Günter Lüling
Günter Lüling

Aussprache: ghuntar luuliyngh
arabisch:
غونتر لولينغ
persisch:
گونتر لولینگ
englisch:
Gunter Lüling

25.10.1928 - 10.9.2014 n.Chr.

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Günter Lüling war ein deutscher Islamwissenschaftler, Arabist und Religionshistoriker, der vor allem durch seine radikalkritische Neubewertung der Entstehung des Heiligen Quran bekannt wurde.

Seine Thesen zählen zu den kontroversesten Positionen der modernen Quran- und Frühislamforschung und wurden von den meisten akademischen Islamwissenschaftlern überwiegend abgelehnt, zugleich aber intensiv diskutiert.

Günter Lüling wurde am 25. Oktober 1928 in Deutschland geboren. Er studierte Semitistik, Arabistik, Islamwissenschaft und Theologie und promovierte in den 1960er Jahren. Ein zentraler Einschnitt in seiner Laufbahn war seine Habilitation an der Universität Erlangen, die aufgrund seiner unkonventionellen Thesen abgelehnt wurde. In der Folge blieb Lüling weitgehend außerhalb regulärer universitärer Karrieren und arbeitete überwiegend unabhängig. Diese institutionelle Marginalisierung prägte sowohl seinen wissenschaftlichen Stil als auch die Rezeption seiner Arbeiten.

Seine zentrale These war, dass es vorislamische christliche Hymnen im Heiligen Quran gäbe. Lülings bekannteste und folgenreichste These lautet, dass wesentliche Teile des Heiligen Quran auf vorislamische, christlich geprägte Hymnentexte zurückgingen, die später islamisiert, uminterpretiert und textlich überformt worden seien.

Kernelemente seiner Argumentation sind:

bulletSprachlich-metrische Analyse
Lüling behauptete, dass bestimmte Passagen des Heiligen Quran ursprünglich strophisch-hymnisch aufgebaut gewesen seien und erst sekundär in die bekannte prosaische Form gebracht wurden.
bulletRekonstruktion eines „Urtextes“
Durch philologische Eingriffe versuchte er, einen hypothetischen vorislamischen Textzustand freizulegen, den er als christologisch-monotheistisch deutete.
bulletReligionshistorischer Kontext
Lüling verortete die Frühzeit des Islam in einer religiös pluralen arabischen Umwelt, stark beeinflusst vonbjudenchristlichen Gruppen, arianischen und antitrinitarischen Strömungen, syrisch-aramäischer Liturgie

Sein Hauptwerk erschien erstmals 1974 und später in überarbeiteter Form: „Über den Urkoran : Ansätze zur Rekonstruktion der vorislamisch-christlichen Strophenlieder im Koran“.

Darin entwickelte er sein gesamtes methodisches Instrumentarium:

bullettextkritische Rekonstruktion
bulletradikale Neuinterpretation zentraler Suren
bulletfundamentale Infragestellung der traditionellen islamischen Überlieferung zur Koranentstehung
bulletRezeption und Kritik Akademische Kritik

Die Mehrheit der Fachwissenschaft reagierte ablehnend, unter anderem aus folgenden Gründen:

bulletMethodische Willkür bei Textrekonstruktionen
bulletfehlende handschriftliche Belege für postulierte Urfassungen
bulletspekulative Eingriffe in den Konsonantentext
bulletVermischung von Philologie und theologischer Vorannahme

Lülings Ansatz gilt daher nicht als wissenschaftlicher Konsens, sondern als Außenposition. Trotz – oder gerade wegen – der Kritik hatte Lüling nachhaltigen Einfluss auf spätere Autoren wie Vertreter der sogenannten Saarbrücker Schule und außerakademische Debatten über die Historizität des Heiligen Quran. Er wird häufig gemeinsam genannt mit anderen kritischen Forschern der Frühislamgeschichte, jedoch stets als singuläre, eigenwillige Figur.

Lüling verstand sich nicht primär als Islamkritiker, sondern als Religionshistoriker, der den Islam als Ergebnis komplexer spätantiker Prozesse betrachtete. Gleichwohl wurden seine Arbeiten im islamischen Kontext oft als fundamentale Infragestellung der Offenbarungslehre wahrgenommen.

Günter Lüling nimmt in der Islamwissenschaft eine Rand- aber Schlüsselfunktion ein:

bulletRandfigur, da seine Thesen keinen Konsens fanden
bulletSchlüsselfigur, weil er Grenzen der Textkritik konsequent auslotete

Er steht exemplarisch für den Konflikt zwischen historisch-kritischer Forschung, religiöser Tradition und institutioneller Wissenschaftspolitik.

Günter Lüling galt als ein hochgebildeter, streitbarer und isolierter Gelehrter, dessen Arbeiten weniger durch Akzeptanz als durch Provokationskraft und intellektuelle Konsequenz wirken. Seine Bedeutung liegt weniger in der Bestätigung seiner Thesen als in der Erweiterung des Diskussionsraums zur Entstehung des Heiligen Quran.

Er starb im Jahr 10. September 2014 n.Chr. Er lebte in Rohrdorf/Thansau und wurde im Umfeld im engsten Familienkreis bestattet.

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