Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Kinder und Neid

„...und vor dem Übel des Neider, wenn er nieder.“

(Sure 113, Falaq, Vers 5)

Erster Mord, erstes Unrecht auf Erden...

Er war jung, aufgeschlossen und aktiv, setzte sich für das Gute ein und half, wo er konnte. Engagiert und selbstlos. Aber er hatte einen Bruder, der völlig anders war. Egoistisch, hartherzig und voller Neid.

Beide kamen, um Gott ein Opfer darzubringen. Abel, ein Viehzüchter, wählte das beste Schaf, das er hatte. Und Kain, ein Landwirt, nahm das wertloseste, das er auf seinem Feld fand.

Das Opfer Adams fand das Wohlgefallen Gottes. Kain, dessen „Opfer“ höchst fragwürdig war und der bei diesem „Examen“ nicht gut abgeschnitten hatte, war außer sich vor Neid ob des Erfolges seines Bruders, in ihm brannte die Missgunst gleich einem heftigen Feuer. Ihm war gesagt worden:

Gott nimmt das Opfer der Tugendhaften an.

So stand er nun – wie er meinte – vor zwei Möglichkeiten. Entweder änderte er sich, bemühte sich allen Ernstes um eine gute, noble Gesinnung und ging den Weg der Guten. Oder aber er gab den Versuchungen Satans nach und „rächte“ sich an seinem Bruder, der im Gegensatz zu ihm aus der Prüfung erhobenen Hauptes hervorgegangen war.

Kain nahm an, dass ihn, wenn sein Bruder nicht gewesen wäre, diese Schmach und Niederlage nicht getroffen hätte. Darum meinte er, Rache nehmen zu müssen und brachte somit seinen Bruder ums Leben.

Das war das erste Mal, dass auf Erden – infolge von Neid – das Blut eines Unschuldigen vergossen wurde.

Neid oder Bewunderung?

Der Neidische möchte den Erfolg dessen, den er beneidet, zunichte machen. Der „Bewunderer“ aber ist nicht gegen den Erfolg des Erfolgreichen, sondern bedauert, dass er diesen Erfolg nicht erreichte. Ein anderer schafft, was er nicht vermochte bzw. um das er sich nicht bemühte. Ein heißes Verlangen, nachzueifern, wird in ihm wach. Er will ebenfalls erfolgreich sein.

In diesem inneren Bedürfnis, „nachzueifern“ und Niveau und Erfolg anderer ebenfalls zu erlangen, sie möglicherweise gar zu „überflügeln“, sieht die Psychologie das Geheimnis zu Fortschritt und Vervollkommnung. Eine Art Wettbewerb oder Konkurrenzkampf, wenn man so will.

Solange der Mensch, ob Erwachsener oder Kind, dieses Bedürfnis, dieses Verlangen nicht in sich spürt, gibt er sich mit dem, was ist und was er erreicht hat, zufrieden und will die Erfolgsleiter nicht höher erklimmen.

Jemand aber, der andere „bewundert“, fühlt in sich den Wunsch, ebenso „gut“ zu sein wie sie. Zumindest, es zu versuchen. Dieses motiviert ihn, treibt ihn an, und er nimmt jegliche Anstrengung und Schwierigkeit in Kauf, um das Ziel zu erreichen.

Gute Pädagogen und Lehrer sind daher jene, die in den ihnen anvertrauten Schüler den Wunsch wachzurufen, „mehr wissen und leisten“ zu wollen. Den Wissensdrang des Kindes zu aktivieren und ebenfalls dessen Verlangen, seine Qualitäten und Fähigkeiten zu vervollkommnen, gehört somit ebenfalls zu einer optimalen Erziehung.

Wer in seinem materiellen oder geistigen Leben niemals den Wunsch nach etwas empfindet, wird sich mit dem Niveau, auf dem er steht, begnügen und in Stagnation verharren.

Unsere religiösen Vorbilder (Prophet Muhammad s.a.s., Imame, a.s.), die in Pädagogik und Psychologie über alle Maßen bewundert waren, betrachten konstruktives „Bewundern“ als gut und dienlich, warnen jedoch eindringlich vor Neid.

