Mesnevi

Mesnevi

Dschalaleddin Rumi

Aus dem Persischen übertragen von Georg Rosen

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Gleichnis mit Christen.

Als aus dem Haus die Flasche ihm zu holen
Dem doppelsicht’gen Knecht sein Herr befohlen,
Fragte der Knecht: „Sag’, welche von den beiden
Begehrst du? Wolle mich genau bescheiden!“
Der Herr sprach: „Eine Flasche ist’s, nicht zwei;
Drum sieh nicht doppelt, bring’ sie mir herbei.“
Der Knecht sprach: „Herr, du schmähst mich ohne Recht!“
Der Herr sprach: „So zerbrich die eine, Knecht!“
Und er zerschlug sie, und es schwanden beide –
Trüb wird des Menschen Aug’ im Hass und Neide.
Eine nur war es, die als zwei er sah,
Und als sie brach, war keine zweite da.

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Der Zorn, die Gier, nimmt uns des Auges Klarheit
Und raubt dem Sinn die Gradheit und die Wahrheit.
Die Tugend birgt sich und ein Schleier trennt
Augen und Herz, wo Leidenschaft entbrennt.
Den Richter macht, der auf Bestechung sinnt,
Die Habgier gegen Recht und Unrecht blind.
So trübte jüd’scher Hass dem Schah die Blicke –
O hilf und, Herr, vor solchem Missgeschicke!
Denn er befahl viel tausend Gläub’ger Mord
Und sprach: „Ich bin des Judentumes Hort!“

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Ihm diente ein Wesir, ein Menschenhasser,
der schlau in Knoten schlingen konnte Wasser.
Der sprach: „Die Christen fürchten für ihr Leben,
Drum ihren Glauben sie zu bergen streben.
Du Forscher im Verborgnen, weiser Schah!
Töte sie nicht, stell’ ihrem Blut nicht nach!
Töte sie nicht! Es ist verlorne Müh’:
Ein Duft verrät die ja den Glauben nie.
Wohl hundert Hüllen ihren Sinn umspinnen,
Was außen dein scheint, ist dir fremd von innen.“ –
Der König sprach: „So sag’, mit diesen Christen
Was fang’ ich an, um sie zu überlisten?
Dass von der Welt das Christentum verschwinde,
Nicht offen, nicht geheim hinfort sich finde.“
Er sprach: „Schneid’ mir die Hände ab, die Ohren,
Lass grausam Nas’ und Lippen mir durchbohren,
So führe mich zum Galgen hin, zum Rade,
Und dort erwirke mir ein Fürspruch, Gnade.
Auf einem Kreuzweg oder Marktplatz lasse
Dies vor sich gehen, auf volkbelebter Straße.
Alsdann verbanne mich nach fernem Lande;
So bring’ ich Elend über sie und Schande!
Denn, „heimlich“ sag’ ich, „bin ich Jesu Knecht, -
Gott, der das Innre sieht, er kennt mich recht!
Doch da dem Schah mein Glauben kam zur Kunde,
Begehrt’ er wütend meinen Tod zur Stunde.
Ich strebte, der Entdeckung vorzubeugen,
Mich äußerlich als Jude stets zu zeigen;
Der Schah jedoch bald mein Geheimnis merke,
Seinen Verdacht mein Reden nur bestärke.
‚Dein Wort,’ sprach er, ‚im Brot der Nadel gleicht
Ein Fenster in dein Herz aus meinem reicht,
Und dieses Fenster tut mir kund das Wahre
Deiner Gesinnung; drum die Worte spare!’
Wär’ Jesus nicht, mein Glauben, mein Vertrauen,
in Stücke hätt’ er jüdisch mich zerhauen. –
Um Jesus geb’ ich gern mein Haupt und Blut,
Ich nehm’ es hin aus seiner Gnaden Flut;
Gern lass’ ich mir um ihn das Leben rauben –
Doch ich bin tiefgelehrt in seinem Glauben,
Und seht, mich schmerzt es, dass Unwissenheit
Vernichtet dieser Lehre Lauterkeit.
Doch Gott und Jesu sei’s zum Preis und Ruhme,
Dass ich Wegweiser ward dem Christentume!
Frei aus dem Judentume ich erstand,
Um meine Lenden ich den Gürtel wand.
Ihr Männer, diese Zeit ist Jesu Zeit,
Drum euern Geist ganz seiner Lehre weiht.“
Als der Wesir sich also ausgesprochen,
War jede Sorg’ im Haupt des Schahs gebrochen.
Wie diesen er gebeten, so geschah es,
Und alles Volk im höchsten Staunen sah es.
Verstümmel trieb man zu den Christen dann
Den Mann, der alsobald sein Werk begann.

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Und viele Tausende von Christen kamen
An seinem Wohnort nach und nach zusammen.
Die Worte Christi, seiner Taten jede
Erzählt’ er ihnen in beredter Rede,
Des Gürtels und Gebets Geheimnis lehrt’ er,
Heimlich der Evangelien Sinn erklärt’ er,
Von außen ganz ein Lehrer der Gesetze,
Und innerlich ein Lockton nur zum Netze. –
Den Achmed bat einst seiner Treuen Schar:
„Mache des Selbstsucht-Dämons List uns klar;
Sag’ uns, was mischt sich doch des Zwecks Gemeinheit
In unsre Anbetung und Seelenreinheit?“
Sie fragten nicht: „Wie soll’n wir überbieten
Den Dienst, wie uns vor offnen Fehlern hüten?“
Sie, die, wie Rosen wir von Nesseln scheiden,
Die Selbstsucht scheiden konnten und vermeiden,
Sie staunten, die so klugen, ob der Kunde,
Die ihnen ward aus des Propheten Munde.

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Der Christen Herz gewann bald der Wesir;
Was wirkt im Volke nicht die Neubegier!
Im Busen seiner Liebe Saat sie bauten,
Und wähnten töricht ihn Jesu Betrauten.
Doch er war der einaugige Antichrist, –
Gott schütze uns vor des Verruchten List!

