Muhammad (s.) im Evangelium
Parakletos oder Periklytos?
Warum wurden die Periqlytastellen im Johannesevangelium
geändert ?
L. Schamsuddin
Aus Al-Fadschr
Nr. 103
Allah, der Allmächtige, spricht zu uns im Heiligen Quran,
(Sure 61, Ayat 6):
„Und als Jesus, Sohn der Maria sprach: ,O Kinder
Israels, ich bin wahrlich der Gesandte Allahs an euch,
Bestätiger dessen, was von der Torah vor mir ist und
Überbringer der Frohen Botschaft von einem Gesandten, der nach
mir kommen wird. Sein Name wird Ahmad sein.‘“
Das arabische Wort „Ahmad“ bedeutet soviel wie „der höchst
Gepriesene“, in Griechisch wäre es „Periklytos“. Nun kennt man
im Islam seit mindestens 1000 Jahren die Stellen im
Johannes-Evangelium, in denen Allahs letzter Gesandter (s.)
ange-kündigt wird. Es sind Joh 14, 15 und 26; Joh 15, 25;
sowie Joh 16, 7 und 12. Wer sich jedoch die Mühe macht und
einen griechischen Text heranzieht, (dies ist dank
Interlinearübersetzung des neuen Testamentes mit
Transliteration auch Leuten möglich, die kein Griechisch
sprechen), wird dabei enttäuscht werden. An den fraglichen
Stellen steht heute Parakletos, was kein korrektes Griechisch
ist und gewöhnlich mit Tröster oder Fürsprecher übersetzt
wird.
Nach traditionell christlicher Auffassung soll es der
„heilige Geist“ sein, was allerdings in der neueren Theologie
in Frage gestellt wird (vgl. Otto Betz: „Der Paraklet“, wo man
am Chaos der Interpretationsversuche die Problematik dieser
Textstellen für den christlichen Interpreten ablesen kann, der
aus dogmatischen Gründen gezwungen ist, die nahe liegende
Auslegung zu leugnen).
Bereits im Codex Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.
steht Parakle-tos und ebenso im gleichaltrigen ebenfalls
griechischen Codex Sinaiticus. Da diese beiden zusammen mit
einigen anderen alten Texten die Grundlage für die modernen,
sogenannten kritischen Ausgaben der Bibel bilden, wird dieses
Wort auch in allen modernen Ausgaben zu finden sein. Wichtig
ist hier zu bemerken, dass all diese Handschriften nach dem
Konzil von Nicäa verfasst wurden, auf dem das Dogma der
Gottheit Christi neben anderen Neuerungen festgelegt wurde.
Damit stellt sich uns die Frage, ob es ältere und
möglicherweise authentischere Handschriften des Neuen
Testaments gibt.
Um den Leser nicht auf die Folter zu spannen. Es gibt
tatsächlich eine ganze Reihe von vornicänischen
Evangelienhandschriften und die meisten von ihnen bieten
stellenweise drastische Abweichungen von den postnicänischen
Texten. Unter Abweichungen wollen wir hier, unter
Vernachlässigung von Varianten der Rechtschreibung u. ä., nur
solche verstehen, die einen neuen, bzw. häufig alten Sinn
vermitteln.
