Abdullah Quilliam
Abdullah Quilliam

Aussprache: abdullaah qwiyliyaam
arabisch:
عبد الله كويليام
persisch:
عبداللہ کویلیام
englisch:
Abdullah Quilliam

10.4.1856 - 23.4.19932 n.Chr.

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Abdullah Quilliam war ein britischer Jurist, Publizist, Prediger und der bedeutendste Pionier des organisierten Islams in Großbritannien.

Er gilt als Gründer der ersten Moschee und der ersten dauerhaften muslimischen Gemeinde im Vereinigten Königreich und als zentrale Figur des britischen Islams im späten 19. Jh. n.Chr.

Abdullah Quilliam ist als William Henry Quilliam am 10. April 1856 in Liverpool in eine methodistisch geprägte Familie im bürgerlichen Milieu geboren. Er studierte Jura und erhielt die Zulassung als Solicitor (Rechtsanwalt).

Quilliam wuchs im religiösen Umfeld des viktorianischen England auf, war jedoch früh sozial engagiert und kritisch gegenüber Alkoholismus, Armut und sozialer Verwahrlosung. Das waren Themen, die später für seine Hinwendung zum Islam eine Rolle spielten.

Im Jahr 1887 unternahm Quilliam aus gesundheitlichen Gründen eine Reise nach Marokko. Dort kam er erstmals intensiv mit muslimischem Alltagsleben, islamischer Frömmigkeit und sozialer Ordnung in Kontakt. Diese Erfahrung führte zu seinem intensiven Studium islamischer Quellen, darauf aufbauend Vergleich mit christlicher Theologie und damit einhergehender wachsender Überzeugung vom Islam als ethisch-sozialer Ordnung. Noch im selben Jahr nahm er den Islam an und übernahm zudem den Namen Abdullah (Diener Allahs).

Im Jahr 1889 gründete Quilliam in 8 Brougham Terrace, Liverpool das Liverpool Muslim Institute. Es gilt als die erste funktionierende Moschee Großbritanniens. Das Institut war eine organisierte muslimische Gemeinde mit Bildungs-, Sozial- und Missionsarbeit und umfasste: Gebetsräume, Schule, Bibliothek, Waisenhilfe, Armenfürsorge und leistete Vortrags- und Publikationsarbeit. Die Gemeinde bestand überwiegend aus britischen Konvertiten, darunter auffallend viele Frauen, ein für die Zeit außergewöhnliches Phänomen.

Quilliam war ein äußerst produktiver Publizist. Zu seinen wichtigsten Projekten zählen:

bullet„The Crescent“ (Zeitung, ab 1893)
bullet„The Islamic World“ (Zeitschrift)

Diese Publikationen verteidigten den Islam gegen antimuslimische Polemik, berichteten über die Islamische Weltgemeinschaft [umma], dokumentierten Konversionen in Großbritannien und veröffentlichten Gedichte, Predigten und theologische Texte. Hier erschien auch das Gedicht „Gebet einer Muslima“ von Fatima Cates.

Quilliam wurde international wahrgenommen und geehrt. Durch Abdülhamid II. wurde er zum Scheichulislam der Britischen ernannt. Diese Anerkennung verlieh ihm religiöse Autorität, war aber in Großbritannien politisch heikel.

Quilliam vertrat einen sunnitischen Islam mit stark ethisch-sozialer Ausrichtung. Er gestaltete die Religionsausübung kompatibel mit britischem Recht und Loyalität zur Krone. Er betonte, dass Muslime loyale britische Bürger sein könnten. Er engagierte sich vor allem gegen Alkoholmissbrauch, für die Armenhilfe, für Bildung und für Frauenbeteiligung in religiösen Strukturen. Sein Islamverständnis war reformorientiert, aber nicht modernistisch im späteren Sinne.

Um 1908 geriet Quilliam in juristische Schwierigkeiten begleitet von massiven Pressekampagnen und gesellschaftlicher Isolation. Er floh in die Türkei, um einem Ausschluss aus dem Anwaltsverzeichnis zuvorzukommen. Ihm wurde unprofessionelles Verhalten als Solicitor vorgeworfen, da er angeblich Angaben gefälscht habe, um eine Scheidung rechtlich wirksam zu machen. Ein Disziplinarverfahren der Anwaltskammer wurde eingeleitet. Konkret soll er Details konstruiert oder beeinflusst haben, um einen Ehemann zur Tatsachenhandlung (Ehebruch) zu bewegen, damit die Scheidung rechtlich durchsetzbar wurde, das Scheidungen damals rechtlich sonst nicht möglich waren. Um einem solchen Ausschlussverfahren zuvorzukommen, verließ Quilliam England spontan. In der Folge wurde er 1909 offiziell aus dem Anwaltsregister gestrichen, was sein juristisches Berufsleben in Großbritannien endgültig beendete. Die muslimische Gemeinschaft, die an das Prinzip der vertraglichen Scheidung glaubte, empfand Quilliams Verhalten jedoch nicht als anstößig.

Der eigentliche Hintergrund dürfte aber eher in der Feindschaft Englands gegen das Osmanische Reich liegen. Quilliams Aktivitäten als muslimischer Missionar, seine pro-osmanischen Ansichten und seine international sichtbare Rolle wurden in Teilen der britischen Gesellschaft kritisch gesehen, da sie im Kontext des späten Viktorianismus politisch provokativ wirken konnten. Vor allem seine Haltung zu kolonialen Konflikten (z. B. Sudan, Ägypten) und seine Kritik an britischen Auslandspolitiken wurden in Teilen der Presse und Öffentlichkeit negativ aufgegriffen, was zu wachsender feindlicher Stimmung beitrug.

Quilliams Sohn veräußerte während seiner Abwesenheit das Gebäude, das als Moschee und islamisches Zentrum genutzt worden war. Ohne Quilliams Einfluss und finanzielle Unterstützung zerstreute sich die muslimische Gemeinschaft in Liverpool.

Er kehrte um 1910 nach England zurück und heiratete seine zweite Ehefrau rechtsgültig, wodurch ihre gemeinsamen Kinder legitimiert wurden. Unter dem Namen Henri Mustapha de Léon gründete er 1913 die Zeitschrift The Philomath, später eine weitere, The Physiologist, die ab 1917 parallel erschien. Die muslimische Gemeinschaft scheint sich seiner früheren Identität bewusst gewesen zu sein, und er sprach häufig auf Versammlungen seiner British Muslim Society. Die meiste Zeit seiner späteren Jahre verbrachte er in Onchan auf der Isle of Man.

Er starb am 23. April 1932 in der Taviton Street in Bloomsbury, London, und wurde in einem unmarkierten Grab auf dem Brookwood Cemetery bei Woking beigesetzt. Bedeutende anglo-muslimische Persönlichkeiten wie Abdullah Yusuf Ali und Muhammad Marmaduke Pickthall, die beide den Heiligen Quran übersetzt haben sowie Lord Headley wurden später in seiner Nähe im muslimischen Abschnitt M1 des Friedhofs beigesetzt.

Heute gilt Abdullah Quilliam rückwirkend als Begründer des britischen Islam und Wegbereiter späterer muslimischer Institutionen in Europa. Das frühere Gebäude der Moschee in Liverpool ist heute als Abdullah Quilliam Heritage Centre anerkannt.

Quilliam soll angeblich auch Freimaurer und Mitglied des Anglo-Indischen Ordens Sat B’hai gewesen sein.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de