|
.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Die imaginale Welt Alam al-Mithal [عالم
المثال] bezeichnet in der islamischen Philosophie
und Mystik eine ontologische Zwischenwelt, die weder rein
materiell noch rein intellektuell ist.
Der Begriff Alam al-Mithal bedeutet „Welt der
Gleichnisse/Bilder“:
 | Alam (عالم): „Welt“, „Kosmos“, „Seinsbereich“ |
 | Mithal (مثال): „Bild“, „Gleichnis“, „Urbild“, „Imago“
|
Der Begriff wird häufig auch mit „imaginale Welt“
übersetzt, oder in Latain: Mundus imaginalis. Der Terminus
wurde in der
Westliche Welt insbesondere durch den französischen
Islamwissenschaftler
Henry Corbin geprägt. Der Ursprung ist aber viel älter und
geht auf
Maqtul Suhrawardi zurück. Wichtig ist die Abgrenzung zum
bloß „Imaginären“ im Sinne von Einbildung: Alam al-Mithal
besitzt reale, ontologische Existenz.
In der klassischen islamischen Metaphysik wird die
Wirklichkeit oft in drei Hauptbereiche gegliedert:
 | Alam al-Mulk [عالم الملك] – die sinnlich wahrnehmbare,
materielle Welt |
 | Alam al-Mithāl (عالم المثال) – die imaginale
Zwischenwelt |
 | Alam al-Dschabarut (عالم الجبروت) – die Welt des reinen
Intellekts/Geistes |
Der Alam al-Mithāl fungiert als Mittlerzone (vergleichbar
der
Todeszwischenphase [barsach]) zwischen Körper und Geist.
In ihm existieren Formen ohne grobstoffliche Materie
Bedeutungen in bildhafter Gestalt archetypische Erscheinungen.
Diese Welt ist also subtil-körperlich. Sie besitzt Gestalt und
Ausdehnung, aber keine physische Dichte.
Die systematische Ausarbeitung des Konzepts ist eng
verbunden mit der illuminationistischen Philosophie von
Schihab al-Din Suhrawardi. Er etablierte den Alam
al-Mithal [عالم المثال] als
eigenständige ontologische Sphäre. Er nennt sie auch „ʿAlam
al-Mithāl al-Muʿallaq“ (die „suspendierte Bildwelt“). Diese
Welt enthält objektiv existierende Bilder, unabhängig vom
individuellen Geist Visionen und Träumen. Mystische
Erfahrungen sind Zugänge zu dieser Sphäre. Das Konzept wurde
weiter vertieft durch
Ibn
Arabi und
Mulla Sadra.
Der Zugang zu Alam al-Mithal [عالم المثال]
erfolgt nicht primär durch die äußeren Sinne, sondern durch
eine innere Wahrnehmungsfähigkeit. Diese Erkenntnisform ist
weder irrational noch rein subjektiv, sondern eine eigene
Erkenntnisebene zwischen Sinnlichkeit und Intellekt. Alam
al-Mithal [عالم المثال] spielt
eine zentrale Rolle in der Traumdeutung (taʿbīr al-ruʾyā).
Ähnliche Ideen finden sich auch in anderen Traditionen wie
der Platonischen Ideenwelt (jedoch stärker abstrakt) und in
der Christlichen Mystik (visionäre Zwischenreiche). Der
islamische Begriff bleibt jedoch einzigartig durch seine
konkrete Bildhaftigkeit bei gleichzeitiger ontologischer
Realität. |