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Ach, manches Netz ist uns gestellt, und wir,
Hungrigen Vögeln gleichen wir an Gier!
Immer ein neues Netz, in das wir fallen,
Und wär’ uns Adlerblick beschieden allen;
Immer befreit und Gott, doch keiner Warnung
Achtend gehen wieder wir in die Umgarnung!
Füllten wir unsre Speicher noch so sehr
Mit Weizen an, die Speicher blieben leer,
Und keiner war von uns, der je bedachte,
Dass ihm die List der Maus den Schaden brachte,
Der Maus, die ihren Wohnsitz aufgeschlagen
Im Speicher und das Korn davongetragen.
O Mensch! Die Maus musst du zunächst verjagen,
Dann kannst du Weizen aufzuspeichern wagen.
Merk’ wohl auf jene Worte des Propheten:
„Vollendung gibt die Inbrunst nur dem Beten.“
Der vierzigjähr’gen Arbeit Korn, wo blieb es,
Wenn nicht die Maus entwendete, der Dieb, es?
Wir häufen gute Werke mehr und mehr –
Warum bleibt des Verdienstes Schrein denn leer?
Vom Feuerstahl gar mancher Funke fällt,
Den zundergleich das Herz auffängt und hält;
Jedoch ein Dieb in Finsternis und Graus
Drückt mit dem Finger diese Funken aus,
Löscht, einen nach dem andern, diese Funken,
Damit kein Licht vom Himmel möge prunken!
Sind tausend Netze auch auf unsrem Pfade,
Wir sind getrost, o Gott, in deiner Gnade;
Wenn deine Huld, Allgüt’ger, mit uns ist,
Fürchten wir nicht des argen Feindes List! –  

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Den Geist allnächtlich aus de Leibes Schranken
Befreist du, nimmst ihm Sorgen und Gedanken.
Frei seiner Fessel nachts der Geist sich fühlt,
Keiner befiehlt ihm, keinem er befiehlt.
Gefangne denken ihrer Banden nicht,
Könige nachts an ihre Lande nicht,
Es grämt niemand um Vorteil und Verlust sich,
Keiner Erinnrung ist der Mensch bewusst sich.
Nicht Schlaf, Auflösung ist’s im ein’gen Gotte, -
Nicht sorge um die Schläfer in der Grotte!
Dem Schicksalsschreibrohr gleicht in Gottes Hand,
Wer Tag und Nacht schläft allem ird’schen Tand;
Und denkst du, dass das Rohr sich selber führe
Und brauche keine Hand, die es regiere?
Der Auflösung in Gott ein Abglanz zeigt
Im Schlafe sich, wenn die Empfindung schweigt,
Wen Geist und Leib ohn’ Regung, ohne Leben,
Wenn im Gesild’ des Herrn die Seelen schweben.
Dann lockst du, und wir fliegen in dein Netz,
Und du ziehst uns zum Recht hin, zum Gesetz.
Wenn dann das Frührot uns das Taglicht bringt,
Des Himels goldner Aar die Flügel schwingt,
Wenn schöpferisch, wie Asrafel, der Morgen
Gestaltet alles, was die Nacht verborgen,
Dann bindet an die Körper Gott die Geister
Und neue Last den Körpern überweist er.
Das Ross der Seele macht, des Sattels bar,
Den Spruch: „Schlaf ist des Todes Bruder“, klar.
Doch weil am Tag die Last rückkehrt den Rossen,
Hält ihren Huf Gott an ein Seil geschlossen,
Um morgens sie vom Anger herzubringen
Und von der Weide sie ins Joch zu zwingen.
O mögst du, wie die Schläfer in der Höhle,
Wie Noahs Schiff, behüten meine Seele,
Dass von der Sintflut des Vernünftelns frei
Das Aug’ und Ohr mir und Gewissen sei! –
Gar viele gottversunkne Schläfer werden
Stets dir vor Augen sein, o Mensch, auf Erden,
Die dir vom Freunde singen, vom Asyle –
Doch, wenn dein Ohr nicht hört, zu welchem Ziele?
So sprach ein Fürst zur Leila: „Das bist du,
Um die Medschnun verloren alle Ruh’?
Ich finde nicht so schön dein Angesicht!“
Sie sprach: „O schweig! Du bist Medschnun ja nicht.“ –

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Wer wachen Auges eher schläft als wacht,
Dem wär’ es besser, schlief er Tag und Nacht.
Wacht nicht dem ein’gen Wahren unser Geist,
Als Hemmnis da das Wachen sich erweist.
Am Tag in Phantasieverwirrungen,
In Habsucht- und Besorgnisirrungen,
Find’t keine Rast die Seele und verliert
Den Weg, der sie zur ew’gen Wonne führt.
Der schläft, der sich an Luftgebilden letzt,
Auf Einbildungen seine Hoffnung setzt.
Statt der Huri im Traum des Divs genießt er
Und seine Wollust über ihn ergießt er;
Also ein ödes Land befruchtend, findet
Sich selbst er wieder und sein Traumbild schwindet,
Er findet wüst den Kopf, den Leib befleckt –
Weh, wen ein nichtig Traumgebilde neckt!
Es kreist hoch in der Luft der Aar; sein Schatten
Irrt wie ein Vogel durch Gefild’ und Matten,
Und mühsam, diesen Schatten zu erlegen,
Verfolgt der Tor auf Wegen ihn und Stegen,
Und weiß nicht, dass ein Luftbild nur des Wildes
Es ist, noch wo der Kern des Schattenbildes.
Eifrig verfolgend schießt er seine Pfeile
Und leert den Köcher aus in blinder Eile; -
Des Lebensköchers Pfeile gehn dem Toren,
Der nur nach Schatten hascht, also verloren! –
Doch der bleibt frei vom Schatten und vom Wahn,
Den Gottes Schatten führt auf seiner Bahn,
Der Fromme, der in Gottes Dienst beständig,
Er, der der Welt tot und in Gott lebendig.
O zaubre nicht, halt an des Heil’gen Kleid dich,
Dass er erlöse in der letzten Zeit dich!
Als Schatten Gottes sei er dir ein Führer
Zum höchsten Sonnenlicht, zum Allregierer!
Wandle nur unter solchen Leitsterns Blinken;
Sprich mit Chalil: „Ich mag nicht die da sinken.“
Der Schatten leite dich zur Sonne hin,
Drum fasse das Gewand des Schems ed din.
Kennst du den Weg zu diesem Holden nicht,
So frag’ Hussam, der ew’gen Wahrheit Licht.
Doch fasst dich auf dem Wege Neid, so merke,
Dass in dem Neid besteht des Teufels Stärke,
Der nur aus Neid gering den Adam schätzte,
Aus Neid der Seligkeit sich widersetzte.
Auf deinem Pfad ist dies der schroffste Steg –
Heil, wem nicht Neid mitzieht auf seinem Weg!
Der Neid des Menschen Leib als Haus bewohnt,
Drum bleibt kein Mensch vom Neide je verschont.
Doch ob der Leib des Neides Haus auch sei,
Gott schuf den Leib vom Neide rein und frei.
„Reinigt mein Haus!“ gebeut Gott, und ist nicht
der irdne Talisman ein Schatz von Licht?
Dem, der den Neidlosen beneidet, macht
Der Neid das Herz schwarz, wie die schwarze Nacht.
Drum sollst du Staub zu der Gläub’gen Füßen,
Staub, wie wir auf das Haupt des Neides gießen.

