Mehr zu dem Hintergrund des Briefes siehe:
Leo Tolstoi
Diesen Brief schrieb Leo Nikolajewitsch einem
Tataren Waissow, dem Führer der Sekte „Gottes Heer“. Tolstois
Sekretär N.N. Gussew vermerkte in seinem Tagebuch 1909: „Leo
Nikolajewitsch erzählte einem Besucher: In Kasan gibt es ein
„Gottes Heer“, das ist eine tatarisch-mohammedanische
Sekte…Einer Ihrer Hauptgrundsätze ist, dass der Glaube aller
Menschen der gleiche sein müsse. Das ist die eine
mohammedanische Sekte, die andre in Persien geht unter dem
Namen Babisten. Sie sind Jünger des Beha, der das Werk des Báb
weiterführte. Ein solcher Behaist suchte mich zu meiner Freude
auf. Er war nicht sehr intelligent, aber seinem Glauben hatte
ich in allen Stücken ohne weiteres unterschreiben können.
Besonders wertvoll ist mir, wie bei denen aus Kasan, so wie
auch bei diesen, e i n Zug: dass sie nämlich die Notwendigkeit
e i n e r Religion für alle Menschen erkannt haben. In der
Tat, man muss staunen, wenn man darüber nachdenkt, wie man auf
solch einen einfachen Gedanken nicht ohne weiteres kommt; da
gibt es Griechisch-Orthodoxe, Katholiken, Buddhisten – die
Menschen halten, ein jeder seinen Glauben, für wahr – sobald
sie aber gewisse Grenzen überschreiten, halten sie daran das
eine für wahr, das andre für falsch. Muss das nicht bedenklich
machen, muss man da nicht nach einer Religion suchen, die für
alle gilt?“
An Fridul-Chan-Wadalbekow Jasnaja Poljana,
28. Dezember 1908
Als Antwort auf Ihre Frage, wie man das Wort „Gott”
verstehen müsse, sende ich Ihnen ein Heft, das aus meinem
“Lesekreis” zusammengestellt ist. Meiner Meinung nach muß man
sich, um sich keinen falschen Begriff von Gott zu machen, vor
allem von der im Christentum wie im Mohammedanismus üblichen
Vorstellung Gottes als einer Person befreien.
Die Auffassung Gottes , die mir am nächsten steht und die
allen Anforderungen der Vernunft und des Herzens entspricht,
drückt Johannes 4.Kap. 7, 12, 15 aus, nämlich, daß Gott die
Liebe ist, also, dass in einem jeden Gott so weit lebt, und da
ein jeder Ihn so weit erfassen kann, als er selber Liebe in
sich trägt. Dieser Gedanke spricht mehr oder weniger klar aus
allen Religionen…
Auf Ihre zweite Frage, was uns nach dem Tode erwartet, kann
ich nur antworten, dass wir sterbend ebendorthin gehen, d.h.
zu Gott, aus dem wir ins Leben getreten sind. Gott aber, zu
dem wir zurückkehren, ist die Liebe, und daher können wir von
dem Übergange nur Gutes erwarten.
Auf Ihre dritte Frage antworte ich, dass meiner Meinung
nach der Islam wie alle Religionen, Brahmanismus, Buddhismus,
Konfuzianismus und andere, große ewige Wahrheiten enthält,
dass er sie aber auch wie die anderen mit Aberglauben, groben
Entstellungen, unnützen Bräuchen und Trugwerk vermengt. Sehr
geholfen haben mir bei meinem Bestreben, mir eine Vorstellung
vom Islam zu erwerben, das prächtige Büchlein: „The sayings of
Mahomed, edited by Abdullah-al Mamun Suhravardi“, das in
London herausgekommen ist. Die Lehre der Babisten, die aus dem
Mohammedanismus hervorgegangen, sich zum Behaismus (Beha
Ullahs Lehre) entwickelt hat, stellt eine der höchsten und
reinsten Religionslehren dar.
Es soll mich freuen, wenn meine Antwort Sie befriedigt. Ich
wünsche Ihnen alles wahrhaft Gute.
Leo Tolstoi