Almansor
Kapitel 6
Zuleima:Ins Haus der Liebe trat dein
Fuß, Almansor,
Doch Blindheit lag auf deinen
Augenwimpern.
Vermissen mochtest du den
heitern Schimmer,
Der leicht durchgaukelt alte
Heidentempel,
Und jene
Werkeltagsbequemlichkeit,
Die in des Moslems dumpfer
Betstub kauert.
Ein ernstres, beßres Haus hat
sich die Liebe
Zur Wohnung ausgesucht auf
dieser Erde.
In diesem Hause werden Kinder
mündig,
Und Münd'ge werden da zu
Kindern wieder;
In diesem Hause werden Arme
reich,
Und Reiche werden selig in der
Armut;
In diesem Hause wird der Frohe
traurig,
Und aufgeheitert wird da der
Betrübte.
Denn selber als ein traurig,
armes Kind
Erschien die Liebe einst auf
dieser Erde.
Ihr Lager war des Stalles enge
Krippe,
Und gelbes Stroh war ihres
Hauptes Kissen.
Und flüchten mußte sie wie 'n
scheues Reh,
Von Dummheit und Gelehrsamkeit
verfolgt.
Für Geld verkauft, verraten
ward die Liebe,
Sie ward verhöhnt, gegeißelt
und gekreuzigt; –
Doch von der Liebe sieben
Todesseufzern,
Zersprangen jene sieben
Eisenschlösser,
Die Satan vorgehängt der
Himmelspforte,
Und wie der Liebe sieben Wunden
klafften,
Erschlossen sich aufs neu die
sieben Himmel,
Und zogen ein die Sünder und
die Frommen.
Die Liebe war's, die du
geschaut als Leiche,
Im Mutterschoße jenes traur'gen
Weibes.
Oh, glaube mir, an jenem kalten
Leichnam
Kann sich erwärmen eine ganze
Menschheit,
Aus jenem Blute sprossen
schönre Blumen,
Als aus Alradschids stolzen
Gartenbeeten,
Und aus den Augen jenes
traur'gen Weibes
Fließt wunderbar ein süßres
Rosenöl,
Als alle Rosen Schiras' liefern
könnten.
Auch du hast teil, Almansor ben
Abdullah,
An jenem ew'gen Leib und ew'gen
Blute,
Auch du kannst setzen dich zu
Tisch mit Engeln,
Und Gottesbrot und Gotteswein
genießen,
Auch du darfst wohnen in der
Sel'gen Halle,
Und, gegen Satans starke
Höllenmacht,
Schützt dich mit ew'gem
Gastrecht Jesu Christ,
Wenn du genossen hast sein
»Brot und Wein«.
Almansor:
Du sprachest aus, Zuleima,
jenes Wort,
Das Welten schafft und Welten
hält zusammen;
Du sprachest aus das große
Wörtlein »Liebe!«
Und tausend Engel singen's
jauchzend nach,
Und in den Himmeln klingt es
schallend wider;
Du sprachst es aus, und Wolken
wölben sich,
Dort oben hoch, wie eines Domes
Kuppel,
Die Ulmen rauschen auf, wie
Orgeltöne,
Die Vöglein zwitschern fromme
Andachtlieder,
Der Boden dampft von wallend
süßem Weihrauch,
Der Blumenrasen hebt sich als
Altar –
Nur eine Kirch der Liebe ist
die Erde.
Zuleima:
Die Erde ist ein großes
Golgatha,
Wo zwar die Liebe siegt, doch
auch verblutet.
Almansor:
Oh, flechte nicht zum
Totenkranz die Myrte,
Und hüll die Liebe nicht in
Trauerflöre.
Der Liebe Priesterin bist du,
Zuleima,
Die Liebe wohnt in deines
Busens Zelle,
Aus deiner Äuglein klaren
Fenstern schaut sie,
Ihr Odem weht aus deinem süßen
Munde –
Auf euch, ihr sammetweiche
Purpurkissen,
Auf euch, ihr holden Lippen,
thront die Liebe,
Auf euch möcht sich Almansors
Seele betten –
Ei, hörst du nicht Fatimas
letzte Worte:
»Bring diesen Kuß Zuleimen,
meiner Tochter.« –
Sie sehn
sich lange wehmütig an. Sie
küssen sich feierlich.
