.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Lew (Leo) Nikolajewitsch Graf Tolstoi war einer der größten
dichter Russlands und kannte sich gut im
Islam
aus.
Er wurde 1828 n.Chr. auf dem Gut Jasnaja Poljana in
Russland geboren und starb 1910. Er entstammte dem Adel, brach
jedoch früh mit aristokratischen Lebensformen. Nach einem
unsteten Studium und Militärdienst (u. a. im Kaukasuskrieg)
wurde er als Schriftsteller weltberühmt durch „Krieg und
Frieden“ und „Anna Karenina“.
Ab den 1870er-Jahren erlebte Tolstoi eine tiefe
religiös-moralische Krise, die zu einer radikalen
Neuorientierung führte. Dies führte zu seiner Ablehnung der
institutionalisierten Kirche und zur Exkommunikation 1901
n.Chr. Er konzentrierte sich auf die Betonung von
Gewaltlosigkeit, ein asketisches Leben, Gewissensethik und auf
die Hinwendung zu einer universalen, nicht-dogmatischen
Religiosität. Diese Phase ist entscheidend für sein Verhältnis
zum
Islam.
Tolstois Orientbezug ist nicht romantisch-exotisch, sondern
ethisch-philosophisch. Er interessierte sich für den
Islam,
persische und arabische Weisheitsliteratur, soweit sie ins
Russische oder Englische übersetzt war,
Sufismus sowie ostkirchliche und vorchristliche
Ethiktraditionen. Bereits seine Zeit im Kaukasus
(Tschetschenien, Dagestan) brachte ihn in direkten Kontakt mit
Muslimen. Anders als viele Zeitgenossen schilderte er sie
nicht kolonial-abwertend, sondern oft mit moralischem Respekt.
Tolstoi trat nie öffentlich zum
Islam
über, äußerte sich aber wiederholt außergewöhnlich positiv
über ihn. Er bewunderte den strengen Monotheismus, die
Ablehnung von
Trinität und Vergöttlichung Jesu und die ethische Klarheit
islamischer Moral. Er sah den
Islam
in mancher Hinsicht näher an der ursprünglichen Lehre Jesu als
die Kirchen seiner Zeit. Berühmt ist seine Aussage sinngemäß:
Der Islam stehe dem wahren Christentum näher als die Kirche.
Tolstoi führte viele Briefwechsel mit berühmten Personen
wie z.B.
Mahatma Gandhi, aber auch weniger berühmten
Persönlichkeiten, darunter Tataren, Baschkiren,
Kaukasusmuslime, den
Mufti
von
Kairo und vielen gebildeten
Muslimen aus Zentralasien. Die Briefe wurden zumeist erst
nach seinem Ableben veröffentlicht.
In diesen Briefen: verteidigte er das Recht der
Muslime, ihrer Religion treu zu bleiben, kritisierte
Zwangsmissionierung und betonte gemeinsame ethische
Grundlagen.
Er schrieb ausdrücklich, dass ein aufrichtiger
Muslim
seiner Ansicht nach
Gott
näher sein könne als ein formeller
Christ. Er betrachtete moralisches Handeln wichtiger als
religiöse Zugehörigkeit.
Berühmt geworden ist
Tolstois Brief an eine muslimische Frau aus dem Jahr 1910
n.Chr. Die
Muslima stammte aus Russland. Sie hatte ihn gefragt, ob
sie Christin werden müsse, um Gott zu gefallen. Tolstois
Antwort war sinngemäß, dass sie ihrer Religion treu bleiben
soll. Den Brief hatte er wenige Monate vor seinem
Dahinscheiden verfasst. Zuvor hatte er zahlreiche andere
Briefwechsel mit Muslimen, wie z.B. mit
M.M.Krymbajew (einem russischen Muslim) oder mit
Fridul-Chan-Wadalbekow (einem tatarischen Muslim).
Tolstoi las und sammelte intensiv persische
Weisheitssprüche, Erzählungen über Derwische und
islamisch-asketische Texte. Er schätzte die innere Läuterung,
die Ablehnung von äußerem Prunk und die Betonung der inneren
Absicht. Viele seiner späten moralischen Aphorismen sind in
Stil und Geist sufisch geprägt, auch wenn er sie
universalisierte.
Tolstoi wurde für viele russische
Muslime wichtig, da er ein Kritiker der
Dreieinigkeit war und ein Verbündeter gegen Kolonialismus.
Muslime sahen in ihm einen Monotheisten jenseits von
Kirche und Moschee.
Tolstoi und seine sechzehn Jahre jüngere Frau Sofja
hatten 13 Kinder, von denen acht die Kindheit überlebten.