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Der neidentsprossene Wesir, verloren
Gab er in eitlem Wahne Nas’ und Ohren,
Hoffend, dass mit des Neides gift’gem Pfeile
Er sein erseh’nes Opfer bald ereile.
Wer neidverblendet seinem Nächsten Leid
Antut, dem raubet Nas’ und Ohr der Neid.
Die Nase ist das Duftempfindende;
Das nach dem Duft die Heimatfindende;
Der ist geruchlos, dem der Duftsinn fehlt,
Duft ist der Glaube, der das Herz beseelt.
Wen bei des Dufts Genuss nicht Dank durchglühte,
Der stieße von sich frech des Ew’gen Güte.
Sei dankbar, Mensch, sei der Dankbaren Knecht,
Erstirb vor ihnen, stehe stets im Recht!
Die Menge vom gebet verführe nicht,
Führe sie irre, gleich dem Wesire, nicht!
Der schien zum wahren Glauben hinzuleiten,
Doch Knoblauch war in sein Wort verstand,
Neben dem Süßen Bitterkeit drin fand; -
Gar weise Sprüche, doch mit Doppelsinn,
Zucker mit Rosenöl, doch Gift darin.
O lass solch frommes Wort dich nie betrügen!
Hundert Verbrechen drin verborgen liegen.
Denn wohl befahl er: „Ringet nach dem Wahren“
Doch lag in seinen Worten: „Lasst es fahren“
So ist das Erz von außen blank und hell,
Doch schwärzt es ab an Hand und Kleidern schnell;
So auch das Feuer in der Lohe rot ist,
Doch schwarz sein Werk, die Kohle, wenn sie tot ist.
So ist der Blitz ein Licht für das Gesicht,
Doch blendet er nicht unser Augenlicht?
Und jeder minder Einsichtsvolle trug
Als köstliches Geschmeid das Wort voll Trug.
Vom König fern sechs Jahre fort und fort
War der Wesir der Diener Jesu Hort.
Herz hatten sie und Glauben ihm ergeben,
Und sei Gebot war ihnen Tod und Leben.

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Botschaften hin und wieder – es versprach
Jede Gunst heimlich dem Wesir der Schach
Und schrieb: „Die Zeit ist da, du mein Getreuer,
Von Sorg’ und Angst jetzt werde mein Befreier!“
Die Antwort war: „Bald wird mir’s, Herr, gelingen,
Verderben in die Christenheit zu bringen.“

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Nach den Gesetzen Jesu Volk zu führen
War anvertraut als Obherrn zwölf Emiren.
Zwölf Stämme unter den zwölf Fürsten stunden,
Durch ird’sche Rücksicht ihren Herrn verbunden.
Die Fürsten waren mit den Stämmen allen
Als Sklaven dem Wesir anheimgefallen.
Seinen Lehren und Reden trauten alle,
Und auf sein Tun und Lassen schauten alle.
Kein Fürst, der nicht sein Leben hingegeben,
Hätt’ er gesagt: „Du darfst nicht länger leben.“

