Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Kinder und ihre Fragen...

Nicht vergessen!

Dass der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, wissen alle. Ebenso dürfte es keinen Zweifel darüber geben, das dementsprechend auch seine Erziehung, die Erziehung des Kindes, kein einfaches Unterfangen ist.

Einen Stein oder ein Stück Holz zu verändern und ihnen „Form“ zu geben, ist jedenfalls weitaus problemloser. Darum, weil diese keinen eigenen „Willen“ haben und nicht „Widerstand“ leisten.

Der Mensch aber, der über „Persönlichkeit“ und „Willen“ verfügt, lässt sich nicht so mir nichts, dir nichts „schleifen“, „biegen“ und verändern. Schließlich ist er kein Stein, keine tote Materie, die willen- und widerstandslos alles, das man mit ihr anstellt, hinnimmt.

Abgesehen davon, hat der Mensch – ob groß- ob klein- Bedürfnisse. Ihnen muss entsprochen werden. Das bedeutet, dass bei der Erziehung des Kindes dessen leibliche als auch seelisch- geistigen Erfordernisse berücksichtigt werden müssen. Andernfalls, das heißt, wenn hinsichtlich eines der beiden Bedürfnisbereichen nachlässig zu Werke gegangen wird, ist ein optimales pädagogisches Resultat selbstredend nicht zu erwarten und sämtliche sonstigen erzieherischen Bemühungen bzw. Erfolge werden dadurch ebenfalls mehr oder weniger an Glanz verlieren.

Warum seine vielen Fragen?

Von klein auf wird das Kind durch seine ihm „angeborene“ Neugier veranlasst, zu fragen. Fragen über Fragen stellt es. Unentwegt. Alles will es erfassen und begreifen. Sein Wissen- Wollen ist unstillbar. Noch bevor es sprechen und laufen kann, versucht es, durch Betasten, Zerpflücken und Zerreißen den Dingen auf den Grund zu gehen.

Im Alter von drei, vier Jahren dann bemüht es sich, seine Kenntnisse und Informationen nicht mehr durch Betasten, Zerrpflücken und dergleichen zu erreichen, sondern durch Fragen, die es beantwortet haben möchte.

Es ist nun in seiner „Frage- Phase“, und die Worte „warum“ und „weshalb“ sind ab morgens bis abends aus seinem Munde zu hören.

Seine Fragen betreffen zunächst höchst einfache, uns banal erscheinende Dinge. Nach und nach jedoch geht es ihm um grundlegende und kompliziere Vorgänge und Gegebenheiten. Zum Beispiel fragt es:

Was ist ein Stern?

Wo ist Gott?

Warum können wir Gott nicht sehen?

Diese Wissbegier und dieses Verstehen- Wollen sind jedoch nicht allein auf die Zeit der Kindheit beschränkt, sondern begleiten den Menschen sein ganzes Leben hindurch.

So war es immer..., zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften. Stets, von seinem Anbeginn an, bemühte sich der Mensch zu begreifen, was um ihn herum und in ihm vorgeht, Wesen und Hintergründe der Erscheinungen zu erkennen und sich über Zukünftiges und Vergangenes Gedanken zu machen.

Das, was er nicht wusste, was in ihm Fragen hervorrief, wollte er in Erfahrung bringen. In diesem Sinne forscht und experimentiert er und fand zu Erstaunlichem in Wissenschaft und Technik.

Einige Neigungen und Interessen haben „Anfang und Ende“ Sie setzen irgendwann ein und hören irgendwann wieder auf. Darum, weil er, der Mensch, „genug von ihnen hat“. sein Interesse für dieses oder jenes ist erloschen. Wie beispielsweise der Wunsch des Kindes nach einem bestimmten Spielzeug. Es spielt eine Zeitlang damit, doch nach und nach hat es kein Verlangen mehr, sich damit zu beschäftigen.

Die Neugier aber, die Neigung, wissen und begreifen zu wollen, kennt kein Ende. Fragen stellen sich dem Menschen immer, bis zu seinem Lebensende. Ganz abgesehen davon:

Je mehr er weiß, je größer sein Wissen ist, umso tiefer und weitgehender sind seine Fragen und umso mehr „unbekannte Größen“ tauchen vor seinem geistigen Auge auf.