Zuleima:
Fatimas Totenkuß hab ich
empfangen,
Nimm hin dagegen Christi
Lebenskuß.
Almansor:
Es war der Liebe Odem den ich
trank,
Aus einem Becher mit
Rubinenrande;
Es war ein Feuerborn woraus ich
trank
Ein Öl, das heiß durch meine
Adern rinnet,
Und mir das Herz erquicket und
verbrennt.
Umschlingt
sie.
Ich laß
nicht ab von dir, von dir,
Zuleima!
Und ständen offen Allahs goldne
Hallen,
Und Huris winkten mir mit
schwarzen Augen,
Ich ließ nicht ab von dir, ich
blieb bei dir,
Umschlänge fester deinen süßen
Leib –
Dein Himmel nur, Zuleimas
Himmel nur,
Sei auch Almansors Himmel, und
dein Gott,
Sei auch Almansors Gott,
Zuleimas Kreuz
Sei auch Almansors Hort, dein
Christus sei
Almansors Heiland auch, und
beten will ich
In jener Kirche, wo Zuleima
betet.
Beseligt
schwimm ich wie in
Liebeswellen,
Von weichen Harfenlauten süß
umklungen; –
Die Bäume tanzen wunderlichen
Reigen; –
Die Englein schütten neckend
Sonnenstrahlen
Und bunten Blütenstaub auf mich
herab; –
Erschlossen ist des Himmels
stille Pracht; –
Hellgoldne Schwingen tragen
mich hinauf –
Zur Seligkeit hinauf!
In der
Ferne hört man Glockengeläute
und Kirchengesang.
Zuleima sich
erschrocken von ihm wendend:
Jesus Maria!
Almansor:
Welch dunkler Laut zerreißt den
goldnen Schleier,
Womit mich sel'ge Träume leicht
umwoben?
Erblassen seh ich plötzlich
dich, mein Lieb,
Mein Röslein wandelt sich in
eine Lilie –
Sag an, mein Lieb, hast du den
Tod geschaut,
Der unsichtbar erscheinet, uns
zu trennen?
Zuleima:
Der Tod, der trennet nicht, der
Tod vereinigt,
Das Leben ist's, was uns
gewaltsam trennt.
Hörst du, Almansor, was die
Glocken murmeln?
Sie murmeln dumpf:
Verhüllt
sich. »Zuleima wird
vermählt heut
Mit einem Mann, der nicht
Almansor heißt.«
Pause.
Almansor:
So hast du mir ins Herz
hineingezischt
Dein schlimmstes Gift, du
Schlangenkönigin!
Von diesem Gifthauch welken
rings die Blumen,
Des Springborns Wasser wandelt
sich in Blut,
Und tot fällt aus der Luft
herab der Vogel.
So hast du mich hineingesungen,
Falsche,
In jene Folterkammer, die du
Kirch nennst,
Und kreuzigst mich an deines
Gottes Kreuz,
Und ziehst geschäftig an den
Glockensträngen,
Und spielst die Orgel, um zu
übertäuben
Mein lautes Reu- und Angstgebet
zu Allah!
So hast du mich gelockt, du
schlimme Fee,
In deinen Muschelwagen mit den
Täubchen,
Hast mich hinaufgelockt bis in
die Wolken,
Um jählings mich von dort
herabzuschleudern.
Ich höre fallend noch dein
Spottgelächter,
Ich sehe fallend, wie dein
Zauberwagen
Zu einem Sarge wird, mit
Feuerrädern,
Wie deine Tauben sich in
Drachen wandeln,
Wie du sie lenkst am schwarzen
Schlangenzügel –
Und grausen Fluch
hinunterbrüllend, stürz ich
Hinab, hinab, bis in den
Schlund der Hölle,
Und Teufel selbst erschrecken
und erbleichen,
Bei meinem Wahnsinnfluch und
Wahnsinnanblick.
Fort! fort von hier! ich weiß
noch einen Fluch,
Spräch ich ihn aus, müßt Eblis
selbst erblassen,
Die Sonne müßt erschrocken
rückwärts eilen,
Die Toten kröchen zitternd aus
den Gräbern,
Und Mensch und Tier und Bäume
würden Stein.
Stürzt
fort.
Zuleima,
die bis jetzt verhüllt und
unbeweglich stand, wirft sich
nieder vor dem Christusbilde.