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Und je hinleitend auf verschiedne Bahn,
Fertigt’ er jedem ein Gesetzbuch an,
Je andern Inhalts jeden Stammes Buch
Und alle unter sich im Widerspruch.
In einem sprach er aus: „Selbstüberwindung
Allein ist der Rückkehr zu Gott Begründung.“
Im andern: „Die Entsagung hilft zu nichts;
Nur Edelsinn führt auf den Pfad des Lichts.“
Im dritten: „Fasten bringt und Edelsinn
Zu frecher Gleichstellung mit Gott dich hin,
In Freud’ und Leid bereitet dir’s Gefahr,
Nur die Ergebung hilft dir immerdar.“
In einem andern: „Freund, der Dienst tut not,
Denn ohne Dienst ist die Ergebung tot.“
Dann wieder: „Die Gebote, sie bestehen
Nur, dass wir unsre Schwäche draus ersehen,
Dass seine Ohnmacht drin der Mensch gewahre
Und sich ihm Gottes Kraft dann offenbare.“
Dann wieder: „Hüte dich, dich schwach zu nennen,
Das hieße Gottes Gnade ja verkennen;
Denn deine Kraft ist Ausfluss seiner Kraft,
Ist Gnadengabe des, der alles schafft.“ –
In einem andern: „Dieses beides lasst!
Idol ist alles, was das Aug’ erfasst.“
Dann hieß es: „Töte nicht das Augenlicht,
Denn der Gedanken Licht ist das Gesicht;
Wer Anschauung verschmäht und Phantasie,
Löscht des Genusses Lampe sich zu früh.“
Und wieder: „Lösch’ das Licht aus ohn’ Erbangen,
Und tausendfachen Lohn wirst du erlangen.
Ist tot dasLicht, dann wchst der Geist; Geduld
Schafft dir der Leila deiner Wünsche Huld.
Wer fromm sich lossagt von der Welt, dem fällt
Mehr als die Welt zu und was sie enthält.“
In einem andern: „Was dir Gott verliehn,
Soll dir zur Lust und zum Genuss erblühn.
Erfass’ es wohl, - lässt er’s doch leicht dir werden;
Wird dich nicht selbst in Not und Beschwerden.“
Und wieder: „Freund, entsag’ den Lüsten allen,
Denn sündhaft ist des Fleischs Wohlgefallen.
Gar viele Pfade leicht und eben scheinen,
Und jedes Volk verfolgt eifrig den seinen;
Doch wenn im Leichten nur der Pfad bestände,
Kein Jud’ und Geber, der ihn da nicht fände!“
Dann wieder: „Heil ist da nur wohlbewährt,
Wo, was im Herzen lebt, die Seele nährt.
Denn fruchtlos ist und öde, gleich der Wüste,
Im Ausgang alles fleischliche Gelüste;
Nur Reue ist die Ernte solche Wandels,
Bedauern der Ertrag nur solchen Handels,
Und nicht erweist im Ausgang sich’s als Heil,
Der Name Unheil wird ihm da zuteil.
Was Heil, was Unheil, welches von den beiden
Im Ausgang schön ist, lern’ es unterscheiden!“
Dann hieß es: „Einen Meister wähle dir,
Denn kein Verstand begreift den Ausgang hier.
Den Ausgang hoffte mancher zu entdecken,
Und blieb in Irrtum und Verachtung stecken.
Des Ausgangs Kenntnis ist kein Handgewebe –
Wer ist, der allen Zwiespalt sonst nicht höbe?“
Dann wieder: „Meister du nur selbst dir bist,
Dein eignes Urteil ja den Meister kiest.
Drum wird’ ein Mann und sei nicht andrer Spiel,
Selbstständig zeuch und festen Sinns zum Ziel!“
Und dann: „Das All ist eins; wer Zweiheit drin
Erblickt, des Aug’ ist krank und trüb ein Sinn.“
Und wieder: „Wird das Hundert je zum einen?
Wahnsinnig dünken mir, die solches meinen.“
So waren – Gift und Balsam – gegenseitig
Die Lehren alle fremd und widerstreitig.
Und wenn in Gift und Balsam du besangen,
Kannst du zum Duft der Einheit da gelangen?
In dieser Art in den zwölf Büchern sprach er,
Des Glaubens Jesu arger Widersacher.
Zu Jesu Einfalt reichte sein Verstand nicht,
Und Jesu Farbe färbte ein Gewand nicht,
Sie, drin das bunteste Gewand geschwinde
Schlicht wird und lieblich gleich dem Morgenwinde.
Nie satt wird ihrer, wer durch sie dem Wahren
Zustrebt, wie nie der Fisch des Quells, des klaren.
Ob tausendfältig bunt das Trockne scheine,
Es liebt der Fisch die Welle nur, die reine.
Doch ist mit seinem Heer das Meer zu klein.
Es liegen ja im Staub zahllose Meere
Anbetend vor dem Herrn mit ihrem Heere.
Fällt Gnadenregen nieder nicht ihn’ Ende,
Auf dass das Meer uns Perlenschätze spende?
Glühn nicht unzähl’ge Sonnen, um den Meeren,
Den Wolken die Barmherzigkeit zu lehren?
Fiel nicht ein Weisheisstrahl auf Flut und Erde,
Dass er im Erdenschoß zum Saatkorn werde? –
Treu ist die Erde; was wir auf sie säen,
Des Art lässt ohne Trug sie auferstehen;
Der Treu der Sonn’ ist ihre Treu entflossen,
Die über sie das Licht des Rechts ergossen;
Doch ihr Geheimnis hält sie still verwahrt,
Bis uns der Lenz die Allmacht offenbart.
Wer gab denn solche Treu, solchen Verstand
Dem Unbeseelten, als des Höchsten Hand,
Des Huld im Leblosen Bewusstsein weckt,
Des Zorngericht den Klugen niederstreckt?
Doch ist für Geist und Herz dies Wort zu hoch –
Kein Ohr vernimmt mich; drum was red’ ich noch?
Wo ein Ohr ist, zum Aug wird’s überall,
Und wo ein Stein ist, wird es zum Kristall.
An seine Zauberkraft reicht Zauber nie,
Nie Alchimie an Seine Alchimie!
Lob will reden, doch kein Lob ich finde;
Loben heißt Sein, und alles Sein ist Sünde.
Geh’ auf in Seinem Sein! Vergeh’ vor Ihm!
Denn blau ist alles Sein und blind vor ihm.
Wär’ es nicht blind, es wär’ vor Ihm zerronnen,
Es wär’ zergangen vor der Glut der Sonnen,
Und trüg’ der Trauer Farbe es, das Blau, nicht,
So wär’ wie Eis erstarrt der Weltenbau nicht.

