An Bord des »Vaudreuil«
Oktober 1871
Wichtige, wenn auch sehr wenig bekannte Kanäle gehen von
der Meerenge von Magellan aus und münden im Norden, zwischen
Patagoniens Westküste und einigen noch unbetretenen Inseln, in
den Golf von Penas, etwa 6 Breitengrade unter ihrem
Ausgangspunkt. Im Gebiet dieser Küsten verblieben wir einen
Monat, mit dem Auftrag, sie zu erforschen.
In einer Ausdehnung von hundertfünfzig Meilen durchmaßen
wir ungeheuere ausgestorbene Landstriche. Mächtige Waldungen
erstrecken sich über beide Ufer, Wälder, in welchen sich wohl
nichts geändert hat seit der Erschaffung der Erde.
Die ersten Kanäle, in die unser Schiff einfuhr, waren eng
und der Fahrt beschwerlich. Es waren gekrümmte Wasserwege, die
in schroffe Gebirge gezwängt und stellenweise so in sie
eingebaut waren, daß unser Mastwerk im Vorüberfahren die alten
Bäume streifte, die ihren Schnee auf unsere Häupter
schüttelten.
Doch bald weitete sich der Horizont, und nun zogen täglich,
von Totenstille umwoben, neue Seen und Berge, Gletscher, hohe
Wasserfälle und Flüsse, alle namenlos und unbekannt, an uns
vorüber.
Je weiter Magellan zurückliegt und je näher die milderen
nördlichen Gegenden rücken, um so mehr verliert das Antlitz
der Landschaft seine strenge Trübseligkeit; das Laub ist
weniger dunkel und weniger einförmig getönt, und den Waldboden
bedeckt hohes goldbraunes Heidekraut. In tiefen Tälern, unter
dem Dach uralter Bäume, von deren Kronen Wassertropfen
stieben, ist das Dunkel fast so wie in finsterer Nacht, und
hier unten breitet sich ein Überfluß an Moosen und unbekannten
Farnen von nie geahnter Mannigfaltigkeit aus. Oben in den
Zweigen singen viele kleine Vögelein.
Auch Wasserwild sehen wir in ungeheueren Mengen. Im
Vorbeifahren stöbern wir ganze Volksmassen von pompös
gefiederten Wildenten und Wildgänsen auf, lauter Tiere, deren
Fleisch widerlich schmeckt, die wir aber doch gern hier
treffen. Die riesenhaften Muscheln, die den Indianern zur
Nahrung dienen, sind auch uns von großem Nutzen: in all ihren
Schalen ruhen Perlen, zart blau und rosenrot getönt, die
zweifellos bisher von niemandem zu Schmuck und Zier nutzbar
gemacht worden sind.
Ausbooten und Ausflüge sind hier sehr schwierige Dinge; man
dringt in diesem Lande nur vorwärts, indem man sich von Baum
zu Baum schwingt, und man bekommt diese düsteren Streifzüge,
das tiefe Schweigen ringsum und das völlige Abgeschlossensein
bald satt. – Die Matrosen verbringen die Tage im Walde, wo sie
Bäume absägen, um aus Mangel an Kohle die Maschine mit Holz zu
nähren. Beim Einbruch der Winternacht kommen sie wieder an
Bord, durchnäßt und durchfroren, und doch sehr beglückt, wenn
sie etliche Pinguine und Muscheltiere für ihr Abendbrot
erbeutet haben.
Von Zeit zu Zeit begegnen wir Ichthyophagen, und das ist
gewöhnlich ein ungutes Zusammentreffen, das keinerlei Vorteile
bietet. Die Matrosen haben eine abergläubische Angst, in die
sich Ekel mengt, vor diesen Menschen, und lachen über sie,
aber mit Vorbehalt, wie man Tieren mißtraut, die bei all ihrer
Komik schädlich sind. Es wäre in der Tat unerquicklich,
waffenlos in ihre gelben Hände zu geraten. Denn sind auch ihre
Sitten noch wenig bekannt, so glaube ich doch mit Bestimmtheit
sagen zu können, daß man unter großem Geschrei sofort
zerrissen und verspeist würde. Ihre rauchenden Reisigfeuer
verraten sie glücklicherweise auf weite Entfernungen, so daß
ihrerseits keine Überraschungen zu befürchten sind.
Ihre Siedlungen, in welchen sich Reste von Muscheln,
Knochen und mancherlei Unrat anhäufen, verbreiten einen
Fäulnisgeruch, und alles, was sie umgibt, ist abstoßend
schmutzig; es ist bei ihnen übrigens nicht die leiseste Spur
einer Industrie zu entdecken, noch stehen ihre Stämme unter
geregelter Organisation. Sie leben meistens in Familien
zusammen, den Orang-Utans gleich, decken ihren Nahrungsbedarf
durch Jagd und Fischerei, und verbringen den größten Teil
ihres Lebens auf dem Wasser.
Ihre PiroguenKähne enthalten gewöhnlich vier oder fünf von
ihnen, eine gleich große Anzahl Hunde und ein Feuer, das
unvorsichtig, mit nur wenig Asche, auf dem Grund der Barke
brennt.
In der Höhe der Insel Reine-Adelaide wurden wir eines Tages
durch eine Pirogue mit solcher Besatzung erschreckt, die mit
allen Zeichen des Entsetzens auf unser Schiff zusteuerte. Die
Menschen sowohl als die Hunde heulten grauenhaft und wiesen
uns weit offene Münder aus Gesichtern, die schon dem Jenseits
zugekehrt waren. Jegliche Gefahr verachtend, warfen sie sich
gegen unser Schiff, ohne zu bedenken, daß sie im nächsten
Augenblick in Stücke gerissen sein könnten.
Wir hatten gedacht, sie wären besessen, doch waren sie nur
halb verhungert, und im Nu wurde ihre Pirogue von den Matrosen
mit Biskuit und Brot gefüllt, das sie gierig verschlangen.
Unser Schiff wurde noch zu mehreren Malen die Zuflucht der
Eingeborenen, die sich zuweilen sogar erkühnten, an Bord zu
kommen, und um Nahrungsmittel zu betteln. Einmal brach sogar
eine regelrechte Panik unter ihnen aus, an einem Tage, da
etliche von ihnen auf der Schiffsbrücke voller Gefräßigkeit
vertilgten, was von der Suppe unserer Mannschaft
übriggeblieben war, und sie nicht ahnten, daß zur selben Zeit
der Taucher den Kiel der Fregatte überprüfte. Als sie nun den
großen runden Kopf dieses unbekannten Ungeheuers aus dem
Wasser ragen sahen, war ihr Entsetzen unbeschreiblich; in
einem Augenblick stürzten sich alle über Bord, ließen ihre
Piroguen und ihre Hunde im Stich und wir sahen, wie sie
schwimmend, in heftigen Stößen, dem Ufer wieder zustrebten.
Eine solche Bevölkerung fügt sich trefflich in den Rahmen
der seltsam wilden Gegenden, die sie bewohnt, und man wähnt
sich in ihrer Mitte weit zurückversetzt in Epochen
prähistorischer Zeit. Unter ihrem dunklen Himmel, in ihren
uralten Wäldern, würden andere Menschen das Bild der
Landschaft weniger gut ergänzen, und die Wirkung wäre dann
viel weniger packend und gewaltig.