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.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Günter Lüling war ein deutscher Islamwissenschaftler, Arabist
und Religionshistoriker, der vor allem durch seine
radikalkritische Neubewertung der Entstehung des
Heiligen Quran bekannt wurde.
Seine Thesen zählen zu den kontroversesten Positionen der
modernen
Quran-
und Frühislamforschung und wurden von den meisten akademischen
Islamwissenschaftlern überwiegend abgelehnt, zugleich aber
intensiv diskutiert.
Günter Lüling wurde am 25. Oktober 1928 in Deutschland
geboren. Er studierte Semitistik, Arabistik, Islamwissenschaft
und Theologie und promovierte in den 1960er Jahren. Ein
zentraler Einschnitt in seiner Laufbahn war seine Habilitation
an der Universität Erlangen, die aufgrund seiner
unkonventionellen Thesen abgelehnt wurde. In der Folge blieb
Lüling weitgehend außerhalb regulärer universitärer Karrieren
und arbeitete überwiegend unabhängig. Diese institutionelle
Marginalisierung prägte sowohl seinen wissenschaftlichen Stil
als auch die Rezeption seiner Arbeiten.
Seine zentrale These war, dass es vorislamische christliche
Hymnen im
Heiligen Quran gäbe. Lülings bekannteste und
folgenreichste These lautet, dass wesentliche Teile des
Heiligen Quran auf vorislamische, christlich geprägte
Hymnentexte zurückgingen, die später islamisiert,
uminterpretiert und textlich überformt worden seien.
Kernelemente seiner Argumentation sind:
 | Sprachlich-metrische Analyse
Lüling behauptete, dass bestimmte Passagen des
Heiligen Quran ursprünglich strophisch-hymnisch
aufgebaut gewesen seien und erst sekundär in die bekannte
prosaische Form gebracht wurden. |
 | Rekonstruktion eines „Urtextes“
Durch philologische Eingriffe versuchte er, einen
hypothetischen vorislamischen Textzustand freizulegen, den
er als christologisch-monotheistisch deutete. |
 | Religionshistorischer Kontext
Lüling verortete die Frühzeit des
Islam
in einer religiös pluralen arabischen Umwelt, stark
beeinflusst vonbjudenchristlichen Gruppen, arianischen und
antitrinitarischen Strömungen, syrisch-aramäischer Liturgie
|
Sein Hauptwerk erschien erstmals 1974 und später in
überarbeiteter Form: „Über den Urkoran : Ansätze zur
Rekonstruktion der vorislamisch-christlichen Strophenlieder im
Koran“.
Darin entwickelte er sein gesamtes methodisches
Instrumentarium:
 | textkritische Rekonstruktion |
 | radikale Neuinterpretation zentraler Suren |
 | fundamentale Infragestellung der traditionellen
islamischen Überlieferung zur Koranentstehung |
 | Rezeption und Kritik Akademische Kritik |
Die Mehrheit der Fachwissenschaft reagierte ablehnend,
unter anderem aus folgenden Gründen:
 | Methodische Willkür bei Textrekonstruktionen |
 | fehlende handschriftliche Belege für postulierte
Urfassungen |
 | spekulative Eingriffe in den Konsonantentext |
 | Vermischung von Philologie und theologischer Vorannahme
|
Lülings Ansatz gilt daher nicht als wissenschaftlicher
Konsens, sondern als Außenposition. Trotz – oder gerade wegen
– der Kritik hatte Lüling nachhaltigen Einfluss auf spätere
Autoren wie Vertreter der sogenannten Saarbrücker Schule und
außerakademische Debatten über die Historizität des
Heiligen Quran. Er wird häufig gemeinsam genannt mit
anderen kritischen Forschern der Frühislamgeschichte, jedoch
stets als singuläre, eigenwillige Figur.
Lüling verstand sich nicht primär als Islamkritiker,
sondern als Religionshistoriker, der den Islam als Ergebnis
komplexer spätantiker Prozesse betrachtete. Gleichwohl wurden
seine Arbeiten im islamischen Kontext oft als fundamentale
Infragestellung der Offenbarungslehre wahrgenommen.
Günter Lüling nimmt in der Islamwissenschaft eine Rand-
aber Schlüsselfunktion ein:
 | Randfigur, da seine Thesen keinen Konsens fanden |
 | Schlüsselfigur, weil er Grenzen der Textkritik
konsequent auslotete |
Er steht exemplarisch für den Konflikt zwischen
historisch-kritischer Forschung, religiöser Tradition und
institutioneller Wissenschaftspolitik.
Günter Lüling galt als ein hochgebildeter, streitbarer und
isolierter Gelehrter, dessen Arbeiten weniger durch Akzeptanz
als durch Provokationskraft und intellektuelle Konsequenz
wirken. Seine Bedeutung liegt weniger in der Bestätigung
seiner Thesen als in der Erweiterung des Diskussionsraums zur
Entstehung des
Heiligen Quran.
Er starb im Jahr 10. September 2014 n.Chr. Er lebte in
Rohrdorf/Thansau und wurde im Umfeld im engsten Familienkreis
bestattet. |