Der weitaus bedeutendste, weil älteste dieser Texte, der
eine Vielzahl von bedeutenden Abweichungen, zum Teil unter
Umkehr des Sinnes einer Textstelle enthält, wurde vor etwas
mehr als hundert Jahren im Katharinenkloster am Fuße des
Berges Sinai entdeckt. Die in syrischem Aramäisch verfaßte
Handschrift der vier klassischen Evangelien hat für das
Verständnis des frühen Christentums und die wahren Lehre Jesu
ungleich höhere Bedeutung als die berühmten Qumranrollen. Sie
heißt, - nicht zu verwechseln mit dem Codex Sinaiticus -,
Sinaipalimpsest oder kurz Sinaisyrer (abk. Syrsin). „Palimpsest“
bedeutet konkret, dass der Evangelientext, der inhaltlich ins
2. Jh. n. Chr. datiert, im 4. Jh. auf unser Pergament kopiert
und einige Jahrhunderte später, vielleicht aus Mangel an
Schreibmaterial, mit einem vergleichsweise unbedeutenden Text
überschrieben wurde. Trotzdem war die hocherfreute Entdeckerin
Agnes Smith Lewis dank einer Chemikalie in der Lage, die
verblasste Grundschrift wieder sichtbar zu machen. Wir
verdanken ihrem Glück, dessen sie sich durch nachfolgende
Akribie würdig erwies, die Hebung dieses Schatzes, der bei
einigen Jesusworten vielleicht sogar die aramäische Urform
konserviert hat, in der Isa (U) diese Worte sprach. Mrs. Lewis
reiste später mit Hilfe einiger Experten der aramäischen
Sprache insgesamt sechsmal zum Sinai wo sie den Palimpsest
Buchstabe für Buchstabe entzifferte, photographierte und bald
darauf veröffentlichte, ein unvergleichlicher Zugang zu dem,
was Jesus wirklich tat und sagte. Vier Jahre nach der ersten
Entdeckung in einem Abfallkorb, war der Text erschlossen, den
sie schon im Jahre 1896 inklusive englischer Übersetzung
publizierte. Bereits ein Jahr später legte Prof. Adalbert Merx
aus Heidelberg die deutsche Übersetzung vor. Aus seinen
Randbemerkungen wie z. B. „So, das ist also die richtige
Lesart“, u.a. spricht die Begeisterung, die einen gläubigen
Menschen überkommen kann, der nach fast 2000-jähriger
Verschleierung endlich erfährt, was der Messias mit einem
bisher verwirrenden Gleichnis wirklich meinte.
Prof. Merx, dessen enzyklopädisches Wissen auf dem Gebiet
der semitischen Sprachen unbestritten ist, widmete daraufhin
die letzten zehn Jahre seines Lebens der Kommentierung des
Sinaisyrers, die er wenige Tage vor seinem Tode mit dem
dritten Band abschloß. Die Geschichte dieser Entdeckung lehrt,
dass Abenteuer nicht immer mit Krieg und Krisen einher gehen
müssen. Man spürt beim Lesen dieser Arbeiten die
Dringlichkeit, welche die Beteiligten erfasste und die sie
alles andere stehen und liegen ließ, um den wahren Jesus so
schnell und vollständig wie möglich aus seinem fast 2000-
jährigen Exil zu den Menschen guten Willens zurückzubringen.
Beleuchten wir nun den „Parakleten“ etwas näher. Ein Blick
auf die Stelle Joh 14,16 des in alter Estrangelakalligrapie
gehaltenen Sinaisyrers offenbart, was man schon bei etwas
jüngeren, postnicänischen, Verwandten vergeblich sucht. Jesus
verkündet seinen Jüngern den „Hochgepriesenen“ (Periqlytos)
was präzise dem arabischen Wort „Ahmad“ entspricht, anstatt
nur eines „Trösters“, wie uns spätere Versionen glaubhaft
machen sollen. Die syrische Schrift, aus der sich übrigens
später die arabische entwickelte, war in diesem frühen Stadium
noch unvokalisiert. Man schrieb nur die Konsonanten und
Langvokale dieser dem Arabischen sehr ähnlichen Sprache. Die
aramäische Form des Namens „Ahmad“ hätte eigentlich „Hamida“
lauten müssen. Im Falle des „Periklytos“ behielt man jedoch
ausnahmsweise das griechische Fremdwort der Vorlage ohne zu
übersetzen bei, allerdings versehen mit aramäischer Endung,
was darauf hindeutet, dass es sich bereits im 2. Jh. um einen
feststehenden Begriff handelte. Wir lesen nun PRQLYTA, was
vokalisiert PeRiQLYTA, d. h. Periqlytos, der Hochgepriesene
bedeutet. Nur durch Auslassung des Buchstabens „Y“ kann man
zum PaRaQLeTA, dem „Tröster“ der späteren Versionen gelangen.
