Mohammed
Mohammed - Roman eines Propheten (Klabund)

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1917 n.Chr.

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Es wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass der Autor Historisches mit Märchen vermischt hat, so dass der Inhalt nicht authentisch ist. Er hilft aber das Verständnis der Zeit über Islam nachzuvollziehen.

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Abberufung

Mohammed kehrte, vom Jubel der Gläubigen umbraust, nach seiner Hauptstadt Medina zurück.

Mohammed besaß ein zahmes schwarzes Kaninchen, das er sehr liebte. Es teilte morgens seine Milch mit ihm und schlief auf seinem Bett.

Es spielte um ihn, wenn er im Garten sich erging.

Eines Tages ward es an seiner zweispaltigen Lippe von einer Schlange gebissen.

Vom Schüttelfrost gepackt, die Augen geschlossen, riß es den Mund auf und zu und duldete unsagbare Schmerzen.

Aber kein Laut war ihm vergönnt, die Qualen kundzutun.

Mohammed bettete es an seine Brust, die Tränen jagten ihm über die Wangen.

Wie kann ich dir helfen? Es ist ein Abgrund zwischen uns, so tief, Gott selbst vermöchte keine Brücke zu schlagen. Stürbe ich mit dir, so wäre ein Gemeinsames, das uns zur Brüderlichkeit zwänge.

Schon streifen die Flügel der Fledermaus auch meinen erlöschenden Tag, und ich sterbe, hilfloses Tier, einsam und hilflos wie du – mögen geliebteste Menschen auch mich seufzend in Armen halten ...

Mohammed erwachte und sah den goldenen Vogel um die Ampel schweben. Und er rief Maria, die Koptin, und sprach: »Die Wände des Zimmers sind zerrissen, da der Meister das Tor vermauerte und die Fenster mit wilden Pflanzen verklebte. Efeu schlang sich um meine Blicke und Winde wand sich um meine Füße. Nun stürzte die steinerne Wand gen Westen und ließ die Sonne herein. Ach, nun erst, da sie sinkt, seh ich sie steigen. Bin ich wie eine Blume, die sich entfaltet und die sich nie mehr schließen möchte. Mit tausend Blütenblättern kralle ich mich ans Licht. Siehst du den goldenen Vogel auf der roten Wolke schweben?«

Mohammed warf seine wilden Augen wie Steine zur Ampel empor.

Maria erschrak.

»Herr, es ist die Ampel, die dich verwirrt. Ein Sonnenstrahl hat sich in ihr wie in einem Käfig gefangen.«

Mohammed sprach:

»Bringe mir Wasser!«

Maria enteilte.

Da sie mit dem Krug auf der Schwelle stand, entfiel er ihren Händen und zerbrach klirrend.

Sie bückte sich verscheucht nach den Scherben und schrie.

Das Wasser aber floß bis an das Lager Mohammeds, der die Hand hineintauchte und sich die Stirne schmerzlich kühlte.

Das Wasser ist beflissen, ihm zu dienen, sann Maria. Er bändigt die Elemente. Daß doch mein armes Herz, ach, nie zur Ruhe, nie zu Mohammed kommt.

Mohammed ließ die Hand in die Nässe hängen.

Ein Bergbach plätschert über meine spielerischen Finger. Ich habe nicht verlernt zu spielen. Werde zur Kugel, Bach, daß ich dich balle und, frohes Kind, mit Mutter Erde und Vater Gott Fangball spiele.

Er ballte das Wasser zur Faust.

Und Maria sah, wie er eine silberne Kugel in Händen hielt.

Er warf sie in die Luft, wo sie strahlend zerplatzte.

In der Ampel, der goldene Vogel, zwitscherte.

Der Himmel bezog sich mit Wolken.

Ängstlich schrien die Hühner, und die Hunde bellten.

Mohammed stöhnte.

»Die Wand steht wieder da, und das Tor glotzt, groß geöffnet.

Der silberne Ball entsprang meiner Hand.

Die rote Wolke verdampfte.

Der goldene Vogel stürzte, vom Pfeile meiner Blicke durchbohrt, blutend zu Boden.

Gewürm kriecht aus den Kellern.

Magere Molche.

Fette Frösche.

Schillernde Schlangen.

Blinde wanken winselnd durch die Gassen, von krötigen Kindern irr lallend geführt. Weiber gebären Wahnsinn. Boten aus bunteren Ländern bringen böse Nachricht. Ewiger Krieg. Ewiger Krieg. Flüsse springen durstig über ihre Ufer. Es regnet Wanzen. Menschen werden nur geboren als Zwillinge: Bauch an Bauch oder Rücken an Rücken, qualvoll gekettet.

Kein Schlaf hängt mehr die Schleier seiner Güte um unsere erblassende Stirn.

Unselige Wetter drohen unsern Türmen.

Maria, rufe mir Ali, den Jüngling, und Talha, den Schönen. Auf ihre Schultern gestützt, will ich das brennende Haus verlassen, wenn der Blitz es erschlug.«

Weinend knieten Ali und Talha am Kopfende seines Lagers.

Zu seinen Füßen saß Maria, tränenlos und taub vor Schmerzen.