Ein Kirchenlied singend ziehen
Mönche, mit Kirchenfahnen und
Heil'gen-Bildern, in Prozession
vorüber.
Waldgegend
Der
Chor:
Es ist ein schönes Land, das
schöne Spanien,
Ein großer Garten, wo da
prangen Blumen,
Goldäpfel, Myrten; – aber
schöner noch
Prangten mit stolzem Glanz die
Maurenstädte,
Das edle Maurentum, das Tarik
einst,
Mit starker Hand, auf
span'schen Boden pflanzte.
Durch manch Ereignis war schon
früh gediehn
Das junge Reich; es wuchs und
blühte auf
In Herrlichkeit, und
überstrahlte fast
Des alten Mutterlands
ehrwürd'ge Pracht.
Denn als der letzte Omaijad
entrann
Dem Gastmahl, wo der arge
Abasside
Der Omaijaden blut'ge
Leichenhaufen,
Zu Speisetischen, höhnend
aufgeschichtet;
Als Abderam nach Spanien sich
gerettet,
Und wackre Mauren treu sich
angeschlossen
Dem letzten Zweig des alten
Herrscherstamms –
Da trennte feindlich sich der
span'sche Moslem
Vom Glaubensbruder in dem
Morgenlande;
Zerrissen ward der Faden, der
von Spanien,
Weit übers Meer, bis nach
Damaskus reichte,
Und dort geknüpft war am
Kalifenthron;
Und in den Prachtgebäuden
Cordobas
Da wehte jetzt ein reinrer
Lebensgeist,
Als in des Orients dumpfigen
Haremen.
Wo sonst nur grobe Schrift die
Wand bedeckte,
Erhub sich jetzt, in
freundlicher Verschlingung,
Der Tier- und Blumenbilder
bunte Fülle;
Wo sonst nur lärmte Tamburin
und Zimbel,
Erhob sich jetzt, beim Klingen
der Gitarre,
Der Wehmutsang, die schmelzende
Romanze;
Wo sonst der finstre Herr, mit
strengem Blick,
Die bange Sklavin trieb zum
Liebesfron,
Erhub das Weib jetzund sein
Haupt als Herrin,
Und milderte, mit zarter Hand,
die Roheit
Der alten Maurensitten und
Gebräuche,
Und Schönes blühte, wo die
Schönheit herrschte.
Kunst, Wissenschaft, Ruhmsucht
und Frauendienst,
Das waren jene Blumen, die da
pflegten
Der Abderamen königliche Hand.
Gelehrte Männer kamen aus
Byzanz,
Und brachten Rollen voll
uralter Weisheit;
Viel neue Weisheit sproßte aus
der alten;
Und Scharen wißbegier'ger
Schüler wallten,
Aus allen Ländern, her nach
Cordoba,
Um hier zu lernen, wie man
Sterne mißt,
Und wie man löst die Rätsel
dieses Lebens.
Cordoba fiel, Granada stieg
empor,
Und ward der Sitz der
Maurenherrlichkeit.
Noch klingt's in blühend
stolzen Liedern von
Granadas Pracht, von ihren
Ritterspielen,
Von Höflichkeit im Kampf, von
Siegergroßmut,
Und von dem Herzenspochen
holder Damen,
Die streiten sahn die Ritter
ihrer Farbe.
Doch war's
ein ernstrer Ritterkampf, worin
Sie selber fiel, die leuchtende
Granada,
Und ritterliche Großmut war es
nicht,
Als jüngst sein Wort, womit er
Glaubensfreiheit
Verbürget hatt, der Sieger
listig brach,
Und den Besiegten nur die Wahl
gelassen,
Entweder Christ zu werden, oder
fort
Aus Spanien nach Afrika zu
fliehn.
Da wurde Ali Christ. Er wollte
nicht
Zurück ins dunkle Land der
Barbarei.
Ihn hielt gefesselt edle Sitte,
Kunst
Und Wissenschaft, die in
Hispanien blühte.
Ihn hielt gefesselt Sorge für
Zuleima,
Die zarte Blume, die im
Frauenkäfig
Des strengen Morgenlands
hinwelken sollte,
Ihn hielt gefesselt
Vaterlandesliebe,
Die Liebe für das liebe, schöne
Spanien.
