Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Persönlichkeitsentfaltung

Wahrung der Persönlichkeit

Jeder, ob Kind oder Erwachsener, ist an sich und seiner „persönlichen Würde“ interessiert. Er möchte geachtet und respektiert werden…, zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und wo auch immer.

Dieser Wunsch ist allen gegeben, - ob reich oder arm, gebildet oder ungebildet. Und ebenso wie ein verletzendes Wort oder eine demütigende Geste den Erwachsenen zutiefst treffen, leidet auch das Kind darunter. Es fühlt sich angegriffen, in seiner „Persönlichkeit“ getroffen.

Dieses „Persönlichkeitsbewusstsein“ ist in der menschlichen Natur veranlagt, es gehört zum Wesen des Menschen.

Die verschiedensten diesbezüglichen wissenschaftlichen Studien lassen erkennen, dass dem menschlichen Verhalten zum großen Teil dieses „Persöhnlichkeitsdenken und – Bewusstsein“ zugrunde liegt..., das heißt, der „Instinktive“ Wunsch, die eigene „Persönlichkeit“ zu schützen und aufrecht zu halten.

Diesem Aspekt ist daher auch bei der Erziehung des Kindes Wert und Beachtung beizumessen.

Geht es nur ums „Prestige“?

Einige halten sich ihrer religiösen Erziehung bzw. ethischen Einstellung wegen von Hässlichem und Abwegigem fern und bemühen sich um gutes, menschenwürdiges Verhalten.

Andere aber- und das sind die meisten – die ebenfalls Unschönes und Unrechtes zu meiden versuchen, sind mehr oder weniger an der Wahrung ihres Ansehens in der Gesellschaft, in der „Öffentlichkeit“ bedacht.

Wie dem jedoch auch sei, das Interesse des Menschen für die Aufrechterhaltung und Unbescholtenheit seiner Persönlichkeit und Menschenwürde ist jedenfalls als gravierender Faktor sei der Vermeidung von Verwerflichem und Unrechtem zu betrachten. Und je stärker dieses Interesse ausgeprägt ist, umso unanfechtbar ist der Betreffende.

Labile Persönlichkeit, Persönlichkeitsschwund

In diesen beiden Erscheinungsformen- „labile Persönlichkeit“, „Persönlichkeitsschwund“ – ist ein soziales und folgenschweres Problem zu sehen.

Es ist durchaus möglich, dass jemand, der z.B. seinen gesamten Besitz verliert oder seines Amtes enthoben wird, dennoch „standfest und ungebeugt“ bleibt und sich seine „Persönlichkeit“ unbeschadet erhält. Und eben aufgrund dieser seiner intakten Persönlichkeit ist er in der Lage, seine Schwierigkeiten zu meistern und zu überwinden. Jemand aber, dessen Persönlichkeit schwach und labil ist, wird mit derlei Misserfolgen kaum fertig werden. Er sieht sich in einer ausweglosen Situation, glaubt dieser nicht gewachsen zu sein und ihm droht, an seinem Missgeschick zu zerbrechen, Infolge seines fehlenden „Persönlichkeitsbewusstseins“ meint er, nicht die Kraft zu haben, sich aus seiner misslichen Situation befreien zu können. Der nötige Antrieb dazu fehlt ihm.

Ohne ein gesundes Persönlichkeitsbewusstsein ist er zu Initiative nicht in der Lage. Darum, weil dieses, das intakte Persönlichkeitsdenken – und empfinden, es ist, das ihn motiviert. Ist es zerbrochen, so ist ihm auch der Weg zu Entwicklung, Fortschritt, Kreativität und Initiative verschlossen.

Es gilt daher, die „Persönlichkeit“ eines jeden zu wahren. Andersfalls, wenn diese – mit anderen Worten das gesunde Selbstwertgefühl des Menschen – verletzt wird und Schaden nimmt, ist mit ernsten Folgen zu rechnen.

Ein spöttischer Blick, eine demütige Geste, ein höhnisches Wort allein reicht schon aus, um den Menschen bis ins tiefste Innere hinein zu treffen. Eine „verletzte Persönlichkeit“ aber erholt sich nur schwer, wird anfällig und immer verletzlicher.

Seien wir darum auf der Hut! Geben wir auf unsere Worte und unser Verhalten Acht, damit wir unsere Mitmenschen – ob groß, ob klein- nicht kränken! Und bedenken wir, dass eine Vielzahl Fehden, Konflikte, so manche Sorgen als auch nicht wiedergutzumachende Reaktionen bzw. Affekthandlungen durch „Persönlichkeitsverletzungen“ entstehen.

Degradierung, Abwertung

Psychologische Erkenntnisse besagen, dass etliche jener, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben, in ihrer Kindheit und Jugend erhebliche Persönlichkeitsschäden erlitten haben. Das heißt: Sie wurden von ihrer „Umgebung“ abgelehnt und erfuhren niemals oder nur höchst selten Anerkennung und Lob. Als sie erkannten, dass sie in ihrer Umwelt keinerlei Wert und Würde besaßen, ließen sie alle Skrupel beiseite und begannen mit ihrem asozialen Treiben, um sich auf diese Weise zu „rächen“ und ihre Komplexe abzureagieren.