Und Mohammed sprach:

»Ali, du Junger, und Talha, du Schöner: ihr noch: Zauber der Zukunft! Ich verfalle, und morsch ist mein Gebälk von der Last des Himmels und den Stürmen der Erde. Wenn ich gestorben bin, fürchtet euch nicht! Zieht mir die lederne Haut vom Leibe wie einem gefallenen Tier, das dem Abdecker gebührt. Und dreht mir die Arme aus den Gelenken und werft sie in die Wüste, daß die Schakale sie benagen und die Sonne sie dörre. Bespannt eine Trommel mit meinem Fell und schlagt darauf mit den Klöppeln meiner Knochen, daß sie die Gläubigen rufe zum heiligen Kampf, zum strahlenden Gemetzel, zur ewigen Schlacht, zum süßesten Sieg.«

Sie deckten über Mohammed einen gestreiften Mantel, daß nicht Fliege und Ungeziefer seinen Frieden surrend beschmutze. Und Ali erhob sich und sprach: »Bei Gott, Mohammed ist nicht gestorben. Er ist zu seinem Herrn gegangen, wie Moses, der vierzig Tage sein Volk gemieden und erst am einundvierzigsten zurückkehrte, nachdem man schon die Totenfeier für ihn gerichtet. Bei Allah, der Gesandte Gottes wird zurückkehren und denen, die ihn totsagten, das Maul zerschmettern.«

»Wenn du mich liebst, Talha,« Maria, die Koptin, lehnte sich an seine Schulter, »so tötest du mich. Ich habe den Mut nicht dazu. Töte mich und bette meine Leiche an die seine, daß ich im Himmel neben ihm erwache.«

Talha, dem leichter Schwung der Rede nicht gegeben, schüttelte das schöne Haupt.

»Ich kann nicht töten, was von sich aus lebt und leben will ...«

Da entwich Maria, die Koptin, aus dem Haus.

Sie lief mit wunden Füßen nach dem Berge Koba, dem Hort der Aussätzigen.

Vergehend vor Wildheit und Verlangen nach dem Tode, umarmte sie Otmar, einen jungen Kesselflicker, dem der Aussatz die Brust zerfraß. In seine Wunde bettete sie ihren Kopf und küßte ihm den Eiter aus den Löchern.

Otmar, der Kesselschmied, weinte an ihrer Leiche und schüttete Granatäpfel-, Orangen- und Pfirsichblüten über sie.

Er verbrannte sie heimlich und streute die Asche beim Gebet der sinkenden Sonne in den Westwind.

Mohammed lag drei Tage unbeerdigt, wie es den Gebräuchen entsprach.

Am vierten, als Ali und Talha mit der Waschung Mohammeds beschäftigt waren, trat ein uraltes Männchen ins Haus. Seine fleischlosen Arme schlugen wie Klöppel klappernd an die zersprungene Glocke seines Körpers. Sein eisgrauer Bart wehte fransig bis über die Knie.

Die Augen rollten wie Glaskugeln hörbar in ihren Höhlungen.

»Wer bist du, Alter?« fragte Ali, »du störst die Ruhe des milde Schlafenden. Der Tod weilt im Haus.«

Auf Zehenspitzen hüpfte der Greis an Mohammed heran, dessen Haupt an der Brust Talhas lag, während Ali das Wasser über ihn goß-

Der Greis hob spitz den Zeigefinger:

»Wie schön ist er im Leben und im Tode!«

Er verneigte sich dreimal, die Hände über dem dürren Leib gekreuzt:

»Ich bin Bahirah, der Mönch, und gekommen, dich noch einmal zu betrachten, Mohammed. Hundertunddreißig Jahre sandte mir der Herr, und ich habe sie getragen, in Demut und Würde, gefaßt und begreifend. Zwei Tage ragen wie Schneegipfel aus der Ebene meiner Jahre: da ich dich, Mohammed, ins Leben gehen, und heute, da ich dich scheiden sehe. Ich habe gewissenhaft und streng das heilige Buch verwahrt, das Gott in meine Höhle legte. Jeden Morgen las ich darin – und ich las, o Mohammed, was du geschrieben: was du gesagt, gedacht, geahnt, geträumt, gewollt. Unsichtbar schrieb eine starke Hand im heiligen Buche deine Lehre, dein Leben – bis es erfüllt ward. Da zersprang die Kette – und das Buch war frei ...«

Der Alte wandte sich an Ali und Talha, die ihm lauschten:

»Ich habe es meiner Eselin aufgeladen, die ich draußen an die Säule band. Ich habe es mitgebracht, es in der Moschee an geweihter Stelle niederzulegen, denn Tage nur noch trennen mich von Al Dschannat, Al Araf oder Dschehenam. Dieses Buch, genannt der Koran, sei allen Gläubigen befohlen und ans Herz der Menschheit gelegt als ewig unverrückbares Gesetz. Die Fackel der Liebe leuchtet daraus und die Kerze der Verheißung. Es soll in der Moschee von Medina gelesen werden, täglich; durch hundert Priester: von Anfang bis Ende. Unaufhörlich soll tönen Gottes, des Einzigen, Wort, von Morgenland bis Abendland. Von Auf- bis Niedergang der Sonne ...«

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