Doch was am meisten ihn
gefesselt hielt,
Das war ein großer Traum, ein
schöner Traum,
Anfänglich wüst und wild,
Nordstürme heulten,
Und Waffen klirrten, und
dazwischen rief's
»Quiroga und Riego!« tolle
Worte!
Und rote Bäche flossen,
Glaubenskerker
Und Zwingherrnburgen stürzten
ein, in Glut
Und Rauch, und endlich stieg,
aus Glut und Rauch,
Empor das ew'ge Wort, das
urgeborne,
In rosenroter Glorie selig
strahlend.
Geht ab.
Almansor
wankt träumerisch einher.
Almansor kalt und
verdrossen:
In alten Märchen gibt es goldne
Schlösser,
Wo Harfen klingen, schöne
Jungfraun tanzen,
Und schmucke Diener blitzen,
und Jasmin
Und Myrt und Rosen ihren Duft
verbreiten –
Und doch ein einziges
Entzaubrungswort
Macht all die Herrlichkeit im
Nu zerstieben,
Und übrig bleibt nur alter
Trümmerschutt,
Und krächzend Nachtgevögel und
Morast.
So hab auch ich mit einem
einz'gen Worte
Die ganze blühende Natur
entzaubert.
Da liegt sie nun, leblos und
kalt und fahl,
Wie eine aufgeputzte
Königsleiche,
Der man die Backenknochen rot
gefärbt,
Und in die Hand ein Szepter hat
gelegt.
Die Lippen aber schauen gelb
und welk,
Weil man vergaß sie gleichfalls
rot zu schminken,
Und Mäuse springen um die
Königsnase,
Und spotten frech des großen,
goldnen Szepters. –
Es ist das
eigne Blut, das uns
hinaufsteigt
Ins Aug, wodurch mit schönem,
roten Schimmer
Bekleidet werden all die
Rosenblätter,
Jungfrauenwänglein,
Sommerabendwölkchen,
Und gleiche Spielerein, die uns
entzücken.
Ich hab die rote Brille
abgelegt –
Und sieh! welch schlechtes
Machwerk ist die Welt!
Die Vögel singen falsch; die
Bäume ächzen
Wie alte Mütterchen; die Sonne
wirft,
Statt glühnder Strahlen, lauter
kalte Schatten;
Schamlos, wie Metzen, lachen
dort die Veilchen;
Und Tulpen, Nelken und Aurikeln
haben
Die bunten Sonntagsröckchen
ausgezogen,
Und tragen ihr geflicktes,
graues Hauskleid.
Ich selbst hab mich verändert
noch am meisten;
Kaum kann ein Mädchensinn sich
so verändern!
Ich bin nur noch ein
knöchrichtes Skelett;
Und was ich sprech, ist nur ein
kalter Windstoß,
Der klappernd zieht durch meine
trocknen Rippen.
Das kluge Männlein, das im Kopf
mir wohnte,
Ist ausgezogen, und in meinem
Schädel
Spinnt eine Spinn ihr
friedliches Gewebe.
Auch wein ich einwärts jetzt;
denn als ich schlief,
Stahl man die Augen mir, und
glühnde Kohlen
Hat man gefugt in meine
Augenhöhlen.
Du Engel
oben, du, von dem die Amme
Mir einst erzählte: daß du jede
Träne,
Die meinem Aug entflösse,
sorgsam zähltest,
Du hast jetzt Feierabend!
Mühsam war
Dein Tagewerk, du armer
Tränenzähler –
Hast du dich nie verzählt? und
konntest du
Die großen Zahlen stets im Kopf
behalten?
Du bist wohl müd, und ich bin
auch recht müd,
Und auch mein Herz ist müd vom
vielen Klopfen,
Und ausruhn wollen wir.
Er legt
sich nieder, an einen
Kastanienbaum gelehnt.
Ich bin
recht müd,
Und krank, und kranker noch als
krank, denn ach!
Die allerschlimmste Krankheit
ist das Leben;
Und heilen kann sie nur der
Tod. Das ist
Die bitterste Arznei, doch auch
die letzte,
Und ist zu haben überall, und
wohlfeil,
Er zieht
einen Dolch hervor.
Du eiserne
Arznei, du schaust so zweifelnd
Mich an. Willst du mir helfen?
Hassan
tritt auf und naht sich leise.
Hassan:
Allah hilft!