Das Wort Tröster müsste in korrektem Griechisch übrigens „Parakalon“
heißen. Eine versehentliche Auslassung des kleinen Jota
scheidet schon deswegen aus, weil das betreffende Wort in
einem kurzen Textabschnitt fünfmal vorkommt, das Y also hätte
fünfmal übersehen werden müssen. Dass es sich gerade um ein
„Y“, genauer ein griechisches Jota handelt, gewinnt eine
besondere Note wenn man sich an folgenden, (vorausschauenden
?) Ausspruch Jesu erinnert (Mt 5, 18), den wir hier nach dem
Sinaisyrer zitieren: "Denn amen ich sage euch: bis dass
vergehen werden der Himmel und die Erde, wird nicht ein Jota
vergehen von dem Gesetze, bis dass alles sein wird. Und wer
lösen wird eines von diesen kleinen Geboten und also lehren
wird die Menschen, der wird der Mangelhafte genannt werden im
Königreich der Himmel..."
ATYLQiReP
Sinaisyrer 2. Jd:
Curetonsyrer 3. Jh.:
Das ursprüngliche „Yud“ ist auch noch bei einigen
Textzeugen vorhanden, die der Beseitigung vor-nicänischer
Evangelien entgangen sind. Die arabische Evangelienharmonie
schreibt noch FaRaKLIT, dessen ursprüngliche griechische
Bedeutung sie jedoch nicht mehr kennt. Diese zeigt sich
hingegen noch in der ebenfalls syrischen Schrift Heimgang
Marias, aus dem 5. Jh., wo wir folgende Formel finden:
Der Friede Gottes, der seinen Sohn sandte und er kam in die
Welt, und
Der Friede des Sohnes, der aus dem Himmel kam und in Maria
wohnte, und
Der Friede des heiligen Geistes, des Tragodos der singt,
und
Der PeRiQLITA, der gepriesen ist.
D. h. Der Hochgepriesene der gepriesen ist! Eine solche
Wendung ist für semitische Sprachen typisch und belegt, dass
hier die Bedeutung des griechischen Periklytos als
Hochgepriesener noch bekannt war. Die obige Formel zeigt aber
vor allem, dass heiliger Geist und Periklyta im Gegensatz zum
gesamten späteren Christentum hier noch als zwei verschiedene
Wesen aufgefasst werden!
Die zweitälteste syrische Version, Codex Cureton schreibt
in Joh 14,16 noch PeRiQLYTA, in den folgenden vier Stellen
jedoch bereits das „korrigierte“, als Parakletos
interpretierbare PRQLTA und dokumentiert damit als missing
link den Übergang zur späteren entstellten Form. Weitere
Bestätigung findet die Periqlyta-lesart durch den
Diatessaronkommentar des Ischodad von Merw und durch die
syrischen Thomasakten welche die altsyrische Evangelienversion
zitieren und ins 2. Jh. n. Chr. zurückreichen.
Doch nicht nur der richtige Name des heiligen Propheten,
auf dem Allahs Segnungen seien und Frieden in unmessbarer
Zahl, und damit Sure 61, bestätigt sich glänzend. Der Text, in
den das Wort Periqlyta eingebettet ist, lässt im Gegensatz zur
post-nicänischen Tradition, die hier nur den vage bestimmten
heiligen Geist sehen will, keinen Zweifel offen, dass es sich
um eine Jesus ähnliche Person handelt, weil Jesus von einem
anderen Periqlyta spricht, wobei er sich selbst ebenso
bezeichnet, (vgl. auch 1 Joh. 2,1), welcher nach Jesu
Aufstieg, die ganze Wahrheit offenbaren wird. Natürlich wird
an anderer Stelle bei der Herabkunft des heiligen Geistes auf
die Jünger auch nicht von Periqlytos, sondern von Pneuma,
entsprechend dem arabischen ruh al Quddus, gesprochen.
