Von niemandem wird etwas erwartet, das er nicht leisten kann und außerhalb seiner Möglichkeiten liegt.

Imam Ga´far Sadiq (a.s) sagt:

„Mit dem Menschen ist es wie mit den Bergwerken. Die einen liefern Gold, die anderen Silber“ etc...

Mit anderen Worten: Die Menschen stehen bezüglich ihrer Neigungen und Fähigkeiten auf verschiedenen Ebenen. Sie sind nicht einer wie der andere.

Vom Propheten Muhammad(s.a.s) ist dieses Wort:

„Wir Propheten sprechen mit einem jeden entsprechend seiner geistigen Fähigkeiten.„

Und was sagt die moderne Pädagogik?

Laut dem heutigen Stand der Erziehungswissenschaft sind das Kind und dessen Fähigkeiten und Neigungen zu ergründen und bei seiner Erziehung zu berücksichtigen. Dadurch werden eine Menge Mühe, Kraft und Mittel eingespart. Wenn auch nicht bei allen das erwünschte Ergebnis erreicht wird, so doch bei sehr vielen. Sie werden – in Beruf oder Studium – gute Leistungen bringen, wenn ihre Fähigkeiten und Ambitionen miteinbezogen werden.

Früher wurde diesem Punkt kaum Beachtung geschenkt. Die Eltern erzogen ihre Kinder alle nach ein und dem gleichen Schema, ohne Rücksicht auf deren Begabungen und Neigungen. Mit dem Resultat, dass nur die wenigsten den elterlichen Erwartungen entsprachen und sonderliche Erfolge nur hin und wieder zu verzeichnen waren.

Die übrigen erfüllten das Pensum nicht und wenn, dann nur mit Hängen und Würgen. All die Mühen und häufig auch finanzielle Mittel, die die Erziehungsverantwortlichen für sie aufgewandt hatten, waren mehr oder weniger vergeblich gewesen.

Zweifelsohne! Wenn Begabungen und Interessen des Kindes nicht in seine Erziehung miteinbezogen werden, so wird nicht nur nichts Positives erreicht, sondern darüber hinaus werden ihm im Rahmen eines solchen Vorgehens oftmals nicht wiedergutzumachenden Schäden zugefügt.

Hageh Nasir Tussi schreibt in seinem Werk „Ahlaq Nasiri“ im Zusammenhang mit den kindlichen Neigungen und Interessen:

„Es ist anzuraten, das Eltern und Lehrer bei der Erziehung des Kindes die nötige Sorgfalt walten lassen und an seinem Tun und Lassen feststellen, was ihm Freude macht und wofür es sich interessiert. Darum, damit sie es entsprechend seiner Neigungen und Fähigkeiten aktivieren und fördern können.

Niemand ist zu allem geeignet und bereit. Daher sollte ein jeder die Tätigkeit, die ihm liegt, tun, damit seine Mühen von höchstmöglichem Erfolg und Nutzen gekrönt sind.“

Im 19. Jahrhundert brachte ein westlicher Wissenschaftler, der sich mit den individuellen Unterschieden und verschiedenartigen Neigungen und Begabungen beschäftigte, zum ersten Male in jenen Breiten die Erkenntnis zum Ausdruck, das Erziehung und Ausbildung des Kindes unter sorgfältiger Berücksichtigung dessen natürliche Interessen und Neigungen zu erfolgen haben. Er sagte:

„Statt bei der Erziehung des jungen Menschenkindes den Wünschen und Interessen des Vaters Priorität beizumessen, sollte vielmehr ergründet werden, zu welcher Tätigkeit oder Wissenschaft dieses (das Kind) die notwendige Begabung und Bereitschaft mitbringt.“

Um dieses herausfinden zu können, ist es zunächst einmal wichtig, zu wissen, was unter „Interessen und Neigungen“ eigentlich zu verstehen und wie das jeweilige Kind zu fördern und zu aktivieren ist.

Was heißt: Interessen, Neigungen?

„Interessen, Neigungen“ sind eine Art Hinzugezogensein und Sympathie für etwas. Wenn beispielsweise gesagt wird:

„Er (oder sie) interessiert sich für diese Tätigkeit“ so bedeutet das:

Diese genannte Beschäftigung oder Arbeit macht ihm (oder ihr) Freude. Sich mit dieser zu befassen, bereitet ihm Vergnügen, weswegen er sich nach Kräften bemüht, sie in optimalster Weise zu erledigen.

Interesse und Begabung für etwas gehören in der Regel zusammen. Doch hin und wieder kommt es vor, dass jemand zwar Freude an etwas hat, aber dazu nicht geeignet ist, das heißt nicht genügend Fähigkeiten und Voraussetzungen dafür mitbringt.

Wie sind Neigungen zu erkennen?

Vater und Mutter beobachten, wie sich ihr Kind zu Hause verhält, womit es spielt und sich beschäftigt, was es erzählt, worüber es spricht und wozu es seine Freude äußert.

Das festzustellen ist nicht schwer. Mit dem, für das es sich interessiert, spielt es. Am meisten ist es damit beschäftigt. Liest es gern, machen ihm farbenfrohe Bilder und Gegenstände Freude und malt oder bastelt es gern? Sind es technische Dinge, für die es sich begeistert oder aber Schwimmen, Sport, Tiere?

Vielleicht das Arbeiten im Garten?

Kurz, bei sorgfältiger Beobachtung ist nach einiger Zeit schon zu erkennen, was dem Kind liegt. Allerdings müssen ihm verschiedene Dinge und Möglichkeiten zur Verfügung stehen, damit ersichtlich wird, wonach es greift.

Noch eins: In schneller und kurzer Zeit zu einem Resultat zu kommen, ist nur in wenigen Fällen möglich. Ausdauer und Geduld seitens der Eltern sind schon vonnöten, wenn ernsthaft die kindlichen Neigungen erkundet werden sollen...

Möglich ist auch, dass das Kind selbst darüber spricht, was ihm besonderen Spaß macht. Das heißt, sowohl an seinem Verhalten und Umgang mit den Dingen als auch an seinem Fragen und Erzählen wird ersichtlich, wofür es sich interessiert bzw. was ihm liegt.

Neigungen werden gefördert

Für was sich das Kind interessiert, wissen wir jetzt. Nun geht es darum, diese seine Neigungen zu fördern. Dieses ist ebenfalls vielfach im Elternhaus machbar.

Die einen und anderen werden nun sagen: Unser Kind hat Freude an Dingen, die wir ihm zu Hause gar nicht bieten können bzw. unser Budget übersteigt!

Hierzu dieses: Das die Neigungen des Kindes gefördert und aktiviert werden, hängt weitgehend von Verhalten und Einstellung der Eltern ab, weniger vom Geldbeutel. Wenn das Kind erkennt, das Vater und Mutter Anteil an seinen Interessen haben, sich mit ihm über sie unterhalten, es über Leistungen oder Wissen auf seinem Interessengebiet loben etc..., so wird es dadurch ganz automatisch animiert, sich noch intensiver mit dem Betreffenden zu beschäftigen. Stellt es aber fest, dass die Eltern seine Freude an der Sache nicht teilen und sogar kein Interesse und Verständnis für das, was ihm Freude macht und liegt, zeigen, so reagiert es enttäuscht und verliert sein Interesse ebenfalls.

Mit anderen Worten: Anteilnahme, Lob und Bekräftigung der Eltern und – soweit es zu realisieren ist – die Bereitstellung entsprechender Möglichkeiten zur Förderung seines Interesses bzw. seiner Begabung wirken höchst aktivierend.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de