.Bücher
von Allama Tabatabai finden Sie im Verlag Eslamica.
Der Graf von Gleichen ist eine Legende aus Thüringen mit
Orientbezug.
Die Legende handelt von einem angeblich thüringischen
Grafen, der zuweilen Ernst und Ludwig von Gleichen genannt
wird. Er habe eine Ehefrau und zwei Kinder. Im Jahr 1227 zieht
er mit dem Landgraf von Thüringen, Ludwig IV. auf einen
Kreuzzug und wird gefangen genommen und angeblich von
einem Sultan viele Jahre als Sklave gehalten, wobei völlig
unklar ist, welcher Sultan das sein soll.
Die überaus schöne Tochter des Sultans verliebt sich in ihn
und verspricht ihn zu befreien, wenn er sie mit sich nehmen
und sie heiraten wolle. Dieser teil der Geschichte wird
zuweilen ausgeschmückt mit der Pflege, welche sie ihm zukommen
lässt, als er verletzt ist. Etwas unklar ist, wie eine
angeblich Sultanstochter überhaupt in Kontakt mit einem
nichtmuslimischen Gefangenen kommen konnte.
Angeblich daran gewöhnt, dass ein Mann mehrere Frauen haben
dürfe, stößt sich die
Muslima nicht daran, dass der Graf bereits verheiratet
ist. Merkwürdigerweise stört es sie offensichtlich noch
weniger, dass er kein
Muslim
ist und sie als
Muslima ihn gar nicht heiraten dürfte.
Beiden gelingt es angeblich mit einem Schiff nach Venedik
zu fliehen. Der Graf eilt nach Rom, um einen Ausweg beim Papst
zu suchen. Der Papst tauft die
Muslima und gibt dem Grafen angeblich die Erlaubnis zu
einer zweiten Ehe. Bei der Ankunft auf der Burg Gleichen in
Thüringen preist er seiner Frau die Verdienste der
Sultanstochter, ohne die er Sklave geblieben wäre. Er verweist
darauf, dass nur durch jene Sultanstocher seine Frau keine
Witwe und die Kinder keine Waisen geworden sind. Die beiden
Frauen vertragen sich angeblich aufs Beste und teilen mit dem
Grafen das Bett und nach ihrem Tod das Grab. Die Sage spricht
von dem „zweibeweibten“ Grafen von Gleichen und einer
„Doppelehe“.
Relikte sollen der Legende einen Wahrheitsgehalt geben. Der
Leichenstein im Erfurter Dom zeigt angeblich einen Ritter mit
einer Gemahlin zur rechten und zur linken Seite, sowie Betten
mit frei Kissen. In Wirklichkeit handelt es sich um die
Grabplatte des Grafen Lambert II. von Gleichen. Darauf ist
Lambert mit seiner ersten Ehefrau Ottilia und der Frau, die er
nach deren Tod als Witwer geheiratet hatte, zu sehen.
Den Burgweg zur heutigen Ruine der Burg Gleichen, an dem
sich die beiden Frauen erstmals begegneten, hat die
sarazenische Gemahlin der Sage nach pflastern lassen; seitdem
wird er „Türkenweg“ genannt.
Erstmals erwähnt wurde die vermeintliche Doppelehe im Jahr
1539 in einem Brief des Landgrafen Philipp von Hessen an
Luther. Philipp war bereits standesgemäß verheiratet,
beabsichtigte aber dennoch, gleichzeitig eine weitere Ehe mit
Margarethe von der Saale einzugehen, was im
Christentum. Philipp, ein früher und bedeutender
Unterstützer der Reformation, wandte sich mit einem Brief mit
Verweis auf die Legende hilfesuchend an Luther. Unter
Stillschweigen wurde eine Zweitehe geduldet, was zu einer
Krise der Reformation führte.
Die Legende wurde in zahllosen Erzählungen und Gemälden
weiter literarisch und künstlerisch verarbeitet und diente als
Vorbild zahlreicher Dichtungen von
Goethe
bis zu den Brüdern Grimm.
Ein Gemälde vom Künstler Friedrich Tischbein mit dem Titel
„Graf von Gleichen mit seinen beiden Frauen“ hängt im im Roten
Empiresalon im
Residenzschloss Arolsen an der Wand. Es stammt von 1786
n.Chr.
Die Anwesenheit des Gemäldes im
Residenzschloss Arolsen lässt sich mit der Hausgeschichte
Waldeck-Pyrmont erklären: Die Grafschaft Pyrmont kam nach den
Grafen von Gleichen an Waldeck. Seitdem führten die Waldecker
den Namen Waldeck und Pyrmont. Die Gleichensage war ein
genealogisch-repräsentatives Motiv für ein Fürstenhaus, das
sich mit Pyrmont und damit indirekt mit den Gleichen verband.