Schließlich ist der Periqlyta in den syrischen Evangelien
männlichen Geschlechts während der Ruha d. h der heilige Geist
in allen semitischen Sprachen weiblich ist. Eine Identität von
Ruha und Periqlytos lässt sich demnach mit Gewissheit
ausschließen.
Hier nun die Ankündigung Muhammads gemäß Johannesevangelium
des Sinaisyrers durch Jesus:
Joh. 14, 16: „Wenn ihr mich liebt, so bewahret meine Gebote
und ich werde bei meinem Vater bitten. Und er wird euch einen
anderen PeRiQLYTA geben, der sein wird mit euch in Ewigkeit,
den Geist der Wahrheit...“
14, 26: "Wer mich nicht liebt, der bewahrt meine Worte
nicht und das Wort welches ihr höret.
Und dies Wort war nicht meines, sondern dessen, der mich
gesandt hat.... Der Geist aber, der Periqlyta, welchen euch
mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch
jegliches Ding lehren, der wird euch erinnern an alles, was
ich sage...“
15, 25: „Wann aber der PeRiQLYTA kommt, welchen ich euch
sende von bei meinem Vater, der Geist der Wahrheit, der von
vor meinem Vater ausgeht, so wird der über mich zeugen.“
16, 7: „... aber ich sage euch die Wahrheit, dass es euch
gut ist, dass ich gehe, weil wenn ich nicht gehe, der
PeRiQLYTA nicht zu euch kommt. Sobald ich aber gegangen bin,
sende ich euch den PeRiQLYTA.“
16,13 „...sobald aber der Geist der Wahrheit gekommen sein
wird, wird euch dieser in die ganze Wahrheit leiten, weil er
nicht aus dem Denken seiner Seele reden wird, sondern alles
was er hören wird, sagen. Und über alles, was kommt, euch
verkündigen wird...“
Dies ist ein deutlicher Anklang an die Muhammadstelle in
der Thora (5 Mose 18, 18) wo Allah, der Erhabene spricht: „Ich
will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles
sagen, was ich ihm auftrage.“
Warum wurden die Periqlytastellen im Johannesevangelium
geändert ?
In der Kriminalistik begnügt man sich nicht allein damit,
Indizien, sowie Gelegenheit für eine Tat nachzuweisen. Man
möchte auch das Motiv für die Tat herausfinden, denn dies ist
u. a. wichtig, um die „Schwere der Schuld“ zu beurteilen.
Zumal wenn der Vorgang ca. 1800 Jahre zurückliegt, geht es uns
nicht mehr darum, zu verurteilen, dies können wir getrost dem
himmlischen Richter überlassen. Uns kann es vielmehr
ausschließlich um das Verstehen der wahren Sachverhalte gehen,
gemäß dem Ausspruch Jesu (a. s.): „Wenn ihr bei meinen Worten
verharret, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die
Wahrheit wissen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ ((Joh
8,32, Zitat nach dem Sinaisyrer). Wir alle möchten gerne
wissen, was der Sohn der Maria tatsächlich tat, sagte und mit
dem Gesagten meinte, denn gerade in Letzterem kam es oft durch
Änderung erklärender Zusätze zu erheblichen Verschiebungen,
auch ohne dass seine Worte selbst angetastet wurden.
Im Gegensatz zur heute gebräuchlichen nachnicänischen
Version des Johannes-Evangeliums ist in den Periqlytastellen
des Sinaisyrers unmissverständlich von einer Person die Rede,
die ähnlich wie Jesus ist. Zum Vergleich Joh.14,16: „Und er
wird euch einen anderen Periqlyta geben.“ Das Wort „andere“
bezieht sich darauf, dass Jesu auch selber als Periqlyta
bezeichnet wurde. (Man vergleiche die Stelle 1 Joh. 2,1: „Wenn
aber einer sündigt, haben wir einen Parakletos beim Vater:
Jesus Christus, den Gerechten.“)
Was war nun das Motiv für die Eliminierung des Periklytos
als Person und das heißt, als des auch im Judentum, (Dtn.