Zweifellos! Wenn sie vormals nicht abgewiesen und stattdessen ihre „persönliche Würde“ gestützt und gefördert worden wären, würden sie ihre Kräfte und Fähigkeiten nicht in derart verheerender Weise genutzt haben.

Großer Fehler seitens einiger Eltern und Lehrer

Ein großer Fehler, der hier und da noch in Elternhaus und Schule gemacht wird ist, dass jener Schüler, der nicht so lernbegabt ist wie seine Mitschüler und keine guten Zensuren nach Hause bringt, dort wie auch in der Schule herb getadelt und gescholten wird. Rücksichtslos und ohne zu bedenken, dass ihm damit höchstwahrscheinlich großes Unrecht zugefügt wird.

Viele sind es auf unserem Erdenrund, die bittere Erfahrungen dieser Art machen müssen und infolgedessen auch das letzte bisschen Interesse für Lernen und Fortbildung verlieren. Das auf diese Weise nicht nur ihr Selbstwertgefühl gebrochen wird, sondern auch sämtliche ihrer Begabungen und Fähigkeiten erlahmen, ist dem Unverstand ihrer Erziehungsberechtigten zuzuschreiben.

Bewiesen ist die individuelle Verschiedenartigkeit der einzelnen. Und, wie schon gesagt, auf der ganzen weiten Welt sind nicht zwei Personen anzutreffen, die einander völlig gleich wären. Auch nicht hinsichtlich ihrer Intelligenz und Auffassungsgabe. Ein jeder ist, verglichen mit dem Stärkeren, schwächer als dieser. Das trifft für alle Ebenen zu..., auch für die Lernfähigkeit.

Ganz abgesehen davon: Wir alle wissen von jenen, die in der Schule keine glänzenden Leistungen aufzeigen konnten, doch später erstaunlichen Erfolge hatten. So mancher ist es, der auf diesem oder jenem Gebiet kläglich versagt, dafür aber auf anderen Sektoren „haushoch überragend“ ist.

Ein jeder hat Begabungen und Fähigkeiten mit auf den Weg bekommen, der eine in diesem Bereich, der andere in jenem. Und es gibt jene hochintelligenten Schüler und Studenten, die außerordentliche wissenschaftliche Leistungen erbringen, jedoch auf sozialer Ebene versagen. Im Gegensatz zu jenen, die keine nennenswerten theoretischen- geistigen Fähigkeiten aufweisen, aber in ihrem Miteinander mit den Mitmenschen und in handwerklichen Berufen- aufgrund ihres sozialen oder technisch- praktischen „Fingerspitzengefühls“ – erstaunlich erfolgreich sind.

Mangel an Liebe

Die Verhaltensforschung bemüht sich, die Hintergründe für die verschiedenen Verhaltensweisen und Reaktionen aufzudecken. Auf diese Weise wird es möglich, die verantwortlichen Ursachen für diese oder jene Verhaltensstörung zu finden und auszuschalten. Unter anderem ist erkannt worden, dass die Lernschwäche nur relativ weniger Kinder auf niedrigen Intelligenzquotienten zurückzuführen ist, wohl aber sehr oft auf einen Mangel an Liebe, Zuwendung und Fürsorge.

Schüler, die z.B. nicht ausreichend oder falsch ernährt werden, deren Intelligenz nicht von klein auf gefördert wurde, denen die Geborgenheit eines intakten Elternhauses fehlt und die ständig in Unruhe und Angst zubringen, können selbstverständlich nicht mit anderen, unter normalen Bedingungen aufwachsenden und lernbegabten Kindern Schritt halten. Für ihre „Leistungsschwäche“ sind nicht sie, sondern ihr Lebensmilieu bzw. ihre Erziehungsbeauftragten verantwortlich zu machen.

Zu den Grundregeln und – Bedingungen gehört daher eine „genaue Kenntnis“ über den einzelnen Schüler. Das heißt, auch der Lehrer hat sich ein objektives Bild über die körperliche, geistige und seelische Situation des Kindes, das ihm anvertraut ist, zu beschaffen. Nur so kann er gezielt und pädagogisch richtig auf es eingehen und ihm weitmöglich gerecht werden.

Jedenfalls: Mit Drohungen, Strafen und Vorwürfen ist bei lernschwachen Kindern und Jugendlichen nichts zu erreichen. Es gilt vielmehr, nach der Ursache zu forschen und diese dann nach Möglichkeit auszuschalten.

Erziehung früher...

Das, auf was vormals nur wenig Wert gelegt wurde und kaum zur Debatte stand, war die „Würde“, die „Persönlichkeit“ des Kindes. Dessen Welt war meilenweit von der der Erwachsenen entfernt. Es fand keine sonderliche Beachtung und respektiert wurde es schon gar nicht. Das war die allgemeine Situation und zwar weltweit.

Die Fragen des Kindes wurden meistenteils überhört oder ungeduldig und oberflächlich beantwortet. Das, was es immer wieder von den „Großen“ zu hören bekam. Waren Äußerungen wie:

Das verstehst du nicht!

