Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Nicht Drill, nicht Gewalt, sondern Freundschaft

Das Elternhaus ist doch kein Kerker!

In der Tierwelt ist es so, das die Eltern ihre „Jungen“ nicht ständig, bis dass sie „erwachsen“ sind, beaufsichtigen. Allerdings, solange die Jungtiere sich noch nicht selbst helfen und versorgen können, stehen ihnen die Eltern- wenigstens aber Mutter oder Vater- zur Seite, wie es bei vielen Tierarten der Fall ist. Dann aber, wenn sie „flügge“ geworden sind, werden sie aus der elterlichen Fürsorge entlassen, hinein in die Selbstständigkeit, in die freie Natur.

Die Natur ist die beste Lehrerin und Trainerin zur Entfaltung und Kräftigung natürlicher Begabungen und Fähigkeiten. Das, was dem Kind durch die Eltern nicht vermittelt wird, lehrt die Natur es. Ob es will oder nicht.

Wenn es die Eltern nicht tun, wird die Natur selbst „Erziehung“ der natürlichen Fähigkeiten und Kräfte des jungen Menschen übernehmen. Das elemtarste, was es wissen und können muss, wird er lernen

Im Unterricht rechnet der Lehrer, nachdem er seinen Schülern die mathematischen Grundregeln und Formeln vermittelt hat, zwei Rechenexemplare an der Tafel vor und fordert sie dann auf, selbst weitere zu lösen. Er will dadurch ihre mathematischen Fähigkeiten anregen und stärken.

Auch die Eltern sollten bedenken, das es nicht nur nicht möglich ist, sondern sogar sehr nachteilhaft, wenn sie ihr Kind ununterbrochen beaufsichtigen und bevormunden. Sie sollten es vielmehr „lebenstüchtig“ erziehen und mit dem „How-Know des Lebens“ bekannt machen. Es benötigt zudem einen gesunden und seinem Alter entsprechenden Bewegungsspielraum, wenn auch keinen unbegrenzten (Wir sprachen bereits darüber).

Einige Väter und Mütter meinen jedoch, sie müssten sämtliche Schritte und Handlungen ihres heranwachsenden Sprösslings überwachen. Sie schreiben ihm bis ins Detail gehend vor, wie er sich zu verhalten und was er zu tun hat. Nach dem Motto: „Kontrolle und Instruktionen gehen über alles“.

Des Schadens, den sie dadurch verursachen, sind sie sich nicht bewusst. Ihr Kind wird nämlich infolge einer solchen Erziehung völlig unselbstständig und ohne jegliches Selbstvertrauen aufwachsen und sich im Leben nicht zurechtfinden. Sein Tun, Reden und Denken sind unfrei, anhängig. Das heißt, es kann nicht „eigenständig“ denken und sprechen. Seine Eltern geben ihm keine Gelegenheit, es zu lernen.

Es führt ein regelrechtes „Sklavendasein“. Ist Gefangener der Vorschriften seines Vaters bzw. seiner Mutter. Sein Elternhaus ist ein „Gefängnis“, ein Kerker. Keinesfalls aber ein Ort, an dem es sich gesund entwickeln und bereit fürs Leben werden kann.

Ein unter dem strengen Diktat seiner Eltern heranwachsendes Kind ist um seines Selbstschutzes willen sehr oft genötigt, nach Lügen und Ausflüchten zu greifen..., aus Angst vor Strafen, wenn es etwas gemäß eigenem Wünschen und Wollen tat und einen elterlichen „Befehl“ nicht ausführte. Und derartiges kommt in seinem eingeengten Dasein häufig vor.

Ein weiterer erheblicher Verlust, der dem Kind durch eine solche Erziehung zugeführt wird ist, dass seine „Persönlichkeit“ unterdrückt und verletzt wird und sich nicht entfalten kann. Weder findet es zu Selbstvertrauen und Selbstbewusstheit, noch lernt es, selbstständige und richtige Entscheidungen zu treffen. Die ständigen Einmischungen seiner Eltern und deren unaufhaltsame Einflussnahme auf sein Denken und Tun rauben ihm jegliche Möglichkeit dazu. Es hat blind dem väterlichen Wort zu folgen. Was das jedoch für verheerende Folgen haben kann, wenn das Kind ins Erwachsendasein eintritt, dürfte jedermann klar sein.

Ganz abgesehen davon wird seine „natürliche Würde“ – die einem jeden Menschen mit in die Wiege gelegt wird- im Rahmen einer solchen elterlichen Diktatur immer mehr angetastet und „demontiert“. Eine Art ständiger Erniedrigung, die seiner „Persönlichkeit“ und Würde infolge einer solchen Erziehung widerfährt.

Das Fatale aber ist, dass es nach und nach keines Selbstvertrauens mehr fähig ist und annimmt, selbst und allein nichts leisten zu können.

Kein Selbstwertgefühl und keine Eigeninitiative..., das ist es, was seine Eltern ihm „beibringen“. Sklavisch führt es Befehle aus. Es hat ja keine andere Wahl in seinem Elternhaus.

Bei seinem Eintritt in die Gesellschaft gehört es zu jenen jungen Menschen, die- da sie nicht gelernt haben, auf eigenen Füßen zu stehen und selbst Entscheidungen treffen zu können- recht schnell Schiffbruch erleiden. In ihrem Abhängigkeitsdenken geraten sie nicht selten in den Sog ungesunderer Elemente und damit auf die „schiefe Bahn“. Versager auf der ganzen Linie, unglücklich, unzufrieden, stumpf, ohne Hoffnung und Lebensmut. Immer nur das „fünfte Rad am Wagen“.

