Mesnevi

Mesnevi

Dschalaleddin Rumi

Aus dem Persischen übertragen von Georg Rosen

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Ghasel aus dem Diwan-i Schems-i Tabrizi von Dschelal ed din Rumi

Ihr Muselmänner! Ach, ich kenn' mich selbst nicht mehr, was fang' ich an?
Ich bin kein Jude kein Christ, kein Parse und kein Muselmann. -
Mich bracht' der Himmel nicht hervor und nicht das Bergwerk der Natur,
Nicht Orient, nicht Okzident, nicht festes Land, nicht Ozean;
Bin nicht aus Erde, nicht aus Luft, aus Feuer und aus Wasser nicht,
Gehöre nicht der Existenz noch späteren Existenzen an.
Ich stamme nicht aus Indien her, aus China, noch aus Turkistan,
Nicht aus dem Reiche von Irak, nicht aus dem Lande Chorassan.
Von Adam und Eva nicht und nicht aus Zeit und Ewigkeit,
Gehöre nicht der Hölle und auch nicht dem Paradiese an.
Kein Ort in dieser Welt ist mein, kein Merkmal soll mein Merkmal sein!
Ich bin nicht Körper und nicht Geist, nur Seinem Geist gehör' ich an.
Die Zweiheit tat ich von mir an, die beiden Welten sind nur eins.
Eins such' ich nur, eins weiß ich nur und eins ich nur besingen kann.
Das erste Er, das Letzte Er, unsichtbar Er und sichtbar Er,
Und außer Ihm allein erkenn' ich keinen andern an.
Und wenn ich einen Augenblick im Leben ohne dich verbracht,
So seh' ich jene Stunde als vergeudet und verloren an.
Und bin ich jemals ganz allein mit Dir im stillen Kämmerlein,
Was geht bei solcher Seligkeit mich diese Welt und jene an?
O „Sonne von Tabris“, ich bin so trunken schon in dieser Welt,
Dass außer Wein und Trunkenheit ich an nichts andres denken kann!

In einer erhabenen Negation schwindet dem Sänger alle Realität, und so ist es mit zahllosen Dichtungen Dschelal ed dins und anderer Mystiker. Sie sollen alle von der ganzen Welt und sich selbst nichts wissen. Ist ihnen alles erst verschwunden, dann bleibt nur das touhid, das Einheitsbewusstsein mit der Gottheit übrig, dann ist ihr Ziel erreicht.

Kein Wunder, dass gegen eine solche Philosophie des nichtseins und des Nichtwissens sich auch Proteste erhoben. Unserem Dichter selbst ist dies gewiss oft zum Bewusstsein gebracht worden und er hat auch hieraus geantwortet. Er erzählt im dritten Buche des Mesnevi, wie ein trunkener Türke sich von einem persischen Sänger vorsingen lässt und dessen fortwährenden Negationen Anstoß nimmt. Nicht ohne humor parodiert er hierbei seine eigene Lyrik der Art, wie wir sie in dem eben zitierten Ghazel kennen gelernt haben. Unter dem Türken ist hier der gemeine, nicht durch das Feuer der Mystik erleuchtete Verstand gemeint, dem dann mit den Argumenten der esoterischen Lehre geantwortet wird:

Der trunkene Türke und der Sänger.

(Aus dem „Mesnevi“, Buch III.)

