Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Kinder und „Disziplin“

Was ist „Disziplin“?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er kommt zur Welt und ist von Anfang an nicht allein. Im Elternhaus- das heißt in der Gemeinschaft mit Eltern und Geschwistern- wächst er auf. Ohne Kontakt zu anderen Menschen würde er zugrunde gehen.

Zu beachten ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Menschen, auch wenn sie miteinander leben, nicht ein und die gleichen Ansichten, Neigungen und Interessen haben. Und es ist klar, dass es dann, wenn ein jeder darauf beharrte, seine Wünsche unbedingt und ohne Rücksicht auf die der anderen durchzusetzen, zu Reibungen, Komplikationen und chaotischen Zuständen käme. Damit dieses verhindert wird und ein jeder zu seinem Recht kommt, gibt es Gesetze.

Ohne eine Gesetzesordnung ist in der menschlichen Gemeinschaft ein intaktes, friedliches Zusammenleben nicht möglich. Vorausgesetzt allerdings, das es sich um eine sinnvolle, allen Beteiligten gerecht werdende Gesetzesordnung handelt. Das versteht sich jedoch von selbst, weshalb wir auf diesen Punkt nicht näher einzugehen brauchen.

Mit anderen Worten: Der Mensch bedarf als soziales und in der Gemeinschaft anderer lebendes Wesen Regelungen und Bestimmungen, die er wie alle anderen seiner Gesellschaft zu respektieren hat. Zu seinem und aller Wohle. Denn auch diesbezüglich dürfte es keinen Zweifel geben:

Das Gegebensein von Gesetzen genügt allein nicht, um unliebsame Konfrontationen im Miteinander mit den Mitmenschen zu vermeiden. Sie müssen auch befolgt werden. Und zwar von einem jeden. Das heißt also, dass in allen Bereichen des menschlichen Lebens das Gesetz in Kraft treten und wirksam werden muss.

Diese Einhaltung von Anordnungen und Bestimmungen – ob im Kreise der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder sonst wo- wird als „Disziplin“ bezeichnet.

Wie ist der „Sinn“ für Disziplin zu erreichen?

„Disziplinierte“ Leute sind, wie nicht anders zu erwarten, „ordentlich“ in ihrem Leben. Ihr Arbeiten, Studieren, ihre Unternehmungen und selbst ihre „Freizeit“ sind geregelt. Bei ihnen läuft weitgehend – Ausnahmen bestätigen die Regel und sind niemals ausgeschlossen – alles reibungslos und nach Plan ab, etwas, dass ihnen natürlich so manches erleichtert.

Jeder von uns hat gewiss seine Erfahrungen mit „unordentlichen „ Zeitgenossen gemacht. Ihre „Ordnung“ besteht in einer permanenten „Unterordnung“. Das, was für sie nicht existieren scheint, sind Planung, Programm und Disziplin. Und auch wenn sie über sämtliche technischen und außer-technischen Möglichkeiten, die das Ordnung- Halten erleichtern, verfügten, so brächten sie dennoch keine Ordnung in ihr Leben. Darum, weil ihnen der „Sinn“ dafür einfach fehlt. Sie verstehen nicht, koordiniert zu planen, geschweige denn, sich an „geordnete Abläufe“, an Programme zu halten.

Disziplin und Ordnungsliebe sind von äußeren Faktoren wie Umweltbedienungen, Zufällen, außergewöhnlichen Ereignissen und deratigem kaum abhängig. Vielmehr von Einstellung und Haltung des Betreffenden.

Darum haben Eltern und Lehrer dem Kind diese „Ordnungsliebe“ zu vermitteln, das heißt in sein Inneres „hineinzupflanzen“. Und zwar durch ihr eigenes Vorbild, das dem Kind begreiflich macht, wie nützlich sich Ordnung und Disziplin auszuwirken vermögen. Auf andere Weise – wie z.B. durch technische Möglichkeiten, die eventuell zur Verfügung gestellt werden oder gar Drohungen und dergleichen – kann in diesem jedenfalls kein echter und bleibender Ordnungssinn hervorgerufen werden. Darum, weil grundsätzlich äußere Faktoren ohne nennenswerten Einfluss auf die innere Einstellung sind. Das heißt also: Von innen heraus müssen Verständnis für Ordnung und Disziplin wachsen.