18,18) erwarteten letzten Propheten? Der Islam lag ja zu der
Zeit als die Veränderung geschehen sein muss, (200-250 n.
Chr.) noch in weiter Ferne.
Um diese Frage zu beantworten braucht man Kenntnis von
einer fundamentalen Spaltung die in den Jahren nach 160 n.
Chr. im Christentum entstand.
Ein Mann namens Montanus trat in Phrygien, einer Provinz
Kleinasiens mit dem Anspruch auf, ein Botschafter des
erwarteten Periklytos zu sein.
Der wirkliche Name des Montanus war möglicherweise
Basilides, denn das Muratorifragment (um 200 n. Chr.),
erwähnt: „den Kleinasiaten Basilides den Stifter der
Kataphrygier.“ (Kataphrygier ist ein anderer Name für die
Montanisten).
Die durch das Muratorifragment nahegelegte Identität des
Basilides mit Montanus ist u.a. deswegen bemerkenswert, weil
Basilides nach anderen Quellen gelehrt haben soll, dass Jesus
nicht am Kreuz gestorben sei!
Montanus und in seiner Nachfolge zwei „Prophetinnen“
informierten ihre Glaubensbrüder in zahlreichen Schriften über
den Inhalt ihrer Offenbarungen. Aus den wenigen Fragmenten,
welche uns die „Widerlegungen“ ihrer Gegner bewahrt haben,
wissen wir, dass sie neben strenger Disziplin eine
Wiederherstellung des Urchristentums und teilweise Rückkehr
zum mosaischen Gesetz forderten.
Wir wissen ebenfalls, dass die bedeutendsten christlichen
Gelehrten der damaligen Zeit, allen voran der Enkelschüler des
Apostels Johannes, Irenäus von Lyon und sein Schüler Papst
Hippolyt von Rom dem Montanismus erhebliche Sympathie
entgegenbrachten. Unter den christlichen Gelehrten, die sich
überzeugen ließen und Montanisten wurden, ist besonders
Tertullian hervorzuheben. Sicher nicht zufällig ist es gerade
Tertullian, der in seinen Schriften interessante Details aus
der täglichen Praxis seiner Glaubensbrüder beschreibt, so z.
B. das dreimal tägliche rituelle Gebet in Richtung Jerusalem,
oder seine scharfe Kritik der Götzendienerei in De Idolatria,
wo er jedes Anfertigen von Bildnissen als eines Christen
unwürdig verurteilt.
Die Montanisten unterschieden sich in der Ausübung des
Glaubens offenbar nur wenig von ihren Gegnern, die sich in Rom
schließlich unter der Federführung des korrupten „Papstes“
Calixtus durchsetzten. Im wesentlichen widersetzten sie sich
der Aufweichung der urchristlichen Gebote durch die
Calixtianer, welche interessanterweise auch als erste die
Identität Jesu mit dem Schöpfer sowie die Idee einer
Dreieingkeit behaupteten.
Erstaunlich zurückhaltend, gemessen an der scharfen
Verurteilung von wirklichen Häretikern z. B. aus dem
gnostischen Lager, gingen maßgebende zeitgenössische Gelehrte
mit dem Phänomen Montanismus bzw. „neue Prophetie“ um.
Zumindest Irenäus und Hippolyt wandten sich gegen einen
Ausschluss der Montanisten aus der Ekklesia d. h. der
Gemeinschaft. Jenseits aller damals noch nicht verbindlich
festgelegten Dogmatik war die entscheidende Frage, die
schließlich zur Verwerfung der Montanisten durch die frühe
römische Kirche führte, folgende: „Ist die prophetische
Inspiration des Montanus echt, oder nicht?“ Allein schon der
Anspruch des Montanus, für den Periklytos zu sprechen, setzt
voraus, dass ein Periklytos als Person damals noch allgemein
erwartet wurde. Dies wird im übrigen auch dadurch evident,
dass falsche Propheten wie Elchasai und Mani sich selbst für
den erwarteten Periklytos ausgaben. Vor allem aufgrund der
Unterstützung durch den begnadeten Redner und Schriftsteller
Tertullian gewann der Montanismus stark an Boden und die
ungebildeten und Hippolyt von Rom zufolge, teils naiven z. T.