Vor jenem trunknen Türken setzte dann
Der Sänger sich und hub zu singen an.
Und in der Dichtkunst Schleier tat sein Mund
Ihm der Mysterien allertiefste kund:
„Ich weiß es nicht, bist du der volle Mond?
Bist du ein Götterbild, das vor mir thront?
Ich weiß nicht, wie du mich so ganz erfüllst,
Ich weiß auch gar nicht, was du von mir willst. -
Ich weiß nicht, was mich zieht, Luft oder Schmerz?
Bald drückst du mich zu Tod, bald an dein Herz.
Ich weiß es nicht, wie soll ich vor dich treten?
Soll ich dich lieben? Soll ich zu dir beten?
Und, da ich aufgegangen ganz in dich bin,
So weiß ich nicht, wo du bist und wo ich bin.“

Als so der Sänger zu der Laute Klang
„Ich weiß nicht“ und „ich weiß nicht“ weiter sang,
Da ward es unserm Türken doch zu viel,
Voll Zorn griff er nach seiner Keule Stiel
Und schlug damit nach dem erschreckten Sänger:
Dieses „ich weiß nicht“ mag ich nun nicht länger -
Wenn du was weißt, so tu's gefälligst kund,
Und wenn du nichts weißt, nun, so halt' den Mund!
Zum Beispiel: frag' ich dich: Wo bist du her?
So sagst du: „Nicht vom Land und nicht vom Meer.
Nicht aus Herat, aus Balkh nicht, noch aus Rom,
Nicht aus Damaskus, nicht vom Euphratstrom.
Aus Bagdad nicht und nicht vom Perserland,
Aus China nicht und nicht vom Tigrisstrand.“
Statt so zu fuchteln in die Kreuz und Quer,
Sag' doch ganz einfach, Mensch, wo bist du her?
Und frag' ich dich: Was gab es heut zu Tisch?
So sagst du gleich: „Nicht Braten und nicht Fisch,
Nicht Käse und nicht Lauch, nicht Hülsenfrüchte,
Nicht Zucker, Honig oder Milchgerichte.“
Statt mir zu sagen, was es gab zu essen,
Nennst du mir alles, was du nicht gegessen!
Dies ew'ge Nicht und Nein ist mir zu viel!“
Der Sänger sprach: „Verborgen war mein Ziel.
Du fragst mich nach dem Sinn des vielen Neins,
Das Nein erst führt dich auf die Spur des Seins.
Scheint auch das Negative eitel Luft dir,
Bringt's doch vom Positiven einen Duft dir.
Die Negation nur stimmt mein Instrument,
So wie im Tod man erst die Wahrheit kennt.
Bis du das Leben nicht ganz aufgegeben,
Spannt einen Schleier vor dein Aug' das Leben.
Eh' dir nicht ganz verblich der Sterne Licht
Erblickst du ja die helle Sonne nicht.
Drum kehr die Keule lieber gegen dich!
Schlag' tüchtig zu, Freund, und zerschlag' dein Ich!
Denn, willst du hier Erkenntnis schon erwerben,
Folg' des Propheten Rat: Stirb vor dem Sterben.“

Also nur die Verneinung alles Wahrnehmbaren ist der Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit, und nur in der Ekstase wird das innere Auge sehend. Die Wirkung dieser Lehre auf das ganze Denken und Handeln der ihr huldigenden Völker kann wohl kaum hoch genug angeschlagen werden. Sie hatte zunächst zur Folge, dass alle Naturbeobachtung als überflüssig, wenn nicht obendrein als irreleitend angesehen wurde und somit aus dem menschlichen Denken verschwand. Auch bei uns war dies im scholastischen Mittelalter – und Gott allein weiß, wie lange danach noch – der Fall. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der deutsche Gelehrte, um sich über die Natur des Löwen zu unterrichten, im Aristoteles oder Plinius, um seine geographischen Kenntnisse zu bereichern, im Herodot oder Strabo nachschlug, ganz zu schweigen von der unangefochtenen Autorität des Alten Testaments in allen auch außerreligiösen Dingen. Aber uns haben Renaissance und Reformation Licht und Luft gebracht. Der islamische Orient hat sich von den Fesseln der durch die mystische Denker ist jener Sufi, der, statt sich an der blühenden Natur zu erbauen, seinen Blick nach innen kehrt, wo er das alles viel besser (als Erinnerungsbild der ursprünglichen Welt der Vollkommenheit) erschauen kann.

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