Mehr zu dem Hintergrund des Briefes siehe:
Leo Tolstoi
und
Muhammad Abduh. Antwortbrief auf
Brief von Muhammad Abduh an Leo TolstoiAn Mufti
Mohammed Abdu Kairo,
13. Mai 1905
Lieber Freund,
Ich habe Ihr treffliches, nur meiner Person allzuviel Lob
spendendes Schreiben erhalten und beeile mich, Ihnen zu
antworten, um Sie zu überzeugen, dass es mich freute, da es
mich in unmittelbare Beziehung zu einem aufgeklärten Menschen
brachte, wenn er auch in einem anderen Bekenntnis geboren und
erzogen ist, als ich, doch eines Glaubens mit mir ist; denn
die Bekenntnisse sind verschieden, und es gibt ihrer viele,
aber Glauben, wahren Glauben gibt es nur einen. Ich hoffe,
mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, dass der Glaube, dem
ich diene, auch Ihr Glaube ist, der Glaube an Gott und seine
Gesetze, die in der Liebe zum Nächsten bestehen und darin,
dass man so gegen andere handelt, wie man selber behandelt
sein will. Ich meine, alle wahrhaft religiösen Grundsätze
entspringen hieraus, und sie bleiben für Europäter wie für
Brahmanen, für Buddhisten, Christen und Mohammedaner immer die
gleichen. Ich meine, je stärker die Religionen von Dogmen,
Vorschriften, Wundermärchen und Vorurteilen strotzen, um so
mehr trennen sie die Menschen voneinander und rufen sogar
Hassgefühle unter ihnen hervor. Und im Gegensätze dazu, je
schlichter und reiner sie werden, desto näher kommen sie dem
Ideale der Menschheit, der allgemeinen Einigung.
Das ist´s, was mich an Ihrem Schreiben erfreute, und
weswegen ich wünschte, die Beziehungen zu Ihnen
aufrechtzuerhalten. Empfangen Sie, lieber Mufti Mohammed Abdu,
die Versicherung meiner freundschaftlichen Gefühle.
Ihr Leo Tolsto