Ordnung und Disziplin gehören zu den „Grundpfeilern“ des menschlichen Lebens

Auch im Reich der Tiere gibt es zahlreiche Gattungen, die in der Gemeinschaft leben und zwar nach bestimmten Regeln. Bei den Honigbienen beobachten wir zum Beispiel eine erstaunliche Ordnung. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, übernehmen die Auskundschafter- Bienen ihre „Aufklärungsflüge“ und unterrichten dann die übrigen ihre „Gemeinschaft“ über die Umweltsituation. Schnell werden nun die anfallenden Aufgaben verteilt. Die einen fliegen zu diesen Blüten, die anderen zu jenen etc...

Bei allen Tierarten ist dieser „Ordnungssinn“ jedoch nicht vorhanden und wenn, so nicht aufgrund von bewusster Planung, sondern mehr oder weniger aufgrund eines instinktiven Verhaltens.

Diese verstandesbedingte Respektierung von Regeln und Gesetzen ist eine Besonderheit, die im menschlichen Leben in Erscheinung tritt und auf der das Gesellschaftsgefüge basiert.

Zudem:

Ein disziplinierter Mensch hat sich selbst im Griff, ist infolgedessen nicht so leicht für Absurditäten zugänglich und findet aufgrund seines folgerichtig- geordneten Denkens zu einer Übersicht und Wachheit, mittels der er recht schnell zu erkennen vermag, was gut für ihn ist und was nicht. Er ist aufmerksam, vermeidet sinnlose Kontroversen und gibt Acht, das seine Kräfte und Fähigkeiten nicht vergeudet werden.

Das gleiche gilt selbstredend für das disziplinierte Kind. Es hat- in der Regel ist es so – Erfolg in der Schule und weiß auch seine freie Zeit sinnvoll zu nutzen, da es nach Plan und Programm vorgeht und Lernen bzw. Freizeit nicht dem Zufall überlässt. Im Gegensatz zum unordentlichen Schüler, der mehr oder weniger in den Tag hinein lebt…, Lust und Laune gemäß.

Ordnung und Freiheit

Einige mögen vielleicht meinen, dass Ordnung und Freiheit nicht miteinander zu vereinbaren seien. Doch dem ist nicht so. Wenn wir unser Kind zu Ordnungsliebe und Disziplin erziehen wollen, so nicht deswegen, um es einzuschränken und ihm seinen Bewegungsspielraum zu nehmen, sondern vielmehr, um ihm zu zeigen, wie es mit seiner Freiheit richtig umzugehen hat, ohne gegen Freiheit und Rechte anderer zu verstoßen.

Es ist völlig klar, dass sich auch das Kind – wie grundweg jeder Mensch – in die Gemeinschaft „einordnen“ muss, um weitgehend friedlich und ungestört leben und sich in seiner Umgebung wohlfühlen zu können.

Ganz abgesehen davon, das Disziplin und Ordnung eine Freiheit ermöglichen, die konstruktiv und zum Wohle aller ist, eben weil sie „gezügelt“ ist und nicht „rücksichtslos“. Eine solche Freiheit ist dem intakten Miteinanderleben in der Gesellschaft dienlich, nicht aber eine, die nur das eigene „Ich“ gelten lässt und somit – wenn alle so dächten – zu chaotischen Zuständen führen würde!

Wann ist die rechte Zeit, um im Kind „Ordnungssinn“ zu wecken?

Hier taucht folgende Frage auf: Ab welchem Alter ist es angebracht, im Kind den Sinn für Ordnung und diszipliniertes Verhalten wachzurufen?

Offensichtlich ist, dass das Neugeborene nichts weiß und noch alles lernen muss. Es vermag sich nicht allein zu helfen, benötigt unsere volle Zuwendung, Fürsorge und Unterstützung. Seine Nahrung, Hygiene, selbst sein Schlaf und Wohlbefinden stehen in engem Bezug zu denen, die sich um ihn kümmern. Ohne sie würde es verhungern und kläglich zugrunde gehen. Es muss gefüttert, trockengelegt, gewickelt, gebadet und zum Schlafen gebracht werden.

Erst wenn es herangewachsen ist, kann es diese Dinge allein verrichten und es beginnt, auf eigenen Füßen zu stehen.

Die geeignete Zeit, in der es mit den Regeln der Ordnung – nach und nach – vertraut gemacht werden kann, ist somit seine Kindheit. Das heißt, jene Zeit zwischen Säuglingsalter und Jugendalter.