Ebenso, wie das Kind „leiblicher“ und „seelischer“ Nahrung bedarf, benötigt es auch „geistiger“. Und seinen geistigen Hunger äußert es durch seine vielen Fragen. Daher tun wir gut daran, sie so gut wie möglich zu beantworten und nicht zu überhören bzw. als Nichtigkeiten abzuwehren.

Die Fragen unseres Kindes entspringen also einem natürlichen, menschlichen Bedürfnis und machen es, wenn sie in der rechten Weise beantwortet werden, mit seiner Umwelt und den Dingen des Lebens vertraut.

Vergessen wir also nicht: Die kindliche Neugier und Wissbegier ist keinesfalls unwichtig und sinnlos, sondern vielmehr als natürliche und gleichwohl ideale Möglichkeit und Voraussetzung zu Wissen und Erkenntnis zu betrachten. Schließlich, wenn das Kind nichts wissen wollte, würde es nicht fragen, ergründen und experimentieren und somit nicht zu Informationen gelangen.

Es muss also fragen und Antworten erhalten, um ein höheres Niveau erreichen zu können. Daher zählt es zu den Grundbedingungen der Erziehung, dass seine Fragen richtig und kindgerecht beantwortet werden.

Ganz abgesehen davon ist es den Eltern unter anderem anhand der Fragen ihres Kindes möglich, dessen geistigen und seelischen Stand festzustellen, was sie in die Lage versetzt, es besser zu verstehen und gezielter erziehen zu können.

Wie war es früher?

Der Persönlichkeit des Kindes und damit seinem Denken und Intellekt wurden früher nur geringer Wert beigemessen. Man ging mehr oder weniger davon aus, dass derartiges vorerst unwichtig sei, da Geist und Gedanken des Kindes ohnehin zunächst einmal reifen müssten.

Aufgrund dieser Vorstellung wurden auch Fragen des Kindes als belanglos und „kindisch“ angesehen und blieben häufig unbeantwortet. So mancher Vater und so manche Mutter sagten anstelle einer richtigen Antwort;

„Später, wenn du groß bist, wirst du es verstehen“!

So mancher, dem die Fragen seines Kindes lästig waren, gab ausweichende Antworten oder solche, die es nicht verstand..., darum, weil sie seinem Auffassungsvermögen nicht angepasst waren.

Nicht selten fielen die Antworten der Eltern auch so aus, dass sie nicht nur Unklarheiten nicht klärten, sondern darüber hinaus noch anwachsen ließen.

Heute...

Heute wird das Kind als vollwertiger Mensch betrachtet und auf seine Bildung und individuelle Erziehung großen Wert gelegt. Pädagogen, Erziehungswissenschaftler und „informierte“ Eltern wissen, dass die künftige Persönlichkeit des Kindes in direktem Zusammenhang mit seiner Früh- Erziehung und dem Milieu in seinem Elternhaus steht.

Vernünftige Väter und Mütter beantworten die Fragen ihrer Kinder daher nach bestem Wissen und Gewissen. Sie sind sich dessen bewusst, das „lari-Fari-Antworten“ oder Antworten die mürrisch gegeben werden, zu nichts anderem führen als zu Frust, Verängstigung und schließlich zu Gedankenarmut, Stagnation und nahezu immer zu einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung.

Kindersprache

Zunächst, nach seiner Geburt, erhält das Kind Säuglingsnahrung, das heißt Nahrung, die seinem zarten Organismus angepasst ist. Dann, wenn es größer und kräftiger geworden ist, sieht auch sein Kostplan – quantitativ und qualitativ – anders aus.

Ebenso sollte auch mit seiner „geistigen Kost“ und damit den Antworten auf seine Fragen sein. Entsprechend seines geistigen Horizontes ist ihm zu antworten. Vater und Mutter haben bei ihren Erklärungen das gedankliche und seelische Niveau ihres Kindes zu berücksichtigen. Sie müssen seinen sprachlichen Stand kennen, um sich so auszudrücken, das ihre Erläuterung dem Kinde verständlich sind. Mit hochwissenschaftlichen bzw. Fachausdrücken und einer umständlichen, „geschraubten“ Sprache werden sie ihm gewiss nichts vermitteln können.