aber auch korrupten Päpste fanden keinen anderen Ausweg, als
den Montanisten die Argumentationsgrundlage zu entziehen. Die
Periklytosstellen wurden abgewandelt und Periklytos bzw. jetzt
Parakletos, von nun an als der „heilige Geist“ interpretiert,
was ohne die vorhergehende Manipulation unmöglich gewesen
wäre.
Die Unvereinbarkeit der beiden Begriffe zeigt sich jedoch
schon darin, dass der Periklytos männlich, der heilige Geist
in den semitischen Sprachen dagegen weiblich ist.
Die schwerwiegende Folge dieser orthodoxen Korruption der
Schrift war jedenfalls, dass überall dort, wo sich das
„überarbeitete“ Evangelium durchsetzte, Jahrhunderte später
ein Erkennen des wahren Periklytos, Muhammad, kaum mehr
möglich war.
Und ebenso ist es kaum verwunderlich, dass sich der Islam
überall dort extrem rasch verbreitete, wo noch Evangelien mit
intakt gebliebenen Periklytosstellen, insbesondere Tatians
Diatessaron benutzt wurden. Es sind genau jene
christianisierten Gebiete, auf die sich der Einfluss von Rom
und Byzanz nicht erstreckte, eine Tatsache die auch schon
Nicht-Muslimen aufgefallen ist. (Vgl. H.J. Schoeps:
„Judenchristentum“, der aus der erstaunlichen Übereinstimmung
zwischen Judenchristentum und Islam allerdings naiv folgert,
dass letzterer aus dem ersteren hervorgegangen sei).
Hier liegt auch der Grund für das nahezu völlige
Verschwinden der Nazaräer und anderer „Judenchristen“, die
nach wie vor die mosaische Scharia befolgten, wie es ja von
Jesus in Mt 5, 17-20 gefordert wurde. Diejenigen also, die
seine „Worte hörten und bewahrten“, erkannten den „Bräutigam“,
(Mt 24, 45 - 25,13) , als er denn nach langer Zeit kam und
wurden Muslime. Reste von authentischem Christentum hielten
sich fortan nur noch in unzugänglichen, vom Islam nicht
erfassten Gebieten, die natürlich heute für die Erforschung
dieser Religion und ihrer Schriften von großer Bedeutung sind.
Es sind dies Äthiopien, Armenien, Irland sowie der irische
Arianismus einiger europäischer Völker, sowie der Balkan.
Zum Schluss möchte ich dafür plädieren, in unserem Urteil
über die damaligen „Fälscher“ Zurückhaltung zu üben. Wir
können nämlich nicht ausschließen, dass diese Menschen, deren
Namen wir nicht mehr kennen, in einer Phase schwerster innerer
wie äußerer Angriffe ihre Änderung, deren gewaltige
historische Konsequenzen sie nicht ahnten, sozusagen mit guter
Absicht vorgenommen haben.
Wir sehen also den Tatbestand der arglistigen Täuschung
besonders beim Menschenfeind, dem die Kirche vielleicht im
Kampf gegen eine vermeintliche Irrlehre damals auf den Leim
ging. Und wer noch nie dem Teufel auf den Leim gegangen ist,
der werfe den ersten Stein.
Für uns Muslime steckt die Geschichte des Christentums
voller Lehren, denn schließlich sagte uns der geliebte
Gesandte, dass wir keinen Fehler auslassen werden, den die
Juden und Christen vor uns gemacht haben. Wir sollten uns von
der Geschichte warnen lassen, denn auch im Islam versuchen
einige, ihnen unliebsame Ahadit entgegen der Tradition für
unauthentisch zu erklären.