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Dem König gleich, halsstarrig für und für
Stritt gegen das Verhängnis der Wesir,
Gegen die Allmacht, die durch einen Ruf,
Durch ein Wort aus dem Nichts die Welten schuf.
Zahllose Welten werden offenbar
Dem Aug’, das Gott sehkräftig macht und klar;
Und scheint das Weltall dir unendlich groß,
Nur ein Atom ist’s in der Allmacht Schoß.
Der Kerker deiner Seele diese Welt ist;
O Mensch! zieh hin, wo deiner Freiheit Feld ist.
Sie ist begrenzt, doch dies ist ohne Schranken,
Denn Hemmnis ist die Form für den Gedanken.
Mit bloßem Stab zerbrach unzähl’ge Speere
Moses in des Ägypter-Herrschers Heere;
Zahllose Dichter macht’ in allen Landen
Ein Wort aus Gottes schlichtem Buch zuschanden!
Wer, wenn nicht der Gemeine, will nicht gern
Ersterben vor dem allgewalt’gen Herrn,
Dem Herrn, der felsenfeste Herzen zwingt,
Des Garn sich um den klugen Vogel schlingt?
Verstand und Einsicht sind nicht seine Pfade,
Zerknirsche nur empfängt des Herrschers Gnade.
O die ihr Schätze häuft, in Winkeln scharrt,
Dem Wahn anklebet, wie dem Stier der Bart,
Was ist der Stier, dem ihr als Bart euch leiht,
Was ist der Erdenstaub, des Kraut ihr seid?
Ein Weib, erblasst ob einer bösen Handlung,
Ward zum Gestirn der Suhra durch Verwandlung.
Ist es Verwandlung, wenn zum Stern ein Weib wird,
Wie viel mehr, Frevler, wenn zu Staub dein Leib wird!
Zum Horizont will ich dich dein Geist erheben,
Doch niedrig bleibst am Staub und Schlamm du kleben.
Der niedre Sinn macht, dass du dich entkleidet
Der Würde, drum die Engel uns beneidet
War die Verwandlung Suhras nicht zum Heil, -
Welche Erniedrigung wird dir zuteil!
Zum Himmel steigst du auf des Eifers Rossen,
Doch Adams Glorie ist vor dir verschlossen.
Bist du nicht Adams Sohn? Wie lang, o Tor,
Ziehst dem Erhabnen du das Niedre vor?
Wie lang sprichst du: „Ich will das All umfassen,
Die ganze Welt soll meinen Ruhm nicht lassen?“ –
Ging’ auch die ganze Welt in Schnee zugrunde,
Der Sonne Glut zerschmölze ihn zur Stunde.
Der jüdischen Wesirs und seinesgleichen
Verbrechen Gottes Flammenschwerter weichen;
Den tollen Wahn zur Weisheit wendet er
Und aus dem Giftsaft Balsam spendet er,
Aus dunkler Ahnung lässt er Klarheit sprießen,
Aus Hass und Neide lässt er Liebe fließen,
Zur Ruh’ macht er die Angst, zum Rosenhain
Ward dem Chalil des Feuerofens Schein.
Für ihn entbrannt, die Sinne mir entschwinden,
Zum Zweifler werd’ ich, will ich ihn ergründen!

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Ein andres dann ersinnend, tauschte schnelle
Den Lehrstuhl der Wesir mit stiller Zelle
Den Jüngern Sehnsucht lassend nur und Klage,
Hielt er sich in der Zelle vierzig Tage.
Wahnsinnig machte die Erinnerung
An seiner Reden Anmut alt und jung.
Gekrümmt vom Fasten saß er in der Zelle,
und flehend traten sie auf seine Schwelle
Und sprachen: „Ohne dich sind ohne Licht wir,
Sind Blinde, denen es am Stab gebricht, wir.
Um Gottes Willen, des allgnäd’gen Herrn,
Halt’ uns nicht länger, Meister, von dir fern!
Säuglinge sind wir, unsre Amme du –
Bring’ uns im Schatten deiner Huld zur Ruh’.“ –
Er sprach: „Mein Herz ist immer bei den Meinen;
Allein ich darf nicht unter euch erscheinen.“
Flehend die zwölf Emire vor ihn traten,
Sich selbst anklagend seine Jünger nahten:
„Welch Unheil! denn an Glauben und an Geist
Sind, Edler, ohne dich wir wie verwaist.
Vorwände suchst du, und in heißen Schmerzen
Entsteigen kalte Seufzer unsren Herzen.
Dein lieblich Wort, hat es und nicht belehrt?
Hat deiner Weisheit Milch uns nicht ernährt?
Um Gott, um Gott! Entreiß’ uns diesen Sorgen,
Tu’ Gutes heut und lass’ es nicht auf morgen!
Kannst du es sehn, dass fern von dir verderben
Wir, die wir dir nur leben, dir nur sterben?
Wie Fische lechzen wir auf trockner Erde –
Zieh auf die Schleusen, dass uns Wasser werde!
O du, desgleichen keine Zeit gesehn,
Hilf uns, um Gott! lass’ uns nicht untergehn!“

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Er sprach: „O dir für Zunge ihr und Ohr
Worte wollt und am Wort klebt, seht euch vor!
Das Ohr des Außensinns, mit Wolle schleußt es,
und nehmt des Sinnes Band vom Aug’ des Geistes.
Das äußre Ohr schließt und betört das innre,
Nur wenn das äußre taub ist, hört das innre.
Der Sinnenwelt verschließet Tor und Tür!
Dann hört ihr, wie Gott spricht: „Kehr um zu mir!
Könnt ihr, wenn ihr für Worte wacht, gewahren,
Was euch nur Traugesichte offenbaren?
Das Wort, das Werk vernimmt der äußre Sinn,
Der innre Sinn schwebt ob den Himmeln hin.
Der formerzeugte Sinn sieht die Gestalt nur,
Auf Wogen wandelt Jesu Geistgewalt nur!
Gestalt nur sieht das Auge, selbst gestaltet,
Dem Geiste sich des Meeres Herz entfaltet.
Bald Berge, Täler bald und Ströme findet,
Wem auf dem Pfad der Form das Leben schwindet;
Doch nur die sich der Meereswell’ vertrauen,
Endlich des Lebenswassers Quell erschauen.
Des Landes Well’ ist des Verstandes Helle,
Rausch und Vernichtung ist des Meeres Welle.
Fremd diesem Rausche ist der Formentrunkne,
Blind diesem Kelch der in Gestalt Versunkne.
Das Wort gleicht Staube auf der Seele dir,
O merk’ es und das Schweigen wähle dir!“