Kurz: Erziehung und Ausbildung, die im Rahmen von Gewalt und Zwang erfolgen, wirken sich äußerst negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Gegen sein Wollen wird es zu diesem und jenem gezwungen. Es versucht natürlich das, was es tun soll, aber nicht tun möchte, nach Möglichkeit zu umgehen. Doch damit handelt es sich meistenteils nichts als Scherereien ein, weshalb es sich resigniert und genötigterweise fügt..., wenngleich hungern und mit Bitterkeit im Herzen.

Jene, die es „erziehen“, stehen auf dem Standpunkt, dass es „gehorchen“ muss. Widersetzlichkeit wollen sie nicht dulden.

Andererseits aber kommen ethische Empfindungen, Begabungen und Neigungen eines in dieser Weise gegängelten gedrillten und unterdrückten Kindes niemals in die Lage, reifen zu können. Es wird gewaltsam und rücksichtslos in eine „Form“ gepresst, die seiner Natur nicht entspricht. Schwere Verhaltensstörungen sind in der Regel das fatale Resultat einer solchen Erziehung. Und nicht nur das:

Bisweilen wird in den heranwachsenden jungen Menschenkindern ein derartiger „Rebellismus“ gegen Eltern und Umwelt ausgelöst, dass sie in ihrer Ausweglosigkeit und Not zu Mitteln greifen, die sie in weitere und noch größere Gefahren stürzen. Und nicht selten ist zu beobachten, dass Jugendliche, die endlich der „Tyrannei“ ihres Elternhauses entkommen sind, alle Brücken nach Hause abbrechen und sich in ihrer Unreife auf Ebenen begeben, die mit „menschlicher Würde“ und „sozialer Gesinnung“ nichts gemein haben.

Wer mit Jugendfürsorge und Jugendkriminalität zu tun hat, weiß:

In „angesehensten, tugendhaftesten“ Elternhäusern, aber unter strengstem väterlichen Regiment großgewordene Jugendliche streifen eines Tages – und dieses sind keine Einzelfälle- alle Fesseln ab und setzen ihren Fuß in ein völlig entfesseltes und „gesetzloses“ Dasein mit verheerendem Finale.

Mädchen und Jungen benötigen die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern wie das tägliche Brot. In der Nestwärme, die nur Vater und Mutter ihnen geben können, sollten sie aufwachsen. Das ist ihr elementares Recht, das für sämtliche Entwicklungsphasen gilt. Ganz besonders aber in der Zeit ihrer Vorpubertät und Pubertät benötigen sie Verständnis und Freundschaft ihrer Eltern. Darum, damit diese sie mit ihren Erfahrungen und Kenntnisse- indirekt und gewaltlos- lenken und vor Verirrungen und Abgründen bewahren. Wie gesagt: Ohne rohe Gewalt, ohne Drill, ohne extreme, erdrückende Kontrolle!

Andersfalls wird das Eltern-Kind-Verhältnis sehr schnell trübe und finster werden.

Noch eins: Ein Kind, das lieblos und roh behandelt und in einer „erstickenden, erdrückenden“ Atmosphäre erzogen wird, sagt sich früh von seinen Eltern los und wendet sich anderen „Bezugspersonen“ zu. Oftmals erweisen sich diese jedoch keinesfalls als vertrauenswürdige und wohlmeinende „Freunde“, im Gegenteil...

Und was die „Flucht aus dem Elternhaus“ betrifft, über die Jugendämter und Sozialstationen Bände zu berichten wissen, so ist sie in jedem Fall ein Schritt ins „Ungewisse“, der häufig mit einem Fiasko endet.

Abschließend sei noch einmal auf folgenden Punkt hingewiesen: Aus einem harten, unnachsichtigen, nur auf „unerbittlichem Drill und übertriebener Kontrolle“ fixierten Verhalten der Eltern ihren Kindern gegenüber, erwachsen in dieser Minderwertigkeitskomplexe und Gemütstörungen, die sich oftmals folgenschwer auswirken. Feindseligkeit, Rohheit, Pessimismus, extremer Argwohn anderen gegenüber, Uneinsichtigkeit und Renitenz sind nur einige der vielen negativen Verhaltensmerkmale, die durch eine derartig ungeeignete Erziehung ausgelöst werden.

Heute, im Zuge der segensreichen Auswirkungen der Islamischen Revolution, da die Ketten der Diktatur und Tyrannei eine nach der anderen abgestreift werden, sollten muslimische Eltern und Lehrer ganz besonderen Wert auf eine herzliche, freundschaftliche Beziehung zu Kindern und Jugendlichen achten. Erziehung hat auf Güte, Verständnis und Freundschaft aufgebaut zu sein, ebenso wie es die Propheten und großen Gottesfreunde handhabten.

Druck und Gewalt sind kein Erziehungsmittel. Derartiges bringt im Endeffekt nichts als sklavische Hörigkeit, Heuchelei, Drückebergertum. Gegengewalt, Brutalität und nicht selten ein Abrutschen auf die „schiefe Bahn“.

Gott sagt, gerichtet an den Propheten Muhammad (s.a.s.):

„Wärest du hart und unfreundlich gewesen, sie hätten deine Nähe gemieden...“

Begegnen wir also unseren Kindern mit Freundschaft und Verständnis. Sie sollen uns nicht fürchten müssen, sondern uns ihr Vertrauen schenken. Wir wollen ihnen als „Freunde“ zur Seite stehen, damit es uns gelingen möge, ihre gottgegebenen Fähigkeiten und Neigungen zur Entfaltung zu bringen.

Vergessen wir nicht, dass Gott Moses und Aron gebot:

„Wenn ihr mit Pharao sprecht, so geschehe es ruhig und freundlich...“

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