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.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Wirklichkeit bzw. Haqiqa [حقيقة] bezeichnet in der
Islamischen
Philosophie und Mystik [tasawwuf]
die wahre Wirklichkeit oder das Wesen einer Sache, im
Unterschied zu ihrer bloßen Erscheinung (Zahir). Sie ist im
Absoluten verankert.
Haqiqa [حقيقة] ist abgeleitet von der
arabischen Wurzel h-q-q [حقّ] und
umfasst Bedeutungen wie „wahr sein“, „feststehen“, „wirklich
sein“ und „rechtmäßig sein“ umfasst. Der ebenfalls vom
gleichen Wortstamm abgeleitete Begriff
Wahrheit [الحقّ] gehört zu den
99 schönsten Namen.
Im Kern bezeichnet Haqiqa die ontologische Wirklichkeit
hinter den Erscheinungen – das, was etwas wirklich ist,
unabhängig von bloßer Wahrnehmung oder konventioneller
Zuschreibung.
In der islamischen Metaphysik ist Haqiqa [حقيقة]
kein rein abstrakter Wahrheitsbegriff, sondern Seinsrealität
(ontologisch) und Wesensstruktur einer Sache (Mahiyya + Haqiqa).
Es ist letztlich im Absoluten verankert, denn die höchste
Wirklichkeit ist identisch mit Gott
selbst.
Alle geschaffenen Dinge also alle
Geschöpfe besitzen demnach
eine abgeleitete Wirklichkeit (relativ, abhängig) und eine
wahre Essenz, die nur im Licht des Göttlichen vollständig
erkannt wird Die sinnlich wahrnehmbare Welt ist nicht falsch,
aber nur partiell real. Die Haqiqa ist die tiefere
Seinsdimension, die hinter dem Sichtbaren liegt.
Im Sufismus bezeichnet
Haqiqa die höchste Stufe spiritueller Erkenntnis. Deren
klassische Stufenlehre lautet:
Bei Denkern wie Ibn Arabi
wird Haqiqa [حقيقة] zur Einsicht in die
Einheit der Existenz [wahdat-ul-wudschud],
die Tatsache, dass alles Seiende Manifestation der einen
Wirklichkeit ist.
In der
Islamischen Philosophie wird Haqiqa [حقيقة]
differenziert analysiert.
Bei Mulla Sadra ist
Haqiqa [حقيقة] graduell (taschkīk al-wudschud), Das
Sein (wudschud) ist die primäre Realität. Haqiqa [حقيقة]
entspricht der Intensität des Seinsgrades. Dinge sind nicht
einfach „real oder nicht real“, sondern besitzen
unterschiedliche Grade von Wirklichkeit
Die Erkenntnis der Haqiqa [حقيقة] erfolgt nicht
allein durch sinnliche Wahrnehmung und rationales Denken,
sondern durch innere Schau (kaschf), intuitive Erkenntnis (dhawq)
und spirituelle Läuterung.
Entsprechend ist die Wirklichkeit bzw. Realität die Gesamtheit aller
wahren
Begebenheiten. Dabei ist die Definition nicht eindeutig und je
nach Disziplin unterschiedlich. Während in
der Naturwissenschaft Wirklichkeit das ist, was der
wissenschaftlichen Betrachtung zugänglich und messbar ist, umfasst die religiöse Wirklichkeit auch Aspekte, die
nicht mit bisherigen naturwissenschaftlichen Methoden
erfassbar sind, wie z.B.
Wunder.
Im
Islam stellt das
Diesseits eher eine unwirkliche Welt dar und das
Jenseits die eigentliche Wirklichkeit, wobei Aspekte davon
im
Diesseits wahrnehmbar sind. So gesehen ist die
Wirklichkeit die Erscheinungsform der Wahrheit und besteht aus
Zeichen.
In der klassischen islamischen Metaphysik wird die
Wirklichkeit oft in drei Hauptbereiche gegliedert:
 | Alam al-Mulk [عالم الملك] – die sinnlich wahrnehmbare,
materielle Welt |
 | Alam al-Mithāl (عالم المثال) – die imaginale
Zwischenwelt |
 | Alam al-Dschabarut (عالم الجبروت) – die Welt des reinen
Intellekts/Geistes |
Ein kurzer Dialog zwischen
Imam Ali (a.) und
Kumail ibn Ziyad über die Wirklichkeit gilt als die
höchste Stufe der Philosophie im
Islam:
„Bei einem gemeinsamen Ritt auf einem Kamel fragte
Kumail
Imam Ali (a.): „Was ist Wirklichkeit“. Imam Ali
(a.) entgegnete: „Was möchtest du von der Wirklichkeit?“
Darauf
Kumail: „Bin ich denn nicht Gefährte deines
Geheimnisses?“
Imam Ali (a.): „Was möchtest Du von der Wirklichkeit?“
Kumail: „Bin ich denn nicht der Vertraute deines
Geheimnisses?“
Imam Ali (a.): „Durchaus, aber zu dir tropft, was bei
mir überfließt.“
Kumail: „Kann deinesgleichen einen
Frager enttäuschen?“
Imam Ali (a.): „Die Wirklichkeit ist die Enthüllung der
Glanzlichter der Erhabenheit ohne Anzeichen.“
Kumail:
„Mache es mir noch klarer!“
Imam Ali (a.): „Das Verwischen des Gedachten beim
Klarwerden des Gewussten.“
Kumail: „Mache es mir noch
klarer!“
Imam Ali (a.): „Das Zerreißen des Schleiers in der
Übermacht des Geheimnisses.“
Kumail: „Mache es mir noch
klarer!“
Imam Ali (a.): „Ein Licht, das aus dem Morgen der
Urewigkeit aufleuchtet, so dass seine Spuren auf den Gestalten
des Einheitsbekenntnisses erscheinen.“
Kumail: „Mache es
mir noch klarer!“
Imam Ali (a.): „Lösche die Kerze, denn die Morgendämmerung
ist heraufgezogen.“ |