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Sie sprachen: „Weiser Mann! versag’ uns nicht
Den Wunsch und lass’ in Not und Klag’ uns nicht!
Zu schwer belaste die Kamele nicht,
Über Gebühr die schwache Seele nicht!
In jedes Vogels Nahrung ist ein Maß;
Nicht ist das Feigenkorn jedwedes Fraß.
Gibst du dem Kindlein statt der Milch ein Brot,
Mit seinem Brote hungert es zu Tod;
Doch wenn die Zähn’ ihm erst im Munde prangen,
Da treibt von selbst zum Brot es sein Verlangen.
Der junge Vogel, der voreilig fliegt,
Der räuberischen Katze leicht erliegt;
Doch wenn er stark geworden, flattert er
Einher ohn’ Angstgeschrei, ohne Beschwer.
Der Div in uns verstummt vor deiner Rede,
Verständig macht dein Wort das Ohr, das blöde;
Ja redest du, da wird das Ohr erleuchtet,
Das Dürre wird, wo Meer du bist, befeuchtet.
Mehr als der Horizont gilt uns mit dir
Die Erde, du des Weltalls Licht und Zier.
Düster ist ohne dich der Horizont uns;
Was ist der Himmel ohne dich, o Mond, uns?
Der Hoheit Form im Himmel mag erscheinen,
Ihr Sinn ist der Seele nur, der reinen;
Körpern ist nur der Hoheit Form verliehn,
Und Körper sind nur Namen für den Sinn.“

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Er sprach: „Spart eure Gründe, eure Worte
Und öffnet meinem Rat des Herzens Pforte;
Bin ich getreu, so lasst von dem Verdachte,
Und wenn den Himmel ich zur Erde machte;
Bin ich gerecht, so folget den Befehlen,
Wo nicht, so lasst dies Drängen und dies Quälen.
Das Innre ist’s, mit dem ich mich befasse,
Drum denkt nicht, dass die Zelle ich verlasse.“

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Sie sprachen: „Sind wir dein doch fort und fort!
Drum nicht wie Fremder Wort ist unser Wort.
Ist unser Auge voller Tränen nicht?
Nicht ist mit seiner Amme ja im Streit
Das Kind, das selbst nicht weiß, warum es schreit.
Der Harfe gleichen wir, die du geschlagen,
Dein sind und unser nicht des Liedes Klagen;
Wie Flöten sind wir, deren Schall von dir,
Wie Berge, deren Widerhall von dir!
Dem Schachspiel gleichen im Entscheiden wir,
Gewinn, Verlust durch dich nur leiden wir.
Wie könnten wir, du unsrer Seele Leben,
Die gleich uns stellen, dir je widerstreben?
Nicht sind wir, nichts ist unser Sein; im Schein
Vergänglich, bist du das vollkommne Sein.
Löwen, doch Fahnenlöwen nur, wir gleichen,
Beweglich nur, wenn Winde sie bestreichen;
Das dem Sichtbaren Regung Gebende,
Daur’ es, das unsichtbar Belebende!
Du bist’s, des Hauch Bewegung uns und Leben,
Du bist es, der das Dasein und gegeben!
Die Luft des Seins durch dich das Nichts empfindet,
Liebe zu dir durch dich das Nichts entzündet;
Lass deiner Gnade Luft uns ferner blühn,
Den Wein, den Becher woll’ uns nicht entziehn!
Denn was du uns entziehst, wer kann’s erreichen?
Kann sich das Bild dem Maler je vergleichen?
Schau’ nicht auf uns, wend’ ab von uns dein Blick,
Auf deine eigne Großmut sieh’ zurück!
Nicht waren wir, nicht flehten wir, doch war
Vor dir, was wir nicht ausgesprochen, klar.
Ist an den Maler doch das Bild gebunden,
Wie an den Leib die Frucht, zu allen Stunden.
Wie Stickgrund zu der Nadel, so verhält
Zur Allmacht leidend sich die ganze Welt.
Bald Divs-Gestalt, bald menschliche Gestalt
Bildet sie, Luft bald und Betrübnis bald,
Und keine Hand bewegt sich, ihr zu wehren,
Um Leid und Freud lässt kein Laut sich hören.
Erforsche, was der Herr im Koran spricht:
„Du warfest, doch der warf, du warst es nicht!“
Denn nicht durch uns ist je ein Pfeil geflogen,
Gott ist der Schütze und der Mensch sein Bogen.
Nicht Zwang, die Allgewalt sollst du verstehn
In diesem Wort, zu der wir betend flehn.
Das Flehn zeigt, dass der Mensch abhängig sei,
Sein Scham- und Reu-Empfinden, dass er frei.
Wenn frei in seinem Tun der Mensch nicht wär’,
Woher die Scham dann, und die Reu woher?
Woher dann, dass das Kind der Lehrer züchtigt,
Dass den Entschluss man ändert und berichtigt?

