Pronomen-Verschiebung
Pronomen-Verschiebung [Iltifāt]

Aussprache: al-iltifaatu fidh-dhamaaʾiri
arabisch:
الْاِلْتِفَات فِي الضَّمَائِر
persisch:
جابه‌جاییِ ضمایر
englisch:
pronominal shift

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Die Pronomen-Verschiebung ist eines der Stilelemente des Heiligen Quran, um für den Gläubigen [mumin] durch Nachdenken eine tiefer gehende Erkenntnis zu ermöglichen.

Dieses Stilelement kommt im Heiligen Quran häufig vor. In der arabischen Rhetorik wird es „Iltifāt [التفات] genannt. Dieses Mittel ist ein hochgradig kunstvolles rhetorisches Verfahren, das Bedeutung vertieft, Aufmerksamkeit lenkt und innere Haltungen sichtbar macht.

Iltifāt bezeichnet den plötzlichen Wechsel der Person (z.B. wird „ich zu „wir“ oder „er“ zu ihr usw.). Manchmal wechselt die Erzählperspektive zur direkte Ansprache und damit manchmal auch die Zeitform innerhalb desselben thematischen Zusammenhangs.

Typische Formen sind:

bulletWechsel von 3. Person → 1. Person
bulletWechsel von 1. Person → 2. Person
bulletWechsel von Singular → Plural
bulletWechsel von Erzählform → Bekenntnis

Zweck der Pronomenverschiebung ist in der Regel Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem der Leser „aufgeweckt“ wird. Eine innere Bewegung wird sichtbar gemacht, wie z.B. Gedanken, Emotionen, Entschlüsse. Der Kontrast von Distanz zu Nähe kann markiert werden. ein Bekenntnis kann dramatisiert werden, insbesondere bei Glaubens- oder Gewissensentscheidungen. Im Heiligen Quran erfolgt Iltifāt nie zufällig, sondern ist immer semantisch motiviert.

Ein Beispiel für solch eine Pronomenverschiebung wird im Vers 36:25 deutlich:

إِنِّي آمَنتُ بِرَبِّكُمْ فَاسْمَعُونِ
„Gewiss, ich glaube an euren Herrn – so hört mich.“

Die auffällige Pronomenverschiebung ist in der Formulierung erkennbar, denn erwartbar und rein logisch wäre gewesen: „Ich glaube an meinen Herrn“ oder „Ich glaube an unseren Herrn“. Tatsächlich steht dort: „Ich glaube an euren Herrn“

Die bewusste Verschiebung hat folgende rhetorische Bedeutung: Die Pronomenwahl bewirkt hier mehrere Dinge gleichzeitig:

bulletUniversalisierung des Glaubens
Der Sprecher sagt nicht: „mein Gott“ (privat, individuell), sondern: „euer Herr“ (objektiv, universell). Er stellt klar: Es geht nicht um meine persönliche Meinung, sondern um eine Wahrheit, die auch euch betrifft.
bulletAufhebung der Fronten
Obwohl er verfolgt und bedroht wird, vermeidet er: Konfrontation („mein Gott gegen euren“). Stattdessen verwendet er eine inklusive Sprache. Er spricht aus der Gemeinschaft heraus, nicht gegen sie.
bulletSteigerung der moralischen Autorität
Gerade weil er „euren Herrn“ sagt, wirkt sein Bekenntnis: weniger egozentrisch, weniger emotional, wahrhaftiger und aufrichtiger.
bulletDramatisierung des Moments
bulletDer Wechsel von Erzählung zu Ich-Bekenntnis, dann direkte Aufforderung „so hört mich“ macht den Vers: existenziell, unmittelbar und eindringlich. Der Leser/Hörer wird selbst angesprochen.

In der klassischen Auslegung [tafsir] gilt dieser Vers als Lehrbeispiel für Iltifāt zur Überzeugung, nicht zur Konfrontation und für sprachliche Sanftheit bei maximaler inhaltlicher Klarheit. Der Märtyrer der Geschichte stirbt – aber seine Sprache bleibt verbindend, nicht trennend.

Die Pronomenverschiebung im Heiligen Quran ist kein Bruch, sondern ein Übergang – von Distanz zu Verantwortung, von Erzählung zu Wahrheit, von Sprache zu Gewissen.

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