Tolstoi
Brief von Leo Tolstoi an Fridul-Chan-Wadalbekow (einem tatarischen Muslim)

28. Dezember 1908 n.Chr.

Mehr zu dem Hintergrund des Briefes siehe: Leo Tolstoi

Diesen Brief schrieb Leo Nikolajewitsch einem Tataren Waissow, dem Führer der Sekte „Gottes Heer“. Tolstois Sekretär N.N. Gussew vermerkte in seinem Tagebuch 1909: „Leo Nikolajewitsch erzählte einem Besucher: In Kasan gibt es ein „Gottes Heer“, das ist eine tatarisch-mohammedanische Sekte…Einer Ihrer Hauptgrundsätze ist, dass der Glaube aller Menschen der gleiche sein müsse. Das ist die eine mohammedanische Sekte, die andre in Persien geht unter dem Namen Babisten. Sie sind Jünger des Beha, der das Werk des Báb weiterführte. Ein solcher Behaist suchte mich zu meiner Freude auf. Er war nicht sehr intelligent, aber seinem Glauben hatte ich in allen Stücken ohne weiteres unterschreiben können. Besonders wertvoll ist mir, wie bei denen aus Kasan, so wie auch bei diesen, e i n Zug: dass sie nämlich die Notwendigkeit e i n e r Religion für alle Menschen erkannt haben. In der Tat, man muss staunen, wenn man darüber nachdenkt, wie man auf solch einen einfachen Gedanken nicht ohne weiteres kommt; da gibt es Griechisch-Orthodoxe, Katholiken, Buddhisten – die Menschen halten, ein jeder seinen Glauben, für wahr – sobald sie aber gewisse Grenzen überschreiten, halten sie daran das eine für wahr, das andre für falsch. Muss das nicht bedenklich machen, muss man da nicht nach einer Religion suchen, die für alle gilt?“

An Fridul-Chan-Wadalbekow Jasnaja Poljana,
28. Dezember 1908

Als Antwort auf Ihre Frage, wie man das Wort Gott” verstehen müsse, sende ich Ihnen ein Heft, das aus meinem “Lesekreis” zusammengestellt ist. Meiner Meinung nach muß man sich, um sich keinen falschen Begriff von Gott zu machen, vor allem von der im Christentum wie im Mohammedanismus üblichen Vorstellung Gottes als einer Person befreien.

Die Auffassung Gottes , die mir am nächsten steht und die allen Anforderungen der Vernunft und des Herzens entspricht, drückt Johannes 4.Kap. 7, 12, 15 aus, nämlich, daß Gott die Liebe ist, also, dass in einem jeden Gott so weit lebt, und da ein jeder Ihn so weit erfassen kann, als er selber Liebe in sich trägt. Dieser Gedanke spricht mehr oder weniger klar aus allen Religionen…

Auf Ihre zweite Frage, was uns nach dem Tode erwartet, kann ich nur antworten, dass wir sterbend ebendorthin gehen, d.h. zu Gott, aus dem wir ins Leben getreten sind. Gott aber, zu dem wir zurückkehren, ist die Liebe, und daher können wir von dem Übergange nur Gutes erwarten.

Auf Ihre dritte Frage antworte ich, dass meiner Meinung nach der Islam wie alle Religionen, Brahmanismus, Buddhismus, Konfuzianismus und andere, große ewige Wahrheiten enthält, dass er sie aber auch wie die anderen mit Aberglauben, groben Entstellungen, unnützen Bräuchen und Trugwerk vermengt. Sehr geholfen haben mir bei meinem Bestreben, mir eine Vorstellung vom Islam zu erwerben, das prächtige Büchlein: „The sayings of Mahomed, edited by Abdullah-al Mamun Suhravardi“, das in London herausgekommen ist. Die Lehre der Babisten, die aus dem Mohammedanismus hervorgegangen, sich zum Behaismus (Beha Ullahs Lehre) entwickelt hat, stellt eine der höchsten und reinsten Religionslehren dar.

Es soll mich freuen, wenn meine Antwort Sie befriedigt. Ich wünsche Ihnen alles wahrhaft Gute.

Leo Tolstoi

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