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Sprächt ihr: „Die Jünger waren nicht im klaren,
Umwölkt war ihrem Aug’ der Mond des Wahren;“
- Hier meine Antwort; wenn ihr sie verständet,
Ihr wärt, des Irrtums bar, dem Heil verpfändet.
Es weckt in uns die Krankheit Klag’ und Leid,
Es ist die Krankheit des Erwachens Zeit;
Drum sucht ihr, wen ihr krank euch fühlt und schwach,
Auch um Verzeihung eurer Sünden nach,
Das Laster dünkt euch scheußlich, und zurück
Zum Pfad der Tugend wendet ihr den Blick,
Und ihr gelobt, hinfort nur Gottes Willen
In eurem Tun und Lassen zu erfüllen.
So überzeugt ihr euch, dass im Erkranken
Wach und verständig werden die Gedanken.
O Wahrheitsforscher, höre diese Wahrheit:
Der Heimgesuchte nur gelangt zur Klarheit;
Je leidender, umso mehr klar und wach,
Je kundiger, umso mehr bleich und schwach.
Wirst du nicht flehn, wenn du den Zwang empfunden,
Wenn in der Allmacht Fessel du gebunden?
Kann im Gefesselten sich Freude regen,
Kann frei sich der Gekerkerte bewegen? –
Drum siehst du dich in Ketten und in Banden
Und von des Königs Häschern rings umstanden,
So sei nicht hart und grausam gegen Schwache,
Denn Häschertum ist nicht des Schwachen Sache.
Fühlst du den Zwang, zeig’ es, indem du klagst;
Wo nicht, so sag’ nicht, dass du ihm erlagst!
Wenn Lieb’ und Lust dich treibt zu einem Werke,
Wie zeigt sich deine Kraft da, deine Stärke!
Doch bei dem Werke, das dein Trieb verschmäht,
Fühlst du den Zwang, der von dem Herrn ausgeht.
Irdisches Werk ist für den Seher Zwang;
Himmlisches für den Gottverschmäher Zwang;
Es ist das Himmlische des Sehers Wahl,
Des Toren Wahl der Erde Jammertal!
Wie seine Art der Vogel sucht, so reiß
Mit sich den Leib und eilt dahin der Geist,
Den Kerker dieser Welt liebt der Verdammte,
Der dem siebenten Höllenschlund entstammte;
Doch treibt den frommen Seher Eden-wärts,
Ihn, Edens Sohn, die Seele und das Herz.
Mein Stoff ist nicht erschöpft; allein ich wende
Mich ab von ihm zu der Erzählung Ende.

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Es rief heraus von innen der Wesir:
„Erfahret, meine Jünger, dies von mir:
Solches Geheiß ward mir von unserm Herrn,
Von Jesus: ‚Halt’ dich deinen Jüngern fern!
Schau’ an die Wand und sitz’ in Einsamkeit
Und löse selbst des Leibs Gemeinsamkeit!’
Zu reden ist mir nicht erlaubt hinfort,
Und ohne Nutzen ist fortan mein Wort.
Fahrt wohl, ihr Freunde! Tot bin ich für euch,
Zum vierten Himmel fahr’ ich auf sogleich,
Dass nicht die Glut unter der Feuersphäre
Wie Brennholz mich verzehre und zerstöre!
Fortan wird’ ich an Jesu Seite stehen
Über des vierten Firmamentes Höhen.“
Dann rief die Fürsten er an seine Pforte
Und sprach zu jedem einzeln diese Worte:
„Des Herrn Vertrauter,“ rief er jedem zu,
„Und mein Vertreter bist den Christen du!
Die andern Fürsten sind deine Vasallen,
Jesus bestellt zum Haupte dich von allen.
Wenn sich ein Fürst empört, so lass’ ich sterben
Lass ihn im Kerker schmachten und verderben!
Nur sprich davon, solang ich lebe, nicht,
Vor meinem Tod nach Herrschaft strebe nicht;
Vor meinem Tod erkünd’ es nicht den Christen
Und lass des Königtums dich nicht gelüsten.
Nimm dies Gesetzbuch, unsres Heilands Lehren,
Die du dem Volk sollst lesen und erklären.“
Also sprach er zu jeglichem Emire:
„Des Christentums Leitung gebührt nur dir!“
Jeden als seines Volkes Ersten pries es,
Dieselbe Würde jeglichem verhieß er,
Gab jedem eine Schrift dann in die Hand,
Die mit den andern nicht in Einklang stand,
Der Schriften zwölf, an Sinn und an Gehalt
Verschieden, wie der Buchstaben Gestalt,
So dass, was diese sagte, aufgehoben
In jener war, wie ich’ beschrieben oben.
Und aber vierzig Tage einsam saß er,
Nahm Gift dann und des argen Leids genaß er.
Kaum ward sein Ende ruchbar, als die Menge
Sein Grab umwogt’, ein Weltgerichtsgedränge!
Aus Schmerz das Haar zerraufend, das Gewand,
Sich so viel Volk daselbst zusammenfand,
Dass seine Zahl nur Gott bekannt geworden –
Griechen und Araber und Kurdenhorden.
Das Haupt mit seines Grabes Staub bestreut,
Balsam der Seele sehend in dem Leid,
Um seinen Tod, so Vornehm wie Gemein,
Sich härmend und wehklagend, groß und klein,
An seinem Grabe einen Monat ließen
Ströme von Blut sie aus den Augen fließen.

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Dann sprach also das Volk: „Wer, ihr Emire,
Ist von euch, der uns jetzt statt seiner führe,
Der unser Meister sei, auf den wir bauen,
In dessen Hand wir unsre Hand vertrauen?
Sehn wir mit Herzeleid die Sonne schwinden,
So muss für sie die Lampe sich entzünden;
Und schlägt der Trennung Stunde uns, so haben
Wir statt der Holden die Erinnrungsgaben;
Wird welk der Rosenflor in Herbstesluft,
So bleibt im Rosenöl uns Rosenduft;
Und da unsichtbar Gott ist, so vertreten
Ich unsrem Auge sichtbar die Propheten.„ –