Das ist zu „hoch“ für dich! –

Darüber hinaus: Da Kinder und Jugendliche seinerzeit – in der Regel war es so! – keinerlei Selbstständigkeit und Willensfreiheit zugebilligt wurden und sie „menschliche Würde“ oder „Persönlichkeit“ noch nicht zu haben schienen, wurde ihnen häufig auch nicht gestattet, sich selbst für ihren zukünftigen Beruf oder Lebenspartner bzw. – Partnerin zu entscheiden. Das taten die Erwachsenen für sie. Und so, ungeachtet ihrer Wünsche und Neigungen, wurde über ihren Kopf hinweg bestimmt.

Und wie ist es heute?

Die moderne Erziehungswissenschaft erkennt das Kind als vollwertigen Menschen an, - etwas, das der Islam schon vor ca. 1400 Jahren kundtat!

Früher wurden beispielsweise Kinderfragen mehr oder weniger als „Zudringlichkeit“ und „Störung“ betrachtet. Heute sieht man es anders. Heute werden die Fragen des Kindes als Zeichen seiner Aufgewecktheit, Wißgebier und Intelligenz gewertet. Kinder dahingegen, die immer nur still und brav dasitzen und den Mund nicht aufmachen – weshalb sie vormals als artig, wohlerzogene Kinder bezeichnet wurden – stuft man heute als kränklich und nicht „kindgemäß“ ein.

Ein gesundes Kind, dessen Geist „wach“ ist, fragt. Fragt was es wissen möchte, und wissen möchte es viel. Ungehemmt stellt es seine Fragen und erwartet vernünftige Antworten.

Früher war – in der Regel –zwischen Kindern und ihren Vätern eine unsichtbare Wand errichtet worden. Eine Wand, die dem Kind das Sich- Anvertrauen schwer machte und einem herzlichen, vertrauensvollen Verhältnis im Wege stand.

Heute ist man zu der wichtigen Erkenntnis gelangt, dass niemand so geeignet ist, das Vertrauen des Kindes zu besitzen, wie gerade Vater und Muter. Niemand kann dem Kind soviel Geborgenheit und Sicherheit geben, wie seine Eltern. Für seine geheimen Wünsche und Gedanken hat niemand ein so offenes Ohr und soviel echtes Verständnis wie diese. Vorausgesetzt, dass sie sich ihrer Aufgabe und Verantwortung auch tatsächlich bewusst sind, - etwas, an das der Islam sie unter Nachdruck erinnert.

Es ist daher notwendig, dass Vater und Mutter sich darüber im Klaren sind und sich, - im Gegensatz zu so manchen anderen, unaufgeklärten Eltern – darum bemühen, dem Kind auch Freund bzw. Freundin zu sein.

Die Erziehungswissenschaft bringt die Lernbereitschaft und Intelligenz eines Kindes mit vielen Faktoren in Zusammenhang. Mit Faktoren, die seine Ernährung und gesundheitlich – physische Konstitution betreffen, vor allen Dingen aber auch die Liebe und Fürsorge, die ihm seine Eltern entgegenbringen wie auch die Zuwendung, die es hinsichtlich seiner geistigen Förderung erfährt.

Darum gilt es, den Erfordernissen des Kindes in höchstmöglicher Weise gerecht zu werden und eventuelle Ursachen und Schwierigkeiten, die es in seiner Entwicklung behindern könnten, zu vermeiden bzw. auszuräumen.

Stellungnahme des Islam

Der Islam ruft nachdrücklich zur Wahrung der „persönlichen Würde“ aller Menschen auf, insbesondere aber der des Kindes. Dieses geht deutlich aus seinen Weisungen hervor.

In vielen Ahadith, das heißt Worten und Zitaten des Propheten (s.a.s) und seiner Ahl- Bayts (a.s) – seiner ihm nahestehenden Angehörigen und Nachkommen – wird betont, dass die Persönlichkeit und Würde des Kindes zu schützen und zu achten und folglich auch sämtliche Versprechen, die ihm gemacht werden, einzuhalten sind.

Von Ibn al Hussayn (Imam Sagad a.s) wird in „Makärim al Ahlaq“ berichtet:

„Es gilt, sich um gutes Verhalten im Umgang mit Kindern zu bemühen. Ihre Fehler und Irrtümer sind großzügig zu übersehen und zu „bemänteln“. Milde, Güte und Nachsicht sind ihnen gegenüber angezeigt und ihre Persönlichkeit darf keine Beeinträchtigung geschehen. Es ist ihnen zu helfen, immerdar!“

Mit anderen Worten: Die Erwachsenen haben sich eines guten, milden und wohlwollenden Verhaltens Kindern gegenüber zu befleißigen, als auch deren persönlichen Würde zu wahren, zu unterstützen und ihnen – anstelle sie ständig und für jede Kleinigkeit zu tadeln und „herunterputzen“ – mit Güte, Freundlichkeit und Nachsicht zu begegnen und eine menschenwürdige Erziehung angedeihen zu lassen.

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