Angebracht ist ein einfacher, klarer und kindgerechter, das heißt dem Wortschatz des Kindes angepassten Stil (womit selbstredenden kein alberner oder grammatisch falscher Stil gemeint ist).

Ab einem bestimmten Alter erst wird das Kind „höheren“ Argumentationen zugänglich. Das heißt, dass ihm vor dieser Zeit nur im Rahmen seiner „individuellen“ Vernunft und Auffassungskraft etwas plausibler gemacht werden kann. Erst später, wenn es die notwendige geistige Reife dazu erreicht hat, können ihm Sachverhalte und Begründungen anhand logischer Argumente nahegebracht werden.

Schwer korrigierbare Schäden

Zu beachten ist auch folgendes: Wenn Vater und Mutter durch Verbot irgendwelcher bestimmten Fragen glauben, die Wissbegier ihres Kindes hinsichtlich eines speziellen Themas abblocken zu können, so irren sie sich. Sie werden stattdessen die Neugier ihres Kindes für das, was unter „Tabu“ steht, anfachen, da es sich fragen wird:

Warum darf ich danach nicht fragen?

Was soll ich nicht wissen?

Bestimmt höchst interessant, muss ich herausfinden!

Und da es die Eltern nicht fragen darf, wird es sich- in der Regel- seine Informationen woanders holen. Oftmals zu seinem Schaden!

Das ist der erste Minuspunkt, der entsteht, wenn Fragen ohne Antworten bleiben. Ein weiteres, ebenso gravierendes Dilemma ist, wie schon gesagt, dass das Vertrauensverhältnis gestört und sich das Kind aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei anderen Fragen nicht mehr an Vater und Mutter wenden wird. Es hat deren ablehnendes Verhalten im Hinblick auf Fragen, die es bewegten, erfahren und der bittere Nachgeschmack ist ihm geblieben.

Die Eltern selbst haben sich durch ihr Vorgehen den Zugang zur Gedankenwelt ihres Kindes, das sich ihnen nun nicht mehr vorbehaltlos anvertrauen wird, versperrt.

Im Gegensatz zu jenem Kind, dessen Fragen Wert beigemessen und bereitwillig als auch kindgerecht beantwortet werden. Es weiß sich von seinen Eltern anerkannt…, etwas, dass sein Vertrauen zu diesen und sich selbst stärkt. Mit seinen Fragen und Problemen wird es sich gern an sie wenden und sich später. Als Erwachsener, nicht scheuen, Fragen zu stellen und seine Ansichten zu äußern. Das Fuß-Fassen in der Gesellschaft wird ihm keine sonderlichen Schwierigkeiten bereiten. Darum, weil es in Kindheitstagen ernst genommen und seine Fragen akzeptiert…, darum, weil es nicht zurückgestoßen und seine Wissbegier nicht abgelehnt wurden.

Kinderfragen..., Codes

Kinderfragen sind unter zwei Aspekten zu betrachten. Einmal betreffen sie Unbekanntes, Ungeklärtes, über das das Kind Aufklärung wünscht. Zum anderen aber steht seine Frage in engem Zusammenhang zu seiner „Welt“, seinem Leben.

Mit anderen Worten: Sie ist Ausdruck für sein Denken, Fühlen, sein Hoffen, Wünschen und seine geheimen Ängste. Es sieht, hört und erlebt etwas, dass es beschäftigt, das es „verarbeiten“ muss und deswegen dazu Fragen stellt.

Der, der die Fragen des Kindes beantwortet, sollte sich dessen bewusst sein, dass sie in direktem Bezug zu dessen Erlebnis- und Empfindungswelt stehen und Aufschluss geben über dessen Kontakt und Verhältnis zur Umwelt.

Ein Erziehungswissenschaftler erinnert daran, das das Kind oftmals nicht „frei heraus und unverblümt“ spricht. Häufig sind seine Äußerungen verschlüsselt, chiffriert. Darum sollten seine Fragen nicht als belanglos betrachtet und abgetan werden. Sie geben vielmehr Aufschluss über sein Fühlen, Denken, seine Erfahrungen und seine Beziehung zu dem Milieu, in dem es aufwächst. Seine Fragen sind daher ernst zu nehmen und geduldig, freundlich, verständlich und aufmerksam zu beantworten.

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