In dieser Phase ist es sinnvoll, wenn sich Eltern und Lehrer darum bemühen, dem Kind den Zugang zu rechtverstandener Ordnung und Disziplin zu verschaffen, damit es- unter der geduldigen Anleitung und Hilfe der Größeren – zu einem disziplinierten Menschen heranwächst.

Über- und Untertreibung

Einige sind der Auffassung, dass das Kind zu „Ordnung“ gezwungen werden muss. Durch Drohungen, Verweise und gar Strafen. Darum, weil es von seiner Natur her „unordentlich“ sei und zudem „garstig“. Mit Milde und Langmut sei jedenfalls nichts zu erreichen. So reden und so handeln sie.

Andere meinen: Das Kind ist von seiner Natur her „gut“. Es ist so zu belassen, wie es ist. Das, was es tun möchte, sollte es tun können. Es darf in seiner Freiheit und seinem Wollen nicht eingeschränkt werden. Keinesfalls sei von der Regel „Zucht und Ordnung“ Gebrauch zu machen. Kurz: Es muss sich völlig frei- ohne Grenzen und Schranken – bewegen können, damit seine Begabungen und Fähigkeiten zu optimaler Entfaltung finden.

Wir aber meinen: Was die erstgenannte Ansicht betrifft, sind Kinder, die stets unterdrückt und bedroht werden und sich Erwachsenen gegenüber unentwegt beugen und fügen müssen, nur selten echte Initiative und Kreativität fähig. Ganz zu schweigen davon, dass sie kein Selbstvertrauen entwickeln können. Mit dem Resultat, das sie später, im gesellschaftlichen Leben, am Arbeitsplatz etc. aller Wahrscheinlichkeit nach hilflos und ängstlich dastehen werden.

Zu der zweiten Auffassung soviel: Kinder, denen uneingeschränkt Freiheiten eingeräumt werden, nehmen ebenfalls auf lange Sicht gesehen Schaden. Darum, weil sie sich in der Gesellschaft nicht „einordnen“ und somit nicht zurechtfinden können. Sie haben nicht gelernt, Gesetze und Regeln- und folglich die Freiheiten anderer- zu beachten und gelten zu lassen. Undiszipliniert und bedenkenlos werden sie um ihre eigene Freiheit willen die Rechte anderer verletzen. Die Leidtragenden sind unter anderem sie selbst, da sie selbstverständlich überall anecken und auf Widerstand stoßen werden. Zudem wird es für sie echte Freundschaften kaum geben. Ihr Leben in der Gemeinschaft ist kein „Miteinader“ mit den anderen, sondern vielmehr ein „Gegeneinander“. Deswegen, weil sie an eine uneingeschränkte Freiheit gewöhnt sind und nicht wissen, dass eine menschenwürdige, konstruktive Freiheit jene ist, bei der die Rechte aller gewahrt bleiben.

Das heißt also: Weder die eine Auffassung noch die andere ist unseren Kindern dienlich. Doch…, es gibt eine dritte, die – vorausgesetzt, das sie realisiert wird- die negative Ergebnisse der beiden genannt vermeidet und das Kind für ein soziales Leben bereitmacht.

 

Disziplin…, vernünftig angewandt

Gemäß dieser letztgenannten Ansicht bemühen sich kluge Eltern also, ihr Kind so zu anzuleiten, dass es bewusst und gern den Regeln der Ordnung nachkommt. Genau das aber ist das angestrebte Ziel, nämlich, dass das Kind Sinn und Zweck der Ordnung begreift und entsprechend handelt.

Bei dieser Erziehungsmethode bedeuten Disziplin nicht blindes Gehorchen, sondern hier wird die kindliche Vernunft angesprochen. Anstatt durch ständiges „Tu das“ und „Lass das“ das Kind zu verunsichern und einzuengen, wird es respektiert dafür gesorgt, ihm durch das eigene gute Vorbild Sinn und Vorzüge von Ordnung und Disziplin Nahezubringen und begreiflich zu machen, wie viel besser und leichter es sich mit der Einhaltung entsprechender Regeln und Rücksichten leben lässt.

