Grundkonzept

Grundkonzept des Islam

Prof. Abdoldjavad Falaturi

Inhaltsverzeichnis

Scharia und zeitlicher Wandel: Problemstellung

Die Frage, wie sich der Islam zu jeder Zeit und an jedem Ort zurechtfinden soll, ist so alt wie der Islam selbst, besteht also seit seiner Verkündung durch den Propheten Muhammad. Von Anbeginn haben die zeit- und lokalbedingten Probleme Anlaß zu allgemeinen Fragen gegeben, worauf dann der Koran und die Sunna über Zeit und Raum hinweg mit allgemeinen Regeln und Prinzipien erwiderten. Dennoch zeigt die Verfahrensweise des Propheten und seiner Gefährten (vor allem die der rechtgeleiteten Khalifen)[1] wie auch die der späteren Häupter (Imame) der verschiedenen madahib (orthodoxe Rechtsschulen), daß neue konkrete Fälle nicht selten zur Einschränkung oder vorübergehenden Aussetzung (aber kaum zur Aufhebung) der einen oder der anderen Regel bzw. Vorschrift oder sogar zu neuer Interpretation oder Uminterpretation der, islamisch gesehen, allgemeingültigen Prinzipien und Maximen geführt haben.

Um so wichtiger und dringender ist die Frage in unserer Zeit. Dabei hat es der Islam mit einer neuen Erscheinung zu tun, die die Muslime sonst in ihrer Geschichte nicht kannten, nämlich mit Erscheinungen, die infolge der neuen Konfrontation der islamischen Länder mit dem Westen in seiner ganzen Vielfalt entstanden sind. Zur Bewältigung der damit entstandenen gegenwärtigen Probleme muß der muslimische Fachgelehrte von den Verfahrensweisen der früheren islamischen Autoritäten lernend, neue Wege finden. Dass dies möglich ist, zeigt die Entwicklungsgeschichte des Islam selbst: Der Islam hat es geschafft, sich mit all denjenigen fremden Kulturen, mit denen er zu tun hatte, auseinanderzusetzen, sie islamisch umzugestalten, um schließlich zu einer fruchtbaren Lösung der daraus entstandenen Probleme zu kommen.

Prinzipiell und analog dazu müsste der Islam auch das Gleiche mit dem gegenwärtigen westlichen Geist unternehmen können: Das besondere Problem hierbei ist jedoch der von der westlichen Zivilisation mit allen ihren gesellschaftlichen Erscheinungen erhobene Anspruch auf Überlegenheit, bei dem zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Interesse des Westens an den islamischen Ländern und an dem Verhalten der Muslime dem Westen gegenüber besonderes Gewicht zukommt. Auf dieses Hegemoniedenken, auch bezüglich der islamischen Länder, haben die Muslime unterschiedlich reagiert, woraus sich dann ebenso unterschiedliche Lösungsversuche entwickelt haben.

[1] Die ersten vier - rechtgeleiteten - Kalifen waren Abū Bakr, Umar, ´Uthman und Ali.

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