Imam Sadiq (a.s) sagte:

„Der Gläubige bewundert, aber neidet nicht, wohingegen Leugner und Heuchler neiden, nicht aber bewundern!“

Alle, insbesondere Kinder, empfinden angesichts Leistung und Erfolg anderer ein eigenartig bohrendes Gefühl in sich. Es „wurmt“ sie, dass sie nicht so „gut“ sind. Doch das ist völlig natürlich und sind sie geistig – seelisch gesund. Werden sie versuchen, die „Lücke“, die sie aufweisen, zu füllen. Sie bemühen sich nach Kräften, den „Mangel“ zu beheben oder durch andere Qualitäten auszugleichen.

Beispiel:

Ein Schüler, dem schulische Erfolge nicht gerade „zufliegen“, wird durch Fleiß und harte „Geistesarbeit“ versuchen, den Unterrichtstoff zu erfassen und zu verarbeiten. Das heißt, er bemüht sich, das „Manko“ auszugleichen und sich auf den Stand seiner Mitschüler hinaufzuarbeiten.

Es gibt jedoch auch einen anderen, destruktiven Weg, das Manko zu „überbrücken“. Diesen Weg wird ein „Neider“ benutzen. Anstatt sich anzustrengen, zu arbeiten und seine Schwächen wettzumachen, geht er hin und beginnt durch Feindseligkeiten und Intrigen der verschiedensten Art, den Erfolgreichen unter Druck zu setzen und ihm das Leben schwer zu machen. Er „rächt“ sich. Das heißt, durch „Rache“ versucht er, seine eigenen Unzulänglichkeiten zu tarnen.

Negative Folgen

Mehr auch ,als dass er anderen durch zusetzt. Leidet er selbst. Und mehr, als das er anderen durch seine Reaktion schadet, schadet er sich, seiner eigenen Persönlichkeit.

Wie Imam Gaf´´ar Sadiq (a.s) mahnte:

„Mehr als anderen schadet der Neider sich selbst.“

Und Sokrates sagte:

„Der Neider wird angesichts der Leibesfülle anderer mager.

Ohne Zweifel wird auf lange Sicht gesehen die Missgunst des Neidischen nicht nur auf dessen Denken und Wünschen beschränkt bleiben. Sie tritt nach und nach in seinem Verhalten, das heißt in destruktiven Handlungen und Reden zu Tage. Mit dem Resultat, dass er letztlich sein eigenes Leben finster und furchtlos gestaltet.

Von Abi Abdullah (a.s) ist folgendes Zitat:

„Ebenso wie das Feuer Reiser und Holzscheide in seinen Flammen aufgehen lässt, verbrennen Neid und Missgunst den Glauben.“

Mit anderen Worten: Das Leiden „Neid“ nimmt dem an dieser Krankheit Leidenden Ruhe und Frohsinn. Darum sollten wir unsere Kinder dagegen unbedingt schützen.

Nicht wieder gut zu machender Irrtum

Gute Pädagogen sind die, welche die natürliche Selbstliebe des Kindes (die ja seinem Selbstschutz dient) ihrer eigentlichen Aufgabe gemäß zu lenken vermögen, so dass sie sowohl der Erhaltung seiner Person und Identität dienlich sein kann, als auch seiner ethischen und sozialen Entfaltung nicht im Wege steht. Zu den wichtigen Aufgaben der Eltern und Lehrer gehört daher, durch eine sinnvolle Erziehung für Harmonie zwischen Eigen- und Nächstenliebe zu sorgen. Dieses erreichen sie unter anderem dadurch, dass sie auf Gleichberechtigsein ihrer Kinder achten. Dass sie das eine dem anderen nicht bevorzugen bzw. benachteiligen. Ihr Verhalten hat gerecht zu sein und ihre Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit muss allen ihren Kindern in gleichem Maße zuteil werden.

Prophet Muhammad(s.a.s.) mahnte in diesem Zusammenhang:

„Lasst Gerechtigkeit walten im Umgang mit euren Kindern, ebenso wie ihr wollt, dass diese und auch eure Mitmenschen euch gegenüber gerecht sind:“

Mütter und Väter, die ihr Wohlwollen und Interesse nicht allen ihren Kindern in gleichem Maße schenken und die einen dem anderen bevorzugen, rufen in letzteren Neid und Missgunst hervor.

Saß Prophet Muhammad (s.a.s.) im Kreise seiner Gefährten, so sah er sie alle – der Reihe nach- freundlich an, um zu verhindern, dass sich einer von ihnen benachteiligt und weniger geschätzt fühlte.

Dieses Vorgehen sollten wir uns zu Eigen machen, um zu erreichen, dass Neid und Missgunst zu keinem unserer Kinder Zugang finden.

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