Möge Allah, der Erhabene, uns keine Lasten aufbürden, wie
denen die vor uns lebten und uns auf dem geraden Weg führen.
Und bei Allah ist der Erfolg.
Anmerkungen:
[1]
Der Geist der Wahrheit redet also nicht aus dem
Denken seiner Seele. Kann er da etwas anderes als ein
Mensch sein ?
[2]
Das griechische Wort „Prophet“ bedeutet allgemein „Seher“ und
nicht wie das semitische Wort „Nabi“ einen Menschen der Gottes
Botschaften durch Vermittlung des Engels Gabriel erhält. In
diesem generellen Sinne, eines Menschen der die Gabe der
Vorausschau besitzt, der aber auch polytheistische
Phänomene wie das Orakel von Delphi einschließt, wurde das
Wort im frühen Christentum benutzt, während man die
Gottesgesandten im engeren Sinne als wahre Propheten
bezeichnete.
Eine
weibliche Prophetie im oben erwähnten Sinne, konnte zu Zeiten
Montanus‘ schon auf eine fundierte Tradition zurückblicken.
Der Apostel Phillipus, welcher Phrygien als Erster das
Christentum brachte, hatte zwei Töchter die das Charisma der
Weissagung besaßen. Genau auf dem Boden dieses durch die
Apostel Johannes und Phillipus von vornherein charismatisch
orientierten Christentums entstand die Bewegung der neuen
Prophetie, die dann von ihren, der authentischen
Tradition bereits verlustig gegangenen, Gegnern (vgl. auch „Mohammedanismus“),
als Montanismus oder phrygische Häresie
verunglimpft wurde.
[3]
Leider sind uns nur wenige Schriften dieser frühchristlichen
Gelehrten erhalten und auch diese häufig wie im Falle Irenäus´
nur in Form erheblich zensierter Übersetzungen. Es ist
durchaus wahrscheinlich, dass Irenäus, als Schüler des
berühmten Poykarp von Smyrna selber im
charismatisch-johanneischen Christentum Kleinasiens
aufgewachsen, mit dem Montanismus mehr als nur
„sympathisierte“.
[4]
Dies war das Schimpfwort der Gegner dieser urchristlichen
Charismatiker. Sie selbst bezeichneten ihre Bewegung hingegen
als neue Prophetie. Montanus sah sich, im Gegensatz
zur Polemik seiner Gegner, er habe sich selbst für den Geist
der Weisheit gehalten, nur als Sprachrohr des Periklytos,
welcher ihm u.a. die Korrektur bestimmter, bereits im
damaligen Christentum aufgetretener Fehler, mitteilte.
[5]
Auch die christliche Forschung wendet sich neuerdings der
Untersuchung solcher Schrift-„korrekturen“ zu. Allen voran das
brillante Werk von Bart D. Ehrman: „The Orthodox
Corruption of Scripture, “, (Oxford University Press
1993), wo ebenfalls der Kampf gegen die „Häresien“ als
Hauptmotiv nachgewiesen wird. Das Werk bietet auch einen guten
Überblick über die Entwicklung der sogenannten Christologie,
von ihrem Ausgangspunkt, dem jüdischen Messias bis hin zum „eingeborenen
Sohn“ oder der „Einwohnung des Vaters“ in der „Mutter
Gottes“!
[6] Die ältesten Versionen des berühmten
Gleichnisses von den Jungfrauen lassen erkennen, dass diese
nur als Gäste an der Hochzeit des Bräutigams
teilnehmen. Daraus ergibt sich automatisch die Frage: Wer ist
dann die Braut? Die Zuhörer Jesu wussten es und hebräische
bzw. frühchristliche Überlieferung lässt darüber keinen
Zweifel zu. Es handelt sich um die Sakinah/Shekinah
genannte göttliche Präsenz, die Allah Ta´àla beim Schwur von
Akaba auf den letzten Propheten und die 72 Gefährten
herabsandte. (vgl. Sure 48 ).
Aus Al-Fadschr
Nr. 103