zuweilen auch mit abweichenden Lesarten. In
Ibn Asakirs Tarich Dimaschq erscheint im
Kapitelverzeichnis die Form „al-Katani“ [الكتاني], während
andere
Überlieferungen [hadith] ihn als al-Kinani oder
al-Nahschali nennen.
Dhirar lebte in der Generation nach dem
Propheten Muhammad (s.) bzw. in der Zeit der frühen
islamischen Bürgerkriege und der Entstehung der
umayyadischen Erbmonarchie. Seine bekannte Begegnung mit
Muawiya muss nach dem Tod
Imam Ali (a.) im Jahr 40
n.d.H.
(661 n. Chr.) stattgefunden haben, denn
Muawiya fragt ihn ausdrücklich nach
Imam Ali (a.) in der Rückschau, und Dhirar spricht mit
Trauer über dessen Verlust. Die
Überlieferung stellt ihn als jemanden dar, der ʿAlī
persönlich kannte und dessen Charakter aus unmittelbarer Nähe
beschreiben konnte.
Die zentrale
Überlieferung lautet sinngemäß: Dhirar trat zu
Muawiya.
Muawiya forderte ihn auf: „Beschreibe mir Ali.“ Dhirar bat
zunächst darum, davon entbunden zu werden.
Muawiya bestand jedoch darauf. Daraufhin gab Dhirar eine
ausführliche Beschreibung
Imam Alis (a.). Diese Szene ist in sehr vielen Werken
sowohl von
sunnitischen als auch
schiitischen Quellen wiedergegeben. Die
Überlieferung gehört zu den bekanntesten
literarisch-spirituellen Porträts
Imam Alis (a.) und lautet:
Abu Salih (vermutlich
Abu Salih Bazham) berichtet:
„Dhirar ibn Dhumra al-Kinani trat bei
Muawiya ein. Dieser sagte zu ihm: „Beschreibe mir
Ali.“ Dhirar sagte: „Willst du mich (nicht lieber)
davon entbinden, o Befehlshaber der Gläubigen?“
Muawiya sagte: „Ich entbinde dich nicht davon.“ Da sagte
Dhirar:
„Nun, wenn es sein muss: Bei Allah, er war von weitem
Horizont und gewaltiger Kraft. Er sprach entscheidende Worte
und urteilte gerecht. Aus seinen Seiten strömte Wissen hervor,
und Weisheit sprach aus seinen Richtungen. Er empfand
Fremdheit gegenüber der Welt und ihrem Glanz, und er fand
Vertrautheit in der Nacht und ihrer Dunkelheit.
Bei Allah, er war reich an Tränen und lang im
Nachdenken. Er wendete seine Hand und sprach mit sich selbst.
An Kleidung gefiel ihm, was kurz und schlicht war, und an
Speise, was grob und einfach war. Bei Allah, er war wie einer
von uns: Er ließ uns nah zu sich, wenn wir zu ihm kamen, und
antwortete uns, wenn wir ihn fragten. Doch trotz seiner Nähe
zu uns und unserer Nähe zu ihm wagten wir kaum mit ihm zu
sprechen, aus Ehrfurcht vor ihm.
Wenn er lächelte, dann war es wie eine Reihe geordneter
Perlen. Er ehrte die Leute der Religion und liebte die Armen.
Der Starke konnte nicht auf seine Parteilichkeit hoffen, und
der Schwache verzweifelte nicht an seiner Gerechtigkeit.
Ich bezeuge bei Allah: Ich sah ihn in manchen seiner
Zustände, als die Nacht ihre Schleier herabgelassen hatte und
ihre Sterne untergegangen waren. Er stand geneigt in seiner
Gebetsnische, hielt seinen Bart, wand sich wie ein von
Schmerz Gezeichneter und weinte wie ein Trauernder. Es ist,
als hörte ich ihn jetzt sagen: ‚O unser Herr, o unser Herr‘,
wobei er sich flehend an Ihn wandte. Dann sprach er zur Welt:
‚Willst du mich täuschen? Sehnst du dich nach mir? Weit
gefehlt, weit gefehlt! Täusche einen anderen als mich. Ich
habe mich dreifach von dir getrennt. Dein Leben ist kurz, dein
Sitz gering, und deine Gefahr unbedeutend. Ach, ach, wie
gering ist der Reisevorrat, wie weit die Reise und wie einsam
der Weg.‘“
Da flossen
Muawiyas Tränen auf seinen Bart, und er konnte sie nicht
zurückhalten. Er begann, sie mit seinem Ärmel zu trocknen, und
die Anwesenden wurden vom Weinen ergriffen. Dann sagte
Muawiya: „So war
Abul-Hasan (Vater von Hasan),
ALLAH erbarme sich seiner. Wie groß ist deine Trauer um
ihn, o Dhirar?“
Dhirar antwortete: „Es ist die Trauer einer Mutter,
deren einziges Kind in ihrem Schoß geschlachtet wurde: Ihre
Tränen hören nicht auf, und ihr Schmerz kommt nicht zur Ruhe.“
Dann stand er auf und ging hinaus.“
Als besonders eindrucksvoll gilt die Passage, in der Dhirar
Imam Ali (a.) nachts im Gebet beschreibt.
Die
Überlieferung ist sehr bekannt und gilt als
literarisch-spirituell außerordentlich wirkungsmächtig.
Deshalb haben spätere
Umayyaden versucht die
Überlieferungskette [isnad] zu kritisieren, weil darin
Muhammad ibn al-Saib al-Kalbi vorkommt und dieser als
bekannter
Schiit in Opposition zu der Erbmonarchie der
Umayyaden stand.
Aus der
Überlieferung wird geschlossen, dass Dhirar
Imam Ali (a.) persönlich gekannt haben muss.
Außerdem zeigt die Szene Dhirar als mutigen und loyalen
Anhänger
Imam Alis (a.). Denn vor
Muawiya, dem politischen Gegner
Imam Alis (a.), hätte er angesichts der Gefahr leicht
ausweichen oder taktisch antworten können. Stattdessen
beschreibt er
Imam Ali (a.) in höchster Anerkennung.
Zu Geburt, Tod, Familie, genauer Herkunft und Lebenslauf
gibt es in den zugänglichen klassischen Angaben kaum
belastbare Daten.