Zivilisation und ...

Reise einer Wienerin in das Heilige Land

Ida Pfeiffer

Zum Inhaltsverzeichnis

Aufenthalt in Konstantinopel

Die schreienden Derwische

Um zwei Uhr betraten wir den Tempel, ein elendes, hölzernes Haus. An der Andachtsübung kann jeder Muselman teilnehmen, er muß sich nicht erst zur Würde eines Derwisches emporgeschwungen haben. Ja Kinder von acht bis zehn Jahren reihten sich schon außerhalb des Kreises der Männer an, um sich beizeiten für diese Übungen geschickt zu machen.

Der Anfang dieser Zeremonie ist ebenso wie bei den tanzenden Derwischen; sie haben Teppiche oder Tierfelle vor sich ausgebreitet und beginnen mit Bücklingen und Bodenküssen, dann stehen sie auf und bilden, mit den Laien gemischt, einen Kreis, worauf der Vorbeter mit gellender Stimme die Gebete aus dem Koran vorschreit und nach und nach die im Kreise Stehenden einfallen und mitschreien. In der ersten Stunde geht es noch etwas gelassen her, sie setzen öfters aus, um ihre Kraft nicht zu erschöpfen, die erst gegen das Ende in höchsten Anspruch genommen wird. Dann aber erscheint das Gräßlichste, was man nur sehen kann. Sie suchen einander im Schreien und Heulen zu übertreffen und machen dabei alle nur denkbaren Bewegungen und Grimassen mit dem Körper, Kopf und Gesicht. Dieses Gebrüll wie von wilden Tieren, diese gräßlichen Zuckungen und Verzerrungen machen diese Andachtsübung zu einem schaudererregenden Schauspiel.

Sie stoßen mit den Füßen auf den Boden, werfen den Kopf mit Blitzesschnelle vor- und rückwärts und gebärden sich gewiß ärger als einst die vom Teufel Besessenen. Während dieser Übung legen sie die Kopfbedeckung, sowie auch nach und nach alle Kleidungsstücke bis auf das Beinkleid und Hemd ab. Die beiden Oberpriester, welche im Kreise stehen, empfangen ein Stück nach dem andern, küssen es und legen alles zusammen an einen Ort. Die Priester geben mit den Händen den Takt, der nach der Entkleidung in ein immer schnelleres Tempo übergeht. Allen läuft der Angstschweiß in schweren Tropfen vom Gesicht, einigen kommt sogar Schaum aus dem Mund. Am Ende ist das Gebrüll und Geheul so fürchterlich, daß es Ohren und Sinne betäubt.

Einer dieser Wahnsinnigen stürzte leblos zu Boden. Der Oberpriester und einige aus dem Kreise eilten auf ihn zu, streckten seinen Körper aus, legten Füße und Hände kreuzweis übereinander und bedeckten ihn mit einem Tuch.

Der Herr Doktor und ich erschraken sehr, weil wir dachten, er sei vom Schlag getroffen. Doch freudig wurden wir überrascht, als er nach sechs bis acht Minuten plötzlich das Tuch von sich warf, aufsprang und sich neuerdings in den Kreis stellte, um mitzuwüten.

Um vier Uhr war alles beendet. Ich würde keinem nervenschwachen Menschen raten, dies Schauspiel anzusehen, er könnte es nicht aushalten. Ich dachte nicht unter vernünftigen Menschen, sondern unter lauter Rasenden und Besessenen zu sein. Lange konnte ich nicht zu mir selber kommen und begreifen, daß der Wahnsinn des Menschen so weit gehen könne. Man sagt, daß sie vor dieser Übung Opium genössen, um sich recht zu exaltieren.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de