Mitbestimmung

Das, was vorrangig und unbedingt zu beachten ist, ist der Schutz der Persönlichkeit und Würde des Kindes. Während des gesamten Erziehungsprozesses darf seiner Persönlichkeit nicht der geringste Riss zugefügt werden. Unter Berücksichtigung dieses wesentlichen Punktes sind Regeln und Bestimmungen, die im Sinne eines geordneten und die Rechte aller respektierenden Familienlebens festgestellt werden; nicht einfach dem Kind aufzudiktieren, sondern ihm zu erklären und es gegebenenfalls an der „Familien- Gesetzgebung“ teilhaben zu lassen.

Offensichtlich ist, dass Regelungen, die das Kind „mitbestimmen“ kann, ganz gewiss von ihm bereitwilliger eingehalten werden als solche, die ihm lediglich „serviert“ werden und deren Notwendigkeit es oftmals nicht versteht.

Somit: Sollte es darum gehen- was verhütet sein möge! – dass das Kind sich gleich einem willenlosen Werkzeug in unserer Hand unserer Gewalt beugt, so erreichen wir ist dieses nur durch Zwang und Nötigung unsererseits und blinden Gehorsam seinerseits.

Wollen wir es aber zu einem selbstständigen denkendem und positiven Menschen erziehen…, zu einem Menschen mit Persönlichkeit, gesunden Gedanken, Initiative und Noblesse, der sich im Leben und in der Gesellschaft zurechtfinden vermag und erfolgreich ist, müssen wir ihm erlauben, hinsichtlich der Bestimmungen , die im Sinne eines friedlichen und intakten Familienlebens „erlassen“ werden, ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Das heißt, auch seine Ansichten und Wünsche sind zu berücksichtigen, nicht nur die der Größten.

Ordnung: ja! Ordnungswahn: nein!

Eltern und Lehrer haben also zu bedenken, dass Ordnung und Disziplin, die wir meinen und auf die wir eben hinwiesen, zum Wohle des Kindes und unerlässlich zu einem erfolgreichen Leben sind.

„Ordnung und Disziplin“ aber, sei es zu Hause, in der Schule oder sonst wo, die das Kind an den Rand der Erschöpfung und Verzweiflung bringen bzw. seine Persönlichkeit zerbrechen, sind ein „Joch“. Und man braucht sich nicht zu wundern, wenn es dem zu entrinnen sucht und aufsässig wird. Um sich zu retten und seine Persönlichkeit nicht zugrunde richten zu lassen, hat es keine andere Wahl, als starre, sinnlose und verbohrte Vorschriften- die es fesseln und unterdrücken – zu umgehen bzw. sich ihnen zu wiedersetzen.

Es gilt daher, im Sinne einer vernünftigen und konstruktiven Ordnung die entsprechenden „Verordnungen“ auf ein Minimum zu beschränken. Zudem haben sie so zu sein, dass das Kind sie verstehen und akzeptieren kann.

Mit anderen Worten: Sie müssen so beschaffen sein, dass es sie begreift und sich mit ihnen „identifiziert“, so dass es ihm nicht schwer fällt, sie zu befolgen. Damit es erkennt, das ihm seitens der Erwachsenen nicht etwas „Unsinniges“ und „Unerfreuliches“ aufgezwungen wird und ihm bewusst wird, das Regelungen, Gesetze und natürlich deren Beachtung eine notwendige Vorrausetzung zu einem intakten Miteinander in Familie, Schule und Gesellschaft darstellen.

Praktisches Vorbild

Es soll nicht ungesagt bleiben – wenngleich es einem jeden sowieso klar sein dürfte- dass das beste Mittel, mit dem wir in unseren Kindern das Interesse für Ordnung wecken können, unser eigenes Vorbild ist. Wenn wir als Eltern, Lehrer oder sonstige Bezugspersonen selbst ordentlich und diszipliniert sind, geben wir dem Kind damit praktischen Unterricht in Sachen :

„Ordnung und Disziplin“

Mit anderen Worten: Eltern und Lehrer haben sich so zu verhalten, dass das Kind von ihnen lernt und begreift, wie einfach „diszipliniertes Vorgehen“ und die Einhaltung bestimmter Regeln das gemeinsame als auch individuelle Leben gestaltet.

Das „ gute Beispiel“ wirkt überzeugend, weshalb sich das Kind dieses zum Vorbild nimmt.

Imam Ali (a.s) sagte zu seinen Kindern, als er auf dem Sterbebett lag, unter anderem:

„Ruft zu Ordnung und diszipliniertem Verhalten auf!“

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