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Dies ist nicht falsch! Ein Greuel wär’s, die beiden,
Vertreter und Vertretene, zu scheiden.
Zwei sind sie dem, der an der Form nur klebt,
Eins sind sie dem, der sich der Form enthebt.
So ist zwiefach das Auge an Gestalt,
Doch auf das Licht schau’, das im Auge strahlt:
Siehst du, o Mensch, auf beider Augen Licht,
Zu sondern dieses Licht vermagst du nicht.
Zehn Kerzen sind in einem Raum vereint,
Und jede an Gestalt verschiedene scheint;
Doch sieht das Licht der Kerzen allzumal,
Ob du vermagst zu scheiden jeden Strahl.
Wohl zählst du hundert Äpfel; doch zerdrücke
Die hundert, und ein Saft bleibt dir zurücke.
Es ist von Sondrung und Zerlegbarkeit,
Von Teil und Zahl allzeit der Geist befreit.
Süß ist die Einheit Liebender, - drum halt’
Zum Geist dich, lass die störrige Gestalt!
Die störrige Gestalt, lass sie verschwinden!
Der Einheit Schatz wirst unter ihr du finden.
O du mein Herz, sein Sklav! die Form vergeht,
Durch seine Huld, wenn sie dir widersteht.
Er offenbart sich selber dem Gewissen,
Er näht den Derwischmantel, der zerrissen!
Von einem Stoffe einst und rein und klar
Das All frei von der Last des Leibes war,
Der Sonne gleich aus einer reinen Masse
War unbefleckt es gleich dem klaren Nasse.
Doch ward es zählbar wie der innen Schatten,
Sobald die Formen sich gebildet hatten.
O Mensch! mit Wurfgeschoss zerbrich die Zinnen,
Die Vielheit siehst du dann in eins zerrinnen!
Wohl wollt’ ich weiter diesen Satz erklären,
Doch fürcht’ ich, schwache Seelen zu betören.
Schneidend ist, wie ein stählern Schwert, mein Wort,
Drum führst du keinen Schild, so eile fort!
Denn dieser Stahl kennt Schonung nicht und Milde.
Drum in die Scheide berge ich mein Schwert,
Dass kein Verdreher mir das Wort verkehrt! –
So kommen wir zum Ende der Geschichte
Die von der Christen Täuschung ich berichte:

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Auf trat ein Fürst dann aus der Fürsten Schar,
Er stellte sich dem gläub’gen Volke dar
Und sprach: „Ich bin’s, den der Wesir geweiht, ich!
Jesu Vertrauter bin für diese Zeit ich.
Schaut, dies Gesetzbuch als Beweis ich führe,
Dass die Vertreterschaft jetzt mir gebühre.“
Dann trat ein andrer Fürst aus dm Verstecke,
Auf dass die Hand er nach der Herrschaft strecke;
Auch der ein Buch aus seinem Busen nahm, -
Jüdischer Ingrimm über beide kam.
Dann traten auch die andern auf, bewehrt
Ein jeder mit gezücktem, blankem Schwert.
Mit Schrift und Schwert gegeneinander wandten
Sie sich wie wutberauschte Elefanten.
Zahllose Christen fielen in den Schlachten,
Die Häupter häuften sich der Umgebrachten,
Ströme von Blut rings von der Walstatt flossen,
Nacht ward die Luft vom Staub, dem bergegroßen.
Der Zweitracht Saat, die der Wesir gestreut,
Sprosst’ ihnen zu Verderben und zu Leid.

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Die Schale bricht, und wo ein Kern sich weist,
Da steigt zu Eden auf der reine Geist.
Der Tod macht, was im Leib verborgen war,
Wie der Granaten Herz das Messer, klar,
Diese ist süß und lieblich, Saftes voll,
Jene ein bloßer Name, faul und hohl.
Es macht das Geistige sich selber klar,
Das Hohle führt zur Schande immerdar.
Geh, Formbefangener, nach dem Geiste ringe,
Denn es ist ob der Form der Geist die Schwinge.
Geh, sei der Geistdurchdrungenen Genoss,
Reich wirst du so und edel so und groß.
Wie in der Scheid’ ein hölzern Schwert, erweist
Im Leib sich eine Seele ohne Geist.
Denn in der Scheide steckend nur hat Wert es,
herausgezogen ist ein Holz, kein Schwert, es.
Mit einem Schwert von Holz zieh nicht zur Schlacht,
Prüf’ es, bevor die Schlacht noch angefacht.
Such’ dir ein andres, findest du’s von Holz;
Doch ist es Stahl, so zieh’s getrost und stolz.
Ein Stahl ist in der heil’gen Waffenkammer,
Der zauberisch vernichtet allen Jammer!
Kein Weiser je, der nicht gesagt dies Wort:
„Der Weise ist des Weltalls Heil und Hort.“
Kaufst du Granaten, wähle lachende,
Lachend der Kerne Pracht kund machende;
Selig das Lächeln, wo entstrahlt dem Munde
Ein Perlenherz as reiner Seele Grunde!
Doch wo der Mund ein schwarzes Herz entfaltet,
Über der Tulpe Lächeln Unheil waltet.
Der Garten lach von der Granaten Lachen, -
Wie Edler Worte dich auch edel machen.
Möchtest du wie ein harter Feldstein sein,
Des Edlen Näh’ macht dich zum Edelstein!
Liebe zu Reinen nur pflanz’ in die Seele,
Die Glücklichen nur für dein Herz erwähle!
Verzweifle nicht, noch fließt der Hoffnung Bronnen,
Flieh nicht zur Finsternis, noch glühen Sonnen!
Zu Herzbegabten auf reißt stets dein Herz dich,
Doch zieht der Leib zum Schlamme niederwärts dich.
Geh, um des Herzens Not den Edlen frage,
Auf dass vom Glück der Glückliche dir sage!

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Im Evangelium ist erwähnt des einen,
Des besten Sehers, Mustafas, des Reinen,
Seiner Schönheit, der Anmut seiner Weise,
Seines Singens und Fastens, seiner Speise.
Es küsste von den Christen eine Schar,
Der dieser Name aufgestoßen war,
Gläubig den hehren Namen immer wieder
Und leg’ die Stirn auf die Beschreibung nieder.
Da blieb in der erwähnten Trübsalzeit
Von Leid und Trübsal diese Schar befreit.
Der Bosheit des Wesirs, der Fürsten, Ziel sie.
Fanden im Namen Achmed ein Asyl sie.
Auch wurde groß und wurde viel ihr Samen,
Denn Schutz war ihnen Achmeds lichter Namen.
Die andern, die den Namen Achmed höhnten
Und mit Verachtung seiner nur erwähnten,
Die kamen selbst in Unglück und Verachtung
Durch des arglistigen Wesir Umnachtung,
Und es ward der Verworrenheit zum Raube
Durch zwölf Trugbücher ihr Gesetz und Glaube.
Ist schon der Name Achmed solche Stütze,
Wie denkst du, dass sein Licht uns erst beschütze?
Wenn sich der Nam’ als feste Burg erweist,
Um wie viel mehr selbst, der treue Geist?

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